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Ottonisch

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode

 

Die berechtigte Sorge eines mittelalterlichen Schlagetots um sein Seelenheil bescherte uns eines der schönsten Beispiele ottonischer Architektur. Sankt Cyriakus ist in vieler Hinsicht ein Bau der Superlative, den der Laie im Harzstädtchen nicht erwartet. Die reiche Ausstattung der Emporenbasilika mit Arkaden, Kapitellen und einem Heiligen Grab kontrastiert mit den dunklen, weihevollen Krypten.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
St. Cyriakus von Ost

Wenn ein Besucher den Ort Gernrode gen Westen verlässt, erblickt er ein altes Gotteshaus, das auf den ersten Blick nicht verrät, daß es für Kunsthistoriker ein Bau der Superlative ist.

 

Bedeutung und Geschichte

 

Aber in der Tat, die Kirche eines Kanonissenstiftes, vom Markgrafen Gero ab etwa 960 erbaut, ist der älteste erhaltene Sakralbau ottonischer Architektur. Er beherbergt – neben der in Meiningen (Thüringen) – die älteste Hallenkrypta nördlich der Alpen, es ist die einzige erhaltene ottonische Kirche mit Langhaus-Emporen und das früheste Beispiel dieses Typs in Mitteleuropa. Damit nicht genug ist der Bau eines der ältesten Beispiele einer Kirche mit ausgeschiedener Vierung und wohl das erste mit Stützenwechsel, der so typisch für die ottonische Architektur ist.

 

Einen "Makel" allerdings hat der Bau: Er ist in der Längsachse geknickt. Im Gegensatz zu Walter Wulf, der den Langhausbau in den 70er Jahren des 10. Jahrhunderts vermutet, geht ein späteres Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Unversität Göttingen in einem Begleittext zu einer Ausstellung davon aus, daß nach Fertigstellung der Ostteile zunächst das Westwerk gebaut wurde und das Langhaus zum Schluß. Die Gründe für den Achsenknick, sind unbekannt. Dieses Schicksal teilt Gernrode mit einigen anderen mittelalterlichen Kirchenbauten. In Göttingen werden Vermutungen zitiert, es könne an der Stelle des geplanten Langhauses eine Kapelle gestanden haben, deren Abriß eine langfristige Störung der Gottesdienste bedeutet hätte. Ich kann mich dem nicht anschließen. Die Abweichung beträgt nur 2 m, und, wichtiger, die Ostteile der Kirche, also deren liturgisches Zentrum, waren wohl fertiggestellt.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Geros Sarkophag

Gero war seit 937 Herrscher der Ostmark. Er war ein Vertrauter Kaiser Ottos I. und reich mit Landbesitz gesegnet. Er schenkte dem Stift unter der ersten Äbtissin Hathui, seiner Schwiegertochter, als finanzielle Grundlage eine Handvoll Dörfer. Er schuf damit eine Grablege für sich und seine Familie und sicherte sein Seelenheil. In seiner Blütezeit besaß das Stift etwa 11.000 Hektar Land und die entsprechende Anzahl von Hörigen. Es stieg zum Reichsstift auf.

 

Der Gründer starb 965, nachdem er 2 Jahre zuvor aus Rom eine Arm-Reliquie des Hl. Cyriakus mitgebracht hatte. Die Fachleute sind ziemlich sicher, daß die Ostteile der Kirche fertig waren und Gero dort bestattet werden konnte. Sein Sarkophag, im Jahre 1519 geschaffen, steht in der Vierung vor dem Aufgang zum Ostchor.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Apsis und Querhaus von Ost

Architektur

 

Aus dem Ort kommend erblickt man zunächst die altersgrauen Mauern von Ostapsis und Querschiff, die ältesten Teile der Kirche.

 

Bis auf die Öffnung zur Krypta ist die schlichte Apsis vor dem Chorhaus fensterlos. über den Nebenapsiden lassen rechts und links pyramidenförmig angeordnete Dreiergruppen von Rundbogenfenstern Licht in die Querhausarme. Sie wiederholen sich an den Stirnwänden. Einige der Querhausfenster wurden erst im 19. Jahrhundert angebracht.

