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10. Jahrhundert: Übersicht

 

Von Island bis Byzanz spannen sich die Fäden des Christentums. In der Mitte Europas vertreibt die neue Dynastie der Ottonen, die Karls des Großen Erbe antreten, die raubenden Steppenreiter der Magyaren.

 

Krypta St. Wiperti, Quedlinburg, um 1000

Die Erben Karls des Großen

 

Das Reich Karls ist zersplittert. Schon Ende des 9. Jahrhunderts hatten sich neue Königreiche in Italien, Burgund und Westfranken herausgebildet.

 

Mit dem letzten ostfränkischen Karolinger - Ludwig das Kind (18) - stirbt 911 das karolingische Großreich endgültig. Acht Jahre später tritt mit König Heinrich I. das sächsische Geschlecht der Liudolfinger für mehr als 100 Jahre an die Spitze des Reiches.

 

Der berühmteste Ottone ist Heinrichs Sohn, Otto I., der im Gegensatz zum Vater von allen fünf deutschen Herzögen gewählt wird. Otto I. beseitigt innere Widerstände und erlöst, nach kluger vorbereitender Politik Heinrichs I., in der Lechfeldschlacht bei Augsburg Europa von den verheerenden Überfällen der Ungarn. Sieben Jahre später läßt er sich 962 in Rom von Johannes XII. die Kaiserkrone aufsetzen, an seiner Seite Kaiserin Adelheid, als Witwe König Lothars von Italien Erbin des Landes. Der Anspruch des Deutschen Reiches auf Italien gründet auf dieser Heirat.

 

Durch die Vermählung Ottos II. mit der byzantinischen Adligen und späteren Kaiserin Theophanu gewinnt die Dynastie die Anerkennung Ostroms.

 

Gero Kreuz im Dom zu Köln, Ende 10.

Die Ottonen sind am Einfluß auf das Papsttum interessiert, was nicht immer auf Gegenliebe des römischen Stadtadels stößt. Es gelingt ihnen aber, 996 den ersten deutschen Papst, Gregor V., auf den Stuhl Petri zu setzen. Er krönt den 16jährigen Otto III. zum Kaiser.

 

Im Inneren wird die vom Erbadel unabhängige Reichskirche zur wichtigen Stütze der Herrschaft.

 

Östlich der Elbe wird versucht, in langwierigen Kämpfen die Slawen zu unterwerfen und zu christianisieren. Die großen Erfolge werden 983 in einem gewaltigen Aufstand vernichtet.

 

978 verteidigen die Ottonen den Besitz Lothringens gegen die westfränkischen Karolinger, die nach häufigen Herrscherwechseln neun Jahre später aussterben. Die Kapetinger lösen sie ab, die etwa 350 Jahre lang an der Spitze der französischen Monarchie stehen werden.

 

Rollo, ein Häuptling, der den letzten großen Wikingerüberfall auf Frankreich kommandierte, muß sich 911 nach schwerer Niederlage taufen lassen. Die westfränkische Krone gibt ihm Land in der Normandie zum Lehen. Von dieser Basis aus beginnt der normannische Aufstieg mit der Eroberung Süditaliens, Siziliens und schließlich, im 11. Jahrhundert, Englands. Auch in den Kreuzzügen werden die Normannen eine wichtige Rolle spielen.

 

St. Georg auf der Reichenau: Fresko im Langschiff "Heilung eines Wassersüchtigen", 2.Hälfte 10. Jh.

Krypta Münster Konstanz, um 995 (Foto: Konstantin Zurawski)

Sängertribüne Kloster St. Martin-du-Canigou (Roussillon). Um 1000.

Peterskirche Lindau (Bodensee), um 1000

Die iberische Halbinsel

 

Emir Abd-ar-Rachman III. ist der bedeutendste maurische Herrscher dieses Jahrhunderts. Er schlägt Aufstände nieder, erhebt sich selbst zum Kalifen, fördert Landwirtschaft und Kultur und zwingt zeitweise Könige im Norden zu Tributzahlungen.

 

Christo de la Luz, Toledo, um 980 (ehemalige Moschee)

Unter seinem Enkel Hisham II. wird der Wesir al Mansur, zum Dauer-Schrecken der christlichen Reiche. Am Ende des Jahrhunderts verheert er Santiago de Compostella.

 

In den christlichen Königreichen schwächt sich der Adel in blutigen Bürger- und Erbfolgekriegen. Zwar gelangt Ordono II. von León Anfang des Jahrhunderts in einem Rachefeldzug bis Córdoba, es werden einzelne Siege errungen, aber an einen dauerhaften Fortschritt der Reconquista ist nicht zu denken. Kastilien löst sich aus dem Königreich León.

