lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

 

Sakralarchitektur: Einzelthemen
 

Himmelszelte aus Holz und Stein:
Mittelalterliche Holzdecken und Dachstühle

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Als die Römer sich aus ihren Provinzen nördlich der Alpen zurückzogen, ging mit ihnen auch die Fähigkeit, in Stein zu bauen.

 

Holzbau

Zurück blieben die Germanen mit ihren beachtlichen Fertigkeiten im Holzbau. Der ist archäologisch schwer nachweisbar. Die wenigen erhaltenen norwegischen Stabkirchen sind letzte Zeugen dieser Baukunst in Holz. Älter ist nur St. Andrew in Greenstedt-juxta-Ongar (Essex), die neuerdings auf das 11. Jh. datiert wird.

 

Stabkirche Borgund (N), Mitte 12. Jh.
 
 
Stabkirche Borgund (N)

Schon Jahrhunderte vor diesen Kirchen wurden nördlich der Alpen Sakralbauten in Holz errichtet, wie Gedächtniskapellen und Klosterkirchen. Der Holzbau hielt sich zäh, obwohl das Teilen des Klerus nicht gefiel, der auf römische Traditionen verwies. Kirchen aus Holz galten als wenig imagefördernd. Trotzdem hat es nach Uwe Lobbedey noch um 1020 eine Holzkirche in Hamburg und um 1200 eine solche in Schwerin gegeben.

 

Im aufkommenden Steinbau setzte man germanische Dachstühle und Hängewerke ein. Sie konnten ohne Verwendung damals wertvoller Metallteile gefertigt werden und hatten den Vorteil, keinen seitlichen Schub auf die Mauern auszuüben. Einstürze aus statischen Gründen, wie bei Steingewölben, kamen nicht vor. Nach Günter Binding wurden offene Dachstühle in Italien bis ins 14. Jh. errichtet.

 

Einhard Basilika, Steinbach (D), offener Dachstuhl, 12. Jh.
 
 
Great Hall, Winchester (GB), Ende 14. Jh.

 

Eine herausragende Arbeit überdeckt die Vierung der Kathedrale von Ely, ein Meisterwerk des "Decorated Style", einmalig in der Gotik. Das Gewicht der Holzkonstruktion beträgt >400 Tonnen.

 

Kathedrale von Ely (GB).
Laterne und Sterngewölbe auf Hammergerüst.
Diese Holzkonstruktion ruht auf 8 Mauerpfeilern,
um 1340 beendet. Foto: Wikipedia
 
 
Klosterkirche St. Maria und Markus, Reichenau Mittelzell (D).
Dachstuhl in Form eines umgedrehten offenen Schiffes mit Kehlbalken,
1236, restauriert 1960.
Foto: Wikipedia

 

War der direkte Blick in den Dachstuhl nicht erwünscht, wurden reich geschmückte Flachdecken eingesetzt, auch in Steingebäuden bis ins 12. Jahrhundert. Die romanischen Decken sind bis auf zwei untergegangen.

Nur die in der Klosterkirche St. Michael, Hildesheim und die noch ältere in St. Martin in Zillis (Wallis) können wir noch bewundern.

In deutschen Bettelordenskirchen kamen schlichte Holzdecken noch in der Spätgotik vor.

 

Klosterkirche St. Michael, Hildesheim (D), 13. Jh., "Könige Israels"
 
 
Klosterkirche St. Martin in Zillis, (CH), Anfang 12. Jh. Foto: Wikipedia

 

Hierher gehören auch die wunderbaren Artesonado-Decken der islamischen und Mudéjar-Kunst Spaniens aus dem 11. bis 15. Jahrhundert.

 

San Juan de los Reyes, Toledo (E), Artesonado-Decke, Ende 15. Jh.

 

In diesem Zusammenhang ist Dietrich Conrad und Klaus Mertens zu danken, die endlich einmal eine Lanze für die in der Regel wenig beachteten Zimmerleute brechen. Wir bewundern die offen vor unseren Blicken liegenden Werke der Maurer und Steinmetze. Die meist verborgenen oder nicht mehr vorhandenen Werke der Zimmerleute, wie Dachstühle, Lehrgerüste der Gewölbe und Baugerüste – alle für den Bau unverzichtbar - finden kaum Anerkennung. Darum hier einige Beispiele alter Zimmermannskunst.

 

Kirche St. Marien, Barth (Vorpommern – D). Dachstuhl, 20. Jh. saniert.
 
 
St.-Ols-Kirche, Rundkirche in Olsker, Bornholm (DK) - Dachstuhl auf Säule.

 

An der Marienkirche in Wismar haben Liebhaber ein primitives Baugerüst nach mittelalterlichen Vorbildern rekonstruiert. Die waagerechten Ausleger waren mit dem Bauwerk verbunden. Die Rüstlöcher im Mauerwerk, nicht nur hier, sind noch heute zu sehen.

 

Rekonstruiertes mittelalterliches, Baugerüst
vor dem Backsteinturm von St. Marien, Wismar (D)
 
 
Alter Hebekran, vor St. Marien, Wismar (D)

 

Das als Kran benutzte alte Tretrad hat einen Durchmesser von 7 m und wurde von mehreren Personen "bedient".

 

Lesen Sie hier die Fortsetzung: Tonnengewölbe.