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Mensch und Architektur

16.10.2016 15:09:01
 
In Laufe der letzten 20 Jahre bin ich in Europa viel gereist auf den Spuren der mittelalterlichen Architektur.

Ich habe sie tausendfach fotografieret. Die Darstellung der Baukunst war mir wichtig, Menschen störten eher.

Heute, ein bisschen gereift, beginne ich das anders zu sehen.
 
Hier zwei Beispiele, die mich nachdenklich stimmen:
 
Collegiata-Kirche von San Quirico d’Orcia

 
Eine mittelalterlich anmutende Szene in der sonnigen Südtoscana vor dem Westportal einer romanischen Kirche aus dem 12. Jh. Ein Ruhender auf den Stufen vor einer Fassade aus Naturstein.

Symbolik ist sehr präsent: Knotensäulen wehren Unheil ab, die Säulen auf dem Rücken der großen Wächter-Löwen stützen die Kirche, auch symbolisch. Das Flachrelief am Konsolensturz ist eine Mischung verschiedener Fabelwesen.

Ob der Mensch des 21. Jh. Interesse an und Sinn für die Arbeit der Baumeister vor rund 800 Jahren hatte?


Ein Gegensatz im eher trüben Vorpommern: Das gewaltige Backsteinportal aus dem 14. Jh.. Ein „kleiner“ Mensch schlendert vorbei ohne der gotischen Baukunst einen Blick zu gönnen. Keine Stufen bieten Gelegenheit zum Ausruhen.
 

Westportal Kollegiatskirche (Dom) St. Nikolai, Greifswald


 
Anders als in der Toskana wurde das 10-fach abgetreppte Portal von Zieglern und Maurern aus Kunststein gefertigt.
 
Sie fügten Tausende von in vorindustrieller Fertigung aus Lehm gebrannten und glasierten Formsteinen zu einem beeindruckenden Gewändeportal zusammen. Die Moderne kündigt sich an.

Was verbindet beide Szenen trotz aller Gegensätze? Ich meine: Der kleine Mensch vor den in jeder Hinsicht großen Werken mittelalterlicher Baukunst. Ein bisschen Demut wäre angesagt.
 


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Alte Kreuzgänge

20.08.2016 09:07:03
 
 
In mittelalterlichen Klöstern waren die Kreuzgänge nach den Klosterkirchen die interessantesten und wichtigsten Bauten. Die Wandelgänge, manchmal zweigeschossig, öffneten sich mit Arkaden zu einem oft quadratischen Innenhof. Sie waren Orte der Erholung, der Kommunikation, der Lektüre. Brunnen und Brunnenhäuser erlaubten Waschungen.
 
 
 
Stiftskirche San Pedro de Teverga, Asturien (E)
 
Im frühen Mittelalter - nachgewiesen seit dem 8. Jh. - waren die Anlagen schlicht, bei Klostergründungen oft aus Holz. Ein Beispiel aus Asturien, obgleich aus früher Neuzeit, möge der Anschauung dienen.
 
 
 

Frühe Kreuzgänge sind rar. In St. Pantaleon in Köln ist das älteste Fragment Deutschlands mit 6 Bogen erhalten (um 1000).
 
Die seltenen Pilzkapitelle tauchen vor dem Würfelkapitell in der ottonischen Baukunst auf.

 
 


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Logistik im Bau

24.07.2016 16:52:32

Ich hatte an dieser Stelle über Logistik am mittelalterlichen Bau geschrieben und das Foto eines in Wismar aufgestellten riesigen Tretrades veröffentlicht.

Eine Ergänzung fand ich bei der Suche nach schönen Fassaden der Backsteingotik in Stralsund. Zum Glück ging ich an der weniger attraktiven Fassade des Hauses Mönchstraße 38 nicht vorbei.

Im Inneren des 1320 erbauten Kaufmannshauses steht eine völlig intakte Winde mit Welle, Rad aus Eichenholz und Bockshornbeschlägen zur Seilführung. Sie bedient alle 4 Speicherböden.
 
