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GoTIK

Dom St. Mauritius und St. Katharina in Magdeburg


Ernst und altersgrau begrenzt der erste gotische Großbau Deutschlands den riesigen Magdeburger Domplatz im Süden, ein Kontrast zum hellen Barockensemble des Landtages auf der gegenüber liegenden Seite. Der Dom soll, wie schon sein Vorgänger, an die erste Kaiserdynastie des Reiches erinnern, die Ottonen.

 

Heiratsurkunde Theophanus und Ottos II.

Die Dynastie der Ottonen

 

hat ihre Wurzeln in der Familie der sächsischen Stammesherzöge, der Liudolfinger. Nach dem Tod des Franken Konrads I., wurde 919 der sächsische Herzog als Heinrich I. König des Ostfrankenreiches.



Sein Sohn folgte ihm nach als König und Kaiser Otto I., der nach der die Ungarn vernichtenden Schlacht (955) auf dem Lechfeld den Beinahmen „Der Große“ erhielt. Sein Sohn folgte ihm als Otto II. Aus dessen Ehe (972) mit Theophanu aus byzantinischem Hochadel ging Kaiser Otto III. hervor, ebenfalls deutscher König und Kaiser des Römischen Reiches.

 

Sarkophag Ottos des Großen

Nach seinem frühen Tod ging 1002 die Herrschaft an eine Nebenlinie über. Herzog Heinrich IV. von Bayern, Urenkel Heinrichs I., wurde König und 1014 Kaiser. Nach seinem Ableben (1024) wurde die Ottonische Herrschaft nach 105 Jahren abgelöst durch die Dynastie der Salier.

 

Spätgotische Doppelturmfront

Bedeutung des Domes

 

Schon 7 Jahre vor der Kaiserkrönung Ottos I. hatte 955 in Magdeburg der Umbau einer Klosterkirche zu einem Kaiserdom begonnen, der 1207 nach etwa 250 Jahren einem Stadtbrand zum Opfer fiel.

 

Diese Dome sind nach Symbolik und Bedeutung in einer Reihe zu sehen mit der Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen und dem romanischen Salier-Dom in Speyer. Alle sind auch Grablegen.

 

Die Herrschaft der sächsischen Ottonen war im Erzbistum Magdeburg, gegründet 968 von Otto I., auch zu Beginn des 13. Jh. nicht vergessen. So beschloss Erzbischof Albrecht II. nach der Vernichtung des ottonischen Domes sofort einen Neubau. Der Grundstein wurde 1209 gelegt. Der spätere König und Kaiser Lothar, sozusagen Verwandter aus sächsischem Hochadel, versprach Förderung.

 

Der neue Dom sollte keine Kopie des alten werden, gleichzeitig aber Größe und Bedeutung der ottonischen Dynastie und ihres großen Kaisers, Otto I., bewahren.

 

Es entstand eine imponierende dreischiffige Basilika von 120 m Länge, mit zweizonigem Aufriss, einem wenig herausragenden Querhaus, einem Kapellenchor mit Umgang und einer Doppelturmfront. Der Dom ist evangelische Bischofskirche.

 

Bau- und Architekturgeschichte

 

Ob die Bauherren ahnten, wie schwierig der Weg werden würde? Sußmann zählt elf Bauabschnitte, ehe 1520 die Doppelturmfront im Westen vollendet war. Damit endeten die Bauarbeiten nach mehr als 300 Jahren im Ausgang des Mittelalters, im Vergleich keine lange Bauzeit. Der Dom in Köln und das Ulmer Münster wurden erst im 19. Jh. vollendet.

 

Zu den finanziellen und technischen Problemen gesellten sich Stil- und Architekturfragen.

 

Der Erzbischof hatte in Frankreich studiert und war mit dem neuen Kathedralstil, den noch niemand „gotisch“ nannte, in Berührung gekommen. So dürfte er die Arbeiten an der 1163 begonnene Kathedrale Notre Dame in Paris gesehen und vielleicht studiert haben.

 

Jedenfalls, der neue Stil sollte es sein. Man kann den Magdeburger Dom als den ersten gotischen Großbau in Deutschland bezeichnen, oder, vielleicht korrekter, den ersten als gotischen Großbau geplanten.

