lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

Eine Braut mit Mängeln

 
Das Mittelalter kennt große Frauen und Herrscherinnen.
 
 
Aus ihnen ragt Teophanu hervor, Kaiserin und Regentin des ottonischen Reiches im 10. Jahrhundert.   Otto I., Kaiser von >>962 bis 973 suchte aus politischen und Prestige-Gründen eine engere Verbindung zu Byzanz, das sich als Erbe der römischen Cäsaren verstand.   Heiratspolitik bot sich an. Der Thronerbe - später Otto II. - war im heiratsfähigen Alter. So schickte der Hof eine Delegation nach Byzanz mit dem Auftrag, nach einer purpurgeborenen Braut, d.h. einer Kaisertochter, Ausschau zu halten.
 
 
Es kam Theophanu, nicht Tochter, sondern Nichte des Basileus. Die Enttäuschung am ottonischen Hof war groß, trotz des überaus wertvollen Brautschatzes. Teile sollen nach einer wissenschaftlichen Hypothese in der Kanzel Heinrichs II. im Dom zu Aachen verarbeitet worden sein.
 
 
 
Ambo im Dom zu Aachen
 
 
 Der Hof erwog, das Mädchen zurückzuschicken. Aber entweder verfügte Otto I. über gute Menschenkenntnisse oder er scheute den Eklat. Theophanu blieb, heiratete ihren 17-jährigen Bräutigam, den späteren Kaiser Otto II. >>(967-983), verteidigte nach dessen Tod resolut Krone und Thron für ihren 3-jährigen Sohn gegen einen bayrischen Verwandten, der nicht grundlos den Beinamen „Der Zänker“ trug und übernahm die Regentschaft für den späteren Otto III..
 
 
 Sarkophag Theophanus in St. Pantaleon Köln
 
 
 
Die Kaiserin starb 991 (36 oder 31 Jahre alt), 4 Jahre vor der Kaiserkrönung ihres Sohnes, Otto III. Sie ruht in einem weißen Marmorsarkophag in St. Pantaleon in Köln.   Die ebenfalls hoch angesehene Adelheid, Witwe Ottos I., übernahm die Regentschaft.  




Abhänglinge

 

Dieses hässliche Wort aus dem Fachvokabular der Architekten steht für etwas sehr Attraktives - den hängenden Schlussstein, der im Normalfall am höchsten Punkt eines Rippengewölbes thront.

Aber wie oft am Ende einer großen Stilepoche war die Kraft für grundlegende Neuerungen auch in der Gotik aufgebraucht. Die Baumeister versuchten sich in ästhetischen Spielereien.

 

  Fächergewölbe Abteikirche Bath (E), Kopie aus dem 19. Jh., nach mittelalterlichem Vorbild
        

Wer genau hinsieht wird hängende Schlusssteine gelegentlich auch in deutschen Kirchen finden. Manchmal sind sie nur angedeutet, z.B. in Form eines Knaufes. Auch ganze Hängegewölbe sind zu bewundern, die reine Schmuckfunktion haben.

   

Hängegewölbe St. Pierre. Caen (F), Spätgotik  

 

Doch es bieten sich dem Betrachter noch andere abenteuerliche Gebilde: Abhänglinge, als eigenständige Konstruktion an der Decke befestigt und nicht in das Gewölbe integriert.

 

 




Blick zurück in die Geschichte

 
Am Ende des Jahres lohnt der immer.

 

Beim Rückblick im 100-Jahre-Rhythmus ab 2012 finde ich besonders wichtig:

 

Vor 1200 Jahren 

erkannte Byzanz mit kleinen Vorbehalten die Kaiserwürde Karls des Großen an. Bedeutung: Anerkennung des neuen Kaisers durch die oströmischen Erben der Cäsaren.

Siehe: Architektur des Mitttelalters >Sakralarchitektur>Karolingisch

 

Vor 1100 Jahren

bestieg Abd-ar-Rahman III., der größte Herrscher des islamischen Spaniens den Thron. 27 Jahre später erhob er das Emirat zum Kalifat von Córdoba.

 

Damit legte er sich mit den Fatamiden in Nordafrika an, die ebenfalls das Kalifat beanspruchten. Sie wiederum bekämpften die Abbasiden-Kalifen in Bagdad, die um 750 das Kalifat der Omayaden gestürzt hatten. Der Vorfahr des Kalifen von Córdoba, Abd-ar-Rahman I., war der letzte Überlebende gewesen.

 

Bedeutung: Die Gefahr der Rückeroberung durch die christlichen Königreiche des Nordens war zunächst gebannt, zumal nach dem Tode Alfonsos III. das Reich unter dessen 3 Söhne aufgeteilt wurde.

