lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

romanisch

St. Maria im Kapitol, Köln

 

Mehr als 1000 Jahre Geschichte umwehen diesen größten und schönsten Bau der Romanik in Köln. Römer, Karolinger, Salier und Staufer haben hier gebaut und gebetet. Er zitiert in der Architektur die Geburtskirche in Bethlehem, die Pfalzkapelle Karls des Großen und den Dom zu Speyer.

 

Vorgängerbauten

Wer in Köln den Ursprüngen romanischer Kirchen nachspürt, stößt oft, wen wundert es, auf die Römer. Lange vor mittelalterlichem Bauen hatten Menschen am gleichen Ort zu den römischen Staatsgöttern Jupiter; Juno und Minerva gebetet, deren Tempel  nach Hugo Borger archäologisch eindeutig nachgewiesen ist.

 

Plektrudis (gotische Grabplatte 12. Jh. im Mittelschiff)

 

Im 7. Jahrhundert verehrten die Franken ihren Gott auf den Ruinen, unter ihnen der mächtige karolingische Hausmeier Pippin der Mittlere, seit 687 Alleinherrscher im Frankenreich, und seine Gemahlin Plektrudis.

 

Nach Pippins Tod (714) mußte sie die Macht an ihren Stiefsohn Karl Martell abgeben. (Er wurde später (732) dadurch berühmt, daß er den Mauren bei Tours und Poitiers das weitere Vordringen nach Europa verwehrte.) Plektrudis residierte nun dauerhaft in Köln, an der Peripherie des Reiches.

 

Dann wird es schwierig mit den Quellen. Gab es in den Ruinen des römischen Tempels schon ein Kirchlein, das Plektrudis um 700 übernahm oder erweiterte? Oder baute sie selbst eine Kapelle? Für Wolff und Borger scheint das wahrscheinlicher. Auf der Internet-Seite des „Fördervereins Romanische Kirchen Köln“ werden sogar die vermutlichen Maße angegeben (10,4 x 31.8) mit der Aussage, daß Reste des Tempels für den Bau benutzt wurden.

 

Welche Folgebauten hatte die Kirche in den Jahrhunderten bis zum Bau der heutigen? Soweit mir bekannt, ist diese Frage nicht erschöpfend beantwortet. Hat zum Beispiel der Plektrudis-Bau unter den Normannenüberfällen des 9. Jh. gelitten, die dann Baumaßnahmen erforderten?

 

Untergeschoß Westbau

 

Der mächtige Brun, Bruder Kaiser Ottos des Großen und Erzbischof von Köln (953-65), scheint nach der obigen Quelle im 10. Jh. einen Um- oder Neubau finanziert zu haben. Wir wissen nicht, wie er aussah.

 

Die Basis des wohl dreitürmigen Westbaus der Vorgängerkirche, - nach Werner Schäfke bis zu 5 m Höhe erhalten – ist heute fast zugebaut. Möglicherweise entsprechen die noch sichtbaren Teile mit Tuffblöcken und Ziegeln der alten Westwand des Brun-Baues. In ihrer Mächtigkeit macht sie nicht den Eindruck eines Mauerwerks aus der Zeit der Plektrudis.

 

Auf der Seite des Frauenhofer IRB aber lesen wir: „die machtvolle mittelalterliche Dreiturmgruppe war jedoch bereits seit dem 17. Jh. stark reduziert“. War das ein Teil des Brun-Baues?

 

Essener Münster, Westwerk

 

Zusätzlich zur architektonischen Problematik wird diskutiert, ob bereits Plektrudis ein Damenstift gründete, wie es eine mittelalterliche Überlieferung besagt. Borger meint, erst Brun sei der Gründer des Stifts.

 

Der heutige Bau

Da Architektur oft von Geschichte beeinflußt wird, werfen wir zum besseren Verständnis einen Blick auf die Kaiserdynastien der Ottonen und Salier. Mit Kaiser Heinrich II. aus einer Nebenlinie endete 1024 die ottonische Herrschaft, Konrad II. folgte als erster Kaiser der salischen Dynastie.

