lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Sakralarchitektur: Einzelthemen

 
 

Sakralarchitektur: Einzelthemen

 

Himmelszelte aus Holz und Stein:
Mittelalterliche Gewölbe - Teil 4

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Kuppeln

Im Gegensatz zu den oben besprochenen Gewölben zeigen sich manche Kuppeln schon dem außen stehenden Besucher. Ganze Stadtlandschaften werden von ihnen geprägt.

 

 

Rom (I),
Blick von der Engelsburg
 
 
 
Pantheon Rom (I)
  Kuppel, Antike, 2. Jh

 

Den Durchmesser des Pantheon aus dem 2. Jahrhundert haben, soweit ich das sehe, Bauten des Mittelalters nicht erreicht. Allerdings wurde diese Kuppel in Gußtechnik aus „römischem Beton“ errichtet. Trotzdem, bei einem Durchmesser von 43,3 und gleicher Scheitelhöhe ist sie ein Meisterwerk römischer Ingenieurkunst.

 

Da nimmt sich selbst die Hagia Sophia aus dem 6. Jahrhundert, der bedeutendste Kuppelbau des Mittelalters, mit ca. 33 m Durchmessser auf den ersten Blick bescheidener aus. Doch baute man ihn mit Ziegeln, und er ist in dieser „Klasse“ bei einer Scheitelhöhe von 55 m eine absolute Meisterleistung christlicher Baukunst.

 

San Vitale in Ravenna aus dem gleichen Jahrhundert (16 m Durchmesser), die Palastkapelle in Aachen aus dem 8. Jahrhundert (14.5 m Durchmesser) und der Dom von San Marco in Venedig aus dem 11. Jahrhundert (ca. 10 m) müssen sich an der Hagia Sophia messen lassen.

 

Der Einsatz von Kuppeln

Die meisten mittelalterlichen Kirchen sind Längsbauten (Basiliken, Hallenkirchen, Saalkirchen). Sie schließen mit den schon beschriebenen Gewölben ab.

 

Eine Ausnahme sind etwa 60 Längsbauten in Aquitanien, meist einschiffig mit mehreren Kuppeln hintereinander anstelle der Gewölbe. Sonst finden sich Kuppeln vor allem in Vierungstürmen von Längsbauten und sind von außen als solche nicht zu erkennen. In der Regel aber sind es Zentralbauten, die mit Kuppeln gekrönt sind, häufig Tauf- und Grabkirchen.

 

Im Bereich des ehemaligen oströmischen Reiches sind Kuppeln häufiger als im Westen. Byzantinische Baumeister entwickelten auch das System der Kreuzkuppelkirche, deren Frühform das Grabmal der Galla Placidia in Ravenna sein soll. Auch diese Kuppel ist in einem Turm „versteckt“.

 

Einflüsse und Kuppelformen

Der Einfluß byzantinischer Vorbilder ist nicht zu leugnen, wie die „Paarung“ San Vitale, Ravenna und Palastkapelle, Aachen zeigt. Auch bei den aquitanischen Kirchen ist byzantinischer Einfluß, vielleicht über den Markusdom in Venedig, möglich.

 

In Spanien ist islamischer Einfluß manchmal unverkennbar.

 Vera Cruz, Segovia (E)

Zentralbau, Kuppel mit
islamischem Einfluß, um 1200

 

Jetzt etwas Technisches zum besseren Verständnis der wichtigsten der vielen verschiedenen Formen.

Da ist einmal die Trompenkuppel, die man recht häufig sieht. In die rechten Winkel der tragenden Wände gemauerte trichterähnliche Elemente ermöglichen den Übergang vom quadratischen Grundriß auf einen runden oder polygonalen zur Aufnahme der Kuppel - oft in Vierungstürmen.

 

Dom zu Worms
 
Trompenkuppel

 

Pendentifs (Eckzwickel) werden in der Regel bei aufstehenden, d. h. von außen sichtbaren Kuppeln angewendet. Auch hier geht es um den Übergang vom quadratischen auf runden Querschnitt. Ehe ich Unverständliches von mir gebe, zitiere ich aus der ausgezeichneten Seite www.elkage.de: "Aus den 4 Ecken des Raumes wachsen die Pendentifs nach oben zu einem geschlossenen Kreis, über dem sich die Kuppel erheben kann." Das Bild der Hagia Sophia möge die Aussage verdeutlichen.

 

Hagia Sophia, Istanbul (TR)
6. Jh.  (Foto Wikipedia)

 

Im Domikalgewölbe mischen sich Elemente des Kreuzrippengewölbes und der Kuppel. Es kam im 12. Jh. aus Südwestfrankreich, ein Merkmal angevinischer Gotik. Es verbreitete sich im 13. Jh. in Norddeutschland. Der Schlußstein ist stark nach oben gezogen und liegt deutlich über den Scheiteln von Gurt- und Schildbogen. Es wird auch treffend als Rippenkuppel bezeichnet.

 

Dom zu Münster (D)
Mittelschiff mit Domikalgewölbe,
13. Jh.

 

Ein interessantes Konstruktionsdetail manch alter Kuppeln ist leider unsichtbar. Im holzarmen Nordafrika soll die Idee entstanden sein, Tonröhren oder Amphoren ineinander zu schieben und diese Gebilde zur Abstützung zu verwenden. Neben wertvollem Holz sparte man durch die Hohlkörper Gewicht und gewann trotzdem Stabilität. Antike Bauten bedienten sich dieses Systems und auch die Baumeister von San Vitale in Ravenna, um nur ein Beispiel zu nennen.

 

Kuppel San Vitale, Ravenna
 
(Foto Wikipedia/Gunther Hissler)

 

 

Literatur

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994
 
Barral i Altet, Xavier (Hrsg.), Die Geschichte der spanischen Kunst, Könemann-Verlagsgesellschaft, Köln, 1997, Originalausgabe bei Lunwerg Editores S.A., Barcelona, 1996
 
Binding Günther, Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998
 
Cassanelli, Roberto , Hrsg., Die Baukunst im Mittelalter, Patmos-Verlag GmbH & Co. Kg., Albatros-Verlag, Düsseldorf, 1995/2005
 
Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 and 1968
 
Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998
 
Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990
 
Kiesow,Gottfried, Kulturgeschichte sehen lernen, Band 2, 1. Auflage, Verlag MONUMENTE Publikationen, Bonn 2001
 
Koch,Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
Lobbedey, Uwe, Kirchenbau im sächsischen Missionsgebiet, in:  Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Karl der Große und Papst Leo III., Paderborn. Beiträge zum Katalog der Ausstellung, Paderborn 1999, Hrsg. