lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Karolingisch

Westwerk Corvey

Während im dunklen 9. Jahrhundert Ungarn und Wikinger reihenweise Klöster niederbrennen, finden Mönche im Sachsenland den Mut für einen prächtigen Bau, der als einziger seiner Art erhalten ist. Außen wuchtig, wehrhaft, innen von majestätischer Würde - eine letzte Blüte karolingischer Architektur. Seit 2014 sind Westwerk und Kloster Weltkulturerbe.

 

Westwerk Corvey
Westwerk

 

Nach der endgültigen Unterwerfung der Sachsen in einem langen und blutigen Krieg (772-804) überzogen die Franken das ehemals heidnische Land mit einem Netz von Bistümern, Klöstern und Missionskirchen. Ganz frühe Holzkirchen sind schon aus der Zeit um 800 in Enger und Werden überliefert. Auch sächsische Edle gründeten Klöster, wie in Herford und Gandersheim.

 

Das Kloster an der Weser wurde 815 als Tochterkloster von Corbie, einer fränkischen Gründung, errichtet. Nach 7 Jahren zog es auf den heutigen Standort um.

In diesen Klöstern wurde der neue Glaube gelebt, und durch sie wurde das Christentum verbreitet. Ihre Kirchen sind alle untergegangen, ebenso wie die vielen kleinen Saalkirchen (oft Eigenkirchen des Adels) aus Holz oder Stein. Auch größere Bauten, z.B. die Domkirche Karls, eine 3-schiffigen Basilika in Paderborn vom Ende des 8. Jahrhunderts, sind nicht erhalten.

Da ist es eine glückliche Fügung, daß uns der Westbau der Klosterkirche Corvey geblieben ist, das einzige erhaltene Beispiel dieses von karolingischen Baumeistern geschaffenen Baukörpers überhaupt.

 

Baugeschichte

Obwohl der Bau der ersten Kirche um 822 begonnen wurde (Weihe 844), legte man den Grundstein für das Westwerk erst in 873, 3 Jahre vor dem Tod Ludwigs des Deutschen. Beendet und geweiht wurde es 12 Jahre später zu einem Zeitpunkt, als sich die Herrschaft der Karolinger in Ostfranken bereits dem Ende zuneigte.

 

Die eigentliche Kirche wurde im 17. Jahrhundert durch den heutigen Barockbau ersetzt.

 

Auch das Westwerk - aus lagerhaftem Bruchsteinmauerwerk - wurde in seiner elfhundertjährigen Geschichte umgebaut. Die oberen Geschosse des früheren Mittelturms wurden im 12. Jahrhundert abgerissen und durch Arkaden ersetzt. Die Rautendächer der verbliebenen Flanken-Türme kommen etwa 500 Jahre später.

 

Architektur

Trotz aller Veränderungen gibt das Westwerk, eigentlich ein vorgesetzter selbständiger Zentralbau, eine gute Vorstellung karolingischer Architektur.

 

Dem mittleren Baukörper ist zentral ein schmaler Erker vorgesetzt, dessen 2 Rundbogenfenster im 1. und 2. Obergeschoß etwa auf der Ebene der insgesamt 4 gleichartigen Fenster des Mittelbaues rechts und links liegen. Im Giebel des Vorbaus steht eine Figur in einer Nische.

 Westwerk CorveyKreuzgratgewölbe auf monolithischen Säulen im Untergeschoß.

 

Über dem Satteldach des Erkers hat der mittlere Baukörper heute eine Arkade mit Säulen in den 4 Rundbogen-Öffnungen und darüber eine kleinere unter der dem Betrachter zugewandten Traufe des Satteldaches.

 

Der untere Teil der Türme erhält innen Licht durch schießschartenähnliche Fenster.

 

Drei Rundbogenportale, an römische Triumphbogen erinnernd, gewähren Zugang zur auch als "Krypta" bezeichneten Erdgeschoßhalle.

 Westwerk CorveyGekuppelte Zwillingsarkaden im Obergeschoß.. Rundbogenarkaden unten.

 

Hier tragen monolithische Säulen und gemauerte Pfeiler urige Kreuzgratgewölbe ohne Gurtbögen. Der quadratische Zentralraum mit 3 Schiffen und 3 Jochen ist von den Seitengängen durch Pfeilerarkaden getrennt. Der Raum, Durchgang zum Langhaus, wirkt wuchtig und dunkel und paßt zum burgartigen Charakter des Westwerkes. Alles lebt aus dem Alten, auch die Kapitelle nach korinthischen Vorbildern. Die feine Eleganz derer in Lorsch ist nach fast 100 Jahren dahin. Es sollten mehr als weitere 100 Jahre ins Land gehen bis Bischof Bernward von Hildesheim das neue Würfelkapitell konsequent einsetzte.

 Westwerk CorveyPfeilerarkaden tragen die Emporen.

 

Der 2-geschossige quadratische Hauptraum im 1. Stock (Johanniskapelle) ist gegenüber der "Krypta" hoch, licht und hell. Er wird durch untere Rundbogenfenster und obere in den umlaufenden Emporen beleuchtet. Je 3 Pfeilerarkaden trennen das zentrale Raumgeviert unten von seitenschiffähnlichen Nebenräumen. Die Emporen hingegen öffnen sich durch je 3 gekuppelte Zwillingsarkaden zum Innenraum.

 

Eine große Rundbogenöffnung in der Mitte beherrscht die westliche Empore.

 Westwerk CorveyDetail Zwillingsfenster

 

Am Raum dahinter - und ähnlichen Räumen in anderen Bauwerken - entzündete sich ein Gelehrtenstreit. Einige Autoren sehen ihn als Thronraum des Kaisers, der von dort - vor den Umbauten des Mittelalters in Corvey - mit Blick auf den Altar im Osten ungestört dem Gottesdienst beiwohnen konnte. Die meisten jedoch lehnen die Interpretation mangels schriftlicher Quellen ab und betrachten die Frage als offen. 

 

Westwerk Corvey
Obergeschoß: Nebenräume und Emporen

 

Auch über die generelle Funktion und Bedeutung der Westwerke herrscht Uneinigkeit. Sie werden als Taufkirche, Eigenkirche des Herrschers, Nebenkirche, Märtyrerkirche, aber auch als Gerichtssaal, Wehranlage, etc. angesehen.

 

Eine Diskussion der Fachleute, wie gesagt. Uns Laien führt der Bau zurück in die Zeit der Wikinger- und Ungarn-Einfälle und des Übergangs zum aufwärts strebenden neuen sächsischen Kaisergeschlecht der Ottonen.

 

Das Kloster ist Weltkulturerbe

 

 

Literatur

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Stierlin, Heinri (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

Christe, Yves, in: Formen und Stile Christentum, Benedict Taschen Verlag GmbH, Köln, 1994

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

Kaiser, Wolfgang, Romanische Architektur in Deutschland, in: Romanik, Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Lobbedey, Uwe, Kirchenbau im sächsischen Missionsgebiet, in: Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Karl der Große und Papst Leo III., Paderborn. Beiträge zum Katalog der Ausstellung, Paderborn 1999, Hrsg. Stiegemann, Christoph/Wemhoff, Mathias, Verlag Philipp von Zabern, Mainz

Untermann, Mathias, Architektur im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006

Wagner-Rieger, Renate, Architektur, in: Das Mittelalter I, Hermann Filitz, (Hrsg.) Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990 – S. 172, 185

 

Vorträge

Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Köln, Karl-Rahner-Akademie, 2003

 

 

Eigene Beobachtungen

 

 Ergänzt 2015