 

Aber die Ottonen waren nur im Mannesstamm ausgestorben. Frauen lebten in der Familie der Ezzonen weiter und auch Hermann II., ein Enkel Kaiser Ottos II., seit 1036 Erzbischof in Köln. Vermutlich sorgte sein Einfluß dafür, daß seine Schwester Ida das Amt der Äbtissin im einflußreichen Damenstift übernahm. Erzbischof und Stift müssen reich gewesen sein, denn sie begannen um 1040 eine große und ungewöhnliche Kirche zu bauen. Nach etwa 25 Jahren Bauzeit wurde St. Maria im Kapitol endgültig geweiht.

 

Auch Schwester, Theophanu, ab 1039 Äbtissin in Essen, begann bald einen eindrucksvollen Neubau, dessen Westteil erhalten ist.

 

Äbtissin Ida (1015 – 1065?)

 

Die Erben der Dynastie waren noch aktiv, der alte Glanz nicht vergessen.

 

Im 12. Jh., zur Zeit der Staufer, wurde umgebaut. Die Konchen erhielten Rundbogenfries und größere Fenster in den Obergaden des Umgangs. Im 13. Jh. ersetzte man die Holzdecke des Mittelschiffs durch ein Gewölbe.

 

Im 2. Weltkrieg wurde St. Maria stark zerstört. Es wurde beschlossen, sie im ursprünglichen Stil der Salierzeit wieder aufzubauen.

 

Trotz aller Umbauten wird, völlig zu Recht, die Kirche mit Superlativen aller Art bedacht:

 

„Hauptwerk der salischen Kirchenbaukunst“ (Förderverein Romanische Kirchen Köln)

 

„Eine der bedeutendsten Schöpfungen der mittelalterlichen Baukunst“ (v. Winterfeld).

 

Kaiser sieht einen „Grundriß, der in einer bis dahin nicht erreichten Vollkommenheit der Form konzipiert wurde“.

 

Auf alle Fälle ist sie die größte der romanischen Kirchen Köln, und für mich die schönste und interessanteste.

 

Es fällt auf, daß die Ottonen-Erben nicht auf die Bautradition ihrer Dynastie zurückgriffen, sondern „modern“ bauten. Schäfke meint, man habe dem wichtigsten Projekt des Salier-Geschlechts, dem Dom zu Speyer, Paroli bieten wollen.

 

Kleeblattchor von SO

 

Architektur

Anders als St. Pantaleon liegt die Kirche in dicht bebautem Gebiet im Südosten des alten Köln. Als Ganzes kann man sie nicht „auf Tuchfühlung“ umwandern.

 

Das spektakulärste und wichtigste Bauelement im Osten jedoch hat Raum. Schon der Zugang - über Marienplatz - ist interessant. Durch das schöne Dreikönigen-Pförtchen aus dem 14. Jh. erreicht der Besucher den Lichhof.

 

Gewaltige Baumassen beherrschen den Platz: Drei große Konchen mit halbrundem Grundriß und drei in die Winkel gebaute gotische Kapellen.

 

Der hohe Sockel der Ostkonche hat eine Mauerstärke von 7 m und ist mit Blendbogen gegliedert.

 

Die Wand des Chorumgangs darüber ist zwischen den Rundbogenfenstern mit Halbsäulen und Pilastern aus rot-hell alternierenden Quadern geschmückt und trägt Konsolen unter der Traufe. Einfarbige Lisenen und Rundbogenfenster beleben, zusammen mit Rundbogenfriesen, die Obergaden des Chorumgangs.

 

Die Kapellen mit quadratischem Grundriß, Pyramidendächern und gotischen Fenstern stören aus meiner Sicht das Bild sonst reiner romanischer Formen.

 

Den Eingang zur Kirche findet man an der Westseite, von der Kasinostraße her.

 

Gleich rechts vor der Kirche überrascht einer der wenigen in Köln erhaltenen Kreuzgänge mit beachtlichen Resten.

 

Westbau von NW
 
 
Kreuzgang (teilweise Mitte 12. Jh.)
 
 
Kapitell mit Vogelmotiven

 

Innenräume

Durch eine Turmhalle und eine von Säulen gestützte Dreierarkade betritt man den Längsbau, eine dreischiffige Pfeilerbasilika.

