lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

SPÄTANTIKE

 

Das Grabmal Theoderichs des Großen, Ravenna

 

Der Bau, errichtet aus Großquadern in perfekter Steinbearbeitung und anspruchsvoller mörtelloser Steinsetzung, erinnert an den bedeutendsten Ostgotenkönig und das Sterben von Reich und Volk nach seinem Tod. Eine der größten Ingenieurleistungen der Spätantike, der um 300 Tonnen schwere Dachmonolith aus Istrien, sollte den König nach dem Tode hüten, doch religiöse Intoleranz ließ Leichnam und Sarkophag verschwinden.

 

Grabmal Grabmal Theoderich
Zweigeschossiger Zentralbau, mörtellos gefügt, Dachmonolith.

 

Wenn man sich in Ravenna sattgesehen hat an der Pracht der Mosaike in äußerlich recht schlichten Backsteinbauten des 5. und 6. Jahrhunderts, verblüfft vor und in Theoderichs letzter Ruhestätte der große Unterschied in Bauausführung und Ausschmückung.

 

Obwohl ich mich vorher informiert und das ~16 m hohe Grabmal auf Fotos gesehen hatte, war ich doch vor Ort beeindruckt vom Majestätischen des Bauwerks und seiner gleichzeitigen Schlichtheit. Der Quaderbau hebt sich optisch positiv ab von der eher alltäglichen Backstein-Architektur. Andererseits ist interessant, daß das Baumaterial "Backstein" die Stürme der Zeit ebenso gut überstanden hat, wie der Naturstein.

 

Man hat den Bau sorgfältig freigelegt, denn der Boden des Erdgeschosses befindet sich heute – nach rund 1500 Jahren – ca. 2 m unter der Erdoberfläche. Innen gibt es keine Verbindung zwischen den beiden Stockwerken. Der heutige äußere Zugang zum Obergeschoß stammt aus der Neuzeit.

 

Im Inneren wäre man ohne Vorwarnung enttäuscht. Das Mausoleum des großen Mannes ist so gut wie schmucklos. Welch ein Kontrast zu der prachtvollen Ausstattung der Kirchen Ravennas. Warum diese Kargheit? Auch wenn man den Goten selbst den künstlerischen Umgang mit Mosaiksteinchen nicht zutraut, es standen, wie andere Bauten der Zeit beweisen, genügend Künstler zur Verfügung.

 

Geschichte und Baugeschichte

Zunächst jedoch beschäftigen der kunsthistorische und geschichtliche Hintergrund, der das große Interesse an diesem Bau in erster Linie begründet. Über Einzelfragen dieses Themenkreises wurde und wird diskutiert und spekuliert, weil die Quellen so spärlich sind.

 

Wie kam es zu diesem Bauwerk, dem eine kunsthistorische Sonderstellung zugeschrieben wird? Die Gründe liegen wohl in der Biographie des Theoderich und seiner Selbsteinschätzung als Herrscher Italiens (wenn auch unter formaler byzantinischer Oberherrschaft) oder gar als Nachfolger der römischen Imperatoren. Einige Autoren meinen, Konstantin der Große habe als Vorbild Pate gestanden.

 

Das Grabmal jedenfalls unterstreicht Theoderichs Anspruch in vielen Aspekten. Der zweigeschossige Zentralbau, die Wahl von weit hergeholtem Naturstein, die perfekte Bearbeitung der Großquader, (die an die Sorgfalt der Westgoten und Zisterzienser erinnert), die seltene und anspruchsvolle mörtellose Steinsetzung, der gewaltige Dachmonolith – Botschaften an die Nachwelt: Hier ruht ein Großer!

 

Diskutiert wird die Frage, ob Theoderich sein Grabmal von Grund auf geplant und errichtet hat, oder ob er einen im Ansatz vorhandenen Bau nur vollendete. Es gibt nur wenige Abweichler von der Mehrheitsmeinung, daß Ersteres der Fall war. Bei Würdigung der Persönlichkeit des Königs, seiner politischen Ambitionen und seiner Lebensgeschichte bin ich sicher, daß er mit weniger nicht zufrieden sein konnte.

 

Wenig umstritten ist das Entstehungsjahr, das allgemein mit "um 520" angegeben wird. Nur Xavier Barral i. Altet spricht vom Ende des 5. Jh.. Möglich, daß dann mit dem Bau begonnen wurde und er erst 6 Jahre vor dem Tode Theoderichs in heutiger Form vollendet war.

 

Grabmal Grabmal Theoderich
Germanischer Zangenfries.

 

Nehmen wir also an, der König habe diesen Bau, der inmitten eines gotischen Gräberfeldes steht, ersonnen und geplant, bleibt doch die Frage nach den Baumeistern? Die Ostgoten konnten nicht in Stein bauen als sie nach Italien kamen. Ihr Beitrag zur Kunst dieser Zeit war vor allem Metallschmuck. Konnten selbst Begabte unter ihnen in relativ kurzer Zeit die Fähigkeiten erlernen, einen Bau solcher Qualität zu errichten?

 

Wohl kaum. So gehen denn die Fachleute allgemein von "römischen" Bauleuten aus. Viele sehen ihre Herkunft im christlichen Osten, z.B. in Syrien. Von dort sind 2-geschossige Grabbauten bekannt, und man findet gewisse Übereinstimmungen in der Steinbearbeitung. Aber wegen stilistischer Unterschiede der beiden Geschosse wollen andere Experten das Werk zweier Baumeister erkennen und sehen das Obergeschoß nicht unbedingt in römischer Tradition – dann doch gotisch oder nordisch-germanisch?