 

Auch in diesem Jahrhundert leidet die Halbinsel unter letzten Angriffen der Wikinger, z.B. in Galicien im Nordwesten.

 

Britische Inseln

 

Die Könige von Wessex setzen sich gegen die Dänen durch. Nach Vorbereitung durch Alfred den Großen erzwingt König Edgar in der 2. Hälfte des Jahrhunderts die Anerkennung durch Sachsen, Dänen und Waliser. Er belebt das monastische Leben und setzt die kirchlichen Reformen des Hl. Dunstan durch.

 

Sein schwacher Nachfolger Aethelred zahlt Ende des Jahrhunderts den Dänen wieder Tribut.

 

Das heutige Schottland wird von irischen Wikingern norwegischer Herkunft heimgesucht. Erstarkte schottische Könige, wie Kenneth II., wiederum fallen in englische Gebiete ein.

 

Das gesamte Jahrhundert ist gekennzeichnet von ständigen Kämpfen mit wechselnden Koalitionen zwischen Dänen, Angelsachsen, irischen Norwegern und Schotten.

 

Irland bekommt nach den traditionellen Streitigkeiten regionaler Herrscher, die sich gelegentlich mit den Wikingern verbünden, Ende des 10. Jahrhunderts erstmals einen gesamt-irischen König.

 

Island erlebt um das Jahr 1000 die Einführung des Christentums durch Anstrengungen des Norwegerkönigs Olaf I.. Zur gleichen Zeit entdeckt Leif Erikson von Grönland aus Labrador und betritt als erster Europäer nordamerikanischen Boden. Der Versuch, dauerhaft zu siedeln, scheitert.

 

Skandinavien

 

Runenstein, Rundkirche Österlars, Bornholm, um 1000

In Skandinavien verbreitet sich das Christentum langsam. 965 wird der Dänenkönig Harald Blauzahn, (~55) getauft, die Untertanen bleiben heidnisch. 30 Jahre später wird der norwegische König Olaf I., mit dem schönen Beinamen "Krähenbein", Christ. Der schwedische Olaf Schoßkönig nimmt zu Beginn des 11. Jahrhunderts das Christentum an.

 

934 nimmt der deutsche König Heinrich I., den Dänen das bedeutende Handelszentrum Haithabu. Später jedoch erstarkt das dänische Reich, und der lange regierende Harald Blauzahn bringt Südschweden und Norwegen unter seine Oberherrschaft.

 

Nachdem die norwegischen Kleinherrscher – wieder einmal – durch Harald Schönhaar vorübergehend geeinigt werden, zerfällt die Macht seines Hauses, und das Land muß sich den Dänen beugen. Der Norweger, Erik der Rote, entdeckt, von Island aus, Grönland.

 

Schweden bleibt auch in diesem Jahrhundert politisch zerrissen, aber schwedische Waräger legen die Grundlage für das russische Reich.

 

Die Ungarn

 

Für das christliche Europa sind in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die heidnischen Ungarn das größte Problem. Auf flinken Pferden stürmen die anspruchslosen Nomadenreiter durch Mittel- und Westeuropa und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Von der dänischen Mark bis nach Süditalien, von der Elbe bis an die Pyrenäen brennen Dome und Klöster, werden Dörfer und Städte vernichtet, Einwohner als Sklaven verschleppt

 

Der deutsche König Heinrich I. erkauft einen 9-jährigen Frieden. In dieser Zeit befestigt er Klöster und Städte, baut Burgen und reorganisert die Reiterei. Dann erringt er 933 den ersten vorentscheidenden Sieg an der Saale. Otto I. erledigt 955 das Problem endgültig auf dem blutigen Lechfeld bei Augsburg.

 

Aber 997 wird Stephan I. als erster christlicher ungarischer König gekrönt.

 

Slawen

 

Kroatien erhält 925 mit Tomislaw den ersten, sogar vom Papst anerkannten König. Er schüttelt die byzantinische Vorherrschaft ab.

 

Der serbische Fürst Caslav befreit das Land von der Herrschaft der Bulgaren, stellt sich unter die Oberherrschaft von Byzanz und beginnt den Wiederaufbau. Nach seinem Tod fällt Serbien unter dem Ansturm der Ungarn wieder ins Chaos.

 

Anfang des Jahrhunderts versucht der mächtige Symeon der Große von Bulgarien vergeblich das byzantinische Reich zu erobern. Das durch die Kriege ausgeblutete Land verfällt. Ein Teil wird byzantinische Provinz. Den Versuch der Erneuerung Gesamt-Bulgariens verhindert Basileios II Bulgaroktonos (20) von Byzanz, der sich seinen Beinamen "Der Bulgarentöter" redlich verdient. Der Vernichtungskrieg zieht sich bis in das 11. Jh. hinein.

