lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Profanarchitektur

Mittelalterliche Rathäuser

 

Die Profan-Architektur des Mittelalters hat kaum Prachtvolleres hinterlassen als die Rathäuser reicher Städte. Sie sind Symbole für Wohlstand und Machtstreben eines Bürgertums, das, gleich ob Patrizier oder Zünfte, das Joch der adligen oder klerikalen Stadtherren abgeschüttelt hatte.

 

Eine Übersicht verschiedener Rathäuser gibt es hier.

 

Diese Bauten sind der Mittelpunkt von Städten, über deren Ursprung, Entwicklung und Ausbreitung viel geschrieben wurde.

 

Städte – Ursprung, Häufigkeit

 

Bis ins 12. Jh. verdankten die meisten Städte in West- und Südeuropa ihre Existenz dem römischen Reich, aber die alten Römerstädte lagen danieder. Kühe weideten innerhalb verfallender Mauern. Die ca. 10.000 Einwohner von Augusta Treverorum nutzten um 1150 nur noch die Hälfte der Fläche, die 1000 Jahre zuvor etwa 70.000 Menschen Platz geboten hatte.

 

Die Stadt-Dichte war regional sehr unterschiedlich. Im Heiligen Römischen Reich nördlich der Alpen gab es um 1150 etwa 50 Städte. Schwerpunkte waren der Rhein und die heutigen Niederlande und Belgien. England konnte 1086 nur 18 Städte mit über 2000 Einwohnern aufweisen. In Frankreich waren um die Jahrtausendwende die Städte zahlreicher. Das galt natürlich auch für Italien, mit einer Reihe von "Großstädten" – aus damaliger Sicht.

 

Städte - Einwohnerzahlen

 

Über die Einwohnerzahlen mittelalterlicher Städte haben wir Heutige meist übertriebene Vorstellungen. Die vorliegenden Schätzungen sind schwierig und mit gebotener Skepsis zu betrachten.

 

Für Köln, der größten deutschen Stadt, schwanken die Zahlen für die Zeit um 1300 zwischen 35.000 und 50.000. Lübeck, Vorort der Hanse, die zweitgrößte Stadt, folgte mit etwa der Hälfte.

 

In der Seerepublik Venedig, übrigens nicht römischen Ursprungs, und in Florenz lebten um diese Zeit je etwa 100.000 Menschen, in Rom nur die Hälfte.

 

Paris mit über 100.000 Einwohnern übertraf um 1350 die meisten europäischen Städte.

 

Mittelalterliches Rathaus
Toledo: Teile der Stadtbefestigung.
 Gegründet von Keltiberern. 192 v. Chr. durch die Römer erobert
 
 

Um 1000, auf seinem politischen und kulturellen Höhepunkt, war Córdoba wohl die größte Stadt Europas. Die Schätzungen schwanken allerdings stark zwischen >100.000 und einer Million. Die Mauern von Toledo schützten um 1350 etwa 20.000 Menschen. Madrid war mit weniger als 10.000 Einwohnern vergleichsweise unbedeutend.

 

In London drängten sich um 1300 etwa 40.000 Einwohner. Das war das Vierfache von York, der zweitgrößten Stadt.

 

 

Alle Schätzungen gelten für die Zeit vor der großen Pest, die ab 1348 oft die Hälfte der Stadtbevölkerungen dahin raffte, in Venedig angeblich sogar zwei Drittel.

 

 

Städte – Neugründungen

 

Lange vor dieser Katastrophe aber begann eine Welle von Neugründungen, vor allem im Deutschen Reich und im Zuge der Osterweiterung. Besonders nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. (1197) maßten sich Lehns- und Territorialherren an, eigene Städte zu gründen.

 

Mittelalterliches Rathaus
Kaiser Heinrich VI. und seine Gemahlin, Konstanze von Sizilien (Bildquelle: Public Domain, Wikipedia)
 
 

Bis 1300 kamen allein in Deutschland etwa 400 neue Städte hinzu, alle mit Ratsverfassung.

