lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

Heiterer Kreuzgang

Ich bin bei meinen Wanderungen auf den Spuren mittelalterlicher Architektur durch viele Kreuzgänge gewandelt.

Nördlich der Alpen sandten sie Signale aus wie Strenge, Würde, Askese, Harmonie.

 

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 Zisterzienserkloster Fontenay, 12. Jh.

 

Aber abhängig vom Orden, vom Zeitpunkt der Errichtung, von der Landschaft, gelang manchmal selbst dort Luftigeres.

 

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 St. Stephan, Mainz, um 1500

 

Doch erst bei einem Besuch in Rom sah ich Kreuzgänge, die alles infrage stellten, was dieses Wort bisher in meinem Kopf ausgelöst hatte: Schlanke Säulen, krumm, gewunden, farbig, kaum eine der anderen gleichend. Dazu Goldflitter, Marmor-Intarsien, Asymmetrie.

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 St. Paul vor den Mauern, Rom – 1. Hälfte 13. Jh.

 

Hier hatte eindeutig südliches Lebensgefühl gesiegt, verwirklicht von einer Familie von Kosmaten, Marmorhandwerkern in Rom, die vielen Bauten ihren lebensfrohen Stempel aufdrückten.




Barmherziges Mittelalter

 
Wir sprechen oft vom „Dunklen Mittelalter“. In vielen europäischen Ländern aber zeugt eine Reihe erhaltener Bauten von tätiger Nächstenliebe.
 
Hospiz.Lübeck.2

"Heiligen Geist Hospital", Lübeck von 1286

 
Die ersten dieser Hospize oder Hospitäler für Reisende und Kranke entstanden in vorkarolingischer Zeit. Sie trugen oft den ‘Heiligen Geist‘ im Namen.
Im Hohen Mittelalter waren die Aufgaben getrennt.
 
 
Abseits der Pilgerherbergen wurden Kranke, Arme und Waisenkinder in Hospitälern versorgt. Aus den ursprünglichen Einzelzellen wurden große Hallen, die bessere Aufsicht und enge Verbindung zu Altar und Gottesdienst ermöglichten.
 
Ein besondere Herausforderungen war die Pflege von Lepra- und Pestkranken, die, wenn überhaupt, in speziellen, abgelegenen Spitälern betreut wurden.
 
Auf diese Aufgaben spezialisierten sich auch Orden, wie die Johanniter.
 
 
Goslar 8302                     "Das Große Heilige Kreuz" in Goslar
 
Eine Reihe der mittelalterlichen Bauten ist erhalten. Neben dem Hospital in Lübeck sind interessant: Das „Heiligen-Geist-Hospital“ in Wismar. Wurde um 1250 als Armen- und Krankenhaus gegründet. Das „Große Heilige Kreuz“ in Goslar wurde 1254 als Hospiz errichtet und bot Bedürftigen, Gebrechlichen und Waisen, aber auch Pilgern und anderen Durchreisenden ein Nachtlager und Versorgung mit Nahrung.
 
Manche der alten Hospize bieten noch heute Sterbenden Trost und Hilfe.




Spätgeburt

Als junger Mensch verbrachte ich 1962 ein Jahr in Paris. Und machte im Gefolge unseres Kunstlehrers mit der Kathedralgotik Bekanntschaft und der Tatsache, dass im 11. Jh. Frankreich von Deutschland die Führerschaft im Kirchenbau übernommen hatte.

Damals ahnte ich nicht, welch großen Platz ich mittelalterlicher Architektur später im Ruhestand einräumen würde.

Schließlich gelandet im Dunstkreis von Köln hatte ich die Problematik direkt vor Augen. Dreh- und Angelpunkt ist das Datum 1248 – die Grundsteinlegung des Domchores, nicht nur von Lokalpatrioten als Beginn der allgemeinen Einführung der Gotik in Deutschland betrachtet.

 

2011.Köln 0104

 

Damit hinkte der Einsatz des neuen Stils rund ein Jahrhundert  der Gotik im Ursprungsland Frankreich hinterher.

Interessant in diesem Zusammenhang: Der letzte romanische Großbau in Köln, St. Kunibert, wurde erst 1247 fertiggestellt.

