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11. Jahrhundert

Investiturstreit - der Gang nach Canossa

 

Holztür in St. Maria im Kapitol Köln, Mitte 11. Jh.

Schon Karl der Großen sieht sich als der Herr der Kirche, wie auch seine unmittelbaren Nachfolger.

 

Der Sachsen-Kaiser Otto I. (der Große) beginnt, Bischöfe zu geistlichen Reichsfürsten zu ernennen, als Gegengewicht zu den Stammesherzögen, die danach streben, Dynastien aufzubauen. Das nächste Herrschergeschlecht, die Salier, verhält sich nicht anders. Die Bischöfe der Reichskirche, obwohl Kleriker, gehorchen weltlicher Autorität.

 

Ihre Ämter haben für die Herrscher als politisches Instrument hohe Bedeutung. Da legitime Erben fehlen, kann der König im Todesfall das Amt neu vergeben. Allerdings ist der Eifer bei der Suche nach einem Nachfolger oft gedämpft. In der Regel fallen der Krone bei einer Vakanz erhebliche Rechte und Einkünfte zu.

 

Bischöfe und Äbte großer Klöster schätzen ebenfalls das System. Sie sind zwar zur Heeresfolge und Beherbergung der reisenden Herrscher und ihres umfangreichen Gefolges verpflichtet - manche Klöster bringt das bis an den Rand des Ruins – profitieren aber durch die Befreiung von Abgaben und Diensten (Immunität) und vermehrte weltliche Macht.

 

Bronzeportal im Dom zu Hildesheim, "Anbetung der Könige", 1015

An der Änderung dieses Zustandes sind weder die weltlichen Herrscher noch der hohe Klerus im Reich interessiert.

 

Der Kirche in Rom aber sind spätestens zur Zeit der Salier diese Zustände ein Dorn im Auge. Ursprünglich gehen Reformbestrebungen vor allem vom burgundischen Kloster Cluny aus, das frei von jeder weltlichen Einmischung nur dem Papst untersteht. Gefordert werden Verbot der Simonie (Verkauf geistlicher Ämter) und der Laieninvestitur (Einsetzung von z.B. Bischöfen durch weltliche Herren) und die Einhaltung des Zölibats.

 

Kapitell aus Cluny

Der Salier-Herrscher Heinrich III. (1039-1056) (11. Jahrhundert: Einleitung) unterstützt die von Cluny ausgehenden Reformbestrebungen der Kirche. Ahnt er nichts von der Sprengkraft des Verbots der Laieninvestitur für das Reich? Wahrscheinlich befürwortet er dringend erforderliche innerkirchliche Reformen, glaubt aber, die Herrschaft über die Kirche nicht aufzugeben zu müssen. Mit der Absetzung dreier Päpste auf der Synode in Sutri (1046) und seiner Kaiserkrönung durch einen vierten aus seinem Gefolge beweist das Kaisertum noch einmal seine Macht.

 

Aber die Kirche reformiert sich.

 

Nach 1056 kommt Roms Stunde. Ein Kind (Heinrich IV.) als deutscher König, eine frömmelnde und politisch ungeschickte Mutter als Regentin und machtgierige Reichsfürsten schaffen die Voraussetzungen.

 

Die Kolonnaden des Vatikan

1057 geht mit dem Tod Viktors II. die Eppoche der kaisertreuen Päpste zu Ende, und schon deuteten sich Bestrebungen an, die Kirche unabhängiger zu machen.

 

Unter Nikolaus II. gibt sich die Kirche 1059 ein neues Papstwahldekret: Die Kardinäle wählen in Zukunft den Papst, unabhängig von weltlicher Macht.

 

Aber den entscheidenden Schritt tut die Kirche 1073 mit der Papstwahl Gregors VII., eines Mannes, der als ehrgeizig, tatkräftig und fanatisch geschildert wird. Gregor hatte auch während der Amtszeit früherer Päpste hinter den Kulissen die Fäden gezogen. Er will die Schmach von Sutri rächen, die cluniazensischen Reformbestrebungen auch gegen den Widerstand des Herrschers und vieler Bischöfe, von denen er einige exkommuniziert, durchsetzen.

 

Palastgarten des Maltester-Ordens: Die Kuppel des Petersdoms

Nach einem Mahnschreiben an den König, das bei Empfänger und der Mehrheit des hohen Klerus im Reich Empörung hervorruft, erklären deutsche und lombardische Bischöfe den Papst für abgesetzt. Unbeeindruckt verhängt Gregor 1076 über den König Bann und Exkommunikation. Alle Untertanen sind von ihren Eiden entbunden. Der König ist vogelfrei.

 

Das hätte für Heinrich keine dramatischen Konsequenzen haben müssen, doch die deutschen Reichsfürsten sehen ihre Stunde gekommen. Sie stellen das bekannte Ultimatum: Entweder es gelingt Heinrich, sich binnen eines Jahres vom Bann zu lösen, oder er wird abgesetzt.

 

Heinrich IV. kniend vor Mathilde von Tscien und Abt Hugo von Cluny (Foto: Wikipedia)

Es folgt der viel beschriebene und sprichwörtlich gewordenen Gang nach Canossa, einer Burg in Oberitalien. Die von den Zeitgenossen angesichts der sakralen Position des Königs empfundene Ungeheuerlichkeit dieses Vorganges können wir heute kaum nachvollziehen.

 

Als der König um die Jahreswende 1076/77 die gefährliche Reise über die winterlichen Alpen wagt, ist auch der Papst nach Deutschland unterwegs, um einen neuen deutschen König einzusetzen. Bei der Nachricht von Heinrichs Anrücken, flüchtet er nach Canossa in der irrigen Meinung, der König käme mit Heeresmacht. Die Burg ist im Besitz von Mathilde von Toskana, und wohl zufällig ist auch Hugo von Semur, der mächtige Abt von Cluny und Taufpate Heinrichs IV. anwesend. Gregor sieht die schwierige politische Situation, in die Heinrichs Bußgang ihn bringt, aber Mathilde und Hugo setzten die Absolution des Kaisers durch. Gregor ist damit politisch praktisch am Ende.

 

Die düpierten deutschen Fürsten setzen einen Gegenkönig ein, Rudolf von Rheinfelden, den Heinrichs Mutter Agnes als Regentin zum Herzog von Schwaben gemacht hatte. Es kommt zu verheerenden Kämpfen des Königs mit den Reichsfürsten und seinem Rivalen. Einige der aufkommenden Städte, namentlich Köln, unterstützen erstmals  in der Geschichte den rechtmäßigen Herrscher. Seine Söhne aber bekämpfen ihn.

 

Der Dom zu Speyer: Hochromanischer Ostteil, ein Werk Heinrichs IV.

Der König siegt gegen alle Widerstände. 1084 wird er in Rom zum Kaiser gekrönt. Er hat noch die Kraft, in diesen Jahren den Dom zu Speyer zu seiner heutigen Gestalt umzubauen.

 

Nach langem Ringen zwischen weltlicher und kirchlicher Macht kommt es unter dem Sohn, Kaiser Heinrich V., mit der Unterzeichnung des Wormser Konkordats (1122) schließlich zum Ende des Streites.

 

In ihrer Hauptforderung hat sich die Kirche durchgesetzt. Es wird die kanonische Wahl, also durch den Klerus, festgelegt. Nur die Regalien, die weltlichen Rechte, werden vom König verliehen.


Die Kirche ist auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Die Klosterreformen waren die Grundlagen für die Kirchenreform. Die Freiheit von Cluny ist nun auch die Freiheit der Kirche. Der sakrale Reichsgedanke aber ist beschädigt.

 

 











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