lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
  • Aktuelle Seite:  
  • Home
  • Blog

Werners Blog

Ein Mönch „hat Rücken“

 
 
Oder? Jedenfalls scheint er schwer an einer Last zu tragen. Vielleicht stöhnt er unter dem Gewicht eines beleibten Chorherren.
 
 

Dom zu Magdeburg (Mitte 14. Jh.)    

Mit dieser ungewöhnlichen Darstellung möchte ich auf Chorgestühl aufmerksam machen, interessantes Element mittelalterlicher Kirchenausstattung.
 
 

Zisterzienserkirche Bad Doberan (1. Hälfte 14. Jh.

 

Aus der Romanik ist wenig erhalten. Auch von gotischem Chorgestühl sind nur Reste vorhanden. Es lohnt sich, sie zu studieren. Besonders die Miserikordien unter den Klappsitzen, die langes Stehen während der Gottesdienste erträglich machten, zeigen hochwertige, oft skurrile Schnitzereien.
 

Kathedrale von Sevilla (Ende 15. Jh.)

 Abhängig von der Zahl der Mönche oder Chorherren und dem Zeitpunkt der Fertigung war das Chorgestühl bescheiden oder gigantisch. In der Spätgotik wurde es besonders reich mit Schnitzwerk versehen. Oft orientierten sich die Meister mit Fialen, Baldachinen usw. am steinernen Bauschmuck ihrer Kirchen.
 
 
Von den imposanten Gesamtanlagen haben nur wenige überlebt. 

 




Logistik am Bau

 

Im Angesicht mittelalterlicher Bauten fragen wir uns oft: Wie bewegten Bauleute vor Hunderten von Jahren schwere Quader, Mörtel, Balken, Bleiplatten? Wie schafften sie das Material in luftige Höhen?

Es gab primitive Geräte für eine Person, wie Mulde und Vogel, mit denen Handlanger Mörtel schleppten. Schwerere Lasten bewegten zwei Mann auf Tragen mit zwei parallelen Holmen mit Querbrettern.

Das Rad war natürlich bekannt. Schubkarren nutzte man ab dem 12. Jh., außerdem zwei- oder vierrädrige Wagen, meist gezogen von Maultieren oder Ochsen. Denen hat man in Laon in den Türmen der Kathedrale ein Denkmal gesetzt.

 

(www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/gotik/notre-dame-laon)

                                               Wismar 4550 modAP Nachbau eines Tretrades - vor St. Marien, Wismar

 

Für den Lastenaufzug gab es die feste Rolle und verschiedene Kräne, z. B. den Galgenkran. Über Seil und Rolle wurden die Lasten angehoben, entweder durch Haspeln oder Treträder in denen Menschen (Windenknechte) oder Tiere liefen.

Alle diese Geräte wurden aus Holz gefertigt.

Aus Eisen war die Steinzange hergestellt, eine sinnvolle Vorrichtung für das Heben von Quadern. Zwei S-förmige Arme schlossen sich, sobald über das Seil Zug ausgeübt wurde und klemmten den Stein ein. Noch heute sehen wir gelegentlich in den Mauern mittelalterlicher Bauten die kleinen Löcher in der Mitte der Quadern in die die Spitzen der Zangenarme eingriffen, um das Verrutschen zu verhindern.

Trotz aller Transportmittel – der Mensch trug die Hauptlast, am Boden und auf den wackligen Gerüsten. Arbeit am Bau war hart, damals wie heute.

  




Logistik im Bau

 
Ich hatte an dieser Stelle über Logistik am mittelalterlichen Bau geschrieben und das Foto eines in Wismar aufgestellten riesigen Tretrades veröffentlicht.
 
Eine Ergänzung fand ich bei der Suche nach schönen Fassaden der Backsteingotik in Stralsund. Zum Glück ging ich an der weniger attraktiven Fassade des Hauses Mönchstraße 38 nicht vorbei.
 
Im Inneren des 1320 erbauten Kaufmannshauses steht eine völlig intakte Winde mit Welle, Rad aus Eichenholz und Bockshornbeschlägen zur Seilführung. Sie bedient alle 4 Speicherböden.
 