Andererseits wurde die Grundsteinlegung für den gotischen Chor der Minoritenkirche in Köln schon drei Jahre vor der des Domes gefeiert.

So sind in Köln, der „Stadt der tausend Kirchen“, Verlauf und Problematik des Übergangs besonders sichtbar.

Im übrigen Deutschland wurden Jahrzehnte vor 1248 andere Großbauten begonnen, die allgemein als „gotisch“ bezeichnet werden.

 

Magdebg. 015 0411 Kopie

 

Dem Dom zu Magdeburg (ab 1209) verweigern jedoch Puristen das Prädikat „gotisch“, weil dieser Bau noch zu viel Romanik enthalte.

 

Trier001Liebfrauen v. O aus Dom Kreuzgg

 

Auch die Liebfrauenkirche Trier (ab 1230) hat es als Zentralbau nicht geschafft, uneingeschränkt als gotischer Bau akzeptiert zu werden.

 

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Einzig die wunderbare Elisabethkirche in Marburg (ab 1135) wird allgemein als gotischer Bau akzeptiert.

 

 




Treppen

Die Geburtsstunde der Treppen schlug, als die Menschen sich mit einstöckigen Behausungen nicht mehr zufriedengaben.
 
Im Anfang musste ein eingekerbter Baumstamm herhalten, um nach oben zu kommen.
 
 
Diverse.Lippe.Oerlinghausen04 1411
 
Das wurde auf Dauer zu primitiv. Also erfand man Treppen, zunächst aus Holz, dann aus Stein.
 
 
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Die Konstruktionen wurden immer gewagter und manche berühmt, wie die breite Treppe in der Kathedrale zu Wells, die vom nördlichen Chorseitenschiff hinauf zum Kapitelhaus führt.
 
In manchen Klöstern verbanden die so genannten „Nachttreppen“ das Dormitorium mit dem Chor, um den Mönchen den Weg zum Stundengebet zu erleichtern.
 
 
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Ganz flache Stufen hatten die Reitertreppen, die in der frühen Neuzeit auch in die Spitze von Türmen führte, so im Runden Turm in Kopenhagen, jedoch als Reitrampe ohne Stufen.
 
So ging es auch nach oben in den „Eselstürmen“. Im gewundenen Gang wurden Lasten auf dem Rücken von Tragtieren befördert.
 
 
Bornholm.Olsker 04 084
Olsker Wehrkirche
 
 
 
Und auch das. Wie lange konnte ein einzelner Schwertkämpfer die Erstürmung des Obergeschosses erschweren?
 
 
 




Aberglaube

 
Gerade lese ich, dass der Arbeitsminister der Bundesregierung ein 13. Sozialgesetzbuch plant. Es soll die Nr. 14 tragen, weil die 13 eine Unglückszahl ist. Das ist rücksichtsvoll von Herrn Heil. Dieses Unbehagen ist auch im Digitalzeitalter weit verbreitet. Wer hat noch nicht ein Hotelzimmer mit der Nr. 12a gefunden?
 
Und das Thema „Schwarze Katze“ ist auch in vieler Munde.
 
Da wundern wir uns nicht über Aberglauben im Mittelalter.
 
4095Maria.Cosmedin.Rom.800B „Mund der Wahrheit“ vor Santa Maria in Cosmedin, Rom.
 
Die riesige Marmorscheibe soll mehr als 2000 Jahre alt sein. Seit dem Mittelalter glaubt man, dass der „Mund“ zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden kann. Im letzteren Fall schnappt  er zu. – Diese junge Frau kam unbeschadet davon.
 
 
Die selbe Dame wurde beobachtet, als sie in Córdobar der Statue des berühmten jüdischen Gelehrten Maimonides (12. Jh.) die Hand auf den schon strapazierten linken Fuß legt. Ob ein wenig Weisheit überging?
 
 
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Bleiben wir zu Hause: In Köln wird erzählt, dass im Mittelalter die simple Berührung der Statue des Hl. Christopherus im Dom das Überleben für diesen Tag sicherte.
 
Ähnliche „Angebote“ sind häufig im mittelalterlichen Europa.




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