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Vorkarolingisch

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon

 

"Angelsächsische Kirchen? Habe ich nicht gesehen", sagt mancher Englandfahrer. Das überrascht nicht. Die normannischen Eroberer haben 1066 die bescheidenen Bauten der Besiegten dem Erdboden gleich gemacht. Der Zahn der Zeit tat ein übriges. St. Laurence ist eine der wenigen erhaltenen Bauten.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Nördliche Seitenkapelle

Es ist nicht sicher, ob das Kirchlein vom Baudatum her in diese Rubrik gehört. Die Angaben der Autoren schwanken zwischen dem 7. und dem 11. Jahrhundert. Kompetente und ausführliche Texte sagen schlicht, daß das Datum der Grundsteinlegung unbekannt ist. Ich habe den Bau hier aufgenommen, weil er ein gutes Beispiel für angelsächsische Kirchenarchitektur und auch frei von karolingischen Einflüssen ist. Eher erinnert das eine oder andere Element an westgotische Kirchen, z. B. die kleinen Fenster (schräg in die Mauer eingeschnitten), die zellenartigen Nebenräume.

 

Es sind die Blendbögen (eigentlich romanischer Bauschmuck) an den oberen Außenmauern der Kapelle, die einige Experten auf ein Baudatum im 10./11. Jh. tippen lassen. Das würde der Entstehung in früher sächsischer Zeit widersprechen, es sei denn, der obere Teil wäre erst später entstanden oder der Bauschmuck dann hinzugefügt worden.

 

Es hätte nicht viel gefehlt und das Kirchlein, von verschiedenen Familien zum "cottage" umgebaut und auch als Schule genutzt, wäre nicht entdeckt worden. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. kam ein aufmerksamer Geistlicher auf die Fährte.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Langhaus und Chor. - Strebepfeiler: Neuzeit

Die meisten Autoren meinen, daß der Bau in einem Zug und nach einem Gesamtplan errichtet wurde und stützen sich auf Abmessungen und Außenornamente. Von inneren Umbauten abgesehen ist er auch kaum verändert worden. Ein lokaler Bericht führt als möglichen Grund frühe Profanierung an.

 

Neben dem erhaltenen nördlichen flankierte ursprünglich ein weiterer südlicher Anbau das schmale und hohe Schiff. Der Giebelansatz ist noch gut zu erkennen. Das Ganze ergab eine Kreuzform. Graham Hutten sieht solche Annexe als frühes Zeugnis englischer Vorliebe für Seiteneingänge. Die Satteldächer der Anbauten enden unter der Traufe des Schiffes. Die Strebepfeiler sind aus dem 19. Jh..

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Triumpfbogen. Teilweise 19. Jh.

Die Länge des Rechteckchors (~ 4 m) entspricht genau seiner Höhe, was auf präzise Planung hindeutet.

 

Der Chor zeigt eine typische Eigenart englischen Kirchenbaues: Den "platten" Abschluß. Während die Chöre der kontinentalen Kirchen fast immer halbrund oder polygonal schließen, blieb England im Prinzip beim Rechteckchor, auch in der Zeit der Normannen, die aus Nordfrankreich die runde Form kannten. Für den Rechteckabschluß werden von Autoren unterschiedliche Gründe genannt. Sächsischer Kirchenbau ist stark vom Holzbau beeinflußt. Die meisten Kirchen waren wohl aus Holz. Hier machte nach Smith/Hutton eine Rundung Schwierigkeiten. Das ergibt nur Sinn, wenn die Kirchen im Blockhausstil erichtet waren. Bei senkrecht stehenden Pfosten sind Rundungen kein Problem, wie norwegische Stabkirchen zeigen. (Der gleiche Autor führt auch keltische Vorbilder an oder gar, im Zusammenhang mit den großen Chorfenstern in gotischer Zeit, eine Art heidnischer Lichtmystik.)  Haupt, wie zu erwarten, denkt an germanische Vorbilder.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Engel mit verhüllten Händen.

Der Bau zeigt außen deutliche Spuren der Jahrhunderte in Form von Verwitterung und Luftverschmutzung, die dazu verleiten, die sorgfältig zugehauenen Quadern zu übersehen. Sie sind ziemlich selten bei Kirchen aus sächsischer Zeit, erinnern eher an westgotische Bauten. Die Quader wurden in einem nahen Steinbruch gewonnen.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Altar.

Innen ist wegen der notwendigen Umbauten manches neu. Der Chor ist durch einen sehr engen hohen Triumpfbogen vom Schiff her zugänglich.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Sächsisches Steinkreuz.

Noch beeinflußt vom Raumeindruck in den kurz vorher besuchten Kathedralen in Gloucester und Worchester, fühlte ich mich innen zunächst eingeengt. Sicher war die Kirche, von vielen als Kapelle bezeichnet, nicht für Massenbesuch vorgesehen. Aber die hier, wie überall im Lande, sehr engagierten Gemeindemitglieder hatten die kargen Räume mit Blumen geschmückt. Die Enge war bald vergessen.

 

Sonst sind 2 skulptierte Engel in der Wand der einzige Schmuck im Inneren. Die Engel werden auf die Mitte des 10. Jahrhunderts datiert. Vorlagen finden sich in der angelsächsischen Buchmalerei.

 

Der Altar wurde aus Steinen zusammengesetzt, die bei der Entdeckung des Gebäudes aufgefunden wurden.

 

Über dem Altar befinden sich die Reste eines sächsischen Steinkreuzes.

 

 

 

 

Literatur

 

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.) Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Reprint der Originalausgabe von 1909

 

Smith, Edwin/Hutton, Graham/Cook, Olive, English Parish Churches, Thames & Hudson, London, 1976, -

 

Various, A Short Account of the Saxon Church of St. Laurence, The Print Consultancy (Corsham) Ltd, Corsham

 



Netz

 

Early British Kingdoms
www.earlybritishkingdoms.com


Britannia, British History Travel
www.britannia.com

Wiltshire Council, Wiltshire Community History

www.history.wiltshire.gov.uk


 

Eigene Beobachtungen

 

 

Ergänzung zu: "Platter" Chorabschluß 2011










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