lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Sakralarchitektur: Einzelthemen

Tausend Jahre Türme:
Türme im Wandel der Stilepochen - Teil 1

 

Nachdem ich mich im ersten Dokument dieser Reihe mit einem geheimnisvollen mystischen Raum mittelalterlicher Gotteshäuser, der Krypta befaßte, steigen wir nun ganz nach oben. Hier ist nichts mehr geheimnisvoll. Die Kirche reckt sich hoch gen Himmel, will gesehen werden. Man hat die Türme auch die "Zeigefinger Gottes" genannt. Von hier aus rufen Glocken die Gläubigen zum Gebet.

 

Kirchtürme haben natürlich den Stilwandel in den verschiedenen Epochen mitgemacht.

 

Aber, weil sehr exponiert, sind gerade Helme und Obergeschosse oft verändert worden. Deshalb stimmt oft der Baustil des Turmes mit dem des übrigen Bauwerkes nicht überein.

 

Die ersten bekannten Türme soll es im 5. Jh. an den Fassaden syrischer Kirchen gegeben haben.

 


S. Apollinare in Classe (I),
 
um 540. Basilika, Turm (37 m hoch) zylindrisch, Gesimse, Rundbogenöffnungen
(9./10. Jh.)
 
 
In der Spätantike und frühchristlicher Baukunst (etwa 5. bis 8. Jh.) finden wir die frühesten Kirchentürme Europas, wahrscheinlich noch ohne Glocken.
 
Als erster wurde in Italien der frei stehende runde Campanile von S. Apollinare in Classe (bei Ravenna), erbaut. In Spanien spielten in der westgotischen Baukunst (Santa Maria, vorkarolingisch) dieser Epoche Türme keine große Rolle. Meist begnügten sich die kleinen Bauten mit Glockenstühlen.
Anders in England. In der angelsächsischen Architektur waren Türme ein typisches Stilmerkmal. Sie wurden mitsamt der Kirchen von den Normannen nach der Eroberung ab 1066 weitgehend vernichtet.
Auch aus Irland sind frühe Türme überliefert.
 
 

Klosterkirche Corvey (D),
 
 Baubeginn 873, spätkarolingisches Westwerk. Türme mit Spitzhelmen auf Dreiecksgiebeln
 
 
Mit der karolingischen Architektur (Hauptepoche 9. Jh.) kam der mehrgeschossige Westbau - auch als Westwerk bezeichnet. Die burgähnlichen Bauten sollten das Böse, das man im Westen vermutete, abwehren. Dem Erzengel Michael gewidmete Kapellen unterstrichen diese Vorstellung. Das einzige erhaltene Beispiel aus dieser Zeit ist das der Klosterkirche in Corvey. Die ursprüngliche Dreiturmfassade wurde im 12. Jh. durch den Abriß des Mittelturmes zur Zweiturmfassade. Im übrigen streiten Fachleute über die Funktion der Westwerke. Man sieht sie u.a. als Herrscherkirchen und als weltliches Gegengewicht zu Altar und Chor im Osten.
 

 St. Michael, Hildesheim (D),
 
 1010-1033 ottonische Basilika, Benediktiner Klosterkirche, Vierungstürme mit Pyramidendächern, Treppentürme mit Kegeldächern.
 
 
Typisch für die folgende Zeit der Ottonik (10. Jh. und frühes 11. Jh.) und frühen Romanik waren vieltürmige Kirchen, als Gottes- oder Kirchenburgen bekannt. Bis zu 9 Türme wurden geplant oder gebaut. Solche Bauten entsprachen dem Wunsch, das "Himmlische Jerusalem" aus der Offenbarung des Johannes abzubilden, eine Stadt also mit vielen Türmen und Toren. Berühmt ist St. Michael in Hildesheim, erbaut im Kerngebiet der Ottonen vom genialen Bischof Bernward. In der Mitte der beiden Querschiffe erhebt sich je ein mächtiger gedrungener Vierungsturm. Jedes Querhaus ist von 2 Treppentürmen flankiert, so daß dieser Bau mit 6 Türmen auf sich aufmerksam macht, die bis auf Gesimse und Rundbögenöffnungen schmucklos sind.
 

