lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

KurzBiografie

Markgraf Gero und die Ottonische Ostexpansion

Er gehörte zu einer den sächsischen Liudolfingern eng verbundenen Familie und wuchs hinein in die frühe Phase ihrer Herrschaft als deutsche Könige und Kaiser. Er stand zunächst im Schatten von Vater und Bruder. Nach deren Tod aber wurde Gero Markgraf an der Slawengrenze und erfreute sich der Gunst Kaiser Ottos I., die er durch Loyalität und brutale Unterdrückung der ostelbischen Slawen vergalt. Wie oft in solchen Lebensläufen führte die Sorge um das eigene Seelenheil zu bedeutenden Stiftungen – in Gernrode zu besichtigen.

Um der wegen spärlicher Quellen blassen Gestalt des Gero näher zu kommen, müssen wir auch einen Blick auf die damalige Ostexpansion, die Verbindung seiner Sippe zum Herrschergeschlecht und die politische Situation der frühen ottonischen Herrschaft werfen.

 

Der erste Sachsenkönig - Heinrich I.

Der aus meiner Sicht oft unterschätzte Sachsenherzog Heinrich wurde 919 nur von Sachsen und Franken zum König gewählt. Sein Vorgänger Konrad I. hatte ihn auf dem Totenlager designiert, an einer Wunde sterbend, die er im Kampf gegen den Herzog von Baiern empfangen hatte.

Das wirft ein Schlaglicht auf die chaotischen Zustände im untergegangenen ostfränkischen Reich, das zu einen des Franken Konrads Kräfte nicht ausgereicht hatten.

Heinrich I. hatte zwei Herkulesaufgaben. Er mußte die ihn ablehnenden mächtigen Stammesherzöge der Baiern und Schwaben einbinden. Arnulf von Baiern hatte sich gar nach Konrads Tod zum König ausrufen lassen. Dann mußte er die ständigen Ungarneinfälle unterbinden. Die schwierigen Aufgaben der Sicherung der Ostgrenze und der Eingliederung Lothringens erschienen im Vergleich einfacher.

Seine kluge Weigerung, Krönung und Salbung durch den Erzbischof von Mainz zu akzeptieren, war ein wichtiger erster Schritt. Diese Entscheidung kann im Lichte damaligen Denkens nicht hoch genug eingeschätzt werden, lief er doch Gefahr, in den Augen seiner Untertanen das Königsheil zu verlieren, das allein Erfolg garantieren konnte. Das schätzte Heinrich als das kleinere Übel ein, gegenüber dem Signal an die konkurrierenden Herzöge daß er zwar Erster, aber unter Gleichen sein wolle. Es bedurfte noch einiger demonstrativer Heerzüge und kluger Verhandlungen. Doch nach einigen Jahren hatte er Baiern und Schwaben auf seine Seite gebracht.

Das Ungarnproblem war schwieriger zu lösen. Schon vor der Eroberung des Karpathen-Beckens unter Arpád waren Massen der anspruchslosen Reiter auf kleinen flinken Pferden raubend und mordend in den Westen eingefallen. Es gab wenige Burgen. Nur große Klöster und die alten Römerstädte waren befestigt. Die Ungarn versuchten gar nicht erst, sie zu erobern. Das Land war schutzlos.

 

GeroSlawenburg Groß-Raden (9./10. Jh.). Nach archäologischen Befunden wiederaufgebaut. Hier der Eingang zur Vorburg...

 

Schwerfällige Ritterheere stellten sich ihnen entgegen, waren aber der für sie neuen Taktik (Große Beweglichkeit, tödlicher Pfeilbeschuß aus vollem Galopp) nicht gewachsen, wie das Beispiel der katastrophalen Niederlage der Baiern 907 bei Preßburg zeigte. Die Ungarn vernichteten unter anderem 919 das Reichskloster Herford und 923/924 die noch kleine Siedlung Magdeburg an einer Elbefurt, später ein Zentrum ottonischer Herrschaft. Gelegentliche kleinere Erfolge der Angegriffenen änderten nichts an der Gesamtlage.

Doch welche Verbindung gab es zwischen dem Ungarnproblem und der ottonischen Ostexpansion?