 

Denn erst 39 Jahre nach dem Baubeginn wurde der Grundstein zum Kölner Dom gelegt, ein durchgehend hochgotisches Bauwerk. Dazwischen lagen bedeutende gotische Bauten, wie die Liebfrauenkirche in Trier (1230) und die Elisabethkirche in Marburg (1235).

 

Als ich mich dem Dom vor 15 Jahren zum ersten Mal näherte, hatte ich die Bilder gotischer Kathedralen Frankreichs im Kopf und stutzte. Da fehlte etwas. Es war das offene Strebewerk, so typisch für die Kathedralgotik und eigentlich unerlässlich für große gotische Bauten. Ursprünglich eine technische Hilfskonstruktion, hatte es sich durch künstlerische Gestaltung und häufige Verwendung zu einem unverwechselbaren Stilmerkmal der Gotik entwickelt.

 

In Magdeburg genügten Strebepfeiler. Die Wände des Domes sind ungewöhnlich mächtig und wurden oben durch unsichtbare schwere Querwände stabilisiert.

 

Der Chor

Der Chor

 

Mich erwartete eine weitere Überraschung im Osten. Wohl haben Umgangschor und Kapellenkranz einen gotischen Grundriss. Aber das Untergeschoss mit seinen 5 Kapellen, an dem bis etwa 1220 gebaut wurde, macht einen eher festungsartigen Eindruck, die Fenster stufenweise in das massige Sandstein-Quadermauerwerk eingeschnitten. Oberhalb spitzbogiger Fenster, überrascht unter der Traufe der Kapellen ein Rundbogenfries, ein typischer romanischer Bauschmuck.

 

Ich sehe drei mögliche Gründe für die Stilabweichung: Entweder hat der Erzbischof das neue Bauen nicht richtig verstanden, oder er hat seine Kenntnisse den Bauleuten nicht vermitteln können. Die für mich wahrscheinlichste Erklärung jedoch: Die sächsischen Bauhütten waren mangels Erfahrung zur Umsetzung der “sonderbaren“ neuen Ideen nicht in der Lage.


Ich fand den Chorumgang mit dem Grabmal Edithas, einer englischen Prinzessin und des großen Ottos erster Gemahlin, überraschend hell. Kräftige Spitzbögen teilen die Joche mit Kreuzgratgewölben. Die sie tragenden Säulen überraschen mit künstlerisch hochwertigen spätromanischen und Blattwerk-Kapitellen.

 

Figürliches Kapitell

Über dem Kapellengeschoss der berühmte Bischofsgang, die Chorempore. Daran hatten Werkleute gearbeitet, die Erfahrung im neuen Stil mitbrachten. Es waren Zisterzienser, die zuvor frühe Gotik in Maulbronn und anderen Klöstern ihres Ordens verwirklicht hatten.

 

Die Handschrift ist deutlich zu erkennen, obwohl das wulstige Kreuzrippengewölbe noch schwerfällig daher kommt. Die Fenster sind größer als im unteren Geschoss. Auffällig sind Säulen mit Schaftringen (Wirteln), nicht häufig in mittelalterlicher Sakralarchitektur Deutschlands.

 

Die Obergadenzone mit sehr großen Fenstern, gekrönt von einer Galerie, ist hochgotisch. Um 1250 war der Chor komplett und konnte genutzt werden.

 

Für den Laien sind die östlichen Bauelemente nicht leicht zu definieren. Steht man zu nah, übersieht man die „Stümpfe“ der geplanten Osttürme, die wie eingezwängt, zwischen Chor und Querhaus stehen, aber immerhin in 4 Geschossen bis zur Höhe der Chorgalerie empor gewachsen sind. Die Entscheidung, sie nicht zu vollenden ist eine der vielen Planänderungen während der gesamten Bauzeit.

 

Nordfassade

Nord- und Westfassade

 

Ich entschloss mich, den Umgang außen fortzusetzen und die Schätze des Paradieses später zu würdigen. Der Weg nach Westen wird begleitet vom kühlen Plätschern der Brunnen auf dem großen Domplatz.

