lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

L'Art est inséparable de la Vie

 

Diese Lebensweisheit verfolgte mich auf Schritt und Tritt, als ich im Mai Paris besuchte, um ein Jubiläum zu feiern: Vor 50 Jahren hatte ich ein Jahr in der Stadt an der Seine verbracht.

 

Es war die Zeit der OAS, der „Organisation de l’Armée Secrète.“ Teile der Armee und Pied-noirs wollten mit Bomben, Attentaten und Terror die von de Gaulle versprochene algerische Unabhängikeit verhindern. Nachts hörten wir Explosionen, tagsüber Vorlesungen in französischer Literatur. Gelegentlich schaute man in die Mündungen der Maschinenpistolen nervöser Gendarmerie-Doppelstreifen. Da war es sinnvoll, den Ausweis dabei zu haben und ihn  s e h r  vorsichtig zu ziehen.

 

Interessanter die Exkursionen, die wir, junge Leute aus aller Welt, in Paris und Umgebung mit unserem Kunst- und Geschichtslehrer, Monsieur Küss, unternahmen. Der ältere Herr war Elsässer mit fundierten Kenntnissen der französischen Geschichte, die er nimmermüde und voller Enthusiasmus in Versailles, den Tuilerien oder dem Invalidendom über uns ausgoß. Unvergessen der invalide Polizeioffizier in Paradeuniform im Panthéon, der mit Grandezza den verbliebenen Arm unter der Pelerine hervorfuhr und intonierte „Voici repose Jean-Jacques Rousseau.“

 

Selbst Profi-Maler, schilderte uns Küss in den Gemäldegalerien den Kampf seiner Kollegen mit der leeren Leinwand und zeigte, wie die Großen seiner Kunst mit Form und Farbe umgingen. Und immer wieder betonte er an Beispielen wie eng Kunst und Geschichte zusammenhängen. „L’art est inséparable de la vie.“

 

Mir machten die Vorlesungen und Exkursionen zu den Kathedralen den größten Eindruck.

 

Vor jedem Besuch die Baugeschichte, immer vor dem Hintergrund der jeweiligen politischen Situation. „L’art est inséparable de la vie,“ rief uns Küss wieder zu.

 

Dann Konstruktionsmerkmale und Fachvokabular. Letzteres schwierig. Die „voûtes en croisée d’ogives „ und „voûtes en berceau“ forderten uns ebenso wie die „églises à double chevet“ und die „chapelles rayonnantes“. Nach der Exkursion dann Aufarbeitung und Diskussion.

 

Unvergeßlich der Ausflug nach Chartres im Jahre 1962 an einem heißen Sommertag, den ich 50 Jahre lang in der Erinnerung als zauberhaft bewahrte.

 

Und 2012?

Die Jahre haben sowohl der Kathedrale als auch mir zugesetzt, stelle ich fest. Der Chor nicht zugänglich. Die Statuen ein wenig mehr verwittert. Der Zauber verflogen. Nur Monsieur Küss sehe ich, der mit erhobenem Arm die „voûtes en croisée d’ogives“ erklärt.

 




Abschied Benediktiner Siegburg

 

Vor 948 Jahren gründete Erzbischof Anno II. von Köln das Benediktinerkloster auf dem Michaelsberg - damals Siegberg - über der Stadt Siegburg.

 

Wenig später zogen Mönche ein und blieben mit kurzen Unterbrechungen bis jetzt.

 

Nach dem Jahre 2012 ist ein Benediktiner-Konvent hier Geschichte, besonders schmerzlich für einen Orden, der „Stabilitas“ zu einem seiner Grundsätze machte. Im Normalfall sterben Benediktiner in dem Kloster, in das sie eingetreten sind.

 

Die Gebäude bleiben erhalten. Die schwarz gekleideten immer freundlichen Fratres und Patres verkörperten in Siegburg Geschichte und erinnerten uns durch bloße Präsenz an Tugenden, wie Bescheidenheit, Disziplin und Spiritualität.