Stiftskirche Ste. Gertrude, Nivelles (B),
 
 Baubeginn 10. Jh., heutiger Westbau 12. Jh. mit Zentralapsis, ottonisch/romanische Basilika, Mittelturm oktogonal, achteckiger Helm mit Rundbogenfries gekuppelte Zwillingsfenster, Zwerggalerie, 2 flankierende Treppentürme mit Gesimsen und Kegeldächern.
 
 
Auch im Westen des jungen Römischen Reiches (Kaiserkrönung Ottos I. 962) wurden monumentale Westwerke gebaut, wie das Beispiel aus Nivelles (B) zeigt.
 

St. Liberius, Dom zu Paderborn (D)
 
 im wesentlichen 13. Jh., Hallenkirche, Turm 1050-1070, >90 m hoch, übergangsstil zw. Romanik und Gotik, Turm mit viereckigem Spitzhelm und 4 Ecktürmchen, Rundbogenfriese in den Giebeln, Vielzahl von Rundbogenfenstern und >70 Schallöffnungen, mit 2 kleinen flankierenden Treppentürmen mit Kegeldächern.
 
 
Der Romanik (in D. etwa 2. Hälfte 11. bis Mitte 13. Jh.) kann man keine Fassadenform eindeutig zuordnen. Dazu waren regionale Vorlieben, Bestimmung der Bauten etc. zu unterschiedlich. In Deutschland setzte sich die Vorliebe für monumentale Westbauten fort. Sie waren besonders häufig im damaligen Sachsen und in Westfalen. Auch mächtige Einturm-Fassaden gehörten dazu, wie diese am Dom zu Paderborn oder die an der Stiftskirche St. Patrokli in Soest.
 

"Dom" St. Blasius, Braunschweig (D),
 
1173-1275, Pfeilerbasilika, "Sächsischer Westriegel" mit Radfenster und Rundbogenfries.
 
Im Kerngebiet seines nördlichen Herrschaftsbereiches, in Braunschweig, stiftete Herzog Heinrich der Löwe nach seiner Rückkehr aus Palästina eine Kollegiats-Stiftskirche, meist als "Dom" bezeichnet.
 

Maria Laach, Eifel (D)
 
~1230 beendet, Abteikirche, Pfeilerbasilika, 6 Türme, 2 Chöre, hintere Flankentürme (Ostteil) mit Pyramidendächern, östlicher Vierungsturm und westliche Treppentürme mit polygonalen Dächern, westlicher Vierungsturm mit Pyramidendach auf 4 Dreiecksgiebeln, Lisenen, Rundbogenfriese, Zwerggalerien.
 
 
In Deutschland (und in Frankreich) blieben vieltürmige Bauten beliebt. Eine der schönsten Kirchen dieses Stils ist die Abteikirche von Maria Laach.
 

St. Marien + Nikolai, Jerichow, Sachsen-Anhalt.
 
Um 1200, Basilika, Prämonstratenser Klosterkirche, Backsteinbau, Zwillingsfenster, Blendarkaden, Friese, Gesimse
 
 
Alle sprechen von Backsteingotik, doch es gab auch in der Romanik (wenige) frühe Beispiele der Verwendung von Ziegeln in großen Sakralbauten in Deutschland, z.B. die Klosterkirche Jerichow und der Dom in Ratzeburg.

St. Peter und Paul, Worms (D),
 
 Ende 12. Jh., spätromanisch, Gesimse, Diamant- und modifizierte Rundbogenfriese, gestufte Dreier-Schallöffnung auf Säulchen (Turm hinten). Zwerggalerien, Lisenen, Kegeldächer
 
 
Einer der Höhepunkte deutscher Romanik waren die so genannten Kaiserdome in Speyer, (Grablege der Salier), Worms (Grablege der Konradiner) und Mainz mit jeweils repräsentativen Turmgruppen.
 