 

Die Nordfront ist eine Schaufassade. Der Bau ist in der Hochgotik angekommen.

 

Westportal

Beeindruckend die Abfolge der je 10 dreibahnigen Arkaden- und Obergadenfenster. Je zwei Fenster beleuchten eines der 5 Joche. Die beiden verbindenden Giebel tragen identischen Bauschmuck. Wie auch am Chor fallen die häufigen und skurrilen Wasserspeier auf.

 

Einige Schritte noch, und ich schaue hinauf zu den zwei Türmen der Westfassade und dem Verbindungsbau, letzterer im Gegensatz zu den etwa 100 m hohen Türmen mit reicher Ornamentierung. Sie tragen jedoch offene Oktogone und Steinhelme.

 

Langschiff nach Ost

Blickfang ist das prächtige Gewändeportal, bewacht von Kaiser Otto I. auf dem Mittelpfeiler und dem Hl. Mauritius über ihm, im mit Maßwerk und Krabben geschmückten Wimperg vor Schleiermaßwerk.

 

Das Westportal wird nur in der Osternacht und bei Einführung eines neuen Bischofs geöffnet. Sonst betreten die Besucher den Dom durch eine kleine Tür im nördlichen Seitenschiff.

 

Im Inneren

 

Das Langhaus überrascht mit Weite und Helle. Ich habe den Eindruck, dass seit meinem letzten Besuch gelungen restauriert wurde. Auch wirkt der Dom „aufgeräumter“.

Nachbildung des Heiligen Grabes

 


Zwischen den großen spitzbogigen Arkadenöffnungen streben an vorgelegten Lisenen schlanke Halb- und Dreiviertelsäulen nach oben, markieren die Joche und tragen die Last der Gurtbogen. Die die Joche teilenden Halbsäulen im Obergaden sitzen in der Achse der Arkaden-Spitzbogen auf der Mauer auf.

 

Otto I. und Editha


Durch die Teilung der Joche entstanden in 32 m Höhe zwischen den Gurtbögen zwei schmale 4-teilige Rippengewölbe.

 


Der Blick geht nach Osten. Über dem Bischofsgang flutet durch drei große Fenster Licht in den Chor. Auf dem Weg dahin halte ich an vor der Rotunde des Heiligen Grabes (um 1250) und dem berühmten Paar darin, das über Jahrhunderte hinweg als Darstellung Kaiser Ottos. I. und Edithas galt. Diese Deutung ist in der Forschung heute umstritten.

 

Weiter im Osten der spätgotische Lettner mit Lesekanzel. Im Bildersturm der Reformationszeit und auch durch Änderung der Liturgie wurden viele Lettner, die Laien und Klerus während des Gottesdienstes trennten, zerstört. Umso wertvoller sind die Erhaltenen, wie der Spätgotische (Mitte des 15. Jh.) hier.

 

Lettner

 

Ich trete durch eine der beiden Pforten in einen Raum, der frühmittelalterlichen, ja antiken Geist atmet.

 

Insbesondere die roten Porphyrsäulen, von Otto I. aus Ravenna beschafft, lassen an das Kaisertum Karls des Großen und seine Pfalzkapelle denken.

 

Der Sarkophag Ottos des Großen, ebenso aus dem alten Dom gerettet wie die antiken Säulenschäfte, die die großen Statuen von Aposteln und Heiligen aufnehmen, das alles verleiht dem Hohen Chor Würde und Bedeutung.

 

Der Hohe Chor

 

Hier zwei Beispiele aus der Galerie der Apostel und Heiligen, die ihre Richter unter ihren Füßen demütigen.

 

Hl. Mauritius, hl. Innocentius
Torso Hl. Mauritius

 

Die beiden heiliggesprochenen Märtyrer waren Anführer bzw. Mitglied der Thebäischen Legion. Um 300 wurden sie hingerichtet, weil sie vom Christentum nicht lassen wollten.

