lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

romanisch

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)

 

Drei illustre Namen verbinden sich mit dieser Kirche. Ihr Bau sollte Karl den Großen ehren. Der wichtigste deutsche Papst des Mittelalters weihte sie. Und aus der Familie des Stifters ging das Geschlecht der Habsburger hervor, deren berühmtester Sproß 500 Jahre später die Sonne in seinem Reich nicht untergehen sah.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Anordnung von links:
Turm, Oktogon mit Umgang, Kapelle der Äbtissin Ursula, Sakristei (mit Pultdach), Rechteckchor mit Walmdach (2-geschossig), Kapelle der Stiftsdamen (gotisch)

 

Ihre prachtvollen Vorgängerbauten wurden vor rund 500 bzw. 250 Jahren in den Residenzen Ravenna und Aachen errichtet, den Hauptstädten großer Reiche. Ich spreche von San Vitale und der Pfalzkapelle Karls des Großen.

 

Die hier vorgestellte Kirche ist schlicht im Vergleich und steht in der Mitte einer kleinen Gemeinde im Süden des Elsaß. Aber - sie ist die einzige erhaltene Kopie der Pfalzkapelle Aachen und bildet so den Abschluß einer Kette einzigartiger Zentralbauten in der abendländischen Sakral-Architektur.

 

 

Geschichtliche Hintergründe

Die Pfalzkapelle Karls des Großen wurde noch Jahrhunderte nach ihrer Vollendung als die schönste aller Kirchen angesehen. Warum hatte sie, wie auch von Fachleuten zu vernehmen ist, nur diesen einzigen Nachfolgebau? Die Annahme ist falsch. Die anderen Bauten sind untergegangen.

 

Wie zum Beispiel eine Kapelle mit achteckigem Hauptraum und sechzehnseitigem Umgang, die unter der Kirche St. Donatus in Brügge archäologisch nachgewiesen wurde (Bauzeit: Um 900)

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Westturm mit Satteldach, Teil des Oktogons mit Zeltdach. Umgang mit Pultdach

 

Mathias Untermann zeigt auf, daß Beschreibungen und Grabungsfunde auf Nachfolgebauten in Köln-Deutz und Lüttich (um 1000) schließen lassen. Um 1020/30, der Gründungszeit unserer Kirche, entstanden in Nimwegen und Goslar Zentralbauten nach dem Vorbild der Pfalzkapelle Karls.

 

Die berühmte 2-geschossige Säulenstellung im Inneren findet sich auch in Basiliken, wie in der Westapsis des Essener Münsters und im Westbaus von Maria im Kapitol, Köln. Beide wurden ebenfalls in frühsalischer Zeit begonnen. Daneben gibt es der Pfalzkapelle ähnliche Doppelkirchen, denen aber diese typische Säulenanordnung fehlt.

 

Die Gründe für die Nachbauten finden wir nicht nur in der viel beachteten Architektur, sondern auch in der Jahrhunderte lang herrschenden Karlsverehrung, die mit der 1165 vom Stauferkaiser Friedrich Barbarossa veranlaßten Heiligsprechung nicht endete.

 

Sie war besonders ausgeprägt unter den Saliern (1024 – 1125). Es fällt auf, daß kurz nach dem Beginn der Dynastie mit Konrad II. innerhalb von 10 Jahren drei Nachfolgebauten der Aachener Kapelle entstanden.

 

 

Stiftung und Weihe

Ab 1020/1030 ließ Graf Rudolf I. von Altenburg die Kirche auf eigenem Grund in Ottmarsheim bauen, als Mittelpunkt eines von ihm gestifteten Benediktinerinnen-Klosters.

 

Wir wissen nicht, wann der Stifter geboren wurde. Er entstammt einem der großen Geschlechter des Rheingebietes und des Aargaues, das Ahnherr der Habsburger war. Er war kinderlos. Nach seinem Tod 1053 führte ein Neffe das Geschlecht weiter, der sich als erster "Habsburger" nannte - nach der Habichtsburg im Aargau.

 

Kein Geringerer als Papst Leo IX. weihte die Abteikirche im Jahre 1049, kurz nach seiner Wahl in Worms. Historikern gilt er als der bedeutendste deutsche Papst des Mittelalters, obwohl ihm nur knapp 5 Jahre Zeit für seine Reformen blieben. Ebenfalls aus einflußreichem elsässischen Adel kommend war er mit der Salier-Dynastie verwandt und schon mit 24 Jahren Bischof von Toul.

 

Seine Verbindung zum Stifter der Ottmarsheimer Abtei muß eng gewesen sein, denn Graf Rudolf war einer der Anführer des päpstlichen Heeres in der Schlacht von Civitate in Süditalien, die für die Päpstlichen verheerend endete. Leo IX. geriet in die Gefangenschaft der Normannen und starb im folgenden Jahr nach seiner Freilassung. Rudolf fiel. Ob seine sterblichen überreste in Ottmarsheim bestattet wurden, ist ungewiß.

 

 

Geschichte der Abtei

Zunächst ging es aufwärts. Schon 1063, 10 Jahre nach des Stifters Tod, bestätigte der salische Kaiser Heinrich IV. Rechte und Besitz der Abtei.

 

Rund 200 Jahre später, im Kleinkrieg zwischen den Habsburgern und Bischof Heinrich von Basel – aus dem Geschlecht der Neuenburger – ließ der Kirchenmann die Abtei niederbrennen. Das gleiche Schicksal bereiteten ihr die Basler in den Jahren 1445/46 und die Berner 1468.

 

Abgesehen von diesen Katastrophen sollte sich auch die eigentlich bevorzugte Lage an der großen Verbindungsstraße zwischen Straßburg und Basel verhängnisvoll auswirken. Königlicher Besuch war häufig, und die Abtei war verpflichtet, Herrscher und Troß zu verpflegen. Das ruinierte die Benediktinerinnen, die damit das Schicksal anderer Klöster teilten.