 

Gero ...hier der Steg durch den See zur Hauptburg...
 
 
 
Die Slawen

Im Elbe-Saale-Raum siedelten in Gebieten, die die Ostgermanen im Zuge der Völkerwanderung seit etwa dem 7. Jahrhundert verlassen hatten, "heidnische". Slawenstämme, Barbaren also aus Sicht der Sachsen. Die Wichtigsten waren die Abodriten (Obodriten), etwa im heutigen nördlichen Mecklenburg, die Wilzen (Liutizen) südlich von ihnen und die Heveller mit ihrer Hauptburg Brennaburg (heute Brandenburg). Die östlichen Nachbarn der Thüringer waren vor allem Sorben und Daleminzier.

Die Bauern hausten in kleinen Dörfern, verstreuten Einzelgehöften. Die Fürsten bewohnten Burgen, im Flachland Wallburgen mit Holz-Erde-Befestigung, in die in Notzeiten auch die Bevölkerung des Umlandes floh.

 

Gero...und hier der Eingang zur Hauptburg.

 

Zwischen den nun christlichen germanischen Sachsen und Thüringern westlich von Elbe und Saale und heidnischen Slawenstämmen hatte es die üblichen gegenseitigen kleineren und größeren Überfälle gegeben, wohl ähnlich denen im 8. Jahrhundert an der Grenze zwischen christlichen Franken und damals noch heidnischen Sachsen unweit des Rheins. Jetzt fanden sich die ehemaligen Barbaren in der Führungsrolle eines christlichen Reiches wieder, das begann, ebenso aggressiv nach Osten zu drängen wie früher die Franken. Geschichte wiederholt sich gelegentlich.

 

Die Ungarn

Nun die Ungarn. Schon um 906 hatten die Daleminzier sie gegen die Sachsen zu Hilfe gerufen. Gemeinsam furteten sie die Grenzflüsse, gemeinsam zerstörten sie Magdeburg.

GeroSlawischer Grabstein (in der Dorfkirche Altenkirchen auf Rügen).

 

Heinrich mußte verhindern, daß die Ungarn die Slawengebiete als Versorgungsbasis und Aufmarschgebiet nutzten.

924, bei einem erneuten großen Ungarneinfall, war das Glück ihm hold. Er nahm einen ranghohen Fürsten aus dem Hause Arpád gefangen. Und wieder tat der König Unkonventionelles. Er ließ den Gefangenen frei, und anstatt das übliche reichliche Lösegeld zu kassieren, vereinbarte er einen langjährigen Waffenstillstand, auch für die übrigen Herzogtümer, und – kaum zu glauben – jährliche Tributzahlungen. Sie belasteten das Reich schwer, aber Heinrich hatte sich erkauft was er am dringendsten brauchte – Zeit.

Frei von der Belastung jährlicher Einfälle nutzte er sie zur Befestigung von Siedlungen, Pfalzen, Klöstern, Versammlungsplätzen und zum Burgenbau. Neue Wege ging er auch im Wormser Burgenerlaß von 926. Anstelle der üblichen Erdwälle und Holzpalisaden schrieb er die damals seltenen und aufwendigen Ringmauern vor und sagte im Detail, wie die "Festen Plätze" zu bemannen und zu unterhalten seien.

Er vergrößerte seine Reiterei und paßte sie der ungarischen Gefechtstaktik an.

 

Slawenkriege

Nach diesen Vorbereitungen begann der König 928-932 Kriegszüge ins Slawenland, die eine andere Qualität hatten als gelegentliche Grenzscharmützel. Die Eroberung der Brennaburg und der Hauptburg Jana der Daleminzier 928/29 in einem einzigen Feldzug waren beeindruckende Erfolge, die durch gelegentliche Hinrichtung der Burgherren und ihrer Gefolgschaft, das Eintreiben von Tributen und Geiselnahmen gesichert wurden.

Heinrich kämpfte im Winter. Das war ebenso ungewöhnlich wie einfallsreich. So half ihm eine dicke Eisschicht, die inmitten von Sümpfen und Seen gelegene Brennaburg zu nehmen. Im Land der Daleminzier gründete er 929 ein befestigtes Militärlager, die spätere Burg Meißen, lange der wichtigste Stützpunkt in den südlichen Slawengebieten.