 

Im Süden Frankreichs wurden im Zuge der Albigenserkriege und der französisch-englischen Auseinandersetzung vom 12. bis 14. Jh. eine Reihe von "Bastiden" mit regelmäßigem Grundriß gegründet.

 

Die Städte waren von Mauern und Gräben umgeben. Türme, Wehrgänge und gut gesicherte Tore verstärkten den Schutz, der allerdings mit dem Erscheinen der Kanonen im späten Mittelalter weitgehend hinfällig wurde.

 

In der Hoffnung auf ein besseres Leben und auch mit der Aussicht "nach Jahr und Tag" frei zu sein, strömten immer mehr Landbewohner in die Städte. Die einengenden Mauern mußten vielfach erweitert werden.

 

Mittelalterliches Rathaus
Worms: Stadtmauer aus Backstein mit Türmen und überdachtem Wehrgang
 
 

Ratsverfassung

 

Die Stadtrechte, auch der älteren Städte, unterschieden sich stark von einander. Trotzdem gibt es quer durch Europa viele Ähnlichkeiten.

 

Das Marktrecht war von besonderer Bedeutung. Manchen Städten wurden auch Münz- und Zollrechte verliehen.

 

Immer war der Rat bestrebt, sich dem Diktat der Stadtherren schnell zu entziehen, während Adel und Kirche auf ihren alten Rechten bestanden. Die Ratsherren mußten sich oft mit Kompromissen begnügen. Insbesondere in England mit seinem starken Königtum trafen die Unabhängigkeitsbestrebungen auf Schwierigkeiten.

 

Die Ratsverfassung wichtiger Städte, z.B. die von Lübeck, wurde von anderen übernommen. So bildeten sich Stadtrechtsfamilien.

 

Der mittelalterliche Stadtrat hatte wenig gemein mit den heutigen, demokratisch gewählten Räten. Wohlhabende und angesehene Bürger, meist Handelsherren, wählten den Rat aus ihrem Kreis. Der Rat bestimmte einen oder mehrere Bürgermeister. Viele Stadträte waren den adligen und geistlichen Stadtherren, so es sie noch gab, an Weitblick und Organisationstalent überlegen.

 

Später machten die Zünfte den Patriziern die Stadtherrschaft streitig. Die Zunftmeister waren wiederum privilegiert gegenüber der Schicht der einfachen Handwerker und Arbeiter. Soziale Spannungen entluden sich gelegentlich in Aufständen und Bürgerkriegen, besonders häufig in Flandern und Italien.

 

Mittelalterliches Rathaus
Venedig: Dogenpalast

 

Im 12 Jh. wurden einflußreiche Städte durch kaiserliche Privilegien zu Reichsstädten und dadurch von den regionalen Herren weitgehend unabhängig. Besonders die Staufer förderten diese Entwicklung und gewannen so neue Finanzierungsquellen. Auch mußten die Reichsstädte Heeresfolge leisten.

 

Rathäuser

 

Die wachsende Bevölkerung und damit zunehmende Aufgaben für den Rat erforderten entsprechende Gebäude – die Rathäuser, meist mit der Stadtkirche an einem Platz gelegen, dem Marktplatz,  Mittelpunkt der Stadt.

 

Das erste europäische Rathaus wurde wohl im 12. Jh. in Orvieto (I) errichtet. Überhaupt waren in Italien die Paläste vieler Städte, die ja oft Stadtstaaten waren, besonders prächtig, wie der Dogenpalast von Venedig.

 

Mittelalterliches Rathaus
Bad Münstereifel: Rathaus
 

Bis zum 14. Jh. waren Rathäuser oft reine Zweckbauten, die vor allem den wichtigen wirtschaftlichen Belangen der Städte dienten, als Tuchhallen, Markthallen oder Kaufhäuser. Ein besonders schönes Beispiel ist in Freiburg erhalten geblieben (s. unten). Markthallenbauten sind in Deutschland im 12. Jh. nachgewiesen, in Italien und Frankreich früher.

