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Das Neue Heim

 

Eine Igel-Geschichte. Illustration: Konstantin Zurawski (6). Text: Werner Nolte (55). Inge gewidmet.

 

Dies ist eine frei erfundene Handlung. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Igeln wäre rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Vater Schmatzi schlurfte durch den engen Eingang in seine Wohnung und ließ sich seufzend in das weiche Blätterbett fallen. Sein Bauch war dick und rund.

 

Das war eine erfolgreiche Jagd gewesen. Drei große Nacktschnecken hatte er verzehrt und als Nachtisch noch zwei fette Regenwürmer.

 

Er schaute um sich. Mutter Schmatzi schlief schon in einer Ecke der mit Heu, Stroh und Blättern weich gepolsterten Wohnung. Auch die beiden Schmatzi-Töchter waren schon daheim und unterhielten sich leise. Nur die beiden Söhne, Hoggi und Heggi, waren noch auf nächtlichen Streifzügen. Vater Schmatzi machte sich stets Sorgen, wenn sie nicht pünktlich zurückkamen. Was konnte ihnen nicht alles zustoßen? Das Stachelkleid schützte zwar vor Katzen und Hunden, jedenfalls wenn man aufpaßte. Aber vor den Autos und Motorrädern der Menschen bot es keinen Schutz. Da mußte man schon selbst sehr gut achtgeben und eine Straße so schnell überqueren, wie es die kurzen Beine nur zuließen.

 

Das Neue Heim

Vater Schmatzi beschloß, die Sorgen jetzt beiseite zuschieben und zu schlafen. Er kuschelte sich in sein weiches Bett.

 

Im großen Holzstoß über ihm knackte es gelegentlich. Herr Keck, das Rotkehlchen, suchte einen bequemeren Schlafplatz. Das war im Frühling ein Lärm gewesen, als die jungen Kecks noch im Nest waren. Inzwischen waren sie in die Welt hinausgeflogen, und nun war es ruhiger.

 

Bei diesem Gedanken schlief Vater Schmatzi ein. Er hörte nicht mehr, wie Hoggi und Heggi herein schlichen und sich schlafen legten. Sie kamen sehr spät. Es begann schon hell zu werden, aber man konnte ja den ganzen Tag verschlafen, und die Nacht war immer voller Abenteuer.

 

Die trübe Herbstsonne stand schon hoch am Himmel, als Vater Schmatzi, der einen leichten Schlaf hatte, die Augen öffnete. Er hörte Schritte eines Zweibeiners und war sofort hellwach. Normalerweise kamen sie selten in die Gegend rund um seine Wohnung, doch heute kam das Geräusch immer näher und näher bis direkt vor den Eingang. Vater Schmatzi erblickte voller Schrecken einen riesengroßen Holzschuh, in dem zwei seiner Kinder leicht Platz gefunden hätten.

 

Doch für weiteres Nachdenken war keine Zeit. Im Holzstoß über ihm begann es zu krachen und zu rumpeln. Kleine Zweige, Baumrinde und Staub rieselten herab. Keck flog zeternd davon. Das Rumoren nahm kein Ende. Inzwischen war die ganze Schmatzi-Familie erwacht und schaute ängstlich nach oben. Vater Schmatzi, dem das Herz bis zum Halse klopfte, befahl durch ein Zeichen Ruhe. Vor Angst zitternd ließ die Familie das Poltern von Ästen, das Brechen von Zweigen und den Regen von Dreck über sich ergehen. Erst nach einer ganzen Weile war wieder Ruhe. Schritte entfernten sich, und auch der riesengroße Holzschuh war nicht mehr da. Vater Schmatzi bemerkte, daß es sehr hell in der Wohnung geworden war. Er blickte nach oben und sah, daß ein Teil des Daches aus Zweigen und Ästen, das sie so lange gut geschützt hatte, fehlte.

 

Jetzt war allen klar, daß sie ihre Wohnung verlassen mußten. Mutter Schmatzi und die Töchter begannen zu weinen. Bald würde der Winter kommen. Wo sollten sie schnell eine Wohnung finden, in der sie vor Schnee und Kälte geschützt waren und ihren Winterschlaf halten konnten?

 

Heggi, der Mutigste, schlich vorsichtig zum Eingang und sah hinaus. Wie hatte sich die Umgebung ihrer Wohnung verändert! Überall lagen Zweige und Äste. Von den Zweibeinern war gottlob nichts zu sehen. Heggi gab ein Zeichen, und nach einigem Zögern liefen alle Schmatzis aus der Wohnung, Vater Schmatzi zum Schluß. Wehmütig und traurig schaute er noch einmal zurück. Dann rannte er seiner Familie nach. Er sah gerade noch, wie Mutter in einem Gebüsch verschwand und folgte ihr.

