lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

sakralarchitektur

Romanische Kirchen

 

Drohende Fabelwesen in den Kreuzgängen von Abteikirchen, hoch aufragende Kaiserdome am Rhein, weiße Wehrkirchen auf Bornholm - sie bezeugen die Vielseitigkeit dieser bedeutenden Stilepoche des Hochmittelalters.

 

Saint Michel de Cuxa

Seit über 50 Jahren füllen zauberhafte Klänge eine Klosterkirche in den Pyrenäen. Auf dem Weg hinein streben Musiker und Gäste vorbei an den Masken, Molochen und Mischwesen des Kreuzgangs. Der heilige Berg der Katalanen blickt auf sie herab wie vor 1000 Jahren auf die Bauhandwerker, die mit dem Bau dieser Mauern an die Schwelle der Romanik stießen. weiter >>


Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim

Drei illustre Namen verbinden sich mit dieser Kirche. Ihr Bau sollte Karl den Großen ehren. Der wichtigste deutsche Papst des Mittelalters weihte sie. Und aus der Familie des Stifters ging das Geschlecht der Habsburger hervor, deren berühmtester Sproß 500 Jahre später die Sonne in seinem Reich nicht untergehen sah. weiter >>


San Salvador de Leyre (Navarra)

Die Mauren vertrieben sie aus ihrer Hauptstadt.
Sie suchten und fanden Schutz in einem Kloster in der Bergeinsamkeit der Sierra de Leyre. Hier ruhen die Könige von Navarra seit 1000 Jahren, umgeben von schöner Architektur mehrerer Stilepochen. weiter >>


Der Dom zu Speyer

Immer beseelte große Herrscher der Wunsch, sich in möglichst imposanten Bauten zu verewigen. Das war in der Antike so und endete nicht im Mittelalter. Karl der Große schuf in Aachen seine Pfalzkapelle, die ottonischen Kaiser Otto I. und Heinrich II. errichteten Dome in Magdeburg und Bamberg. Die Salier schufen innerhalb von einhundert Jahren – der Dauer der Dynastie – einen Bau der Superlative, der den Titel Weltkulturerbe mehr als verdient. weiter >>


St. Maria im Kapitol

Mehr als 1000 Jahre Geschichte umwehen diesen größten und schönsten Bau der Romanik in Köln. Römer, Karolinger, Salier und Staufer haben hier gebaut und gebetet. Er zitiert in der Architektur die Geburtskirche in Bethlehem, die Pfalzkapelle Karls des Großen und den Dom zu Speyer. weiter >>


Die Rundkirchen Bornholms

Auf der Granitinsel Bornholm zeugen vier schneeweiße Rundbauten seit acht Jahrhunderten von Religiosität und Verteidigungsbereitschaft. Heute sind sie, weil schön und legendenumwoben, ein Anziehungspunkt für die Besucher. weiter >>


Kloster Jerichow

Aus den grünen Elbauen im nördlichen Sachsen-Anhalt steigen braun-rote Doppeltürme auf und weisen seit 800 Jahren den Weg zur Klosterkirche, dem frühesten Denkmal romanischer Backstein-Architektur. weiter >>

 

+Backstein und Jerichow (Backstein-Technik)


Stabkirche Borgund

 Zwischen Gräberfeld und grünem Hügel ein merkwürdig anmutendes Gebäude aus altersschwarzem Holz, an eine Pagode erinnernd.

Heidnische Drachenköpfe auf sich stufenden Dächern, ein christliches Kreuz über dem Rundchor: Die Stabkirche Borgund, eine der schönsten der etwa 30 Bauten, die von rund Eintausend erhalten sind. weiter >>


 

 

Der Begriff Romanik stammt aus dem 19. Jahrhundert und aus Frankreich. Mindestens zwei Herren "streiten" um das Urheberrecht. Beliebt ist die Bezeichnung nicht bei allen Fachleuten. Sie meinen, er weise zu einseitig auf römische Architektur hin.