 

Slawenburg Groß-Raden, Mecklenburg (Nachbau)

Das Großmährische Reich wird Anfang des Jahrhunderts durch die Ungarn zerstört.

 

Die Böhmen schließen sich angesichts der Ungarngefahr zunächst dem ostfränkischen Reich an. Nach kurzer Selbständigkeit und dem Brudermord am Fürsten Wenzel (heute tschechischer Nationalheiliger) huldigen sie Mitte des Jahrhunderts dem deutschen König Otto I., behalten aber eine gewisse Selbständigkeit. Am Ende des Jahrhunderts geht Schlesien an die Polen verloren.

 

Die Elbslawen, zeitweise verbündet mit den Ungarn, sind bis 983 ständigen Überfällen der sächsischen Könige Heinrich I. und Otto I. ausgesetzt. Heinrich will sie nur unterwerfen, Otto will sie zum Christentum bekehren. Die Politik ist erfolgreich. Insbesondere Markgraf Gero erobert eine slawische Burg nach der anderen. Bistümer im slawischen Gebiet werden gegründet. Aber 983 erheben sich die Slawen in einem gewaltigen Aufstand, der die Fremdherrschaft hinwegfegt.

 

Osteuropa

 

In der ersten Hälfte des Jahrhunderts leidet auch das Gebiet des heutigen Polen unter den Ungarn. Eine frühe Staatsbildung ist nicht möglich. Aber Fürst Mieszko aus der Familie der Piasten vereinigt einige Stämme und wird nach der Lechfeldschlacht 960 Herzog. Er läßt sich taufen und bestimmt die Geschichte des Landes bis zu seinem Tode 992.

 

Das Kiewer Reich (Kiewer Rus), aus Waräger- und Slawenfürstentümern entstanden, ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Um die Mitte des Jahrhunderts werden die Fürsten getauft. Der orthodoxe Glauben wird Staatsreligon.

 

Das Byzantinische Reich

 

Die mazedonische Dynastie stärkt das Reich. Die mazedonische Renaissance belebt die Kultur mit Bauten, Mosaiken und Handschriften. Der Islam wird zurückgedrängt. Fähigen Feldherren, wie Nikephoros Phokas, gelingen wichtige Rückeroberungen. Später, nach Ermordung des Vorgängers selbst 6 Jahre lang Basileus, wird er seinerseits ermordet. Aus der Familie des Nachfolgers, Johannes Tsimiskes, bringt Theophanu, die Gemahlin Ottos II. und spätere römische Kaiserin, einen Hauch byzantinischer Kultur an den Hof der Sachsenkaiser. Gegen Ende des Jahrhunderts kommt ein brutaler 20-Jähriger auf den byzantinischen Thron, der die bulgarische Bedrohung endgültig und blutig beendet.

 

Christianisierung

 

Das Christentum beginnt auch Randregionen Europas zu erobern. Polnische und ungarische Herrscher werden von Rom getauft, das orthodoxe Christentum erobert von Byzanz aus das künftige Rußland.

 

In England werden nach und nach die eingefallen dänischen und norwegischen Könige von den Vorteilen des neuen Glaubens überzeugt.

 

Es gibt auch Rückschläge. Die von den Ottonen nach blutigen Kämpfen gegen die Elbslawen errichteten ostelbischen Bistümer werden vernichtet. Die slawischen Stämme schaffen es, für mehr als 100 Jahre weiter zu ihren heidnischen Göttern zu beten, obwohl sie sich zwischen christlichen Sachsen im Westen und Polen, nun auch wahren Glaubens, im Osten eingezwängt sehen.

 

Das Papsttum ist in einer Krise. Es herrscht Korruption und Weltlichkeit. Der Einfluß des lokalen Adels ist groß. Trotzden setzen die Ottonen den ersten deutschen Papst durch. Die durchschnittliche Amtsdauer eines Papstes ist gering, die Gefahr eines unnatürlichen Todes zu sterben groß.

 

Aber in Cluny bahnen sich Reformen an. Für das Kaisertum ziehen dunkle Wolken auf.

 

Im Reich werden die ersten Dome gebaut, wie in Magdeburg und Mainz.

 

Der Islam

 

Das einzige bedeutende europäische Reich, auf der iberischen Halbinsel, erlebt einen Höhepunkt. 929 erhebt sich Emir Abd-ar-Rahman III. zum Kalifen. Córdoba überholt an Einwohnerzahl und Glanz die größten Städte des Kontinents.

 

In Ägypten gründen schiitische Fatimiden ein Kalifat, das zeitweise ganz Nordafrika und Syrien umfaßt. Der Kalif in Bagdad verliert die politische Macht, bleibt aber geistliches Oberhaupt.











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