 

Das Neue Heim

Die Familie saß dicht beieinander, zitternd vor Aufregung und Kälte. Ringsum wuchs hohes nun schon verdorrtes Gras. Da die Blätter schon gefallen waren, gab es von oben keinen Schutz. Die schwache Sonne wärmte nicht mehr. Das Gras, in dem sie saßen, war feucht.

 

Welch ein Gegensatz zu der warmen und gemütlichen Wohnung, die sie verlassen hatten. Mutter Schmatzi und die Töchter weinten immer noch. Selbst Heggi und Hoggi, sonst immer fröhlich und übermütig saßen traurig da. Aus den kahlen Zweigen des Weißdornbusches über ihnen schimpfte ununterbrochen Herr Keck. Auch er war sehr böse und betrübt, weil die Zweibeiner seine Wohnung zerstört hatten.

 

Schon wieder kamen schwere Schritte näher. Die Schmatzis duckten sich in das feuchte Gras. Das Krachen und Poltern im Holzhaufen begann erneut. Als der Mensch sich wieder entfernt hatte und Heggi vorsichtig vom Rande des Gebüsches hinüber schaute, war von dem früher großen Holzstoß nur noch ein kleiner Rest übrig.

 

Nach einer halben Stunde war auch der entfernt. Nichts erinnerte mehr an die Wohnung der Schmatzis und der Kecks.

 

Die Sonne verschwand, und es begann leise zu regnen. Kein Dach, das sie schützte. Die Schmatzis kuschelten sich noch enger aneinander. Alle froren. Die Schmatzi-Töchter schluchzten leise, was ihnen einen bösen Blick vom Vater einbrachte. Herr Keck hatte sich vor dem Regen in das dichte Geäst einer Fichte geflüchtet. Vater Schmatzi überlegte, daß es darunter auch für sie trockener sei, aber dort gab es kein Gras und kein Gebüsch in dem sie Schutz finden konnten.

 

Plötzlich entdeckte Mutter Schmatzi, daß Heggi fehlte. Alle schauten besorgt um sich. Niemand wagte zu rufen oder nach Heggi zu suchen. Da raschelte es, und Heggi erschien zwischen den hohen Grashalmen. Vater Schmatzi machte ihm mit leiser Stimme Vorwürfe. Doch Heggi beachtete ihn nicht. Aufgeregt zeigte er nach Osten und bat alle, ihm zu folgen. Die Familie zögerte, doch schließlich gab Vater Schmatzi ein Zeichen Alle brachen auf. Es ging zunächst durch hohes Gras, vorbei an verwelkten Blumenstengeln. Nach einer Weile kamen sie an einen Farnkrautwald, der bis unter eine niedrige Fichte wuchs, die ihre Zweige fast bis auf den Boden herabsenkte. Vater Schmatzi nickte befriedigt. Hier konnten sie wenigstens tagsüber bleiben. Der Boden war dick mit Fichtennadeln bedeckt und trocken. Die dichten Zweige hatten den Regen abgehalten. Die Familie machte es sich bequem, so gut es ging und fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

Nur Quilly, die jüngste Tochter, lag schlaflos in der Nähe des Eingangs. Sie hatte Angst und war sehr traurig, weil sie die Wohnung, in der sie aufgewachsen war, hatte verlassen müssen. Dort hatten sie sich sicher gefühlt. Würden sie ein neues Heim finden?

 