 

Oberhalb der Arkade befindet sich vor einer Empore als Zitat der Pfalzkapelle Karls des Großen das 2-stufige „Säulengitter“. Damit wollten sich die Ottonen – Kaiser Otto III. verehrte Karl - nach Meinung der Kunsthistoriker als kaiserliches Herrscherhaus in Erinnerung bringen. Der Westbau der Theophanu in Essen zeigt eine ähnliche, wenn auch großzügigere Säulenanordnung.

 

Säulengitter der Ida in Köln
 
 
Säulengitter der Theophanu in Essen
 
 
Zum Vergleich das Vorbild: Pfalzkapelle Aachen

 

Im Osten verstellen Renaissance-Lettner und Orgel leider den Blick zu Vierung und Ostkonche.

 

Mittelschiff Längsbau nach Ost

 

Beim Wiederaufbau nach dem Krieg hat das Mittelschiff, nach dem Vorbild des 11. Jahrhunderts, wieder eine Holzdecke erhalten. An das Gewölbe des 13. Jh. erinnern sinnlos anmutende Säulchenelemente an der ansonsten schmucklosen Wand oberhalb der Arkade – ehemalige Dienste.

 

Die Seitenschiffe waren schon im 11. Jh., wie der sich anschließende Chorumgang, zwischen Gurtbogen kreuzgratgewölbt.

 

Am Lettner kommt der Besucher zum interessantesten Teil des Grundrisses, dem Tri-Konchos oder Kleeblatt-Chor. Es ist diese ungewöhnliche Kombination von 3-schiffigem Längsbau mit einem Zentralbau, die Aufsehen erregt. Vorbild war die Geburtskirche in Bethlehem. Da sie keinen Chorumgang hatte, griffen die Kölner Baumeister auch auf die Grabeskirche in Jerusalem zurück. Damit sind nach Wolff „Anfang und Ende des irdischen Lebens Jesu symbolisiert.“

 

Man stelle sich einen Zentralbau mit 4 Armen und großen Apsiden vor, um eine Vierung mit Kuppel gruppiert. Der westliche Arm wird durch den Längbau ersetzt.

 

Quelle: Wikipedia/ Public Domain
 

Nur zum besseren Verständnis hier ein alter Grundriß, der in Einzelheiten nicht die aktuelle Situation wieder gibt.

 

Daß die Seitenschiffe als Umgang um die Apsiden weiter geführt werden, macht den besonderen Reiz dieser Architektur aus. Die Gurtbogen ruhen in den Seitenschiffen auf Halbsäulen mit Würfelkapitellen, die den Pfeilern der Arkaden vorgelegt sind.

 

Blick in die Ostkonche
 

Im Umgang setzt sich an der Außenwand diese Anordnung fort. Frei stehende Säulen bilden die inneren Arkaden. Deren Scheidbogen, wie die Lisenen am Außenbau alternierend zwischen rot und hell, ruhen auf schlichten Würfelkapitellen. Darüber trägt ein zweifarbiges Gesims zierliche Halbsäulen in der Achse der unteren Stützen. Sie tragen spitzbogige Blendarkaden, in die Rundfenster eingelassen sind. Der Monumentalität des Außenbaus stehen hier grazile Formen gegenüber.

 

Die Zweifarbigkeit betont kaiserlichen Anspruch. (Purpur als Farbe der Kaiser). Sie fällt auch auf bei einigen Pfeilern, Gurtbogen und den Rundbogen über den Türen.

 

Zwischen die Säulen des Chorraumes sind gotische Chorschranken gespannt.

 

 

Krypta

Sie ist mit 3 Schiffen und einem angedeuteten Querhaus nach Speyer die zweitgrößte romanische, mindestens in Deutschland. Auf stämmigen Säulen mit Würfelkapitellen ruhen die Gurtbogen des Kreuzgratgewölbes der Mittelschiffarkaden. In den Seitenschiffen sind, wie oben im Langhaus, Halbsäulen den Pfeilern bzw. Wänden vorgelagert.

 

Krypta nach West
 
 
Kapelle

 

Drei Kapellen sind in die dicken Mauern eingelassen.

 

Idas Schwester, Richeza, nahm in Brauweiler diese Unterkirche zum Vorbild einer kleineren Krypta für ihre Klosterkirche. Sogar die Baumeister der Kathedrale von Canterbury (1110-30) ließen sich von St. Maria inspirieren.

