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Biografie

Galla Placidia

 

Wie wird eine hochgebildete weströmische Kaisertochter zur "Barbaren"-Königin? Wie danach Kaiserin in Westrom? Und wie gelingt ihr trotz Flucht ins Exil die Rückkehr als Augusta und erfolgreiche Regentin für ihren sechsjährigen Sohn, Valentinian III.? Dieses 62-jährige Leben sucht selbst in den turbulenten Zeiten der Spätantike seinesgleichen.

 

Grabmal Galla Placidia
Grabmal der Galla Placidia

Diese bemerkenswerte Frau, 388 in Konstantinopel geboren, war die Tochter des römischen Ks. Theodosius I (d. Gr.), der letzte, sowohl Ost- als auch Westrom regierende Kaiser. Mit seinem Tod endete 395 der Zusammenhang des Reiches endgültig.

 

Die Kaiserin starb vor ihm, und so verließ die kleine Galla Placidia 6-jährig zusammen mit ihrem zehnjährigen Halbbruder Honorius Konstantinopel. Sie wurde zu ihrem Vater nach Mailand gebracht, der dort im Folgejahr auch unerwartet starb.

 

Zusammenbruch Roms - die Westgoten

 

Das Reich zerbrach. Der ältere Sohn Arcadius (18) erbte den Osten mit der Hauptstadt Konstantinopel, Honorius das Westreich, allerdings unter der Vormundschaft des mächtigen Heeresmeisters Stilicho. Die strenggläubige Galla Placidia wurde von dessen Frau Serena in Rom zusammen mit deren Töchtern erzogen.

 

Die Angriffe germanischer Völker brachten 402 den Westgoten-König Alarich vor die Tore der Honorius-Residenz Mailand, der fortan vom leichter zu verteidigenden Ravenna aus regierte.

 

Stilicho, vandalischer Abstammung, mit Konstantinopel, das gegen ihn intrigierte, ohnehin verfeindet, wurden die Niederlagen gegen die Westgoten auch am Hofe des Honorius vorgeworfen. Kurz vor Alarichs Belagerung Roms wurde er 408 als Verräter hingerichtet.

 

Der Haß, auch gegen die Familie Stilichos, muß groß gewesen sein. Hatte auch Galla Placidia darunter zu leiden? Jedenfalls wurde während der für die Römer entbehrungsreichen Belagerung auch Serena als angebliche Verbündete Alarichs hingerichtet. Eine Reihe von Autoren will wissen, daß die Kaisertochter die Verurteilung ihrer Pflegemutter mit betrieben habe. Über die Gründe wird allenfalls spekuliert.

 

Als die Westgoten 410 zum Entsetzen der "zivilisierten Welt" Rom eroberten und plünderten, war die 22-Jährige entweder schon Alarichs Gefangene oder sie wurde es bei der Eroberung.

 

Der Westgotenkönig nahm die wertvolle Geisel auf dem Rückzug mit. Doch er starb im gleichen Jahr. Nachfolger wurde sein Schwager Athaulf. Dann geschah das Überraschende: Die hochgebildete Tochter aus dem römischen Kaiserhaus heiratete vier Jahre später in Narbonne den König eines "Barbaren"-Volkes, wahrscheinlich nicht einmal gegen ihren Willen. Zu den zivilisatorischen Unterschieden kam der religiöse Gegensatz: Galla Placidia war streng katholisch, Athaulf, wie alle Goten, Arianer. Trotz allem - einige Quellen bezeugen, daß der König sich von seiner Gemahlin zugunsten römischer Politik beeinflussen ließ. Politische Auswirkungen hatte das kaum, denn Athaulf wurde nach nur 2-jähriger Ehe 416 ermordet.

 

Kaiserin und Regentin

 

Die 28-jährige Witwe, die zuvor schon ihren kleinen Sohn verloren hatte, wurde von den Goten an den Hof ihres Halbbruders Honorius zurückgeschickt, wahrscheinlich gegen politische und/oder wirtschaftliche Zugeständnisse.

 

Es ist nicht bekannt, wie die Witwe des Königs aus dem Volk der Rom-Plünderer am Hof in Ravenna aufgenommen wurde.

 

Jedenfalls vermählte Honorius sie 417 dem mächtigen Feldherrn Constantius, um diesen an sich zu binden. 2 Jahre später wurde ihr Sohn Valentinian geboren, und bald darauf ihr Gemahl als Constantius III. Mit-Kaiser im Westen. Die ehemalige Goten-Königin war nun Kaiserin in diesem Teil des römischen Reiches, ihr Sohn Thronfolger, da Honorius kinderlos blieb.

 

Doch das Leben hielt weitere überraschungen für die nun 33-Jährige bereit. 421 starb Constantius. Einige Autoren berichten, daß ihr Halbbruder ihr nachzustellen begann. Galla Placidia zog es vor, an den Hof Kaiser Theodosius’ II. nach Konstantinopel zu fliehen.

 

Das Exil währte nicht lange, denn schon 423 starb Honorius 39-jährig. Nach der Niederschlagung eines Aufstandes in Italien wurde 425 ihr 6-jähriger Sohn als Valentinian III. und Kaiser des Westens anerkannt. Seine Mutter übernahm für 12 Jahre die Regentschaft. Theodosius II. ernannte sie erneut zur Augusta. Sie war nun die mächtigste Person im westlichen Kaiserreich. Ob sie noch gelegentlich an ihren Aufenthalt bei den Goten dachte, die inzwischen als Verbündete Westroms in Südwest-Gallien siedelten?

 

Viele Historiker sind angesichts der großen Probleme im Westreich voll des Lobes über die Jahre ihrer Regentschaft und ihres späteren Einflusses auf den weniger begabten Sohn.

 

Sie starb 450, 62-jährig, in Rom. Es blieb ihr erspart, die Ermordung ihres Sohnes, 5 Jahre später, mitzuerleben.

 

476 endete dann mit der Eroberung Ravennas durch den Germanen Odoaker endgültig das römische Westreich.

 

In Ravenna hält ein nach Galla Placidia benanntes Grabmal mit wunderschönen Mosaiken die Erinnerung an sie wach.

 


 

 

 

Literatur

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

 

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Stierlin, Heinri (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

 

Braunfels, Wolfgang, Kleine Italienische Kunstgeschichte, Dumont Buchverlag, Köln 1984

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in: Propyläen Kunstgeschichte,
Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt, 1985

 

Grodecki Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.), Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Kraus, Theodor, Das römische Weltreich, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990

 

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

 

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag, München

 



 

 

 











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