Nach einer Weile schlief sie doch ein - und hatte einen schrecklichen Traum. Ein riesengroßer schwarzer Kater stand drohend über ihr. Sie wollte sich zusammenrollen und in ihr Stachelkleid zurückziehen, doch sie konnte sich nicht rühren. Sie wachte auf. Ihr Herz pochte. Doch da war noch ein anderer Laut. Ein leises Rascheln im Laub. Dann wieder Stille. Dann wieder das gleiche Geräusch. Und wieder wurde alles ruhig. Quilly lauschte. Vater, Mutter und die Geschwister atmeten gleichmäßig. Sie schliefen. Draußen wieder das näherkommende Rascheln. Quilly schnupperte - und stieß einen schrillen Warnschrei aus, sich blitzschnell zusammenrollend. Im gleichen Augenblick brach der Kater TIGER mit einem gewaltigen Satz durch die Zweige und schlug mit seiner Vorderpfote nach Quilly - und schrie auf vor Schmerz und Zorn. Einige Stacheln von Quillys Kleid hatten sich schmerzhaft in seine Pfote gebohrt. Er saß verdutzt da. Dann leckte er an der schmerzenden Stelle, und versuchte, mit den Zähnen die Stacheln herauszuziehen. Doch das war schwierig. Schließlich hatte er es geschafft und beleckte nachdenklich die schmerzende Pfote. Er schaute um sich, und sah außer dem stachligen Knäuel, das ihm so weh getan hatte, fünf weitere Stachelkugeln. Vorsichtig schlich er zum nächsten Igel und berührte ihn mit der Pfote. Wieder dieser brennende Schmerz. Er versuchte es noch einmal. Aber es war sinnlos. Er konnte die Kugeln nicht bewegen.

 

Das Neue Heim

Nach zwei weiteren Versuchen mußte er einsehen, daß hier keine Beute zu holen war, und auch zum Spielen taugten die Stachelkugeln nicht. Er hinkte vom Schauplatz seiner Niederlage. Vielleicht hatte er an anderer Stelle mehr Glück.

 

Die Schmatzi-Familie lag mucksmäuschenstill. Vater und Mutter hatten nicht sehr viel Angst gehabt. Sie wußten, daß ihr Stachelkleid ein wirksamer Schutz vor Katzen war. Auch Heggi hatte schon folgenlose Begegnungen mit den Räubern im Fellkleid bestanden. Der jüngere Hoggi allerdings und die Schwestern zitterten vor Angst. Alle lauschten angestrengt. Würde der Kater zurückkommen?

 

Nach einer ganzen Weile schlich Heggi zum Ausgang. Er schnupperte in alle Richtungen. Dann machte er sich vorsichtig davon, kam aber bald zurück. Die Luft war rein. Die Familie begann sich leise zu unterhalten. Heggi berichtete, daß es noch nicht ganz dunkel sei. Der Vater entschied, daß man noch etwas im Versteck bleiben wolle. Für einen dauernden Aufenthalt war der Platz aber ungeeignet. Da waren alle einer Meinung. Der Schreck saß ihnen noch in den Gliedern. An Schlaf war nicht zu denken. So warteten sie.

 

Endlich war es ganz dunkel. Am Himmel war eine dichte Wolkendecke. Weder Mond noch Sterne waren zu sehen. Doch die Familie Schmatzi machte sich auf den Weg. Ihr guter Geruchssinn würde ihnen helfen.

 

Wieder ging Heggi voran. Alle blieben nahe beieinander. Immer wieder blieben sie stehen, um zu schnuppern. Aber da war nichts Verdächtiges. Es ging durch feuchtes Gras. Hier gab es reichlich Schnecken. Nicht gerade eine Delikatesse, aber man konnte die hungrigen Bäuche füllen.

 

Nach einer Weile blieb Heggi stehen. Ein Zaun versperrte den Weg. Er reichte bis auf den Boden. Man konnte nicht unten durchschlüpfen. Heggi versuchte es rechts, dann links - vergebens. So mußten sie notgedrungen am Zaun entlanglaufen. Es ging bergab. Gottlob ließen sie bald das Gras hinter sich und standen in einem Grünkohlwald. Wenn sie nach oben sahen, konnten sie schemenhaft die riesigen fächerartigen Blätter erkennen. Der Boden war mit Laub und Stroh bedeckt. Hoggi fand heraus, daß darunter eine Menge Regenwürmer lebte.

 

Das Neue Heim

Die Schmatzi-Familie vergaß für eine Weile alle Probleme. Fette Regenwürmer waren aller Leibgericht. Das schmeckte doch viel besser als Schnecken, bei denen man immer die harten Schalen ausspucken mußte. Da gab es ein Rascheln und Schmatzen - bis alle satt waren.

 

Bald mahnte Heggi zum Aufbruch. Wer weiß, wie weit sie noch zu gehen hatten! Wieder folgten sie ihm, nach allen Seiten sichernd.

 

Der Grünkohlwald war bald zu Ende, und sie waren unter freiem Himmel, jetzt auf einer Schicht Stroh. Das sah sehr gemütlich aus, doch das Stroh war naß und lockte nicht zum Verweilen.

 

Weiter ging es quer über Wege aus gemahlenem Lavagestein, das nicht angenehm für die Füße war.

