lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Kurzbiografie

Einhard

Der Sohn einer unbedeutenden mainfränkischen Adelsfamilie schaffte es über eine Klosterausbildung in den engsten Beraterkreis Karls des Großen aufzusteigen. Als einziger der Karlsberater faßte Einhard Fuß am Hof des Thronfolgers. Den Zerfall des fränkischen Reiches sah er voraus, aber seine mahnende Stimme war leise geworden. Sein Ruhm, vor allem als Historiker und Biograf, begleitete ihn in die Einsamkeit des Odenwaldes. In einem seiner Klöster starb der Freund zweier Kaiser etwa 70-jährig. Dem um acht Jahre jüngeren Ludwig dem Frommen, der ganz in der Nähe verschied, ging er um drei Monate voraus.

 

Aus dem Kreis der Berater des 814 verstorbenen Karls des Großen hebt sich Einhard dadurch hervor, daß er vom neuen Kaiser, Ludwig dem Frommen, als einziger weiterhin am Hofe geduldet wurde, wenn man vom Erzbischof von Köln, Hildebold, dem ersten Geistlichen des Reiches, absieht.

 

Das war weniger auf die aktuelle Zusammensetzung der Runde zurückzuführen – Alkuin (804) und Paulus Diaconus (799) waren verstorben - als auf seine Persönlichkeit und die Wertschätzung, die ihm Ludwig entgegenbrachte. Wahrscheinlich hatte sie ihren Grund nicht nur in der Tatsache, daß es wohl Einhard gewesen war, der 813 den einzigen überlebenden legitimen Sohn zum Mit-Kaiser vorschlug, ein eigentlich überflüssiger rein protokollarischer Vorgang. Viele Historiker halten Einhard nach Alkuins Weggang (796) in das berühmte Kloster Tours für den führenden Kopf der Runde.

 

Zeitgeschichte und Klosterleben

 

Einhard wurde um 770 geboren. Offensichtlich war er nicht als Erbe bestimmt, entweder weil jüngerer Sohn seiner mainfränkischen Adelsfamilie, oder weil seine Statur – er wird uns als klein, gar zwergenhaft beschrieben - ihm das Kriegerhandwerk nicht erlaubte.

 

Er wuchs hinein in die unruhige Zeit des Machtwechsels im fränkischen Reich. Nach dem Tod König Pippins des Jüngeren, 768, hatten nach fränkischem Rechtsbrauch seine beiden Söhne, der etwa 26-jährige Karl und sein jüngerer Bruder, Karlmann, getrennte Reiche übernommen. 3 Jahre später starb auch Karlmann, und sein Bruder, den man später "den Großen" nannte, wurde Herrscher des wiedervereinigten Frankenreiches. Das war schon damals ein Staat, der fast das gesamte heutige Frankreich und die Schweiz umfaßte und im Osten seine Fühler bis zur Elbe ausstreckte. Nördlich saßen die heidnischen Sachsen auf beiden Seiten der Elbe und die Friesen westlich von ihnen. Kaum 20 Jahre vor Einhards Geburt hatten Letztere ihre Ablehnung von Christianisierung und Fremdherrschaft durch die Ermordung des etwa 80-jährigen Missionars Bonifatius noch einmal drastisch bekundet.

 

Doch zunächst begann der Ernst des Lebens für den jungen Adligen mit einer Ausbildung im schon damals angesehenen und wohlhabendem Benediktiner-Kloster Fulda. Die Anfangsjahre könnten für den schwächlichen Jungen hart gewesen sein, denn die Schüler wurden in der Regel von Züchtigung und körperlicher Arbeit nicht verschont. Es ist nicht überliefert, wann Einhard in die Klosterschule kam, wahrscheinlich noch zur Zeit des erstem Abtes Sturmius, der 779 starb. Der Junge hat dann auch das große Ereignis 782 erlebt, als König Karl das Kloster erstmals besuchte, begrüßt vom neuen Abt Baugulf (779-802).

 

Krypta Michaelskirche Fulda, Anfang 9. Jh.
(Foto: Wikipedia/ User:PetrusSilesius/ CC BY 2.5)

 

Einhard war "externer" Schüler und nicht Mönch. Später, als er selbst Klöstern vorstand, wird er als "Laienabt" erwähnt. Im Gegensatz dazu trat um 790 der spätere Abt Fuldas, der berühmte Hrabanus Maurus als Novize ein. Der rund 10 Jahre Jüngere dürfte Einhard in Fulda noch kennengelernt haben.

 

Fulda war 744 vom Bajuwaren Sturmius, einem Schüler des Angelsachsen Bonifatius, gegründet worden an einer Stelle, die schon kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Sachsen und Franken gesehen hatte. Die ursprüngliche fränkische Siedlung war um 700 von Sachsen zerstört worden, und so wird berichtet, daß die Klostergründung am Fluß Fulda in der "Wildnis" geschah.