St. Kunibert, Köln,
 
Baubeginn ~1210, Rhein. Spätromanik, quadratische Osttürme, 4 Geschosse, Pyramidendächer, Gesimse, unten große Rundbogenfenster, oben Blendarkaden, Rundbogenfriese.
 
 
Die Epoche der rheinischen Spätromanik, die wunderbare Bauten hervorbrachte, endete mit St. Kunibert. Der Bau wurde 1247, nur ein Jahr vor der Grundsteinlegung des Kölner Domes, geweiht. .

St. Michel-de-Cuxa, Roussillon (F)

2. Hälfte 10. Jh., Türme 11. Jh., Abteikirche. Basilika, stumpfer Abschluß, mit Zinnen, untere Geschosse durch Gesimse getrennt, Rundbogen- und Diamantfriese.

 

Die Romanik in Frankreich ist regional sehr unterschiedlich ausgebildet. Sie begann um das Jahr 1000 mit der "l’art pré-roman". In Deutschland sprechen wir zu diesem Zeitpunkt von der Ottonik. Im Mittelmeerraum ist der Stil dieser Zeit als "premier art roman méridional" bekannt. Der letzte noch erhaltene der beiden Türme der Abteikirche von St.-Michel-de-Cuxa ist einer der schönsten.
 

St. Philibert, Tournus, Burgund (F).

Um 1000, Abteikirche, Basilika. Flache Lisenen, Rundbogenfriese. Untere Geschosse: schießschartenähnliche Öffnungen

 

Auch in Burgund entwickelte sich ein eigener Stil. Diese frühe Doppelturm-Westfassade zeigt den kleineren Original-Turm mit Satteldach. Der nördliche mit Pyramidendach wurde im 12. Jh. um 2 Stockwerke erhöht.
 

Abteikirche Cluny III,
 
um 1100. Oktogonaler Vierungsturm des letzten teilweise erhaltenen Querschiffes, 8-teiliger Helm. Gesimse, Rundbogenfries, rundbogige Schallöffnungen, im oberen Geschoß durch Säule unterteilt, begleitet von Blendarkaden
 
 
Auch der Vierungsturm blieb aktuell. Hier ein ganz berühmter, der von Cluny III, dem dritten riesigen Kirchenbau des Reform- Klosters. Der 5-schiffige Bau hatte eine Länge von fast 190 m. Der Abbruch, Anfang des 19. Jh., war bis auf diese geringen Reste "erfolgreich".
 

St.-Pantaléon, Gueberschwihr, Elsaß (F),

Einzig der Turm blieb erhalten. Etwa 1130 Satteldach, kräftige Gesimse, Rundbogen- und Diamantfriese, Blendarkaden, Zwillingsöffnungen teils gekuppelt. (Der Rest der Kirche ist 19. Jh.)

 

Eine weitere wichtige Region für die Romanik in Frankreich ist das Elsaß. Hier orientierten sich die Baumeister zum Teil an Vorbildern von jenseits des Rheins.
 

San Zeno Maggiore, Verona (I)
 
12. Jh., 2-farbige Streifenornamente, Dreiergruppen von Rundbogenöffnungen,
4 Ecktürmchen.

 

Die romanische Sakral-Architektur in Italien ist, wie in Frankreich, regional unterschiedlich. Im Norden blieben die Türme meist freistehend, wie hier. (Leider verdeckt die Zypresse die Lücke.)

Kathedrale Santa Maria Assunta, Pisa, (I)

~1170-1370, Turm freistehend, ~55 m hoch, marmorverkleidet, flacher Abschluß, die 6 Geschosse über dem Unterbau sind von Säulengalerien umgeben, zurückgesetztes Glockengeschoß reich dekoriert (Foto: Peter Kramer, Troisdorf).