Aber in die Berichte über Krieg und Vernichtung haben die Chronisten auch Menschliches eingeschoben. Der Königssohn und Erbe Otto verliebte sich in eine als Geisel genommene Fürstentochter aus der Brennaburg und wurde 929, 17-jährig, Vater eines Sohnes, den man auf den Namen Wilhelm taufte. Er wurde 954 Erzbischof von Mainz und einer der bedeutendsten Helfer seines Vaters. Seine Mutter verschwand, wahrscheinlich im Kloster, jedenfalls aber im Dunkel der Geschichte.

 

GeroDenkmal Karls d. Gr. in Kirche Müstair (CH)

 

Die Slawen gaben nicht auf. Noch 929 erhoben sich die Redarier, die südlich von Usedom siedelten. Andere Stämme, wie Wilzen und Abodriten, schlossen sich ihnen an. Sie drangen in sächsische Gebiete ein. Bei der Slawenburg Lenzen an der Elbe trafen die Heere aufeinander. Hier schon bewährte sich der Umbau der sächsischen Streitmacht. Vor allem gepanzerte schwere Reiterei schlug das vorwiegend aus Fußtruppen bestehende vereinte Slawen-Heer vernichtend. Der König war nicht dabei. Der Ruhm gebührte den Grafen Bernhard und Thietmar. Er könnte der Vater unseres "Helden" gewesen sein.

Und so ging es Schlag auf Schlag. 931 zogen die Sachsen gegen die Abodriten und besiegten sie. Ein heidnischer Fürst, wahrscheinlich Nakon, dessen Nachfahren sich mehrheitlich zum Christentum bekannten, soll getauft worden sein.

932 zog der König selbst in die Lausitz, eroberte die wichtigste Burg, Liubusa und trieb Tribute ein.

Kam dem Sachsenkönig in den Sinn, daß er bei der Unterdrückung der Slawen die gleichen brutalen Maßnahmen anwandte wie der christliche Franke Karl der Große beim Kampf gegen seine eigenen damals heidnischen Vorfahren? Denken wir nur an die Massenexekution der Sachsen 782 in Verden an der Aller. Jedoch, des Lesens und Schreibens unkundig, wußte Heinrich vielleicht nicht einmal davon. Und sächsische Kleriker und Chronisten lobten ja die Franken, weil sie ihren Altvorderen das Licht des Christentums gebracht hatten.

Aber anders als Karl und später Heinrichs Erben, Otto I. ging es dem König nicht in erster Linie um Bekehrung. Er wollte Anerkennung seiner Oberherrschaft und Tribute. In die innere Politik der unterworfenen Stämme scheint er sich wenig eingemischt zu haben. Auch hier zeigte er politische Klugheit.

Historiker haben darüber spekuliert, ob Heinrich mit den häufigen Slawenfeldzügen auch die Ergebnisse der neuen Heeres-Organisation erproben wollte. Sollte das der Plan gewesen sein, hatte er sich bewährt.

 

Lektion für die Ungarn

Wichtiger war die Tatsache, daß schon 932 die Daleminzier den Ungarn ihre Unterstützung verweigerten. Sie hatten die Lektion verstanden.

Jetzt mußte sich zeigen, ob Heinrichs Strategie sich weiterhin bewährte. Als eine hochrangige ungarische Abordnung die jährlichen Tribute abholen wollte, ließ er ihr angeblich den stinkenden Kadaver eines Hundes vor die Füße werfen – die schlimmste Beleidigung bei östlichen Reitervölkern.

Die Ungarn brauchten keine zusätzliche Einladung. Im folgenden Jahr erschien ein großes Heer in Sachsen. Heinrich, an der Spitze eines Aufgebotes aller Herzogtümer - ein Zeichen für die Einheit des Reiches - schlug es in zwei Schlachten, die letzte an der Saale.

 

GeroStiftskirche St. Servatius, Quedlinburg (geweiht 1129)

 

Trotz dieses Sieges zogen die Sachsen auch in den Folgejahren gen Osten, z.B. 934 gegen die Ukranen in der Uckermark. Es war wohl zu verlockend, mit slawischen Tributen die durch Burgenbau und Rüstung leeren Kassen zu füllen.