 
 
 
  0776 modAP res                    
0764 mod AP resol 1  
 
Das Haus war bis in die siebziger Jahre des 19. Jh. bewohnt. Das Kulturhistorische Museum der Stadt übernahm und sanierte es mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
 
Neben dieser mittelalterlichen Attraktion vermittelt das Innere des Gebäudes durch entsprechende Einrichtung auch einen guten Einblick in die Wohnsituation der letzten Jahrhunderte.
 
 




Der umgefärbte Heilige

 

Mauritius, zuständig für das Heer, die Infanterie und die Waffenschmiede, ist nicht gerade der populärste Heilige der römisch-katholischen Kirche. Der Legende nach erlitt er um 300 n.Chr. im Wallis das Martyrium als Anführer der Thebaischen Legion zusammen mit Tausenden seiner Männer.

Seine Verehrung breitete sich langsam nach Norden und Nordosten aus, um schließlich auf das Gebiet des ostfränkischen Reiches zu gelangen. Unter Otto I. war ihre Blütezeit.

Mauritius wurde Schutzheiliger des Reiches und Patron des neuen Kaiserdomes in Magdeburg. Mit anderen Märtyrern steht er dort auf antiken Säulen hoch im Chor.

Das alles wäre nicht erwähnenswert, wenn die Darstellung des Heiligen in dieser Zeit nicht grundlegend verändert worden wäre. Aus dem Hl. Mauritius, bisher als weißer Ritter dargestellt, wurde in der Mitte des 13. Jh. ein Schwarzer, ein Mohr. Es soll das erste Bildnis eines Schwarzafrikaners in nachantiker Zeit sein.

 

Magdebg Mauritius 0472 resol 3 hell

 

Ein Torso steht an der Südseite des Domchores. Die Forschung datiert seine Entstehung auf die Mitte des 13. Jh., also in die frühe Bauzeit des Domes.

Die Gründe für diese Wandlung - sind rätselhaft, zumal die Darstellung als Mohr in späteren Kunstwerken, abgesehen von wenigen Ausnahmen in südlichen Gebieten, beibehalten wurde.

 




Stützenwechsel

Beim Gang durch die Mittelschiffe romanischer Basiliken begleiten den Besucher rechts und links Arkaden, deren Bögen entweder von Säulen oder von Pfeilern gestützt werden.
 
Besonders bei Bauten mit Holzdecken werden aufmerksamen Beobachtern gelegentlich Abweichungen auffallen. Anstelle von 2 Reihen gleicher Stützen wechseln auf jeder Seite Säulen und Pfeiler, entweder im strengen Rhythmus oder 2 Säulen folgen auf einen Pfeiler. Im ersten Fall sprechen die Fachleute vom rheinischen, im zweiten vom (nieder)sächsischen Stützenwechsel.
 
 
 

St. Godehard Hildesheim, sächsischer Stützenwechsel

 
Die Gründe scheinen vielfältig.
 
Man denkt zunächst an die Geografie, doch sowohl der für die Epoche wichtige Bau St. Cyriakus vom Ende des 10. Jh. in Gernrode, als auch die Basilika St. Georg und Pancratius aus dem 12. Jh., beide im Herrschaftsgebiet der ottonischen Sachsen, zeigen einen einfachen, sprich rheinischen Stützenwechsel.
 
 
Hecklingen o7 8604 modAP resol

Basilika St. Georg und Pancratius, Hecklingen

 

Logisch scheint er bei Bauten mit gebundenem System. Hier markieren die Pfeiler die Ecken der Mittelschiffjoche, deren Quadrate, ausgehend vom Vierungsquadrat, den gesamten Grundriss bestimmen. Die schwächeren Säulen zwischen den Pfeilern stützen die halb so großen Seitenschiffjoche.  

 

Auch Zahlensymbolik wird als Begründung herangezogen: Beim sächsischen Stützenwechsel könnten  insgesamt 4 Pfeiler auf die Evangelisten, 12 Säulen auf die Jünger oder die Stämme Israels hinweisen