lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

sakralarchitektur

Karolingische Kirchen

Nach dem Niedergang spätantiken Bauens und dem zaghaften Neubeginn in ehemaligen römischen Provinzen kam mit Karls Reich eine neue Blüte der Architektur. Wenig aus der Fülle ist erhalten, doch jeder Bau, von ehemaligen Klosterkirchen über imposante Westwerke hin bis zur Krönung, der Pfalzkapelle in Aachen, lohnt die Reise...

 

 

 

 

Die Pfalzkapelle Karls des Großen, Aachen

Einhard-Basilika, Michelstadt

Karl der Große, der erste Nachfolger der römischen Cäsaren im Westen, veranlaßte nicht nur die nach ihm benannte Renaissance der Künste und Wissenschaften, er hatte offensichtlich auch ein Händchen für Marketing. Die nach ihm benannte Architektur, an der Spitze seine Pfalzkapelle in Aachen, war auch ein Signal an seinen Rivalen, den Kaiser Nikephorus I. in Byzanz: "Ich bin Dir ebenbürtig". weiter >>


Einhard-Basilika, Michelstadt

Einhard-Basilika, Michelstadt

Vor 1200 Jahren war der Odenwald finstere Waldeinsamkeit, der richtige Platz, um in einem selbst erbauten Kloster vom Streß der großen Politik auszuruhen. Die von Einhard, dem Biographen Karls des Großen, erbaute Basilika ist die einzige, die aus dieser Zeit nördlich der Alpen erhalten ist. Hier wird, auch in der urigen Stollenkrypta, frühes Mittelalter erfahrbar. weiter >>


St. Johann, Müstair

St. Johann, Müstair

In einem einsamen Tal Graubündens hat eine der wenigen erhaltenen karolingischen Saalkirchen Bergwintern und Abriß getrotzt. Und: In ihren Mauern schlummerten, jahrhunderte lang unentdeckt, Fresken unter altersschwarzem Putz. Sie sind, trotz der Zerstörungen durch spätmittelalterliche Bauwut, einzigartig. weiter >>


Königshalle Lorsch

Tor-Halle Lorsch

Nicht einmal Ruinen blieben von den meisten der über vierhundert im karolingischen Reich gegründeten Klöster. Ein Juwel unter den wenigen erhaltenen Repräsentationsbauten steht im Odenwald. weiter >>


Westwerk Corvey

Westwerk Corvey

Während in diesem dunklen Jahrhundert Ungarn und Wikinger reihenweise Klöster niederbrennen, finden Mönche im Sachsenland den Mut für einen prächtigen Bau, der als einziger seiner Art erhalten ist. Außen wuchtig, wehrhaft, innen von majestätischer Würde - eine letzte Blüte karolingischer Architektur. weiter >>

 

 

 

 Karolingische Kirchen (Fortsetzung)

 ... "L’art est inséparable de la vie!" Diese Worte unseres Kunstlehrers in Paris (lang, lang ist's her) habe ich nie vergessen. Und wie Recht er hatte.

Stellen wir uns vor, des großen Karls Bruder, Karlmann, wäre nicht zur rechten Zeit gestorben.

Die beiden Brüder hatten stark unterschiedliche politische Vorstellungen und sollen sich persönlich nicht verstanden haben. Ein Bürgerkrieg war nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den fränkischen Reichsteilungen unter den Merowingern in einen Ost- und einen Westteil (Austrien und Neustrien), wurde das Reich nach dem Tode Pippins III. (768) in eine Nord- und eine Südhälfte geteilt. Karlmann’s Anteil war ein Block im Südwesten, Süden und Südosten des Reiches, umgeben von Karls Reichsteil im Westen, Norden und Nordosten – schwer zu verteidigen und zu verwalten. Eine "karolingische Renaissance", wie wir sie kennen, ist kaum vorstellbar unter diesen Bedingungen.