 

Oft wurde über den Verkaufshallen ein Ratssaal errichtet, ehe weitere Um- und Anbauten notwendig wurden, wie in Bad Münstereifel. Dort diente das Rathaus zunächst als Tuchhalle und Sitz des Rates, wurde dann aber ausschließlich von den Ratsherren genutzt.

 

Viele Städte verzichteten auf einen Neubau, der alle Funktionen unter einem Dach vereinte, sondern erweiterten im Laufe der Jahrhunderte ihr Rathaus Zug um Zug, sich den jeweiligen Stilformen anpassend.

 

Dafür ist das Rathaus der Hansestadt Lemgo ein schönes Beispiel. Vor einen schlichten gotischen Saalbau im Osten aus dem Jahre 1325 ließen die Ratherren etwa 100 Jahre später im Westen eine Ratskammer mit Gerichtslaube setzen. Deren gotischer Staffelgiebel prägt nun mit zwei Renaissance-Schaugiebeln die Fassade zum Marktplatz hin.

 

Mittelalterliches Rathaus
Lemgo: Rathaus mit Gerichtslaube
 
 

Kern der Rathäuser war der große Saal. Hier tagten die Ratsherren, hier gaben sie Feste und Empfänge für hoch gestellte Gäste. Auch im Mittelalter wurde gern gefeiert. So gab es vielfach noch eine Trinkstube und/oder einen Ratskeller unter deren Gewölben auch wir heute noch gern speisen und trinken.

 

Die Architektur schuf 3 Bauelemente, die, ob insgesamt oder einzeln, fast allen Rathäusern eigen ist - den Turm, die Laube, die Freitreppe.

 

Am auffälligsten sind die Türme, oft in Konkurrenz zu den Kirchen erbaut. Sie dienten als Auslug, zur Aufbewahrung der Archive, als Schatzkammer, als Gefängnis. ("Jemand in den Turm werfen"). Natürlich ging es auch um Repräsentation. In Flandern und den Niederlanden gab es eine Konzentration dieser dort so genannten Beffrois (Belfriede), die heute alle zum UNESCO-Welterbe gehören.

 

Mittelalterliches Rathaus
Goslar: Rathaus-Freitreppe

 

In der Laube, oft im Stil der Renaissance spät angebaut, wurde Gericht gehalten. Die Städte hatten in der Regel die niedrigere Gerichtsbarkeit. Büttel und Henker standen für den Strafvollzug bereit. Der Pranger war nicht weit, der auch in unseren heutigen Sprachgebrauch eingegangen ist.

 

Auch die Freitreppe stand im Dienste der Repräsentation. Sie führte nobel zum Ratssaal, und von ihr aus wurden den Bürgern wichtige Beschlüsse verkündet.

 

 

Ab dem 13. Jahrhundert, in der Gotik und natürlich in der folgenden Renaissance, wurden Rathäuser nicht nur größer, sondern noch prächtiger. Sie konkurrierten mit den Bauten des Adels und der Kirche. Reich dekorierte Schaufassaden demonstrierten Wohlstand und Anspruch des Bürgertums. Reicher werdende Patrizier und Zünfte wetteiferten um die prächtigste Fassade.

 

Mittelalterliches Rathaus
Stralsund: Spätgotisches Rathaus

 

 

Erst im späten Mittelalter, übrigens, erreichte die Zahl der Profanbauten, die der Sakralbauten.

 

Pracht entfalteten nicht nur Natursteinfassaden. Auch in Backstein ließ sich Reichtum demonstrieren. Die Patrizier in Stralsund bewiesen es eindrucksvoll.

 

Auf meinen Reisen in Europa habe ich mich an vielen mittelalterlichen Rathäusern erfreut. Sie finden einige unten in chronologischer Reihenfolge der Ersterwähnung bzw. des Baubeginns.

 

Wegen vieler Änderungen im Laufe der Jahrhunderte sind nicht alle Rathäuser stilrein. Häufig ist die Kombination von (Spät-) Gotik und Renaissance.

 

Einige Bauten wurden im 2. Weltkrieg beschädigt oder zerstört, meist aber stilgerecht wieder aufgebaut.

 

 

 

 

 

Überarbeitet: 05.15