lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Sakralarchitektur: Einzelthemen

Kirchenportale im Mittelalter

 
 
 
 
Wir stehen vor der Pracht gotischer Kathedralportale und fragen uns: Auf welchem Weg ist diese Baukunst auf uns gekommen?
 
Dies ist nicht der Versuch, möglichst viele schöne Bilder zu zeigen, sondern durch eigene Fotos Beispiele für Fortschritte in Architektur und Ornamentik.
 
Fragen sollten wir uns auch, was diese Werke dem mittelalterlichen Menschen, zum Beispiel in der Zeit der Gotik bedeuteten.
 
Für die noch ungebildeten Massen repräsentierten sie Glanz und Größe ihres Glaubens und waren zugleich Informationsquelle. Sie sehen Christus in der Glorie, Szenen aus der Bibel, wie das Jüngste Gericht, Statuen von Heiligen, Bischöfen, Kirchenvätern an Gewänden und Archivolten.
 
Für manche Zeitgenossen hatten die Portale durchaus weltliche Bedeutung: Kaufleute schlossen Verträge. Eheleute versprachen sich schriftlich ewige Treue im Nordportal. Asylsuchenden genügte die Berührung des Türziehers, Missetäter wurden verurteilt, auch zum Tode – von Richtern in roten Roben.
 
Entwicklung
 
Nachdem das Römische Reich zerstört war und die Provinzen sich selbst überlassen blieben, bauten die germanischen Eroberer, wie sie es gewohnt waren, Kirchen aus Holz. Auf Dauer war das aus den verschiedensten Gründen unbefriedigend. Also versuchten sie sich am Steinbau.
 
Ursprünglich stand beim Portal das Praktische im Vordergrund: Man brauchte eine große Öffnung ohne den Einsturz der Wand zu riskieren. Es genügten eine Schwelle, zwei Gewändepfosten und ein Sturz.
 
In Spanien fand ich die meisten Beispiele aus dieser Anfangszeit, vor allem in Asturien, das auch in der Architektur deutliche Zitate westgotischer Kunst zeigt.
 
 
012SantaMariamodAP Santa Maria de Quintillana, (E) westgotisch, um 700
 
In der restaurierten Ruine einer westgotischen Kirche in der Provinz Burgos tragen klobige Quader, mörtellos geschichtet, einen Monolithen als Sturz, der einen Relief-Fries trägt.
 
Asturien_5776 San Salvador de Priesca, (E) Vorromanik, um 900 
 
Als Ergänzung trägt der Sturz oft einen Entlastungsbogen, wie in Priesca in Asturien.
 
Drei Monolithe umrahmen die Öffnung. Der kleine Bogen aus Backstein über dem wuchtigen Werksteinsturz,hat wohl eher ornamentale Bedeutung. Jedoch, es ist der frühe primitive Beginn eines Portalelements, das später als Tympanon große Bedeutung haben sollte. 
 
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Santa Maria del Naranco (E), Vorromanik, Mitte 9. Jh.
 
Schon rund 50 Jahre früher hatten Baumeister im Dienste des asturischen Königs am Palast von Naranco eine elegantere Lösung gewählt.
 
Werksteinblöcke bilden Laibung und Bogen. Der Sturz fehlt. Durchgehende Riefen sorgen optisch für Zusammenhalt. Die Tür ist deutlich zurückversetzt.
 
 
Asturien San Pedro de Teverga, (E), Romanik, Kloster 2.Hälfte 11. Jh 
 
Fortgeschrittener der Eingang zur ehemaligen Klosterkirche in Teverga, 200 Jahre später, ebenfalls in Asturien. Das romanische Portal aus einheitlichem Werkstein ist eine reifere Leistung. Der Raum zwischen Entlastungsbogen und Sturz ist leer. Der halbkreisförmige Würfelfries zeugt vom Schmuckbedürfnis.  
 
St Klosterkirche Saint-André-de-Sorède, Romanik, Roussilon (F), um 1020
 
Von der Vorliebe zur Ornamentik zeugt auch ein romanisches Portal in den Pyrenäen. In der Klosterkirche von Saint-André-de-Sorède bleibt die Fläche zwischen Türsturz und Bogen (Tympanon) nicht mehr frei. Hier ist Platz für Dekoration und immer größere szenische Bildwerke in der Zukunft. Die Details sind leider schlecht zu erkennen. Sie zeigen Christus in der Mandorla, umgeben von Engeln und 4 Aposteln. Der Bogen wird von einem Würfelfries begleitet.
 
Pfarrkirche von St. Pierre de Thaon (F), Romanik, 2, Hälfte 11. Jh.
 
Etwas jünger das Portal aus der Normandie.
 