Des 61-jährigen Königs Tod im Jahre 936 gab den Slawen nur eine kurze Atempause.

Unspektakulär wie der Anfang war auch das Ende. König Heinrich I., der ungekrönte und ungesalbte Begründer der ersten deutschen Kaiserdynastie wurde in seiner bescheidenen Pfalzkapelle in Quedlinburg bestattet, die auf dem Burgberg unter der heutigen Stiftskirche lag.

 

GeroEhemalige Pfalzkapelle (um 800), jetzt Dom zu Aachen (Modell).

 

Der erste Sachsenkaiser - Otto I.

Wenige Wochen später ließ sich der Sachse Otto in der vom fränkischen Sachsenbezwinger erbauten Pfalzkapelle zu Aachen, auf Karls des Großen Thron sitzend, krönen und salben. Die Stammesherzöge bedienten den 24-Jährigen beim prunkvollen Krönungsmahl. Welch ein Unterschied zur Situation seines Vaters 17 Jahre zuvor!

 

GeroPfalzkapelle Aachen - Oktogon.

 

Für die Dauer seiner Abwesenheit übertrug Otto I. dem Grafen Siegfried, Geros älterem Bruder, die ehrenvolle Aufgaben eines Legaten und Stellvertreters in Sachsen. Der Legat genoß hohes Ansehen und hatte Heinrich I. in den Slawenfeldzügen tatkräftig unterstützt. Er war auch Erzieher des jüngeren Heinrich, Ottos Bruder, gewesen. Graf Siegfried überlebte seinen alten König und wahrscheinlichen Schwager nur um ein Jahr.

 

Markgraf Gero - das Kreuz für die Slawen

Er und Gero waren Söhne des 932 verstorbenen Grafen Thietmar von Merseburg aus der Oberschicht des sächsischen Adels, auch er ein enger Vertrauter der Herzogs- und Königsfamilie. Thietmar hatte Heinrich I. erzogen.

Gero erscheint, obwohl schon Graf im Nordthüringgau, zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zu Vater und älterem Bruder recht unbedeutend. Mir bleibt unklar, ob und in welchem Umfang er einen Beitrag bei der Unterwerfung der Slawen unter Heinrich I. leistete.

Aber Otto I. machte ihn 937 zu Siegfrieds Nachfolger. Gero wurde Markgraf für Gebiete zwischen Elbe und Oder, eine hohe Ehre und ein lukratives Amt. Viele Jahre stand er hoch in des Königs Gunst, der gar Pate des ältesten Gero-Sohnes Siegfried wurde. Zusammen mit Hermann Billung, ein Jahr zuvor zum Markgrafen in den nördlichen Slawengebieten an der Niederelbe ernannt, wurde Gero die zentrale Figur der ottonischen Ostexpansion.

 

GeroGotischer Dom zu Magdeburg. Grundsteinlegung 1209.

 

Beide waren willige Werkzeuge der Politik Ottos I.. Im Gegensatz zu seinem Vater wollte der die Slawen systematisch christianisieren. Widerstand wurde rücksichtslos gebrochen. Nach Ottos Auffassung konnten Heiden nicht in sein christliches Reich aufgenommen werden. Und er wollte auch, im Gegensatz zu Heinrich I., direkte Kontrolle.

Stützpunkt für die Christianisierung wurde Magdeburg. Otto begann noch im Jahre seiner Krönung mit dem Wiederaufbau. Der Ort wurde bevorzugter königlicher Aufenthalt und wichtiger Handelsplatz. Auch Gero soll dort einen Hof besessen haben.

 

GeroIm Magdeburger Dom – Otto I. und Edgitha.

 

Als Kernzelle der Mission gründete Otto 937 in Magdeburg das Moritzkloster (Mauritius~). Es erhielt reiche Pfründe, vor allem in den Slawengebieten. Man könnte es auch so formulieren: Die Slawen finanzierten mit ihren Tributen die eigene unerwünschte Bekehrung.