 

Die gesamte Grenze zwischen Franken und Sachsen war immer unruhig gewesen. Bald nach Karls Machtantritt und Einhards Geburt begann die 30-jährige blutige Unterwerfung der Sachsen, deren Ende Einhard an Karls Hof erlebte. Den Verfasser der Karls-Vita muß dieses Thema beschäftigt haben, denn er läßt noch nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst Ludwigs des Frommen eine Philippika gegen die treu- und ehrlosen Heiden los.

 

Zurück zu Fulda. Das Kloster war keine Einsiedelei. Bei Einhards Eintritt gab es schon regen Besuch von Pilgern, die am Grabe des 754 hier bestatteten Märtyrers Bonifatius beteten. Die Zahl der Mönche zu diesem Zeitpunkt ist nicht überliefert doch Einhard traf mit Sicherheit auf eine große Ordensgemeinschaft. Um 800 wird von 300 bis 400 Mönchen berichtet. Man kann sich vorstellen, daß der neue Schüler, von einem kleinen Landadelshof kommend, beeindruckt war.

 

Wir können davon ausgehen, daß er sich ein für die Zeit umfangreiches Wissen aneignete. Meist standen Lektüre der Bibel und Abschriften daraus am Beginn. Sein von späteren Lesern viel gerühmtes Latein hatte hier seine Ursprünge. Ob er auch Griechisch lernte, wissen wir nicht, aber sicher standen die 7 Freien Künste (u.a. Arithmetik, Geometrie) auf dem "Lehrplan". Letztere benötigte der spätere "Baumeister" Einhard für die wahrscheinlich von ihm errichteten Basiliken in Michelstadt und Seligenstadt.

 

Einhardsbasilika, Michelstadt

 

In Fulda wurde viel gebaut. Treibende Kraft war der Mönch und Baumeister Radgar, der 791 unter Abt Baugulf mit dem Neubau einer großen Klosterkirche begann. Dieser Radgar muß von einer regelrechten Bauwut besessen gewesen sein. Seine übertriebenen Anforderungen an die Mönche im Zusammenhang mit Baumaßnahmen und die damit zusammenhängende Vernachlässigung religiöser Pflichten führte zu einer Klosterrevolte und um 818 zu seiner Ablösung durch Ludwig den Frommen.

 

Diesen Baumeister muß Einhard in Fulda noch erlebt haben. Man berichtet, daß er von 788-791 dort als Klosterschreiber tätig war. Es ist wohl nicht zu abenteuerlich spekuliert, wenn wir in Radgar seinen Lehrmeister in Architekturfragen sehen. Auch der Abt Baugulf scheint auf Einhard aufmerksam geworden sein, denn er soll ihn um 790 zur weiteren Ausbildung an den "Hof" Karls geschickt haben, ein entscheidender Schritt.

 

Dort hatte der etwa 20-jährige das Glück, auf den berühmten Alkuin zu treffen, der seit etwa 10 Jahren das Haupt eines Gelehrtenkreises rund um Karl war. Der zu diesem Zeitpunkt etwa 60-Jährige wird übereinstimmend als großer Geist geschildert. Dem Freund und Lehrer des Königs wird von vielen Historikern die Initiative zu den als karolingische Renaissance bekannten Reformen zugeschrieben.

 

Pfalzkapelle Aachen

 

Eine Zwischenbemerkung: In den Geschichtsbüchern ist häufig von Karls "Hof" die Rede. Dazu müssen wir uns erinnern, daß auch der große Karolinger ein "Reisekönig" war. Historiker haben errechnet, daß er in seiner Regierungszeit – meist auf dem Pferderücken -eine Strecke zurücklegte, die ihn zweimal um den Erdball geführt hätte. Den Winter verbrachte er in verschiedenen Pfalzen, einige Male sogar im vom Krieg verwüsteten Sachsen. Erst ab etwa 794 überwinterte er fast jedes Jahr in Aachen, offensichtlich der heißen Quellen wegen und baute diese Pfalz zur wichtigsten Residenz aus. Ob Einhard am Bau der Pfalzkapelle mitgewirkt hat, wird übrigens diskutiert. Wenn also – insbesondere vor diesem Zeitpunkt - vom "Hof" die Rede ist, ist wohl weniger ein bestimmter Ort gemeint, als der Kreis der Höflinge, Berater, Geistlichen, Bediensteten, wo immer er sich befand.

 

An den Höfen Karls und Ludwigs

 

Jedenfalls wurde Einhard nun Alkuins Schüler an des Königs Hofschule u.a. in der Pfalz von Herstal. Wie lange er als "Schüler" galt, ist unklar. Irgendwann ab 794 aber war er Mitglied des Beraterkreises Karls. Der war durchaus nicht provinziell, sondern, u.a. mit dem Angelsachsen Alkuin und dem aus Spanien kommenden Westgoten Theodulf (von Orléans), "multikulturell" besetzt. Nach Alkuins Weggang nach Tours als Abt des berühmten Klosters dort, galt Einhard bald als sein Nachfolger.