 

Dann erreichten sie den Rand einer Wiese. Heggi, noch immer vorneweg, blieb stehen. Und schnupperte aufgeregt. Vater Schmatzi eilte zu ihm und merkte sofort, daß es keinen Grund zur Beunruhigung gab - im Gegenteil. Ein süßer Duft zog zu ihnen herüber. Vater Schmatzi wußte sofort, das war – Fallobst, das köstlichste Mahl, das man finden konnte. Eine wahre Delikatesse. Der Rest der Familie war auch herangekommen, und alle rannten los zum Pfirsichbaum. Da lag eine reiche Ernte im hohen Gras. Vergessen waren die vollen Bäuche. Für einen Nachtisch war immer noch Platz. Genüßlich nahm sich jeder einen überreifen Pfirsich, und wieder begann lautes Schmatzen.

 

Nach einer Weile ermahnte Vater Schmatzi die Familie, nicht zuviel zu essen. Er selbst bemerkte das vertraute Prickeln in der Nase und ein herrlich leichtes Gefühl im Kopf. Wenn nur die Töchter nicht... doch es war zu spät. Er rief leise nach Quilly, aber sie antwortete nicht. Dafür hörte er Giddy, seine älteste ganz in der Nähe albern keckern. Sie rannte im Kreis herum und fand alles  s e h r  lustig. Vater Schmatzi war entsetzt. Das hätte er wissen müssen, aber Mutter hätte auch aufpassen können!

 

Er ließ Giddy allein, um Quilly zu suchen. Er fand sie in ähnlichem Zustand. Er stupste sie schimpfend in Richtung Familie und verbot allen streng, weiter zu essen. Nur die Mutter war noch nüchtern. Sogar der schüchterne Hoggi schwankte auf seinen kurzen Beinen und gab gar Widerworte. Der Vater hatte alle Mühe, die Kinder wieder zur Vernunft zu bringen und von den Pfirsichen zu entfernen. Er befahl Heggi, zurückzubleiben und machte sich selbst auf den Weg, auch er leicht schwankend. Nicht lange, und er kam wieder an einen Zaun, der auch nicht zu überwinden war. Er lief daran entlang nach Westen. Gelegentlich blieb er stehen, um zu lauschen, ob die Familie folge. Frau und Kinder blieben, wenn auch mühsam, auf seiner Fährte.

 

Die Wiese war ziemlich groß und das Gras hoch und naß. Vater Schmatzi war froh als er auf einen freien Platz kam, der nur von feuchtem Laub bedeckt war. Er blieb stehen und schnupperte. Dann noch einmal. Kein Zweifel, es roch nach altem Holz und trockenem Stroh. Auch die Familie, die herangekommen war, bestätigte - es roch ganz wie früher zuhause. Ob sie doch noch ein Heim fänden?

 

Vater Schmatzi ging weiter und stand plötzlich vor einer Holzwand. Leise rief er nach Heggi. Sie berieten und faßten einen Plan. Die Familie blieb am Rande der Wiese. Der Vater wollte links und Heggi rechts an der Holzwand entlanggehen. Sie trennten sich.

 

Das Neue Heim

Vater Schmatzi kam bald an eine Stelle, an der die Holzwand im rechten Winkel abbog. Gerade wollte er um die Ecke laufen, als er Heggi rufen hörte. Er rannte zurück und fand seinen Sohn aufgeregt vor einem Loch in der Wand. Der Geruch von Stroh und altem Holz war hier viel stärker. Doch wer sollte da hineingehen? Sie schnupperten beide noch einmal. Nichts Angsterregendes. Nur anheimelnde Düfte drangen zu ihnen. Der Vater faßte sich ein Herz. Er duckte sich, denn das Loch war klein, und schlurfte hinein. Drinnen war es geräumig, und trockenes Stroh lag überall. Heggi war nun auch da, und beide erkundeten den Raum. Ringsum war nur Holz und oben eine niedrige feste Decke.

 

Sie riefen die Familie, die auch begeistert war. Hier konnten sie den Winter verbringen. Alle waren erleichtert und überglücklich.

 

Vater Schmatzi und Heggi verstopften das Eingangsloch mit Stroh. Das restliche Stroh trugen sie in einer Ecke zu einem großen Haufen zusammen, in den alle hineinkrochen. Wie gemütlich das doch war! Hier konnten sie einen langen Winterschlaf tun und sich, geborgen vor Feinden, Nässe und Kälte auf den Frühling freuen.

 

Ende











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