 
                     
 
 
Das Haus war bis in die siebziger Jahre des 19. Jh. bewohnt. Das Kulturhistorische Museum der Stadt übernahm und sanierte es mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
 
Neben dieser mittelalterlichen Attraktion vermittelt das Innere des Gebäudes durch entsprechende Einrichtung auch einen guten Einblick in die Wohnsituation der letzten Jahrhunderte.
 


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Ein Mönch „hat Rücken“

12.06.2016 09:22:07

 

Oder? Jedenfalls scheint er schwer an einer Last zu tragen. Vielleicht stöhnt er unter dem Gewicht eines beleibten Chorherren.

 

Dom zu Magdeburg (Mitte 14. Jh.)

 
 

Mit dieser ungewöhnlichen Darstellung möchte ich auf Chorgestühl aufmerksam machen, interessantes Element mittelalterlicher Kirchenausstattung.

 

Zisterzienserkirche Bad Doberan (1. Hälfte 14. Jh.

 

 

Aus der Romanik ist wenig erhalten. Auch von gotischem Chorgestühl sind nur Reste vorhanden. Es lohnt sich, sie zu studieren. Besonders die Miserikordien unter den Klappsitzen, die langes Stehen während der Gottesdienste erträglich machten, zeigen hochwertige, oft skurrile Schnitzereien.

 

 

 

Kathedrale von Sevilla (Ende 15. Jh.)

 

 

 

 Abhängig von der Zahl der Mönche oder Chorherren und dem Zeitpunkt der Fertigung war das Chorgestühl bescheiden oder gigantisch. In der Spätgotik wurde es besonders reich mit Schnitzwerk versehen. Oft orientierten sich die Meister mit Fialen, Baldachinen usw. am steinernen Bauschmuck ihrer Kirchen.


Von den imposanten Gesamtanlagen haben nur wenige überlebt. 

 

 



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Stützenwechsel

19.05.2016 07:26:21

 

 

Beim Gang durch die Mittelschiffe romanischer Basiliken begleiten den Besucher rechts und links Arkaden, deren Bögen entweder von Säulen oder von Pfeilern gestützt werden.

 

Besonders bei Bauten mit Holzdecken werden aufmerksamen Beobachtern gelegentlich Abweichungen auffallen. Anstelle von 2 Reihen gleicher Stützen wechseln auf jeder Seite Säulen und Pfeiler, entweder im strengen Rhythmus oder 2 Säulen folgen auf einen Pfeiler. Im ersten Fall sprechen die Fachleute vom rheinischen, im zweiten vom (nieder)sächsischen Stützenwechsel.

 

 

St. Godehard Hildesheim, sächsischer Stützenwechsel

  

Die Gründe scheinen vielfältig.

 

Man denkt zunächst an die Geografie, doch sowohl der für die Epoche wichtige Bau St. Cyriakus vom Ende des 10. Jh. in Gernrode, als auch die Basilika St. Georg und Pancratius aus dem 12. Jh., beide im Herrschaftsgebiet der ottonischen Sachsen, zeigen einen einfachen, sprich rheinischen Stützenwechsel.

 

  

 

Basilika St. Georg und Pancratius, Hecklingen

 

Logisch scheint er bei Bauten mit gebundenem System. Hier markieren die Pfeiler die Ecken der Mittelschiffjoche, deren Quadrate, ausgehend vom Vierungsquadrat, den gesamten Grundriss bestimmen. Die schwächeren Säulen zwischen den Pfeilern stützen die halb so großen Seitenschiffjoche.
 

Auch Zahlensymbolik wird als Begründung herangezogen: Beim sächsischen Stützenwechsel könnten  insgesamt 4 Pfeiler auf die Evangelisten, 12 Säulen auf die Jünger oder die Stämme Israels hinweisen

 

 



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