Der Tod regelte diese Probleme. Ein fähiger König beherrschte nun für über vier Jahrzehnte das gesamte Frankenreich, im Inneren friedlich und groß genug, auch ohne die späteren Eroberungen im Osten und Süden – die besten Voraussetzungen für ein Aufblühen von Kunst und Wissenschaft.

Neben vielen anderen Reformen (Bildung, Finanzen, Heer, Recht, Kirche etc.) fand auch die Kunst Karl’s Interesse. Sie war nicht Selbstzweck, sondern hatte seinen politischen Zielen zu dienen, wobei er auf römische Traditionen zurückgriff.

Das galt auch für die Architektur. Karl wird gelegentlich mit dem oströmischen Kaiser Justinian (527-65) verglichen, einem großen Bauherren. Und hier sind wir bei einem der politischen Probleme des Frankenherrschers. Natürlich betrachteten sich die byzantinischen Herrscher als einzige legitime Nachfolger der römischen Cäsaren und Karl (Germane, sprich Barbar) als einen Emporkömmling. Er mag erkannt haben, welche Kluft ihn vom römischen Kaisertum trennte, dessen Nachfolge er antreten wollte. Die Kunst sollte helfen, diesen Abstand zu verringern.

Die Architektur eignete sich gut dazu, herrscherliche Macht und Selbstbewusstsein zu demonstrieren und Anspruch auf Gleichberechtigung mit Byzanz, anzumelden. Das beste Beispiel hinterließ er uns mit der Pfalzkapelle zu Aachen, ein Bau des Typs königlicher Zentralbau, den Bandmann die vornehmste aller Kirchen nennt.

Neben Zentralbauten wurden Basiliken und Saalkirchen errichtet. Wenige Beispiele einer Sonderform, den 3-Apsiden-Saal, finden wir im Alpengebiet (>Müstair).

Eine Reihe von Autoren, wie Bandmann, Koch, schreiben der karolingischen Architektur Neuschöpfungen zu. Sie beziehen sich vor allem auf den mehrstöckigen Westquerbau, Vorgänger der späteren Westwerke. Diesen Bauteilen wird oft eine politische Bedeutung zugewiesen (Sitz des Herrscherthrones, Ausdruck einer Balance zwischen kirchlicher und weltlicher Macht, etc.) Das wird kontrovers diskutiert.

Einige Autoren sehen auch in den Doppelchören, die nach Koch in einigen karolingischen Basiliken  nachgewiesen wurden, z.B. in der Stiftskirche Fulda (791-819) eine karolingische Neuerung. Nach Jean Hubert gab es vor Karl keine Doppelchöre.

Der Kölner Dombaumeister i.R., Prof. Wolff, steht diesen Aussagen skeptisch gegenüber und sieht in der Aachener Pfalzkapelle eher den letzten Bau der Antike, als die erste bedeutende Kirche des europäischen Mittelalters.

Wer sich den heutigen Aachener Dom ohne gotischen Chor vorstellt, wird in der Tat sehr an byzantinische Architektur erinnert. Der Westbau ist allerdings teilweise untergegangen.

Doch obwohl viel gebaut wurde unter den Karolingern, sind nur wenige Bauten erhalten. Lassen sie, trotz vieler Ausgrabungen, eine fundierte Aussage über die Innovationskraft der karolingischen Architektur zu?

Karolingische Baumeister haben viel ausprobiert. Das ging zu Lasten der Einheitlichkeit. Das Querhaus war kein gleichwertiges Bauelement. Die Durchsetzung der völlig ausgeschiedenen Vierung und des gebundenen Systems blieb den Nachfolgern in der ottonischen Epoche vorbehalten.

Von der karolingischen Profan-Architektur - es sollen allein knapp einhundert Pfalzen gewesen sein – ist noch weniger erhalten, als von den Sakralbauten.

 

Literatur (Auszug) 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

Fillitz, Hermann, Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter I, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990,

Hubert, Jean/Porcker, J./Volbach, W.F., in: Universum der Kunst - Die Kunst der Karolinger, Malraux, André/Parrot, André (Hrsg.), Verlag C. Beck, München, 1969

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Vortrag

Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003