 

Wurzeln - Ursprünge

Aber es stimmt ja. Eine wichtige Spur dieses ersten großen Europa umfassenden Architekturstils führt über Ottonik und karolingisches Bauen zur römischen Spätantike zurück. Der Rundbogen ist in Arkaden, Wandöffnungen, Gewölben, Ornamenten bestimmendes Architekturelement. Doch entwickelt sich die Romanik mit lombardischen Elementen hauptsächlich nördlich der Alpen, einhergehend mit der Veränderung der politischen Schwerpunkte durch das Heilige Römische Reich unter den deutschen Dynastien der Salier und Staufer.

 

Die Wurzeln aber sind verzweigter. Neben der mühevollen und vielfältigen Weiterentwicklung des antiken Erbes spielen andere Einflüsse eine Rolle. So hat der germanische Holzbau seine nicht immer eindeutigen Spuren im Steinbau hinterlassen, westgotische und islamische Elemente finden wir in Spanien, z.B. im mozarabischen Stil. Süditalienische Architektur zeigt islamische, byzantinische und normannische Formensprache.

 

Archaisches fällt uns vor allem in der Bauplastik auf mit den vielen Bestien, Fabelwesen, Masken an Kapitellen, an Archivolten und Tympana der Portale. Sie spiegeln Ängste, Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte der Menschen dieser Zeit wider und die Beschäftigung mit dem Jenseits. Vor vielen Portalen der Gotteshäuser ängstigen Darstellungen des Jüngsten Gerichtes den Gläubigen. Aber nach Überwindung der durch Gewände verengten Pforte findet er auf dem Weg nach Osten Licht und Verheißung im Chor.

 

 

Architektur und Ornamente

Die in der Vorromanik und der Ottonik erprobten Architekturelemente werden weiterentwickelt. Die Basilika dominiert, aber die Romanik ist vielseitig. Sie bringt nach wie vor Zentralbauten hervor, aber auch neue Formen, wie Doppelkirchen, die vieltürmigen "Gottesburgen" als Symbol des "Himmlischen Jerusalem", Kuppelkirchen, Wehrkirchen.

 

Über allem steht der christliche Glaube, der Bauherren, Baumeister, Mönche und Handwerker zu großen Leistungen und ständigen Verbesserungen treibt. Aus kleinen, grob behauenen Brocken im Mauerwerk werden sorgfältig gearbeitete Quader, denen besonders die Zisterzienser große Aufmerksamkeit widmen, steinerne Gewölbe ersetzen flache Holzdecken, Kreuzrippengewölbe beginnen die Kreuzgratgewölbe abzulösen, verschiedene Chorformen werden entwickelt. In der reifen Phase beginnen die Baumeister die Wand aufzulösen durch Triforien, Nischen, Blendarkaden, die Aufrisse werden dreizonig oder gar vierzonig.

 

Neben der schon erwähnten Bauplastik an Kapitellen und Portalen schmücken sich die Kirchen außen mit Friesen aller Art, Blendarkaden, neuen Fensterformen, (Radfenster), wertvollen Türen aus Holz oder Bronze. Die Apsiden sind reich skulptiert. Die Kirchen sind außen und innen farbig. Wandmalereien lösen die Mosaike früherer Stilepochen ab. Ornamentierte Lettner und Chorschranken trennten die Geistlichkeit von den Laien.

 

 

Einfluß der Geschichte

Die Geschichte hinterläßt ihre Spuren in der Architektur. Die "Cluny III" genannte letzte riesige Klosterkirche des Reformordens auf der einen und der Kaiserdom zu Speyer auf der anderen Seite symbolisieren für viele den Gegensatz von Kirche und Reich, von Papst und Kaiser im Investiturstreit. Mit Wilhelm dem Eroberer kommt ab 1066 romanisches Bauen nach England, dort "Norman architecture" genannt. Mit dem Fortschritt der Reconquista dringt in Spanien romanische Baukunst weiter nach Süden vor. Mit dem Beginn der deutschen Ostbesiedlung im 12. Jahrhundert beginnt im Ostseeraum der Backsteinbau mit ersten romanischen Kirchen (Ratzeburger Dom, Prämonstratenserkirche Jerichow).

 

Ich werde auf den folgenden Seiten versuchen, von einer kleinen frühen Klosterkirche im Roussillon über die Kaiserdome bis hin zu den Bauten der rheinischen Spätromanik einen Bogen zu spannen.