 

Und wer kennt nicht den Turm von Pisa? Schief war er wegen des Untergrundes schon im Mittelalter. Daher die ständigen Bauunterbrechungen und die lange Bauzeit. Ein Wunder, daß er noch steht und inzwischen gar saniert ist. Trotz Schieflage ein wunderbarer Bau.
 
 

Sant’Antimo, Toskana (I)
 
12. Jh., Benediktiner-Abteikirche, Basilika, flacher Turmabschluß, 4 Geschosse, Gesimse, Rundbogen-öffnungen, angedeutete Rundbogen-Blendarkaden.
 
 
In der südlichen Toskana erinnert die bekannte Klosterkirche Sant’Antimo mit schlichter Architektur eher an burgundische Abteien.

Kathedrale San Salvatore, Cefalú, Sizilien (I),

Weihe 13. Jh., sizilianische Romanik, normannisch, Doppelturm-Fassade, Türme quadratisch, in oberen Geschossen gekuppelte Zwillingsfenster, Glockenstuben (zurückgesetzt) mit Zinnen, Spitzhelm bzw. Pyramidendach

(Foto: Peter Kramer, Troisdorf).

 
In Süditalien und Sizilien herrschten im Mittelalter die Normannen und "importierten" nicht selten Zweiturm-Fassaden aus Frankreich.

 St. Nicolaus, Nylars, Bornholm (DK).

12. Jahrhundert, Rundkirche mit Kegeldach, Turm mit Fachwerkgeschoß und Satteldach.

 
Außer in Italien habe ich nur noch bei den berühmten Rundkirchen Bornholms in Dänemark frei stehende Türme gefunden. Vielleicht hat diese Anordnung mit der Funktion als Wehrkirchen zu tun.

San Esteban, Segovia, (E)

Anfg. 13. Jh. Geschosse durch Gesimse getrennt, untere Geschosse: Blendbögen, obere: tief eingeschnittene Rundbogenfenster, Pyramidendach.

 
In Spanien finden wir nur in den nördlichen Provinzen, in Zentralspanien und in Katalonien romanische Bauten. Der Süden war noch von den Mauren besetzt, deren Stil aber Einfluß auf die Architektur nahm. Der Turm von San Esteban in Segovia gehört zu den schönsten des Landes in dieser Epoche.

 Santo Tomé, Toledo (E),

um 1300. Unten Bruch- und Haustein, oben Backstein, im zweiten Geschoß öffnungen mit zurückgesetzten Hufeisenbögen, eingerahmt von runden Zackenbögen. Darüber Zackenbogenfries.

 
Eine spanische Besonderheit dieser Zeit ist der vom 10. bis 16. Jh. vorkommende Mudéjar-Stil. Nach der Rückeroberung durch die Christen bauten maurische Handwerker in einem Mischstil zwischen islamischer und romanischer Dekoration, wie hier in Toledo.  

 St. Mary the Virgin, Tewkesbury (Gloucestershire, UK),

beendet 1150, normannische Abteikirche, stumpfer Abschluß mit Zinnen und vier Ecktürmchen, Rundbogenöffnungen, Blendarkaden.

 
In England prägt der meist quadratische Vierungsturm mit flachem Dach die Kirchenlandschaft. Die Normannen brachten ihn als charakteristisches Element mit ihren großartigen Bauten ins Land.

Kathedrale von Exeter,

Turm 12. Jh. Rundbogige Blendarkaden, Kreuzbogenfries, Zinnen, Ecktürme.

 
Die Kathedrale von Exeter ist überwiegend im hochgotischen Stil erbaut (Decorated). Der normannisch/romanische Nordturm jedoch ist erhalten. Die Baumeister haben ihn in das gotische Bauwerk integriert. Lediglich ein großes Maßwerkfenster wurde eingefügt.

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