lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

 Karolingisch

Einhardsbasilika in Michelstadt-Steinbach

Vor 1200 Jahren war der Odenwald finstere Waldeinsamkeit, der richtige Platz, um in einem selbst erbauten Kloster vom Streß der großen Politik auszuruhen. Die von Einhard, dem Biographen Karls des Großen, erbaute Basilika ist die einzige, die aus dieser Zeit nördlich der Alpen erhalten ist. Hier wird, auch in der urigen Stollenkrypta, frühes Mittelalter erfahrbar.

 Einhard-Basilika, Michelstadt

Langhaus und Apside von Süd-Ost.

 

Baugeschichte

Im Jahre 815 erhielt Einhard, der Berater Kaiser Ludwig des Frommen als Geschenk Land im Odenwald, seiner Geburtsregion.

 

Im heutigen Steinbach/Michelstadt wurde ab etwa 820 eine  Basilika erbaut, wahrscheinlich von Einhard selbst. Sie ist eine der wenigen erhaltenen aus karolingischer Zeit.

 

Die Reliquien des Hl. Marcellinus und eines auch Petrus genannten Märtyrers minderen Ranges, die Einhard um 827 für Steinbach aus Rom beschaffte, wurden wenig später nach Seligenstadt für die geplante Klosterkirche gebracht.

 

Der dortige Bau, auch Einhardsbasilika genannt, entstand etwa 10 Jahre nach Steinbach und stellt sich uns heute als makelloses (neu)romanisches Bauwerk mit gotischen und gar barocken Elementen dar. Den Hauch frühen Mittelalters habe ich, anders als in Steinbach, nicht empfunden. Karolingisches in Querhäusern und Mittelschiff ist fast untergegangen.

 

Anders in Steinbach. Wesentliche Teile dieser ursprünglich dreischiffigen Pfeilerbasilika sind erhalten, z.B. Mittelschiff, Apsis, Krypta. Obwohl der nördliche Nebenchor im 12. Jh. durch einen sogenannten "Winterchor" ersetzt wurde, soll der Bau nach dem "Dehio" die älteste so vollständig erhaltene Basilika nördlich der Alpen sein.

 

Beim ersten Blick vom Eingang der gepflegten Gesamtanlage in Seligenstadt her darf man sich vom südlichen Anbau am Hauptschiff nicht täuschen lassen. Er dient lediglich der Abstützung des Mittelschiffes. Der damalige Landeskonservator, Prof. Kiesow, später Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, entschied sich gegen eine Kopie des Seitenschiffes, weil wichtige Daten fehlten.

 Einhard-Basilika, MichelstadtMittelschiff

 

Baudetails

Christliche Symbolik war karolingischen Baumeistern ebenso vertraut wie denen der Spätantike  300 Jahre zuvor. Die Zahl der Apostel wird in der karolingischen Kirche durch 2 mal 6 Rundbogen-Arkaden (heute zugemauert) repräsentiert. Nicht edle Säulen tragen die Decke, sondern schlichte Backstein-Pfeiler.

 

Man denkt beim Format an römische Spolien. In der Tat aber waren wohl auch ungeübte Ziegler aus der Zeit Einhards am Werk, die ausgesprochen schlechte Qualität lieferten, wie das Hessische Landesamt für Denkmalpflege herausfand. Untermann jedoch berichtet, daß nur 260 Backsteine produziert wurden bei einem Gesamtbedarf von rund 7000 Stück.

 

Im Obergaden liegen die originalen kleinen Rundbogenfenster mit nach innen erweiterter Laibung in der Achse der Arkaden, die Mittelschiff und Seitenschiffe trennten. Diese strenge Ordnung entzückt heutige Fachleute. Es sollten einige hundert Jahre vergehen, ehe dies Standard im mittelalterlichen Kirchenbau wurde.

 Einhard-Basilika, MichelstadtHolzdecke um 1160

 

Auch 2 Original-Okuli in der Ostwand des Mittelschiffes lassen Licht ins Kircheninnere. Ein Drittes beleuchtete den Dachraum.

 

Die Basilika hatte früher flache Bretterdecken. Nur die Apsiden waren eingewölbt. Heute erblickt man vom Mittelschiff aus die eindrucksvolle Zimmermannsarbeit der Dachkonstruktion aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts.

 

Baugeschichtlich interessant ist die Chorsituation. Nördlich und südlich des Hauptchores mit halbrunder Apsis, der Höhe und Breite des Mittelschiffes übernommen hat, lagen kleinere niedrigere Seitenchöre mit ebensolchen Apsiden. Vom Hauptchor waren sie abgeschnürt und nur durch Türöffnungen erreichbar. Vergleichbare Dreizellen-Ostbauten gab es auch im westgotischen Spanien (>Santa Maria).

 

In der Hauptapsis haben sich Reste karolingischer Malerei erhalten.

 

Einhard-Basilika, Michelstadt
Ansicht von West.

 

Diesen Zellenquerbau nach byzantinisch-syrischen Vorbildern ließ Einhard übrigens in der Klosterkirche Seligenstadt fallen. Er entschied sich für ein durchgehendes Ostquerschiff.

 

Einhard-Basilika, Michelstadt
Stollenkrypta.

 

Die Situation im Westen ähnelte der im Osten. Hier ist viel umgebaut worden. Die dreiteilige karolingische Vorhalle wurde Ende des 12. Jahrhunderts durch eine romanische Zweiturm-Fassade mit Westchor ersetzt, die auch nicht erhalten ist.

 

Unter dem Chor befindet sich eine urtümliche Stollenkrypta, eine Vorgängerin der häufig erhaltenen Hallenkrypten. Zugang hatte man von den Seitenschiffen aus. Hier sollten die aus Rom geholten Reliquien angebetet werden. Die hier ursprünglich vorgesehene Ruhestätte Einhards und seiner Gemahlin Imma, wurde nach Seligenstadt verlegt.

 

Die Stollenkrypta besteht aus einem langen Nord-Süd-Gang unter der Querhausanlage, der von 3 West-Ost-Gängen gekreuzt wird, die unter Seitenschiffen und Hauptschiff verlaufen. Unter den 3 Chorräumen befinden sich im Scheitel der Apsiden Nischen für Altäre. Die Gänge sind tonnengewölbt und teils aus Backsteinen erstellt.


Literatur:

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

Dehio, Georg, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler - Hessen, Deutscher Kunstverlag, München, 1982, Backes, Magnus, Bearbeitung

Filitz, Hermann, Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter I, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

Kiesow, Gottfried, in: Backsteinbaukunst: Zur Denkmalkultur des Ostseeraumes, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, 2006,

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Untermann, Matthias, Handbuch der mittelalterlichen Architektur, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2009

 

Vorträge

Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Jan. - Februar 2003

 

 

Überarbeitung 2011 - "Seitenschiffe"

dito 2015 "Backsteine"

 
 
Eigene Beobachtungen