Home > Architektur des Mittelalters > Sakralarchitektur > Einzelthemen > Türme

Sakralarchitektur: Einzelthemen

Tausend Jahre Türme:
Kirchtürme im Mittelalter - Einleitung

 

Nachdem ich mich im ersten Dokument dieser Reihe mit einem geheimnisvollen mystischen Raum mittelalterlicher Gotteshäuser, der Krypta befaßte, steigen wir nun ganz nach oben. Hier ist nichts mehr geheimnisvoll. Die Kirche reckt sich hoch gen Himmel, will gesehen werden. Man hat die Türme auch die "Zeigefinger Gottes" genannt. Von hier aus rufen Glocken die Gläubigen zum Gebet.

 

Türme sind die auffälligsten Baukörper der Kirchen. Das wird an manchen Stadtansichten deutlich, die unverkennbar von Turmsilhouetten geprägt werden, wie z.B. in Dresden oder in Würzburg.

 

In der Regel finden wir einen bis drei Fassadentürme im Westen, die die Glocken tragen.

 

Treppentürme, meist rund, flankieren Westwerke und Chöre.

 

Vierungstürme krönen die Stelle, an der sich Querhaus und Langhaus kreuzen. Gewaltiges Gewicht und schwache Stützen brachten sie oft zu Fall. Die Baumeister versuchten, mehr oder weniger erfolgreich, das Unheil durch verstärkte Pfeiler abzuwenden.

 

 
Es gab auch Genies unter ihnen, wie den, der in Wells (GB) Statik und Ästhetik verband und uns die berühmten Scherenbögen schenkte. Nachträglich eingebaut, stützen sie erfolgreich den massigen Vierungsturm.

Hier: St. Andreas-Kathedrale Wells, ~1180-1240, gotische Basilika, Langhaus, Scherenbögen (um 1340).
 
Die Kirchentürme dienten nicht nur dem Klerus. Sie hatten oft vielfältige profane Aufgaben.

Wächter blickten weit ins Land und meldeten nahende Feinde oder Stadtbrände. Uhren und Glocken verkündeten die Stunde, oft auch die letzte, an der Küste halfen Kirchtürme Fischern und Schiffern bei der Navigation.

St. Nikolai in Lemgo ist ein Beispiel für viele. Hier gehört der Nordturm der Stadt, die ihn als Wächter- und wohl auch als Uhrglockenturm nutzte. Nur der Südturm mit dem gedrehten spitzen Helm trägt die Kirchenglocken.

Hier: St. Nikolai, Lemgo, Baubeginn um 1215, Hallenkirche, Westteile spätromanisch, Schiff und Chor (ab 1300) gotisch. Nordturm mit barocker welscher Haube, Südturm mit gedrehtem viereckigen gotischen Spitzhelm.
 
Häufig dokumentierten Türme Stolz oder gar Hochmut ihrer Bauherren, seien es nun äbte, Bischöfe oder Patrizier.

In Lübeck, der damals zweitgrößten Stadt Deutschlands (um 1300 ca. 25.000 Einwohner) nach Köln, ließen die Patrizier mit St. Marien eine gewaltige gotische Backsteinkirche bauen, die die Bischofskirche in den Schatten stellte. Sie wurde um 1350 mit einer ca. 125 m hohen Doppelturmfassade - der damals höchsten Europas - fertig gestellt.

Hier: St. Marien, Lübeck, von Ost, Fertigstellung um 1350. Basilika - Backsteingotik, Westtürme mit gotischen Spitzhelmen, dazwischen Dachreiter.
 
Die Lübecker blieben Rekordhalter bei Doppelturm-Fassaden bis zur Fertigstellung des Kölner Domes (Türme 157 m) im 20. Jahrhundert.

Das ließ die Ulmer nicht ruhen. Sie türmten ihren West-Turm bis über 161 m auf, zum höchsten der Welt. 1890 vollendeten sie ihn, 10 Jahre nach den Kölnern.

Hier: Münster, Ulm (D), ~1380 bis 1500, gotische Basilika.
 
Türme mit durchbrochenen steinernen Helmen gibt es außerdem an gotischen Großbauten in Köln, Regensburg, Wien, Freiburg, Straßburg und Burgos (E), doch nur die vier letzten wurden im Mittelalter vollendet.

Doch Hochmut kommt oft vor dem Fall. Einstürze, verursacht durch Fehler der Baumeister, die keine Statik in unserem Sinne kannten, Tücken des Baugrundes und Stürme, waren im Mittelalter nicht selten. Dabei wurden manchmal, wie bei einem Bombenangriff, große Teile des übrigen Baues zerstört.

Ein interessantes Beispiel dafür ist der Einzelturm von St. Marien, Stralsund. Er stürzte im 14. Jahrhundert ein und zerstörte die damalige Hallenkirche. An ihrer Stelle ließen die Stralsunder Patrizier die heutige Basilika mit einem Turm von ca. 150 m Höhe errichten.

Hier: St. Marien. Stralsund, 1380 bis 1470, spätgot. Backsteinbasilika, Turm mit vier Ecktürmchen, barocke Haube.
 
Damit hatte man die Doppelturmfassade des größten Konkurrenten, Lübeck, um 25 m geschlagen.

Im 17. Jahrhundert wurden die oberen Geschosse mit gotischem Spitzhelm durch Blitzschlag zerstört. Mit unpassender barocker Haube schrumpfte der Turm auf nur noch 104 m. Man darf auf Schadenfreude bei den Lübeckern tippen.

Aber nicht immer kam es zum Schlimmsten. Die Tiroler im Eisacktal sind stolz darauf, daß der Turm der Pfarrkirche von Barbian ebenso schief ist wie der berühmte von Pisa.

Hier: St. Jakob, Barbian, Turm got. 14. Jh., Dach 15. Jh. Spitzer Turmhelm auf Dreiecksgiebeln Schiff neuroman. 19. Jh.
 
Wie immer geartete Probleme mit Türmen hatten Zisterzienser- und Bettelordenskirchen nicht. In ihren Kirchen hingen die Glocken in Dachreitern. Türme galten diesen Mönchen als Symbol des Hochmuts. Besonders bei den Bettel- und Predigerorden, z.B. den Franziskanern, hätten sich kostspielige Türme nicht mit dem Armutsideal vertragen.

Hier: Klosterkirche Siegburg-Seligenthal, Mitte 13. Jh., spätromanisch (älteste Minoritenkirche Deutschlands).
 

.

Auch die romanischen Dorfkirchen im Roussillon verzichten in der Regel auf Türme.

Hier: Sainte Marie, Planès, Pyrenäen (F), 11. Jh., frühromanisch, Zentralbau
 

 

Nicht selten steht man vor mittelalterliche Mehrturmfassaden mit nur einem vollendeten Turm. Den Bauherren war in der Regel das Geld ausgegangen. Auch die Reformation hat die Fertigstellung so manchen Turmes verhindert. St. Andreas in Braunschweig ist ein Beispiel.

 

Lesen Sie hier: Türme im Wandel der Stilepochen - Teil 1











TOP