lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

Gesellige Eremiten

Die Psychologen definieren die Einsamkeit als einen unserer
größten Albträume.
 
Jedoch in vielen Kulturen und zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die gerade Einsamkeit suchten, in Bergen, Wüsten, Sümpfen, für Gebete, Meditation, Askese.
 
Da mutet es merkwürdig an, dass einige „Aussteiger“, aus welchen Gründen auch immer, nach gewisser Zeit zwar Eremit bleiben, aber
doch in Gemeinschaft leben wollten. Die Quadratur des Kreises.
 
Das Eremitentum des 4. Jahrhunderts als die früheste Form christlichen Mönchtums des Westens fand Antworten, deren Spuren wir – selten - in der Architektur finden.
 
In Asturien stieß ich an einem Bau der präromanischen Architektur auf dieses Phänomen in Form der cámera oculta.
 
Drillingsfenster zur cámera oculta. Mit Rundbogen aus Backstein.
 
Nur durch dieses Fenster gibt es in San Pedro de Nora Zugang zu einem abgeschlossenem Raum über dem Chor. Solche Räume finden sich auch in der westgotischen Architektur
 
 
SanPedro de Nora (E) (um 790)
 
Der Sinn ist nicht erforscht, sagen die meistenExperten, doch gibt Barral i Altet in „Frühes Mittelalter“einen Hinweis, der zum Nachdenken anregen sollte: Eremiten in extremer Klausur könnten hier gehaust haben, inmitten des normalen Klosterlebens.
 
Das wäre ein Gegenstück zu iro-schottischen Eremiten-Klöstern des 5./6. Jh. und zugemauerten Zellen an mittelalterlichen Kirchen in England. Die „Bewegung“ fände ihren Höhepunkt in den Kartausen des Bruno von Köln im 11. Jh.
 
 
 
 
 




Löwenportale

 
Der Löwe war im Mittelalter ein starkes Symbol.
 
Er stand für Kraft und Stärke, königliche Haltung. Löwen zierten Fahnen und Wappen, und manchmal verbanden sich Wort und Symbol mit dem Namen eines außergewöhnlichen Recken. Denken wir an Heinrich den Löwen, (1130?-1195) Herzog von Sachsen oder an den englischen König Richard Löwenherz (1157-1199).
 
Auch die Kirche schätzte den Löwen. An vielen Bronzetüren des Mittelalters finden wir Löwenköpfe als Abwehr- und Schutzsymbol.
 
 
 
Stiftskirche San Quirico Orcia
Stiftskirche San Quirico d'Orcia, Südtoscana
 
 
Beeindruckender sind die Löwenportale, vor allem in Italien zu Haus.
Nur gelegentlich fanden sie den Weg in andere Länder.
 
 
 
kaiserdom koenigslutter
Kaiserdom in Königslutter
 
In der Regel liegen zwei Löwen mit geöffneten Rachen einander gegenüber, auf ihren Rücken Stützen in Form von Säulen oder menschlichen Figuren, die einen wie immer gearteten Vorbau tragen. Symbol: Auch die Mächtigen müssen sich der Kirche unterordnen.
 
 
In einer anderen Variante (z.B. Kathedrale von Matera) halten die Löwen Menschen oder andere Figuren zwischen den Tatzen. Das unterstreicht die Gefährlichkeit, ändert aber nichts daran, dass auch sie der Kirche zu dienen haben.
 
 




Macht hoch die Tür...

 
Der Tür als Eingang zur Kirche wurde im Mittelalter große Bedeutung geschenkt. Sie war Schutz und Trennung, schied Innen von Außen, Stille von Lärm, Sakrales vom Profanen. Im Gegensatz zu den Türen im Inneren trugen sie, eingebettet in mächtige reich skulptierte Portale, großartige Bildwerke. Neben selteneren wertvollen Bronzetüren, die eher die Chance hatten bis heute zu überleben, war Holz der Werkstoff der Wahl. Aus dem Mittelalter sind nur Wenige erhalten.
 
 
 
neu 01 172323Holztuer modAP sharp resol Pfingsten (Rechter Flügel, unten)
 
 
Die ersten dieser beeindruckenden Türflügel – aus dem 11. Jh. - bestaunte ich in Köln in St. Maria im Kapitol. Sie bewachten damals den Eingang der Nordkonche. Heute sind die 2,3 m hohen Flügel im südlichen Seitenschiff zu finden – hinter Gittern. Eichenbohlen tragen 22 aus Nussbaumholz geschnitzte Bildtafeln mit Szenen aus dem Leben Jesu. Reste früherer Bemalung sind erhalten.
 
 
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Linker Flügel unten: Taufe Christi
Darüber rechts: Kindermord
 
 
Bedeutend älter sind die Holztüren in der spätantiken Basilika Santa Sabina auf dem Aventin-Hügel in Rom. Hier verwendete der Künstler im 5. Jh. Zedernholz. Von ursprünglich 28 Paneelen sind noch 18 erhalten.
 
 
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Israeliten mit der Feuersäule,
Ägypter ertrinken im roten Meer,
Aaron mit Schlangen
 
 
Zwei Türen von wie vielen?
Welche Schätze sind hier untergegangen!
 




Der Gotische Traum

 
Es gibt unterschiedliche Theorien für das Entstehen der Gotik. Eine davon ist die Lichtmystik verbunden mit dem Ehrgeiz der Baumeister, die steinernen Wände der Kirchen durch solche aus buntem Glas zu ersetzen.
 
 
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Versuche sind schon in der Romanik zu erkennen. In der Oberkirche der Sainte Chapelle in Paris jedoch ist dieser Traum mit 15 großen Glasfenstern und einer Fensterrose Wirklichkeit geworden. Mehr als die Hälfte der Glasmalereien soll noch mittelalterlich sein.
 
 
 
 
König Ludwig der IX, der Heilige, ließ diesen äußerlich schlichten hochgotischen Bau in der Mitte des 13. Jh. errichten, als Schrein für wichtige Reliquien, wie die Dornenkrone. Er hatte sie von Balduin II. gekauft, dem Herrscher des lateinischen Kaiserreiches, das nach der Eroberung Konstantinopels durch Kreuzfahrer und Venezianer im 4. Kreuzzug im Wesentlichen nur noch aus der Stadt bestand.
 




Henkel und Ösen

 
Wer am Skurrilen in mittelalterlicher Kunst interessiert ist, dem fallen immer wieder Details auf, deren Bedeutung wir heute nicht erklären können und die vielleicht auch sinnfrei sind.
 
An und in der sehenswerten Neuwerkkirche in Goslar – Baubeginn 12. Jh. - kommt man auf seine Kosten. An dieser Stelle sei nur ein interessantes Element im Mittelschiff der Basilika erwähnt.
 
 
Gslr Neuwerkk 8515 modAPres Neuwerkkirche Goslar
 
 
Einige der das Gewölbe tragenden Dienste verlassen die Wand – und damit ihre eigentliche Aufgabe – ragen henkelförmig in den Raum und kehren pflichtbewusst wieder an die Wand und in die Senkrechte zurück.
 
Doch damit nicht genug. In die „Henkel“ sind „Ringe“ eingehängt, oder sie tragen eine Masken-Skulptur.
 
Die „Ringe“ werden gedeutet als „Ouroboros“, einer sich in den Schwanz beißenden Schlange, ein antikes Symbol.
 
Auch sogenannte „Grüne Männer“ oder Blattmasken sind unter der Bauornamentik der Kirche zu finden.