Der Baumeister verzichtete auf einen Sturz. Ein mit Zickzack-Ornamenten reich skulptierter Bogen ruht auf zwei vor die Wand gesetzten Pfeilern. Der mit der Mauer fluchtende Portalbogen liegt dahinter. Mit Fantasie mag man die Konstruktion als Vorläufer romanischer Stufenportale deuten. Beim Vergleich mit dem vorhergehenden Portal sollten wir die regionalen Unterschiede einbeziehen. Der Zickzackfries kommt in der Normandie häufig vor.
 
Alpirsb_07 Klosterkirche Alpirsbach, Schwarzwald (D), Romanik 12. Jh.
 
In der Romanik beginnt im Portalbau eine gewisse Ordnung. Das 11. und 12. Jh. ist die Zeit der Stufenportale, die von schlichten Anfängen zu imposanten Werken führen.
 
Wegen eines großartigen Beispiels sei ein Ausflug in die Gotik erlaubt. In der Backsteinarchitektur finden wir Beeindruckendes. Das tief eingeschnittene Spitzbogenportal am Dom St. Nikolai in Greifswald ist zehnstufig. Glasierte Backsteine heben sich ab vom roten Naturton.
 
Greifsw Dom St. Nikolai Greifswald, (D) Westportal, Backsteingotik, um 1400
 
 
Zurück zur Romanik. Es bleibt nicht beim reinen Stufenportal.
 
In die „Stufungen“ der Gewände werden Säulen eingesetzt. Säulen und kantige Elemente tragen Kapitelle, die sich in einer durchgehenden Zone treffen, auf der Archivolten ruhen. Das Tympanon trägt ein Relief.
 
Diese Portale werden praktisch Standard in der Romanik, eine Ordnung, die je nach Region oder Umstand auch immer wieder durchbrochen oder ergänzt wird.
 
Naumburger Dom, (D) Hauptportal, Romanik, um 1200
 
Auf jeder Seite fünf schlichte Säulen auf Sockeln, durchgehende Kapitellzone. Im Tympanon: Der Herr in der Mandorla, begleitet von zwei Engeln.
 
 
Ehe wir uns den gotischen Portalen zuwenden, zum besseren Verständnis ein kleiner Ausflug in die Problematik des Übergangs.
 
Schon im 11. Jh. war nach Fertigstellung des romanischen Domes zu Speyer die Führung im Kirchenbau an Frankreich übergegangen. Im 12. Jh. begann dann im Norden unseres Nachbarlandes die aufstrebende junge Gotik die untergehende Romanik zu ersetzen.
 
In der Normandie endete romanischer Sakralbau mit den beeindruckenden Klosterbauten Wilhelm des Eroberers und seiner Gemahlin Mathilde in Caen, während gleichzeitig immer mehr Baumeister der Region in neuen Kathedralen gotische Bauelemente einsetzten.
 
Da scheint es erstaunlich, dass eines der wichtigsten Konstruktionssysteme der Gotik, das Kreuzrippengewölbe, in den Langhäusern der romanischen Klosterkirchen von Caen schon Anfang des 12. Jh. eingebaut wurde und damit früher als in den ersten frühgotischen Kathedralen.
 
Über die Motive dieses teuren Umbaus darf man rätseln. Die enormen finanziellen Möglichkeiten König Wilhelms des Eroberers, ehemals Herzog der Normandie, spielten wohl eine Rolle. Jedenfalls wurden diese spätromanischen Bauten nun Wegbereiter des neuen Architekturstils.
 
Zur Vervollständigung: In Deutschland gab es nur regional spätromanische Elemente, wie die Zwerggalerien. Das – zunächst nicht sehr erfolgreiche – Vordringen der Gotik führte zu Bauten in einem Mischstil, von den Kunsthistorikern „Übergangsstil“ genannt.  >>
(Werners Blog "Spätgeburt")
 
 
Zum Thema zurück.
 
Hier das Hauptportal von St. Trinité in Caen, einer der romanischen Klosterkirchen Wilhelms.
 
Klosterkirche St. Trinité, Caen, (F) Hochromanik, um 1200
 
Ein kräftiger Mittelpfeiler (Trumeau) stützt den Sturz, darüber ein Relief im Tympanon. Drei in die Stufen eingestellte Säulen auf hohen Sockeln mit individuellen Kapitellen tragen Wülste mit Zick-Zack-Ornamenten
 
 
Beim Bau der Fassaden vieler gotischer Kathedralen erinnerten sich die Meister an die nie in Vergessenheit geratenen römischen Triumpfbogen mit ihren drei Durchgängen.
 
 
Kathedrale St. Denis, Westfassade, Paris, (F) Frühgotik, Mitte des 12. Jh.
 
Die drei Portale werden durch wuchtige Strebepfeiler getrennt.Der Rundbogen ist geblieben.
 
In ihrer äußeren Erscheinung kann diese Westfassade die Herkunft aus der romanischen Architektur der Normandie nicht verleugnen.
 
St. Denis, Mittelportal
 
 
(Alle Fotos von St. Denis entstanden 2012 vor der großen Reinigung.)
 
