lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Zum Schmunzeln

Die Basilika

Hochsommer. Große Ferien. Die Stadt duckt sich unter der Hitzeglocke. Wie schön für die Urlauber! Aber da sind auch die, aus welchen Gründen immer, Daheimgebliebenen. Doch die fürsorgende Stadtverwaltung hat sie nicht vergessen. Abenteuer-Spielplätze, ermäßigte Eintrittskarten fürs Freibad, und – damit kommen wir zu unserer Geschichte – Kunst im Stadtmuseum.

Konstantin (10) ist noch nicht im Urlaub. Der Vater hat Dienst. Konstantin langweilt sich. In solchen Fällen gibt es bewährte Abhilfe. Er überquert die offene Grundstücksgrenze im Norden und schlappt den gepflasterten Gartenweg hinauf zu Inge und Werner. Die sind rund 50 Jahre älter.

Die Haustür steht offen. Werner, noch gut zu Ohr, hatte das Kommen des Kleinen bereits am Klappern der Holzschuhe - mit eingebrannter Lippischer Rose versteht sich - vernommen.

Konstantin bringt nicht mehr als ein lustloses "Hallo" hervor, Langeweile im Gesicht. Doch hier ist Rettung. Werner wedelt mit der neuesten Ausgabe des ‚Aggerbotens’. "Komm rein, setz dich.“

„Das ist was für Dich. Mittelalterliche Architektur im Stadtmuseum. Da werden Kirchen gebastelt und eventuell wirst du 'Kirchenbaumeister'. Es gibt sogar eine Urkunde. Wer hat das schon?" Die Technik der Motivation hatte Werner im Beruf erlernt.

Der Kleine blickt skeptisch, nur mäßig  interessiert, von seinem Vita-Malz auf, das Inge serviert hat. "Du meinst, so mit Gotik, Romanik und so?" "Na klar, mittelalterliches Bauen halt."

Konstantin beginnt, den Vorschlag ernsthaft zu erwägen. Der Nachbar hatte sich nach Beendigung des Arbeitslebens aus Gründen, die er selbst nicht genau zu definieren vermochte, mit mittelalterlicher Architektur beschäftigt und war der Faszination des Themas bald erlegen. Viele Reisen, viele Bauten, viele Dias. Konstantin hat einiges mitbekommen, brav das große Stativ getragen und ab und zu auch "eigene" Fotos machen dürfen.

Der Entscheidungsprozeß ist bald abgeschlossen. "Wenn Du meinst. Ich kann ja mal hingehen"

"Prima, morgen geht’s los, um 2 Uhr. Ich bringe Dich hin und hole Dich auch wieder ab."

Am nächsten Tag gegen 5 Uhr steht Werner erwartungsvoll vor der Freitreppe des Stadtmuseums. Die Tür öffnet sich. Die Kinderlein kommen.

‚Oh je, das ist schief gegangen’ beschleicht den Wartenden eine böse Ahnung. Konstantin ist wütend. Man sieht es von weitem. Und hört es auch bald.

"So ein Mist. Die Frau hat keine Ahnung", ruft er. Werner blickt peinlich berührt um sich. Doch die kleinen Architekten sind mit sich selbst und ihren Erziehungsberechtigten beschäftigt.

"Nicht so laut. Nu erzählt mal."

Da bedarf es keiner Aufforderung.

"Weiß Du, was die gesagt hat? Du glaubst es nicht. Die hat gesagt, bei einer Basilika sind alle Schiffe gleich hoch. Die kennt nicht mal den Unterschied zwischen einer Basilika und einer Hallenkirche und sah nicht mal ein, daß sie Unrecht hat, obwohl ich es ihr genau erklärt habe. Da gehe ich doch nicht mehr hin!"

 "Die" war eine junge Studentin der Kunstgeschichte, die sich mit dem Baumeister-Nachwuchs beschäftigt hatte.

