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Ottonisch

Die Bartholomäus-Kapelle, Paderborn

 

Wer heute in Paderborn an der Nordseite des Domes vorbeigeht, trifft auf einen bescheidenen Bruchsteinbau mit halbrunder Apsis: die Bartholomäuskapelle. Im Vergleich zum Dom ist sie unscheinbar. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß der kunsthistorisch weniger Interessierte – vielleicht noch voll der Eindrücke von Bischofskirche und rekonstruierter Königspfalz – dem Bauwerk keine Beachtung schenkt. Das wäre ein Versäumnis.

 

Ostseite mit Apsis - Bruchstein unverputzt.

Die Bartholomäuskapelle, fällt neben dem Dom kaum auf. Doch, wie auch in Gernrode, häufen die Fachleute Superlativ auf Superlativ.

 

Sie sprechen von der ersten Hallenkirche Deutschlands, dem ersten vollständig gewölbten Kirchenbau und der einzigartigen Technik der Hängekuppeln nördlich der Alpen. "Griechische" Bauleute errichteten ihn, einzigartig in Nordeuropa zu dieser Zeit. A. Fuchs meint gar, die Kapelle habe die Aufmerksamkeit der Kunstforschung mehr erregt als der Dom.

 

Das alles ist richtig. Nur - was in der mir zur Verfügung stehenden älteren Literatur völlig fehlt, sind Hinweise zur Funktion. Warum dieser einmalige Bau in Paderborn? Warum die Bauhandwerker aus dem Süden?

 

Funktion und Geschichte

 

Man könnte versucht sein, die Kapelle mit Theophanu, der byzantinischen Gattin Kaiser Ottos II. in Verbindung zu bringen. Aber schon von der Zeitabfolge her ist das nicht wahrscheinlich. Die Kaiserin starb 991. Das Baujahr der Kapelle war 1017. Es müßten byzantinische Handwerker über Jahrzehnte hier tätig gewesen sein - wo sind die Spuren ihres Wirkens? Die Grablege der Theophanu in der Klosterkirche St. Panthaleon in Köln wurde, soweit mir bekannt, von einheimischen Kräften errichtet.

 

Blick nach Ost.

Zu erklären ist der Bau nur aus der Lebensgeschichte des Bischofs Meinwerk, aus seiner Lage im Ensemble von Kapelle, Dom und Königspfalz, und aus einem mittelalterlichen Brauch, der Festkrönung.

 

In einem überzeugenden Aufsatz legt Matthias Wemhof diese Zusammenhänge dar.

 

Meinwerk war einer der bedeutendsten Kleriker aus spätottonischer und frühsalischer Zeit. Er diente Otto III. in der Hofkapelle, und er war Vertrauter sowohl des letzten ottonischen Kaisers, Heinrich II., als auch des ersten Salierkaisers, Konrad II.. Ersterer ernannte ihn 1009 zum Bischof von Paderborn. Ihn begleitete er 1014 nach Rom zur Kaiserkrönung ebenso wie Konrad II. zu dessen Krönung im Jahre 1027.

 

Südliche Längswand.

Die erste Romreise ist vielleicht der Schlüssel zum Bauwerk. Zum einen äußert der schon zitierte A. Fuchs die glaubhaft scheinende Vermutung, daß Meinwerk bei dieser Gelegenheit durch eine Kapelle auf einer Tiberinsel, auch dem Hl. Bartholomäus geweiht, die Anregung zum Paderborner Bau erhalten haben könnte. Zum anderen wußte Meinwerk mit Sicherheit, daß das Können der byzantinisch geschulten Handwerker in Süditalien dem der heimischen Kräfte überlegen war und könnte bei dieser Gelegenheit die in der Vita Meinwerci eines unbekannten Mönchs aus dem Paderborner Abdinghofkloster erwähnten "griechischen" Bauleute" angeworben haben.

 

Bartholomäus-Kapelle auf der Tiberinsel in Rom, um 1000 – häufig umgebaut, Turm 12. Jh.

Zur Finanzierung seiner Baulust standen Meinwerk ein ansehnliches Familienvermögen sowie reiche Schenkungen seiner königlichen Freunde zur Verfügung.

 

Den "neuen" Dom, als Nachfolger des abgebrannten, hatte er 1015 geweiht. Er war Vorgänger des heutigen Baus und entsprechend schlichter, z.B. mit einer Holzdecke über dem Mittelschiff, das die hiesigen Baumeister noch nicht überwölben konnten. Im Vergleich muß den Zeitgenossen das Innere der Bartholomäus-Kapelle mit ihrer vollkommenen Steinwölbung noch mehr beeindruckt haben als uns.