Ehe Otto I. die Früchte im Osten ernten konnte, brachte ihm Geros Ernennung ernste Probleme. Er mußte den ersten der vielen Aufstände von Mitgliedern der eigenen Familie niederschlagen. Thankmar, sein Halbbruder, fühlte sich übergangen, verbündete sich 938 mit Herzog Eberhard von Franken und kam bei den Kämpfen tragisch ums Leben.

Doch am Erfolg gemessen hatte Otto mit der Wahl Geros richtig gehandelt. Fast 30 Jahre lang unterdrückte der Markgraf mit Tatkraft und Brutalität die Slawen. Dafür überhäufte ihn der König mit Ehrungen und Besitz, auch in den Slawengebieten.

Den Beginn seiner Amtszeit markierte Gero mit einem Paukenschlag. Er lud 30 slawische Führer zum Gastmahl und ließ sie ermorden, eine ungeheure Schändung des auch den Sachsen heiligen Gastrechtes. Falls er geglaubt haben sollte, damit der Schlange den Kopf abgeschlagen zu haben, hatte er sich geirrt. Den anschließenden gewaltigen Aufstand konnte er nur mit Mühe unterdrücken. Die Heveller machten die sächsische Besatzung der Brennaburg nieder, die aber schon 940 durch Verrat an die Sachsen zurückfiel.

Innenpolitisch gab es keine Ruhe. Ottos Bruder Heinrich, später als Herzog Begründer der bairischen Linie, verbündete sich 938 mit Teilen des sächsischen Adels mit dem Ziel, den König zu ermorden. Die Adligen opponierten auch gegen Gero. Er hatte ihnen in den Kämpfen gegen die Slawen viel abverlangt und im Vergleich wohl zu geringe Anteile an den Tributen zugestanden. Auch dieser Aufstand brach zusammen.

Irgendwann um diese Zeit fiel vorübergehend ein Schatten auf das Verhältnis des Herrschers zu Gero, der auf vielfältige Weise mit dem Adel Sachsens verbunden war.

948, die Situation in den Slawengebieten schien gefestigt, gründete Otto I. das Bistum Brandenburg und Gero das Bistum Havelberg. Die neuen Bistümer lebten von den Abgaben der unterworfenen Slawen. So zahlten die Ukranen dem Bistum Brandenburg den Zehnt.

Wir wissen nicht, ob Gero 13 Jahre nach seinem Amtsantritt und mit viel Blut an seinen Händen das Gewissen schlug oder ob die Angst vor dem Fegefeuer übermächtig wurde. Jedenfalls pilgerte er um 950 nach Rom und gründete nach seiner Rückkehr die Benediktiner-Abtei Frose bei Aschersleben auf eigenem Besitz.

Drei Jahre später wurde Ottos Herrschaft wieder einmal durch Rebellion aus dem engsten Familienkreis erschüttert. Gemeinsam mit Herzog Konrad dem Roten von Lothringen, seit 947 Ottos Schwiegersohn, empörte sich der 24-jährige Liudolf, Herzog von Schwaben, gegen den Vater. Der Sohn Edithas fürchtete nach dem Tod der Mutter (946) und der Wiederverheiratung Ottos (951) offensichtlich um sein Erbe.

Auch dieser Aufstand scheiterte. Sohn und Schwiegersohn unterwarfen sich, verloren ihre Herzogtümer, behielten aber ihr Leben. Gero kämpfte an des Königs Seite gegen die Rebellen.

Noch im gleichen Jahr mußte er sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmen. Mit Konrad, dem ehemaligen Herzog, dem er kurz zuvor auf dem Schlachtfeld gegenüber gestanden hatte, unterdrückte er die aufständischen Ukranen.

 

Sieg über die Ungarn

Doch es nahte schlimmeres Unheil. Die Ungarn hielten die Situation im Reich für günstig und fielen 955 mit einem großen Heer in Süddeutschland ein. Liudolf, der Niederlage und Verlust des Herzogtums nicht verwunden hatte, unterstützte sie, ein unglaublicher Vorgang, auch wenn man an die Vorgeschichte denkt. Doch der Königssohn war zur Zeit der erfolgreichen Ungarnschlachten seines Großvaters gerade 3 Jahre alt gewesen, und vielleicht überwog sein Groll die Lehren der Geschichte.