 

Mauritius wurde von Otto I. zum wichtigsten Patron des Reiches erhoben. Von ihm ist im südlichen Chor noch ein Torso erhalten (um 1240), der als ältestes Bildnis eines Schwarzafrikaners in der Nachantike gilt. Die Skulptur wurde erst in der 1. Hälfte des 19. Jh. bei Restaurierungsarbeiten gefunden.

 

Paradies

 

Ehe ich den Dom verlasse, erinnere ich mich des Paradieses vor der Nordfassade des Querhauses, einer Vorhalle aus der Mitte des 14. Jh.

 

Sie beherbergt den berühmtesten Skulpturen-Zyklus des Domes mit Statuen der Klugen und Törichten Jungfrauen aus der Zeit um 1250. Das Gleichnis aus dem Neuen Testament ist im Mittelalter oft dargestellt worden.

 

Kluge Jungfrauen
Törichte Jungfrauen

 

Geese lobt die Darstellung als äußerst innovativ und von hoher Expressivität. Quast und Jerratsch nennen den Schöpfer einen der großartigsten Bildhauer des Mitttelalters. Und in der Tat sind die Statuen in Gestik und Mimik sehr lebendig.

 

Im Tympanon werden Tod und Himmelfahrt Mariens dargestellt.

 

Abgesehen vom Superlativ als erster gotischer Großbau in Deutschland, hat der Dom in Magdeburg viel zu bieten. Die helle Weite des Innenraumes und die vielen Kunstwerke versöhnen mit dem etwas strengen Außenbau. Ein Besuch lohnt sich.

 

 

Literatur

 

Behringer, Charlotte/Merlin, Peter/Norton/Natasha/Sondermann, Elga, Kathedralen, Hundert Wunderwerke des Abendlandes, I.P. Verlagsgesellschaft International Publishing GmbH München, 1991, für Nebel-Verlag

 

Binding Günther, Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998

 

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

 

Czaya, Eberhard, Die Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt, DuMont Buchverlag, Köln, 1998

 

Eisold, Norbert, Lautsch, Edeltraut, Sachsen-Anhalt, Kunst-Reiseführer DuMont, 4. Auflage, 2005, DuMont Reiseverlag, Ostfildern

 

Erlande-Brandenburg, Alain (aus dem Französischen übersetzt), The Holy Roman Empire, in: Gothic Art, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, New York, 1989

 

Geese, Uwe, Skulptur der Gotik in Frankreich, Italien, Deutschland und England, in: Gotik – Die Kunst der Gotik, Architektur, Skulptur, Malerei, Toman, Rolf, (Hrsg), Könemann Verlagsgesellschaft mbH.; Köln, 1998

 

Gross, Werner/ Kobler, Friedrich, Deutsche Architektur, in: Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter II, Die Kunst des Hohen Mittelalters, Hrsg. Simson, Otto von, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Hucker, Bernd Ulrich, Der Imperiale Monumentalstil in Deutschland 1206-1218: Kaiser Otto IV., der Magdeburger Domneubau und die Zisterziensergotik, in: Aufbruch in die Gotik, Band I, Puhle, Matthias, (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009

 

Klein, Bruno, Beginn und Ausformung der gotischen Architektur in Frankreich und seinen Nachbarländern, in: Gotik – Die Kunst der Gotik, Architektur, Skulptur, Malerei, Toman, Rolf, (Hrsg), Könemann Verlagsgesellschaft mbH.; Köln, 1998

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Laule, Ulrike, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg – Sonderausgabe

 

Nier, Klaus, Die Skulpturen des Magdeburger Domes in: Aufbruch in die Gotik, Band I, Puhle, Matthias, (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009

 

Quast, Giselher/Jerratsch, Jürgen, Der Dom zu Magdeburg, Deutscher Kunstverlag GmbH, Berlin, München, 2014, 3. Auflage

 

Simson, von Otto/Kurmann, Peter, Französische Architektur in: Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter II, Das Hohe Mittelalter, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Sußmann, Michael, Zu den Bauphasen und der Bautechnik des Magdeburger Domes, (1207-1520), in: Aufbruch in die Gotik, Band I, Puhle, Matthias (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009.

 

 

Eigene Beobachtungen

 

 











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