lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Kurzbiografie

Theoderich der Große

 

Als kindliche Geisel in Byzanz empfängt der junge Barbarenprinz aus dem Geschlecht der Amaler  tiefe Eindrücke. Sie helfen ihm als Ostgotenkönig in den ständigen Auseinandersetzungen mit dem mächtigen Ostrom, das ihn schließlich beauftragt, Italien zu erobern. Mit einem Blutbad beginnen Regime und eine 30-jährige Friedenszeit. Erneute Hinrichtungen politischer Gegner kurz vor seinem Tod überschatten nochmals den Ruf eines Mannes, der als Dietrich von Bern Legende wurde.

 

 

Bei Theoderichs Geburt (453/55) als jüngster Sohn des ostgotischen Königs Thiudimir in Pannonien, im nördlichen Balkan, war der Stamm der Goten schon seit ~ 200 Jahren in Ost- und Westgoten geteilt.

 

Theoderich und Byzanz

Der katastrophale Einbruch der militärisch überlegenen Hunnen in gotische Gebiete lag knapp 100 Jahre zurück. Gut 50 Jahre zuvor war die Teilung des riesigen römischen Reiches in einen West- und einen Ostteil endgültig geworden (395). Die Niederlage Attilas auf den Katalaunischen Feldern (451) und sein Tod im Jahre 453 ist neueste Geschichte bei Theoderichs Geburt.

 

Der große Gegenspieler der Ostgoten ist nun das byzantinische Reich, d.h. Ostrom. Die Beziehungen sind unübersichtlich. Mal sind beide Parteien Verbündete, mal Gegner. Dabei versteht es Byzanz meist geschickt, Ostgoten und andere Völker, vor allem germanische, gegeneinander auszuspielen.

 

Nach einer dieser Auseinandersetzungen muß Theoderichs Vater seinen etwa 8-jährigen Sohn als Geisel nach Konstantinopel geben. Bei diesem Aufenthalt, den er sicher nicht im Kerker, sondern eher als Gast verbringt, erhält der junge Gote tiefe Einblicke in die byzantinische Kultur. Manche Autoren sprechen gar von einer "Ausbildung" dort.

 

Etwa 10 Jahre später kehrt Theoderich nach Pannonien zurück und setzt bald die Tradition seiner Vorfahren fort, insbesondere nach dem Tod seines Vaters (474) und seiner Wahl zum König. Auszeichnungen des neuen Kaisers Zenon halten ihn nicht davon ab, in byzantinische Gebiete einzufallen. Der Kaiser ist schließlich gezwungen, Frieden zu schließen und den Ostgoten größere Siedlungsgebiete zuzuweisen. Danach kämpft Theoderich für Byzanz gegen die Bulgaren, dann wieder gegen Byzanz.

 

Für den Hof dort sind diese Ostgoten eine ständige Gefahr. Man beschließt, sie loszuwerden und beauftragt Theoderich mit der Eroberung Italiens, das seit 476 von Odoaker beherrscht wird, den Byzanz selbst mit germanischen Truppen dorthin geschickt hatte. Er ist unbequem geworden, und so gedenkt man 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, hofft vielleicht auch darauf, daß beide Herrscher sich gegenseitig vernichten oder mindestens schwächen.

 

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Mosaik aus S. Apollinare Nuevo, der ehemaligen Hofkirche Theoderichs in Ravenna.

 

Eroberung Italiens

Die Eroberung Italiens mit einem Heer von wohl 20.000 Kriegern gelingt Theoderich erst nach 4 Jahren wechselvoller Kämpfe, teils mit Hilfe von Westgoten und Rugiern. 493 wird dann Ravenna, die Hauptstadt Odoakers nach Friedensgesprächen besetzt. Beide Herrscher sollen gemeinsam regieren. Auf einem Gastmahl zu Ehren Odoakers aber erschlägt Theoderich seinen Feind, läßt dessen Anhänger in Italien durch seine Goten umbringen und ist nun unumschränkter Herrscher. Der Mord und vor allem die Verletzung der Gastfreundschaft werfen Schatten über seine späteren Erfolge.

 

Nach diesem Blutbad errichtet der Ostgoten-Herrscher ein kluges und mildes Regime. Er gewährt als Arianer den Katholiken Religionsfreiheit, beläßt im Prinzip römische Verwaltung, Geldsystem und Gesetze, zeigt sich als Bauherr und Freund der Künste und der Wissenschaft. Seine Achtung vor römischer Kultur, mit der er als Kind intensiv in Berührung kam, ist unbestritten. Er beschert Italien eine rund 30-jährige Friedenszeit.

 

Die kleine Herrenschicht der Goten, nach Heather in "Empires and Barbarians" vielleicht 100.000 Menschen, lebt hauptsächlich auf dem Lande, zwischen Rom und Ravenna, an der Adriaküste und im Veneto. Sie bleibt nach Theoderichs Wunsch weitgehend abgeschottet. Mischehen sind zunächst verboten.

 

Nach Heather behielten viele römische Landbesitzer Status und Eigentum, so daß Probleme mit der eingesessenen Bevölkerung begrenzt waren.

 

Von Kaiser Anastasius schließlich mit Vorbehalten als Herrscher Italiens unter byzantinischer Oberhoheit anerkannt, versucht Theoderich, vor allem durch Heiratspolitik, ein umfassendes Bündnissystem germanischer Staaten (u.a. Franken, Westgoten, Vandalen) zu schaffen, das letztlich scheitert, obwohl er ab 511 auch König der in Spanien siedelnden Westgoten ist.

 

Gegenüber Byzanz spricht er von zwei Staaten und einem Reich und versteht es, seine Unabhängigkeit zu bewahren.

 

Wenige Jahre vor dem Tod des alten Königs erstarkt die byzanz-freundliche Opposition im Senat in Rom. Eine der führenden Geistesgrößen am Hof in Ravenna, der Philosoph Boethius, und sein Schwiegervater werden des Hochverrats angeklagt. Theoderich, in Sorge um den Fortbestand des Ostgoten-Staates, läßt sie und andere Senatoren hinrichten und verdunkelt damit seinen Ruf, wie am Anfang seiner Herrschaft.

 

Der Tod des über 70-jährigen im Jahre 526 läutet das Ende des Ostgotenreiches ein. 553 besiegt Byzanz nach jahrzehntelangen Kämpfen den letzten Ostgotenkönig Teja.

 

Theoderichs Andenken lebt weiter in der Sagengestalt des Dietrich von Bern und in seinem mächtigen Grabmal in Ravenna.

 

Literatur:

Heather, Peter, Empires and Barbarians, Migration, Development and the Birth of Europe, Pan Macmillan, London 2009

 

de Palol, Pedro/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser-Verlag Stuttgart - Bechtermünzverlag, 1999

 

Putzger, F.W., Historischer Weltatlas, Velhagen & Klasing, Berlin, 1974

 

Riehl, Hans, Die Völkerwanderung, W. Ludwig Verlag, München, 1988

 

Lexika

Theoderich der Große, Biographisch-Bibliographisches  Kirchenlexikon, Verlag Traugott Bautz, Band XI (1996)

http://www.bautz.de

 

The Ostrogothic Kingdom, Britannica 2001 Deluxe Edition, CD-Rom

The End of the Roman World, ebd.

 

Theoderich, Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich

Ostgoten, ebd.

Theoderic the Great, New Advent, Catholic Enzyklopaedia

 

Netz

 

http://www.newadvebt.org