 Das überrascht nun allerdings auch Werner. Das ist doch wohl Basiswissen für einen Kunststudenten. "Hast Du sie vielleicht falsch verstanden?"

"Nein, nein!" Der Kleine läßt sich nichts abhandeln, und der Nachbar glaubt ihm.

"Du solltest aber trotzdem morgen hingehen. Die junge Frau hat sich da eben geirrt. Kann ja mal vorkommen. Dann sprichst Du noch mal mit ihr."

Dieser Vorschlag stößt auf Zustimmung. "Und vorher gucken wir in Deinen Büchern nach, kopieren alles. Und morgen werde ich der Bescheid sagen."

Mit Inge findet Konstantin neues Publikum. Die kann die Aufregung nicht teilen, steht sowieso der Freizeitbeschäftigung ihres Mannes und den Auswirkungen auf ihre Ehe eher skeptisch gegenüber. Einmal hatte sie Werner angesichts eines weiteren vollen Dia-Koffers mit spitzer Zunge gefragt, auf welche Müllhalde die Erben die wohl werfen würden. Was dem Ehefrieden eher abträglich war. Hier aber hält sie sich zurück und hat einen weisen Rat: "Paß mal auf. Du gehst morgen hin, meinetwegen mit Deinen Beweisen, aber wartest erst mal ab. Wenn die junge Frau vernünftig ist, hat sie auch nachgeguckt, festgestellt, daß sie sich geirrt hat und wird es Dir sagen. Wenn sie Dich nicht anspricht, nimmst Du sie am Schluß zur Seite und zeigst ihr Deine "Unterlagen". Inge ist offensichtlich besorgt ob des drohenden Gesichtsverlustes ihrer Geschlechtsgenossin. Na ja, Konstantin, eigentlich immer einsichtig bei guten Argumenten, gibt der Kunststudentin großzügig eine zweite Chance. "Aber dann brauche ich auch Beweise".

Also wird kopiert was das Zeug hält, von Koch’s "Baustilkunde" über den dicken "Meyers" zu Bandmann’s "Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger". Und überall kann man natürlich lesen: "Bei einer Basilika ist das Mittelschiff höher als die Seitenschiffe, und es erhält eigenes Licht durch die Obergaden." Oder so ähnlich. Der Kleine ist in seinem Element. Werner muß bald unter Hinweis auf Farbverbrauch und Drucker-Verschleiß bremsen.

Mit Inges erneuten Ermahnungen im Ohr erklimmt am nächsten Tag der kleine Architektur-Kenner siegesgewiß die Freitreppe zum Stadtmuseum und verschwindet, nicht ohne noch triumphierend mit den Beweisstücken zu winken. Werner geht mit gemischten Gefühlen erst mal einen Cappuccino trinken.

Die fünfte Stunde der zweiten Tageshälfte kommt heran, und oben auf der Treppe erscheint Konstantin. Man sieht sofort: ‚Sieg auf der ganzen Linie’. "Ich hatte recht", trompetet der Kleine.

Fehlt nur noch das Hochreißen beider Arme oder das Sieges-V mit Zeige- und Mittelfinger. Aber es bleibt bei akustischen Bekundungen. Werner schaut verstohlen um sich, aber auch heute hört niemand zu.

"Nun erzähl mal der Reihe nach", versucht der Nachbar Ordnung in den Erzählfluß zu bringen.

"Es war genau wie Inge gesagt hat. Gleich als ich rein kam, hat sie mich allein angesprochen und gesagt, daß sie da was verwechselt hat. Meine Beweise habe ich gar nicht gebraucht. Aber es kommt noch besser. Wir mußten uns dann St. Servatius hier nebenan von außen angucken und aufschreiben, was uns auffiel. Da war die aber platt, als die meinen Zettel sah mit dem Rundbogenfries, dem Gewändeportal, den Blendarkaden und den Maßwerkfenstern. Und innen mußte ich allen erklären, was für ein Kirchentyp das ist – eine Basilika mit Emporen."