 

An der weniger interessanten Nordseite mit dem von 2 kleinen Löwen bewachten Eingangsportal vorbei gehend trifft der Besucher auf den wohl schönsten Teil des Außenbaues, das Westwerk aus hellem Muschelkalkstein. Allerdings steht man vor einer Baugruppe des 12. Jahrhunderts. Damals entschloß sich eine Äbtissin, die Kirche zu einer doppelchörigen Anlage umzugestalten.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Westchor und Treppentürme von Nord-West

Der quadratische Original-Mittelturm wurde durch den heutigen schmalen Quergiebelbau mit 3 gekuppelten Zwillingsfenstern über einer großen Apsis ersetzt. Sie erhält Licht durch eine Dreiergruppe von Rundbogenfenstern, deren Anordnung im Gegensatz zu denen an den Ostteilen steht. Zufall oder Absicht? Die Blendarkaden unter der Traufe sind aus dem 19. Jahrhundert.

 

Die beiden Treppentürme sind wohl aufgestockt worden und überragen nun den Mittelbau. Im Vergleich zum sonst eher schlichten Bauschmuck sind sie reich dekoriert. über den hohen Lisenen in den Untergeschossen, die sich an der Ostapsis wieder finden, winden sich manschettenförmig Blendarkaden, die sich durch einen Rundbogenfries am südlichen und einen Giebelfries am nördlichen Turm unterscheiden. Diese Dreieck-Ornamente, die Vorbilder im damals vorherrschenden Holzbau haben könnten, fand ich auch an der karolingischen Halle von Lorsch.

 

Der Westbau wurde im 19. und 20. Jahrhundert restauriert und nochmals verändert.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Rest Kreuzgang und Langhaus von Süden

Einige Schritte weiter, und es überrascht der Anblick der Südwand des Langhauses. Hier türmen sich imponierend die Geschosse übereinander. Diesen Eindruck bewirkt der 2-stöckige Nordflügel des spätromanischen Kreuzgangs, der als einziger der 4 Flügel erhalten ist. Er wurde um 1170 errichtet, und im 19. Jahrhundert vollständig erneuert, jedoch unter Verwendung von Original-Baumaterial des 12. Jahrhunderts. Der reiche spätromanische Bauschmuck verdient Aufmerksamkeit und Bewunderung.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Nordflügel Kreuzgang

Aber erst im Inneren der Kirche erschließt sich die wahre Bedeutung des Baus mit durch hohe Bögen ausgeschiedener Vierung, den zierlichen Arkaden der Emporen und dem Wechsel zwischen Säulen und Pfeilern in den Erdgeschoß-Arkaden. Damit führte der Schöpfer des Originalbaus im Abendland ein neues Stilelement ein, von Kunsthistorikern als Stützenwechsel bezeichnet. Die Säulen tragen prächtig ornamentierte antik anmutende Kapitelle.

 

Die Langhaus-Emporen darüber gliedern sich in 2 x 6 Arkaden, durch kleine Säulen getrennt. Jeweils 2 werden durch Blendbogen überfangen. Je eine Arkadengruppe oben entspricht einer unteren Doppelarkade und wird durch einen Mittelpfeiler in der Achse des unteren getrennt.

 

Der Großteil der mir zugänglichen Literatur erwähnt die Funktion der Langhaus-Emporen nicht. Wolfgang Braunfels jedoch meint, daß die Äbtissin mit einigen hochadligen Damen auf der Westempore saß, den Altar, das Grab des Gründers und die auf den Langhausemporen sitzenden Stiftsdamen im Blick, die ihrerseits, jeweils gegenüber, auf die schöne Architektur der Mittelschiffwände blickten. Der Kirchenraum sollte von den Emporen aus erlebt werden. Braunfels hält sie für das Wichtigste des Baues - als Aufenthaltsort der für die Seele des Gründers betenden Kanonissen. Nur davon ausgehend könne die Bedeutung des Baues jenseits architekturhistorischer Betrachtungen erschlossen werden.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Südwand: Arkaden, Empore, Obergaden
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Blick in die Ostapsis
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Südwand: Emporenarkade

Die 7 kleinen Rundbogen-Fenster im Obergaden nehmen keinen Bezug auf die Achsen einer oder beider Arkaden. Das hatte, rund 200 Jahre früher, der Baumeister der schlichten karolingischen Einhardsbasilika in Michelstadt besser gekonnt.

 

Die helle Farbe betont die Leichtigkeit der Architektur der elegant gegliederten Mittelschiffwände. Zur Gründerzeit waren sie wahrscheinlich bemalt.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Westkrypta

Farbe erhält der Innenraum heute durch die Wandmalerei in den Apsiden. Der Bildschmuck in der Ostapsis wurde im 19. Jahrhundert nach alten Befunden geschaffen. Auch die Wandmalerei in der Westapsis ist neu. Die aus gleicher Zeit stammende mit Propheten und Königen bemalte Balkendecke erinnert mich an die mittelalterliche Holzdecke in Sankt Michael in Hildesheim, auf der allerdings der Stammbau Jesu dargestellt ist.