 

Gabelkreuz

 

Ausstattung

Die Kirche beherbergt erfreulich viele Kunstwerke, darunter das beeindruckende Gabelkreuz aus dem 14. Jh.

 

Das für mich schönste und wertvollste Kunstwerk aber sind die hölzernen Portale aus der Mitte des 11. Jh., früher am Eingang der Nordkonche. Ich habe sie noch ungeschützt erlebt. Heute sind sie hinter einem schönen schmiedeeisernen Gitter im südlichen Seitenschiff aufgestellt.

 

Die beiden Flügel sind 2,3 m hoch, die Figuren aus Nußbaumholz geschnitzt, auf Eichenbohlen befestigt. Die einzelnen Felder sind von Wülsten und Flechtornamenten umgeben, mit dicken Knäufen an den Ecken.

 

Die wunderbar naive Darstellung der Szenen aus dem Leben Jesu tragen noch deutliche Farbspuren. Die Zuordnung ist für den Laien schwierig. Ich habe es trotzdem versucht.

 

Vor uns sehen wir die ältesten Holz-Portale nördlich der Alpen. Nur die Türen in Santa Sabina auf dem Aventin-Hügel in Rom sind etwa 600 Jahre älter. Holzportale sind die Ausnahmen unter den erhaltenen Türen des Mittelalters. Von den teureren und aufwendigeren Bronzeportalen (St. Michal, Hildesheim) haben vergleichsweise viele überlebt.

 

Ich habe die Szenen in Köln oft aufgenommen, schwierig wegen des Gitters. Es ist immer wieder faszinierend, zu sehen wie das Holz lebt, abhängig von den Lichtverhältnissen.

 

Oben: Abendmahl;
links darunter: Himmelfahrt; Rechts: Kreuzigung;
links darunter: Erscheinung Christi vor den Jüngern; rechts: Frauen am leeren Grabe
 
Erscheinung Christi vor den Jüngern (?)
 
 
Links: Himmelfahrt; rechts: Kreuzigung

 

Abschließend mein Rat: Wenn Sie nur kurz in Köln sind und nicht wissen, welche der 12 romanischen Kirchen Sie besuchen sollten, wählen Sie diese.

 

 

Literatur

Borger, Hugo, Die Abbilder des Himmels, Band I, Greven-Verlag Köln, 1979 – S. 238ff.

 

Kaiser, Wolfgang, in: Romanik, Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996, - S. 52f.

 

Laule Ulrike, in: Architektur der Romanik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg, – S.75f.

 

Schäfke, Werner, Kölns Romanische Kirchen, Geschichte und Ausstattung, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag Köln, 1996 – S. 142ff.

 

Schmidt, Heinrich, Margarethe, Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst, Verlag C.H. Beck, München, 1989 – S. 312.

 

Wagner-Rieger, Renate, Architektur, in: Das Mittelalter I, Hermann Filitz, Hrsg., Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990 - S.188f.

 

Winterfeld, Dethard von: Romanik am Rhein, Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, 2001 – S. 125ff.

 

Netz

Förderverein Romanische Kirchen Köln
www.romanische-Kirchen-Koeln.de

Sankt Maria im Kapitol als Bauwerk
http://www.maria-im-kapitol.de/kirche/index.htm

Stadt Köln - Sehenswertes
http://www.stadt-koeln.de/6/sehenswertes/

Köln Altstadt – Maria im Kapitol
http://www.koeln-altstadt.de/kultur/romanischekirchen/stmariaimkapitol/index.html

Bauinformationen – Fraunhofer IRB
http://www.baufachinformation.de/denkmalpflege.jsp?md=2000047108785

Romanik in Deutschland (Rolf Tomm, Romanik. Feierabend-Verlag, Berlin 2002)

http://kunst.gymszbad.de/architektur/arch-romanik/bauten/deutschland/romanik-deutsch.htm

Verschiedene Wikipedia-Dokumente

 

Vorträge/Seminare

Thiesen, Rainer, „Romanik – Einführung und Hintergründe“, Romanik-Seminar Burgund, Dr. Tigges Studienreisen, Autun Oktober 1996

Thiesen, Rainer, Romanik-Seminar, Thomas-Morus-Akademie, Bensberg, 15/16. Febr. 2009

Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, „Späte Hochblüte“, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2003

 

Eigene Beobachtungen