 

Nördliche Längswand.

Auch die heute rekonstruierte Pfalz gleich nebenan mit einem 45 m langen Festsaal war im Bau oder fertig. So waren die besten Voraussetzungen für Festkrönungen gegeben. Wie oft sie stattgefunden haben, ist unbekannt, aber die Kaiser Heinrich II. und Konrad II. waren 9 bzw. 7 mal in Paderborn.

 

Die Historiker sagen uns, dass es Festkrönungen vom 10. bis 12. Jahrhundert häufiger gegeben hat. Zur Darstellung des Königtums als sakraler Macht wurden die Herrscher, meist an hohen kirchlichen Feiertagen, in einer Kirche durch den ranghöchsten Bischof mit den Reichsinsignien geschmückt und von dort in feierlicher Prozession in ein anderes Gotteshaus zum Festgottesdienst geleitet. Anschließend fand in der Pfalz das Festmahl statt. In diesem Zusammenhang ist nicht auszuschließen, daß die Bartholomäuskapelle zeitweise auch Aufbewahrungsort für die Reichsinsignien war.


 

Architektur

 

Nach dieser etwas ausführlicheren Erklärung der Funktion, nun zur Architektur des Inneren. Rein technisch betrachtet ist der Bau eine vierjochige Hallenkirche mit 3 Schiffen, die älteste Hallenkirche Deutschlands, auch wenn das relativiert werden muß, denn die in unserem Raum "serienmäßig" frühestens im 13. Jahrhundert gebauten Kirchen dieses Stils standen in einer ganz anderen Tradition.

 

Kapitell.

Obwohl ich, gut vorbereitet, Fotos gesehen hatte, blieb ich staunend stehen. Welch ein hoher festlicher Raum, absolut aus dem Rahmen dessen fallend was ich an Kirchenbauten des 11. Jahrhunderts bisher kannte. Keine Frage, die Schöpfer kamen nicht aus unseren Breiten. Man hat zwar auch in der byzantinischen Architektur kein direktes Vorbild des Ganzen gefunden, wohl aber Beispiele solcher Einwölbungen.

 

Das Mittelschiff ist breiter als die beiden Seitenschiffe. Die Kuppeln sind im mittleren Schiff querrechteckig und in den Seitenschiffen längsrechteckig. Einige Kunsthistoriker vermuten, daß die Auskleidung der Kuppeln mit Mosaiken geplant war. Ein Blick in ravennatische Kirchen (>San Vitale) zeigt uns, um wie vieles festlicher noch der Bau geworden wäre.

 

Sechs schlanke und hohe Säulen tragen die Hängekuppeln. Halbsäulen stützen das Gewölbe an den Wänden.

 

Kapitelle

 

Kapitell.

Die Kapitelle sind für Raum und Zeit von ungewöhnlicher Schönheit und zeugen von großer Kunstfertigkeit.

 

Die Längswände sind mit Nischen gegliedert, in denen hoch oben die Rundbogenfenster sitzen. Nach Prof. Wolff wird hier sehr früh die Wand nicht mehr als abgrenzendes Element, sondern als Körper gesehen. Unsere Baumeister brauchten noch Jahrzehnte, ehe sie begannen die Wand aufzulösen, eine der Voraussetzungen für die Gotik.

 

Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, dieses Juwel mittelalterlicher Sakral-Architektur der Ottonik zuzuordnen, fehlen doch fast alle wichtigen Stilmerkmale. Aber es fällt zeitlich und räumlich in diese Epoche und byzantinischer Einfluß ist auch in anderen ottonischen Bauten erkennbar. So hat die Kapelle bei vielen Kunsthistorikern in der Ottonik ihre Heimat gefunden.


 

 

 

Literatur

 

Braunfels, Wolfgang, Die Kunst im Heiligen Römischen Reich, Band II und IV, Verlag C.H. Beck, München, 1980

 

Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Fuchs, Aloys, Paderborn, Deutscher Kunstverlag, München, Berlin, 2. Auflage 1976

 

Hansmann, Wilfried, Kunsthistorischer Wanderführer „Westfalen“, Manfred Pawlack Verlagsgesellschaft mbH, Herrsching, 1966

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

 

Jacobsen, Werner/Lobbedey, Uwe/Winterfeld, Dethard von, Ottonische Baukunst, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

 

Wemhoff, Matthias, Die Bartholomäuskapelle Paderborn, Bonifatius GmbH, Paderborn, 1997

 

 

 

 

Netz

 
Tutorium Historische Hilfswissenschaften

www.phil.uni-passau.de/histhw/TutHiWi

 

 

Vorträge:

 

Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003

 

 

 

Eigene Beobachtungen

 

 










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