 

Siehe auch:

>Geschichte des Mittelalters >Kurzbiographie Alfonsos III.

Und: >Architektur des Mittelalters >Sakralarchitektur >Vorromanik >San Miguel de Escalada

 

Vor 800 Jahren

Schlacht bei Las Navas de Tolosa (Spanien)

Bedeutung: Im wechselvollen Geschehen der Reconquista schlugen die im Rahmen eines Kreuzzuges versammelten christlichen Heere Spaniens und Portugals die aus Nordafrika gekommenen Almohaden vernichtend, der Anfang vom Ende muslimischer Herrschaft auf der iberischen Halbinsel (Fall Granadas 1492)

 

Vor 700 Jahren

Auflösung des Templerordens durch Papst Clemens V. (französische Herkunft) auf dem Konzil von Vienne. Übertragung der Güter an die Johanniter.

Inszeniert hatte die Vernichtung des Ordens der frz. König Philipp IV. (Der Schöne), von dem der Papst abhängig war.

 




Köln feiert...

 

Karneval? Wäre nicht erwähnenswert, weil normal.

Nein, es wird gefeiert der 850. Jahrestag der Ankunft der Gebeine der Heiligen Drei Könige, die Barbarossa im unterworfenen Mailand dem Erzbischof von Köln und Reichskanzler Rainald von Dassel geschenkt hatte.

 

Die Heiligen Drei Könige – Mosaik in San Apollinare Nuovo, Ravenna (6. Jh.)

 

Die Reliquien hatten große Bedeutung für Stadt und Erzbischof. Köln wurde zu einem der großen europäischen Pilgerziele mit entsprechenden Einnahmen. Der Erzbischof versprach sich eine Stärkung seiner politischen Stellung im Reich.

Für die Gebeine wurde in der Werkstatt des Nikolaus von Verdun in 40-jähriger Arbeit (um 1200) ein goldener mit Edelsteinen besetzter Schrein geschaffen, der nun im Domchor seinen Platz hat. Er soll das größte und wertvollste Reliquiar des Mittelalters sein.

Der Schrein wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach restauriert, zuletzt aufwändig nach dem 2. Weltkrieg. Im Verlauf dieser Arbeiten untersuchte man das Alter der Reliquien nach neuesten wissenschaftlichen Methoden. Ergebnis: Alter etwa 1900 Jahre.

So ein Mitarbeiter der Dombauhütte vor vielen Jahren im Rahmen einer Führung. Er stellte selbst die Frage: Sind es nun die Gebeine der Drei Könige? Und gab auch eine bedenkenswerte Antwort: „Sollten sie es nicht sein, sind sie doch durch ihr schieres Alter der Anbetung würdig.“

 

„Bernwardtüren“, Bronze, Dom zu Hildesheim (nach 1015)

 

Mittelalterliche Künstler haben sich des Themas häufig angenommen. Besonders beeindruckend die Darstellung auf den „Bernwardtüren“ in Hildesheim.

 




Feldsteinbauten - Aus der Not eine Tugend gemacht

 

An der Autobahn E 30, südwestlich von Brandenburg a.d.Havel, liegt das alte Städtchen Ziesar (948 erstmals erwähnt.)

 

Für Freunde mittelalterlicher Architektur lohnt ein Abstecher. Hier haben sich Reste einer Burg und eine Kirche aus Feldsteinen erhalten, die, Überbleibsel aus der Eiszeit, in Massen Felder und Wiesen bedeckten.

 

Feldsteine als Baumaterial sind in den nördlichen neuen Bundesländern recht häufig, vor allem bei Dorfkirchen und Befestigungen. Meist sind sie aber mit anderen Materialien kombiniert, häufig mit Backsteinen. Mehr...

 

Große Bauten, ausschließlich aus Feldsteinen errichtet, sind selten.

 

    Bergfried der Burg

 

 Klosterkirche der Zisterzienserinnen 

 

Die spätromanische Klosterkirche St. Crucis wurde im 13. Jh. vollständig aus Feldsteinen gebaut. Die spätere Backsteinapsis ist gotisch.

 

Auf dem Gelände der Burg ist ein 35 m hoher Bergfried aus der Zeit um 1200 erhalten. Der ursprüngliche Eingang befand sich in etwa 10 m Höhe. Die sogenannte Bischofsmütze wurde im 16. Jh. aufgesetzt und als Wachstube genutzt.

 

Wem nun der Sinn mehr nach Farbigkeit steht, verwöhnt seine Augen beim Besuch der spätgotischen Burgkapelle mit reichem Bauschmuck. Bei diesem Backsteinbau wurden Feldsteine im Fundament eingesetzt.