 

GeroKaiserdom zu Worms - Westchor, 1. Weihe: 1018, 12. Jh. Weiterbau.

 

In der berühmten großen Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg verloren viele deutsche Ritter das Leben. Konrad der Rote fiel als Führer des fränkischen Aufgebotes an der Seite des Königs. Der ehemalige Rebell wurde ehrenvoll im romanischen Kaiserdom zu Worms bestattet.

Für die Ungarn war die Niederlage verheerend. Sie mussten seßhaft werden. Etwa 20 Jahre später begann ihre Christianisierung.

Dieser Sieg begründete Ottos Ruhm, trug ihm den Beinamen "Der Große" und letztlich die Kaiserwürde ein. Ob ihm bewußt war, daß sein Vater in schwieriger Zeit den Grundstein für diesen Erfolg gelegt hatte?

Über eine Teilnahme Geros an der Schlacht wird nichts berichtet, doch man kann sich nicht vorstellen, daß er fehlte, es sei denn, er war an der Slawengrenze unabkömmlich.

 

Geros Stiftungen und letzte Schlachten

Bald nach der Lechfeldschlacht erhoben sich die vereinten Slawen. War die Aktion abgestimmt mit dem Ungarn-Einfall? Es kam unter Führung Ottos und Geros wieder zu einer großen Schlacht, diesmal an der Recknitz. Obwohl einige flüchtige sächsische Rebellen auf der Seite der Slawen kämpften, ging der Kampf aus wie immer: Die Slawen wurden geschlagen. Man kann sich vorstellen, daß die Hinrichtung zahlreicher Gefangener auf dem Schlachtfeld auf Ottos Zorn über den erneuten Aufstand zu ungünstiger Zeit zurückzuführen war.

Gero war jetzt, mit etwa 56 Jahren, für damalige Verhältnisse ein alter Mann, und es war für ihn an der Zeit, über seine Nachfolge nachzudenken. Wir wissen kaum etwas über seine Familie, kennen nicht einmal das Geburtsjahr seiner beiden Söhne. Mit ihnen war ihm kein Glück beschieden. Etwa 3 Jahre nach seinem erneuten Triumpf über die Slawen starb sein Jüngster, Gero, der wahrscheinlich für ein geistliches Amt vorgesehen war.

 

GeroStiftskirche St. Cyriakus, Gernrode (um 1000) - Westfassade.

 

Wenig später, um 960, gründete der Markgraf auf dem Gelände seiner Burg Geronisroth ein mit Gütern reich ausgestattetes Stift für adlige Damen und ließ den Bau einer Klosterkirche beginnen, an der wir uns noch heute erfreuen. War der Tod des jungen Geros der Anlaß? Das bisherige Männerkloster Frose wurde ebenfalls Damenstift und Gernrode unterstellt. Otto I .übernahm den Schutz der Stiftung und gewährte das Recht der freien Wahl von Vogt und Äbtissin.

Für die unmittelbar folgenden Jahre sind zahlreiche Informationen zu unserem Thema überliefert, deren zeitliche Abfolge nicht immer zu ermitteln ist.

Gesichert erscheint, daß 961, wohl nach längerer Krankheit, auch der älteste Gero-Sohn, Siegfried, starb, wie sein Bruder kinderlos. Damit stand fest, das Geschlecht würde nach des Alten Tod erlöschen, für den Markgrafen zweifellos ein schwerer Schlag. Ob ihn das Wissen um die Ernennung seines Neffen gleichen Namens 969 zum Erzbischof von Köln getröstet hätte?

Jedenfalls ließ er die 25-jährige Witwe Siegfrieds, Hathui, aus der Familie des Königs, zur Äbtissin weihen. Sie sollte es für über 50 Jahre bleiben und genoß, wie das so schön heißt, hochfürstliche Privilegien.

Aus heutiger Sicht möchte man meinen, daß Gero mit der Stiftung zweier reicher Klöster genug für sein Seelenheil und das seiner Familie getan hatte, zumal er nach nicht ganz sicheren Quellen auch Seelenmessen in St. Gallen lesen ließ.