Wie in St. Trinité stehen die Säulen auf Sockeln. Ihre Kapitelle vereinigen sich in einer gemeinsamen Zone.
 
Das Tympanon des Hauptportals zeigt Christus als Weltenrichter. Er thront mit weit ausgebreiteten Armen in seiner Herrlichkeit. Beiderseits der Tür: Die Klugen und Törichten Jungfrauen.
 
Die ersten gotischen Gewändefiguren überhaupt und der Mittelpfeiler (Trumeau) wurden vernichtet.
 
Damit ist das Schema der zeitlich nachfolgenden Fassaden der großen gotischen Kathedralen (Laon, Chartres, Paris) vorgegeben.
 
 
Kathedrale von Laon, (F) Mittelportal der Westfassade,
Frühgotik, 1. Viertel 13. Jh.
 
Im Gegensatz zu St. Denis sind die Portale höhlenartig eingeschnitten. Die mächtigen Strebepfeiler, noch in St. Denis zu sehen, sind kaschiert.
 
Auch hier bleiben die Baumeister dem Rundbogen treu. Der Ziergiebel (Wimperg) mag als Hinweis auf den Spitzbogen gelten. Trumeau und Archivolten sind mit Figuren verziert. Statuen bilden den oberen Teil der Säulen. Szenen im Tympanon auf 2 Ebenen. Viele Gewändefiguren wurden zerstört.
 
Kathedrale Notre-Dame de Chartres, (F),
Übergang von Frühgotik zur Hochgotik, Westportale (Königsportale)
Mitte 13. Jh.
 
Die Architektur des Baus gilt in vielen Details als innovativ. Es gibt Stimmen, die sie für die erste echt gotische Kirche halten. Andere nennen sie die „strahlende Königin aller Kathedralen.“
 
 
Hier jedoch interessiert vor allem die Portalgestaltung. Das Foto zeigt das Königsportal in der Westfassade. Als erstes fallen Menge und vor allem Qualität der Gewändefiguren auf, die Teil der Säulen sind und aus einem Stein gehauen wurden. Sie bekleiden vollständig die Gewände der drei Portale.
 
Die Szenen im Tympanon des rechten Portals haben die „Menschwerdung des Gottessohnes“ zum Thema, das mittlere Portal zeigt, von der Thematik her traditionell, Christus in der Mandorla mit den Symbolen der vier Evangelisten. Und links wird die Himmelfahrt dargestellt. Archivolten und Sturz sind reich dekoriert.
 
Kathedrale Notre-Dame de Reims, (F) Hochgotik, Westportal, 2. Hälfte 13. Jh.
 
Hier ist die Hochgotik fest verankert. Manche Experten halten den Bau für die schönste der französischen Kathedralen. Sie hat für die meisten Franzosen eine besondere Bedeutung, weil fast alle französischen Könige in ihr gekrönt wurden
 
In Reims wurde um 1200 das Maßwerk entwickelt. So wundert es nicht, dass eine Fensterrose anstelle der sonst üblichen Bauplastik das Tympanon füllt. Sie fand an dieser Stelle aber wenige Nachfolger.
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Kathedrale Notre-Dame d‘Amiens (F), Hochgotik, 14. Jh. 
 
Und nun Amiens, die größte der französischen Kathedralen und in gewisser Weise ein Schlusspunkt der Entwicklung. Die Autoren der „Hundert Wunderwerke der Kathedralen“ sprechen von einem Bauwerk der Superlative.
 
Die Serie der Figuren an den Gewänden der Portale soll die einzige sein, die ohne große Unterbrechungen und wohl von denselben Schulen gefertigt wurden. Sie heben sich unter Baldachinen vollplastisch von der Wand ab. Reich geschmückt auch die sechs riesigen Archivolten.
 
Am Trumeaupfeiler des Hauptportals steht der „Beau Dieu“ unter einem Baldachin. Berühmter noch ist die „Vierge dorée“ am Pfeiler des südlichen der drei Westportale.
 
 
Das war mein ganz persönlicher Gang durch die Entwicklung der Kirchenportale während der Jahrhunderte des Mittelalters. Manche werden enttäuscht sein, dass wundervolle Beispiele aus irgendeiner Epoche fehlen, auch bei den Kathedralen. Doch schon aus Platzgründen war ein „Bilderbogen“ nicht beabsichtigt.
 
Ich wünsche trotzdem Freude beim Studieren.
 
 

Literatur

 
Binding Günther, Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998
 
Binding, Günther, Was ist Gotik?, Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2000
 
Gimpel, Jean, Die Kathedralenbauer, dt. Ausgabe Deukalion-Verlag, 1996
 
Koch, Wilfried, Baustilkunde, Band 1, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
Laule, Ulrike, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg – Sonderausgabe,
 
Untermann, Matthias, Handbuch der mittelalterlichen Architektur, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2009
 
 

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