 

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Der Meister von Cabestany

 
Cabestany, ein Dorf in der Ebene des Roussillon, verdankt seinen kunstgeschichtlichen Ruhm einem vagabundierenden Bildhauer und dessen Tympanon aus der 2. Hälfte des 12. Jh. in der Pfarrkirche.
 
 

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Wie so oft im Mittelalter bleibt er anonym. So gaben ihm die Kunsthistoriker des 20. Jh., wie vielen seiner Kollegen vor und nach ihm, einen Notnamen.

 

Sie versuchten seine Skulpturen nach charakteristischen Ähnlichkeiten zu identifizieren. Dem Laien fallen als erstes die überlangen Hände auf, aber auch der an die Antike erinnernde Faltenwurf und, wenn man genau hinsieht, die gebohrten Öffnungen in den Augenwinkeln.

 

Die wiederum erinnern an Kapitelle in Klöstern wie Serrabone, nicht mehr al 50 km Luftlinie westlich, in den Pyrenäen.

 

Die Kunsthistoriker konnten seinen Weg von der Toskana über Südfrankreich bis nach Navarra verfolgen und gaben uns damit einen Einblick in die Reisefreude mittelalterlicher Meister.

 

Ein großartiger Forschungserfolg.

 




Die Brücke von Alcántara

 
Beim Rückblick in die Geschichte am Jahresende 2012 fällt auf, daß zwei der „Jubiläen“ auf der iberischen Halbinsel spielen. Überhaupt ist die Zeit der Reconquista eine der farbigsten Ereignisse mittelalterlicher Geschichte.
 

brücke von alcantara

 

Darüber ist viel geschrieben worden. Eines der besten Bücher, die ich kenne, ist

 

Die Brücke von Alcántara von Frank Baer,

Albert Knaus Verlag, München, 1988

ISBN-Nr. 3-442-72087-7 - 889 Seiten –

 

Der hervorragend recherchierte Roman spielt im 11. Jahrhundert in der Zeit der Taifas, Stadtstaaten, die aus den Trümmern des Kalifats von Córdoba entstanden waren.

 

Ich habe das Buch kürzlich zum zweiten Mal gelesen und war wieder begeistert.

 

San Miguel de Escalada

 

Asturische Vorromanik

 

Alfonso III.

 




Schwarze Löcher

Bei den ersten Begegnungen mit Backsteinbauten rätselte ich über in regelmäßigen Abständen angeordnete schwarze Löcher in den Wänden.
 

 

Nach einer Weile wußte ich, es waren Rüstlöcher, die waagerechte Balken aufnahmen. Quer darüber gelegte Bohlen bildeten die Arbeitsebene.

 

Diese Auslegergerüste wurden später durch Stangengerüste abgelöst, gesichert durch senkrechte Pfosten und Streben. Stricke verbanden das Ganze.

 

Sobald die Höhe der Wand das Aufmauern einer weiteren Backsteinlage unmöglich machte, wurde das Gerüst entfernt und weiter oben unter Verwendung der gleichen Hölzer wieder aufgebaut. Die Löcher blieben in der Regel in der Wand.

 

 

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An der Marienkirche in Wismar haben Mittelalter-Liebhaber ein Stangengerüst nachgebaut.

 

Die Wiederverwendung der Hölzer hatte vor allem einen Grund: Holzmangel.

 

Riesige Urwälder waren Feldern und Wiesen gewichen. Der erhaltene Rest wurde stark beansprucht: Englische Wälder schwammen als Kriegsschiffe auf den Weltmeeren, ganze Forste verbrannten unter den Salzpfannen, z.B. in Lüneburg. Die riesigen Dachstühle der großen Kirchen verbrauchten viel Holz. Köhler und Glashütten hatten großen Bedarf, dazu kam der Hausbrand.

 

Siehe auch: Decken und Gewölbe