Aber er machte sich noch einmal auf nach Rom, vielleicht als Pilger. Die Reise hatte jedoch, fast im Wortsinn, auch handfeste Ergebnisse. Er erwarb – wir wollen nicht fragen wie – eine Armreliquie des Hl. Cyriakus, eines frühchristlichen Märtyrers. Für die Stiftskirche erlangte er päpstlichen Schutz.

Unklar ist, wann er reiste. Einige Historiker sprechen von 961. In diesem Jahr zog auch Otto I. nach Italien und wurde im folgenden Jahr in Rom zum Kaiser gekrönt. Zog Gero mit ihm? Dann wäre er bei der Krönung dabei gewesen.

Andere Quellen sprechen von 963 für Geros Reise. Dann hätte er gleichwohl den Kaiser treffen können, der bis 965 in Italien blieb.

 

GeroGeros Sarkophag

 

Das Jahr 961 erscheint wahrscheinlicher, denn in 963 zog Gero wieder gen Osten und errang seinen letzten großen Erfolg. Er zwang den Polenherzog Mieszko I., erst seit 3 Jahren im Amt, unter die Oberherrschaft des Kaisers und machte ihn für alle Gebiete zwischen Warthe und Oder tributpflichtig.Im gleichen Jahr unterwarf er die Niederlausitz.

Zwei Jahre später nahm ihm der Tod das Schwert aus der Faust. Ein gewalttätiges, aus seiner Sicht aber erfolgreiches Leben war zu Ende. Sein Sarkophag steht in der Vierung seiner Stiftskirche Gernrode, in der nun jahrhunderte lang für sein Seelenheil und das der Seinen täglich gebetet wurde.

Wir wissen nicht, ob es geholfen hat. Sicher ist jedenfalls, daß die Androhung von Höllenqualen und Fegefeuer bei sündigem Lebenswandel die Zahl ähnlicher Gestalten in der Zukunft nicht verringerte, die Kirche aber immer reicher machte.

 

GeroGenealogie der Ottonen (auszugsweise).

 

Letztlich hatten alle irdischen Bemühungen und Untaten Geros keinen Bestand. 18 Jahre nach seinem Tode und 10 Jahre nach Hermann Billungs Ende fegte 983 ein gewaltiger Aufstand der so lange Unterdrückten die neuen Bistümer und die Fremdherrschaft östlich der Elbe hinweg. Magdeburg wurde zerstört. Hamburg brannte. Ottos Slawen-Politik war gescheitert.

Es sollten rund 150 Jahre vergehen, ehe nach einem letztlich mißlungenen "Kreuzzug" und teilweise friedlicher Zuwanderung durch deutsche Siedler das Christentum bei den Slawen wieder eine Chance hatte.

 

Literatur

Balázs, Györgyi/Szelényi, Károly, The Magyars, The Birth of a European Nation, Corvina Verlag, Budapest

Beuckers, Klaus Gereon/Cramer, Johannes/Imhof, Michael (Hrsg.), Die Ottonen, Michael Imhof-Verlag, 2002

Diwald, Hellmut, Heinrich I., Die Gründung des Deutschen Reiches, Gustav Lübbe-Verlag GmbH, Bergisch Gladbach, 1987

Lübke, Christian, Die Ausdehnung ottonischer Herrschaft über die slawische Bevölkerung zwischen Elbe/Saale und Oder, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

Padberg, von, Lutz E., Die Christianisierung Europas im Mittelalter, Philipp Reclam jr., Stuttgart, 1998

Ploetz, der Grosse, Verlag Herder Freiburg, Sonderausgabe für Zweitausendeins, Frankfurt a. Main, 32. Auflage

Pörtner, Rudolf, Das Römerreich der Deutschen, Econ Verlag, Düsseldorf, Wien, 1984

Putzger, F.W., Historischer Weltatlas, Velhagen & Klasing, Berlin, 1974

Salewsky, Dietmar, Otto I. und der sächsische Adel, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

Streich, Gerhard, Bistümer, Klöster, Stifte im ottonischen Sachsen, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

 

Netz

www.genealogie-mittelalter.de/

SchleierHaft,  Mittelalterliches Leben im Frauenstift Gernrode

www.stift-gernrode.uni-goettingen.de