 

Zwei weitere Gebäudeteile sollte man auf alle Fälle besuchen: die Krypten.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Ostkrypta

Die altertümliche Ostkrypta ist der älteste Teil des Baues. Vier Pfeiler, die östlichen sind Monolithe, tragen das nicht ganz durchgestaltete Tonnengewölbe des niedrigen 3-schiffigen Raumes. 3 Fensternischen sind tief eingeschnitten. Das äußere Halbrund der Apsis wird innen nicht wiederholt. Auch wer viele Krypten besucht hat, kann sich dem mystischen Eindruck dieses Ortes nicht entziehen.

 

Die Westkrypta, etwa 150 Jahre später entstanden, atmet einen anderen Geist, den der Hochromanik. Auch sie ist eine, nun voll ausgebildete, 3-schiffige Hallenkrypta. Das Kreuzgratgewölbe ruht auf schlanken Säulen, meist mit Würfelkapitellen. Der Raum ist höher und wirkt leichter. Würde man den beiden Krypten in Gernrode noch eine gotische gegenüberstellen, hätte man einen großen Bogen mittelalterlicher Kryptenstile gespannt (>Krypten).

 

Ausstattung

 

Anfang des 17. Jahrhunderts erlitt das Stift durch die Reformation das Schicksal aller deutschen Klöster. Es wurde aufgelöst, und die täglichen Stundengebete für das Seelenheil der Gründerfamilie verstummten. Das reiche Inventar ging im Bildersturm unter.

 

Wenig hat sich erhalten. Der wuchtige Taufstein vor dem Eingang zur Westkrypta, der um 1150 entstand, wurde im 19. Jahrhundert aus Alsleben an der Saale geholt, einem früher zum Stift gehörenden Dorf. An den Außenwänden sind in Rundbogennischen Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Taufe vor Eingang Westkrypta
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Taufe
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Taufe

Eine gerettete Kostbarkeit ist die Nachbildung des Heiligen Grabes in den südlichen Langhaus-Arkaden. Es wurde um 1080 geschaffen und mit wertvollen Stuckreliefs geschmückt. Ostern versammelten sich die Kanonissen hier zu einer Feier der Auferstehung. Bei meinem Besuch war die Kammer leider nicht zugänglich, und so musste ich mich mit der Betrachtung der äußeren Reliefs begnügen.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Heiliges Grab
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Heiliges Grab: Detail

Wer meine Bewunderung für diesen eindrucksvollen und vielfach interessanten Bau teilt, sollte sich auf den Weg nach Hildesheim machen, um den Höhepunkt ottonischer Architektur zu erleben, die ehemalige Klosterkirche Sankt Michael.


 


 

Literatur:

 

 

Barral i Altet., Xavier, Romanik, Städte, Klöster und Kathedralen, Stierlin, Henri (Hrsg.),

Taschens Weltarchitektur, Benedikt Taschen Verlag GmbH, Köln, 1998

 

Braunfels, Wolfgang, Die Kunst im Heiligen Römischen Reich, Band II und IV, Verlag C.H. Beck, München, 1980

 

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

 

Czaya, Eberhard, Die Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt, DuMont Buchverlag, Köln

 

Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Grodecki Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.), Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967


Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Reprint der Originalausgabe von 1909

 

Jacobsen, Werner/Lobbedey, Uwe/Winterfeld, Dethard von, Ottonische Baukunst, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

 

Kaiser, Wolfgang, Romanische Architektur in Deutschland, in: Romanik, Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996

 

Kiesow, Gottfried, Kulturgeschichte sehen lernen, Band 2, 1. Auflage, Verlag MONUMENTE Publikationen, Bonn 2001

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Pischel, Gina, Große Kunstgeschichte der Welt, Südwestverlag GMBH & Co. KG, München, 1980

 

Voigtländer, Klaus, Die Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode, DKV Kunstführer Nr. 404/2, Deutscher Kunstverlag München/Berlin, 7. Auflage


Wulf, Walter, Romanik in der Königslandschaft Sachsen, Zodiaque Echter Verlag, Würzburg, 1996

 

 

 

Netz

 

SchleierHaft?, Mittelalterliches Leben im Frauenstift Gernrode

www.stift-gernrode.uni-goettingen.de

 

 Die Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode

www.stiftskirche-gernrode.de

 

 

 

Eigene Beobachtungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 










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