 

Fragen über Fragen also. Damit geht es weiter beim Bauwerk selbst.

 

Die Herkunft der Kalkstein-Quader und des Decksteins ist geklärt. Sie kommen aus Istrien.

 

Aber schon die Frage, ob der Sarkopharg im Unter- oder Obergeschoß gestanden hat, ist umstritten. Die Porphyrwanne im Obergeschoß wurde erst Anfang des 20. Jh. aufgestellt. Als die Byzantiner Ravenna 540 eroberten, entfernten Sie Sarg und Leiche des Theoderich, der als Arianer in ihren Augen Häretiker war. Der Leichnam blieb verschwunden.

 

Architekturdetails

Das untere Geschoß ist außen zehnseitig und ca. 6.5 m hoch. Zwischen den Eckpfeilern setzen über horizontalen Gesimsen wuchtige Rundbögen an. Die hohen Arkaden führen zu 9 tiefen Blendnischen, die die Schwere des Baus optisch auflockern. Zutritt zum Innenraum gewährt das Portal an der Westseite dessen Rahmen profiliert ist. Der Raum erhält nur schwaches Tageslicht durch schmale Schlitze.

 

Das obere Geschoß ist im Grundriß ebenfalls zehnseitig, aber kleiner im Durchmesser. Das ermöglicht einen etwa 1,3 m breiten Umgang. Nach der 7. Quaderschicht beginnen mit einem vorspringenden runden Band kreisförmige Segmente. Über dem vorspringenden Band befinden sich kleine Fenster. Darüber sehen wir den berühmten Zangenfries, der germanischer Schmuckkunst entlehnt sein soll. Die meisten Autoren halten ihn für einmalig, abgesehen von einem ähnlichen Ornament auf einer in Ravenna gefundenen Rüstung, die verloren ist. Albrecht Haupt jedoch zeigt in einem alten Werk von 1909 Beispiele von Zangenornamenten auf nordischen Spangen. Noch wichtiger erscheint mir sein Hinweis auf die vollständig untergegangenen Holzbauten der Ostgoten und die Möglichkeit der Übernahme dieses Ornamentes von dort. Wir kennen ein solches Vorgehen auch in anderem Zusammenhang, z. B. bei der Übernahme des Beschlagwerks aus dem Holzbau in den Steinbau im 16./17. Jahrhundert.

 

Grabmal Grabmal Theoderich
Detail Dachpartie mit Zangenfries und "Henkeln".

 

Auf einem Abschlußgesims ruht der Dach-Monolith. Er soll bei ca. 10.6 m Durchmesser und über 3 m Höhe um die 300 Tonnen wiegen, das größte erhaltene Monolithdach des Altertums. Über die Bedeutung der Kuppel gibt es wieder viele Spekulationen. Einige sehen die Kuppel der Hagia Sophia in Konstantinopel als Vorbild. Andere denken, daß sich der König von den Megalith-Gräbern oder gar von den Zelten seiner Vorfahren inspirieren ließ.

 

Die 12 mit Löchern versehenen Elemente am Rande des Decksteins wurden aus dem gleichen Block gehauen wie die Kuppel selbst. Sie tragen auf der Vorderseite die Namen von Evangelisten und Aposteln. Diese "Henkel" haben die Phantasie der Forscher abermals angeregt. Es fällt leicht, bei der Zahl 12 an die Apostel zu denken. Daraus schließen einige Autoren der germanische König habe sich, wie Konstantin d. Gr., als Nachfolger Christi betrachtet und verweisen auf das Grabmal dieses Kaisers, das ebenfalls die 12 Apostel zitiert. Auch an die Zacken einer Krone wird gedacht oder, ganz banal, an Transport-Hilfen. Ich meine, das eine schließt das andere nicht aus. Befestigungselemente brauchte man. Warum das Praktische nicht mit dem Mystischen verbinden und derer 12 wählen?

 

Wenn alle anderen Aspekte unbeachtet blieben – schon die außergewöhnliche Leistung bei Transport und Montage des kolossalen Decksteins verdient größte Bewunderung bei Berücksichtigung der damaligen technischen Möglichkeiten. Allerdings wird aus dem römischen Reich vom Transport (über See) von noch schwereren Obelisken berichtet.

 

Man weiß bis heute nicht, wie die Kuppel montiert wurde. Eine schräge Rampe ist die nächstliegende Erklärung.

 

So gibt uns der schlichte Bau vergleichsweise mehr Rätsel auf als manche große und von der Bauausführung her komplizierte gotische Kathedrale.

 

Der riesige Deckstein jedenfalls sollte das Grab des Königs materiell und symbolisch schützen. Das katholische Byzanz zeigte der Welt, daß das eine Illusion war. Immerhin können wir auch heute noch, nach fast 1500 Jahren, das Weltkulturerbe als Monument bewundern und uns seines Erbauers erinnern.

 

UNESCO-WELTERBE

 

 

Literatur:

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger,Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

 

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag Frankfurt, 1990

 

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

 

Gaddoni, Wanda, Das Mausoleum des Theoderich, Fontana 1987

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Großmann, G. Ulrich, Der Fachwerkbau, DuMont-Verlag Köln, 1986/87

 

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Reprint der Originalausgabe von 1909

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Mehling, Franz N., (Hrgs), Knaurs Kulturführer Italien, Verlag Droemer Th. Knaur Nachfolger, München, 1998, Lizenzausgabe

 

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

 

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag München

 

 

Eigene Beobachtungen