lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

Es werde Licht

 

Wie kam es nach Einbruch der Dunkelheit in die Schwärze von Schiffen und hohen Gewölben mittelalterlicher Kirchen?

 

Es waren Wachskerzen, die gegen das Dunkle kämpften. Obwohl teuer, und mögliche Brandursache, waren sie unverzichtbar. Gläubige brachten Opfer in Gestalt von Kerzen für die Beleuchtung ihrer Gotteshäuser.

 

Die eindrucksvollsten Möglichkeiten, Licht ins Dunkel zu bringen waren Radleuchter. Sie symbolisierten die Mauern des Himmlischen Jerusalems und wurden bestückt mit Lichtern aus Kerzenopfern.

 

Vier mittelalterliche Leuchter sind in Deutschland erhalten, drei davon aus dem 12. Jh.:

Der Barbarossa-Leuchter, erst kürzlich restauriert, Durchmesser >4 Meter, im Aachener Dom. Er trägt 48 Kerzen.

 

Aachen4893modAP NEU Barbarossa-Leuchter

 

Der Hartwig-Leuchter, Durchmesser >5 Meter, im Kloster Groß-Comburg. Auch er trägt 48 Kerzen.

 

Der Hezilo-Leuchter, Durchmesser 6 Meter, im Dom zu Hildesheim , der größte. Er trägt 72 Kerzen.

 

Welch einen Anblick muß er bieten mit dem Widerschein seiner brennenden Kerzen auf Türmen und Mauern der symbolischen Stadt.

 

Der Azelin-Leuchter, (auch Thietmar-Leuchter), im Dom zu Hildesheim ist wohl ein kleineres aber älteres Schwesterwerk des Hezilo-Leuchters.

 

Der Vollständigkeit halber: Der sehr schöne Radleuchter in der Godehard-Kirche, auch in Hildesheim, ist aus dem 19. Jh.

 




Statik und Ästhetik

Statik und Ästhetik gingen, wahrscheinlich um 1338, in der Vierung der Kathedrale zu Wells eine harmonische Ehe ein.

 

Ich spreche von den berühmten Scherenbögen. Der Schöpfer ist nicht sicher bekannt. Wahrscheinlich war es ein Baumeister namens Joy, wahrlich ein passender Name, denn dieses Architekturelement bereitet vielen Besuchern Freude.

 

 

Aber die scissor arches, insgesamt drei, hatten nicht nur die Aufgabe zu erfreuen. Sie sollten den wankenden Vierungsturm retten. Das Begeisternde ist: Hier verband ein genialer Meister das Nützliche mit dem Schönen.

Einige Puristen unter den Fachleuten sind weniger erfreut. Alec Clifton Taylor meint „Just think it away.“

Die Scherenbögen hatten wenig bekannte und weniger spektaluläre Vorgänger in Salisbury, erbaut etwa 1320, mit dem gleichen Ziel wie in Wells.

 

(Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 and 1986)

 

 

 

 




Einsäulenräume

 

Einsäulenräume sind nicht häufig, aber oft imponierend.

 

An den Beispielen wird deutlich, welche Entwicklung mittelalterliche Architektur in rund 400 Jahren genommen hat.

 

 

Hier eine Krippenkrypta in den Pyrenäen aus dem 11. Jh., im Kloster Saint-Michel-de-Cuxa. Die gewaltige Ringtonne mit 9 m Durchmesser stützte eine nicht erhaltene Dreifaltigkeitskapelle. Die Säule soll einen Durchmesser von 1,8 m haben. Das ist erdverhaftet und mystisch und sehr beeindruckend.

 

 

 

Dort - wie anders - das Kapitelhaus (chapter house) in der Kathedrale von Wells, dem ersten Bau reiner englischer Gotik. Obwohl der Bau der Kathedrale schon im 12. Jh. begann, baute man das Kapitelhaus mehr als 100 Jahre später.

 

Nichts deutet auf Erdenschwere. Alles strebt himmelwärts. 32 Rippen steigen von der einen schlanken Säule auf in alle Richtungen und entfalten sich zum eleganten  Fächergewölbe.

 

 

 




Knotensäulen

 

Sie sind selten, nur in Italien etwas häufiger anzutreffen.

Meist werden sie so dargestellt als seien 2 Säulen durch Knoten miteinander verbunden.

Es gibt viel Mystik um diese Skulpturen aus der Romanik.  Knoten stehen als Symbol für Festhalten/Verbinden. Die Knotensäulen aber werden mit „Abwehrzauber“ und Freimaurern in Verbindung gebracht.

Grópina 016 klein  Tos1(1)
San Pietro, Gropina, Tuscany

 

In der schönen Pfarrkirche San Pietro in Gropina, ebenfalls Südtoscana, steht die Knotensäule genau am Scheitelpunkt der Chor-Zwergalerie. Im Inneren schmückt eine Weitere den Altar.

 

S Quirico OrciaSüdtosk small 043Tos1(1)San Quirico, Orcia, Tuscany

Oft findet man sie an Eingängen von Gebäuden, wie hier am Portal von San Quirico in Orcia (Südtoscana)

 

In Deutschland stehen sie im Würzburger Dom..

 

Was aber würden die Alten Griechen zu den Künsten ihrer mittelalterlichen Kollegen sagen?

 

 

 

 




Die Schöne im Tal

 
Etwa 15 km nordwestlich von Caen liegt in einem stillen Tal ein Kleinod normannischer Baukunst, die Pfarrkirche von St. Pierre de Thaon. Ein Bächlein rauscht, Bäume werfen ihren Schatten auf den alten Bau. Auf saftigen Wiesen weiße Rinder.
 

 

 

Es ist so romantisch wie beschrieben. Eigentlich ein idealer Platz für eine Zisterzienserkirche, doch den Orden gab es noch nicht.

 

In der Kirche aus der zweiten Hälfte des 11. Jh., einer Zeit in der auch die berühmten Klöster Wilhelm des Eroberers, St. Etienne und Sainte-Trinité in Caen errichtet wurden, traf sich eine weit verstreute Gemeinde zum Gottesdienst.

 

Im Kern ist der Bau fast unverändert, nur die Seitenschiffe wurden im 18. Jh. abgerissen, die Arkaden zugemauert.

 

Bemerkenswert sind Bauschmuck und Turm.

 

 

Eine gute Beschreibung findet sich in:

 

Musset, Lucien, Romanische Normandie (West), Echter Verlag, Würzburg, 1989

 

Die Kirche wird sehr zurückhaltend restauriert. Innen finden Ausgrabungen statt. Besichtigungen sollen nach Anmeldung möglich sein. Eine Gruppe von Enthusiasten bemüht sich um den Erhalt des alten Gotteshauses.

 

http://vieilleeglisedethaon.free.fr/