 

Später war die Abtei Adelsstift bis zur Säkularisierung 1790. Nur die Kirche entging dem Abriß.

 

 

Baugeschichte der Kirche

Natürlich begegnet uns der heute fast 1000 Jahre alte Bau nicht im Originalzustand. Aber es ist sehr viel ursprüngliche Bausubstanz erhalten, wenn auch im Laufe der Jahrhunderte immer wieder restauriert wurde.

 

Die wichtigsten baulichen Veränderungen waren die Aufstockung der Vorhalle zum Turm im Westen etwa 200 Jahre nach Baubeginn und die Erneuerung der Kuppel Ende des 17. Jh.. Die Fenster im Umgang wurden erst im 19. Jh. eingebrochen. Ein Dachstuhlbrand erforderte weitere Reparaturen im Jahre 1991.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Wuchtiges Untergeschoß, darüber Säulen-"Vorhang", Fresken

 

Bis auf den turmartigen 2-geschossigen Chor im Osten wurden alle anderen Anbauten am Ende des Mittelalters oder in der frühen Neuzeit errichtet.

 

Im Inneren wurden die Fresken aus dem 14./15. Jh. im Jahre 1445 durch Brand zerstört. Die bald darauf ersetzten Wandmalereien verschwanden gottlob unter Putz und wurden erst im 19. Jh. wieder entdeckt.

 

 

Die Architektur

Die Abteikirche hat mit 20 m Kuppelhöhe, 20 m Durchmesser des äußeren Achtecks und 10 m des Kernraumes schöne Proportionen. Auch sonst ist der Bau keine sklavische Kopie. Es ist reizvoll, Vergleiche anzustellen, zunächst einmal beim Außenbau.

 

Dem Aachener Faltdach aus dem 17. Jh. steht in Ottmarsheim ein zeitgemäßes oktogonales Zeltdach gegenüber, wie es sich die Forscher auch für den Ursprungsbau in Aachen vorstellen.

 

Der zweigeschossige Umgang ist 8-seitig (wie in San Vitale) anstelle des 16-seitigen in Aachen. Ein Turm mit Satteldach ersetzt in Ottmarsheim das Aachener Westwerk. Und hier gibt es ihn noch, den ursprünglichen rechteckigen tonnengewölbten Ostchor. Er mußte in Aachen der – zugegeben - schöneren gotischen Halle weichen.

 

Die Aachener Lisenen am Tambour fehlen. Ihn schmücken hier unauffällige Rundbogenfriese. Der Schachbrettfries unter der Dachtraufe des Mittelbaus stammt aus dem 19. Jahrhundert.

 

Auch im Inneren zeigen sich deutliche Unterschiede.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
OTTMARSHEIM - Typische doppelgeschossige Säulenstellung, 3-teilige Säulenarkaden mit Basen und Würfelkapitellen
 
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
AACHEN - Antike Säulen (Spolien, korinthische Kapitelle, Marmorverkleidung)

 

Vor allem - es fehlt in Ottmarsheim die antike Pracht, die auch ganz unpassend wäre. Die Marmorsäulen aus Ravenna mit korinthischen Kapitellen wichen monolithischen Säulen aus rotem Sandstein mit Würfelkapitellen. Es fehlen die Marmorverkleidungen, die aufwendigen Bronzegitter und die prachtvollen Mosaike. Ihren Platz nahmen die teilweise erhaltenen Wandmalereien ein.

 

Auch die Dimensionen sind andere. Der Durchmesser der Pfalzkapelle ist etwa um ein Drittel größer.

 

Hier wie in Aachen ist die Empore höher als der Unterbau. Beide Kirchen schließen mit einem Klostergewölbe ab. Der untere Umgang hat durch Dreiecke verbundene Kreuzgratgewölbe mit Gurtbögen. Leider konnte ich bei meinem Besuch den oberen Umgang nicht betreten. Er soll durch ansteigende Quertonnen gewölbt sein.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)Unterer Umgang. Kreuzgratgewölbe mit Gurtbogen
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Kuppel, Klostergewölbe mit Fenstern im Tambour

 

Da ich leider keinen Zugang zu den oberen Fresken hatte, mußte ich von unten fotografieren. Es sind die unterschiedlichsten Themen dargestellt, z.B. ein gesichtsloser Erzengel Gabriel, der die Sünde niederstreckt.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Wandmalerei oberer Umgang: Erzengel Gabriel
 
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Kreuzgratgewölbe Chorumgang: Stifterfamilie rechts
 
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Chorgewölbe - Petrus auf dem Thron

 

Alles in allem – die Kirche in Ottmarsheim ist eine späte aber würdige Nachfolgerin ihrer großen Vorgängerbauten.

 

 

Literatur
 
Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin 1994
 
Erkens, Franz-Reiner, Konrad II., Herrschaft und Reich des ersten Salierkaisers, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 1998
 
Kaiser, Wolfgang, Romanische Architektur in Deutschland, in: Romanik, Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996
 
Koch,Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
Nahm, Peter M., Elsaß/Vogesen. Baedeker Reiseführer, Karl Baedeker GmbH, Ostfildern, 4. Auflage, 2000
Untermann, Mathias, Karolingische Architektur als Vorbild, in: Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Beiträge zum Katalog der Ausstellung,1999, Stiegemann, Christoph/Wemhoff, Mathias (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz. 1999
 
Winterfeld, von, Dethard, Romanik am Rhein, Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, 2001
 
 
Vortrag
 
Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003
 
 
Netz
 
Ottmarsheim
 
Die Welt der Habsburger
 
 
 
Eigene Beobachtungen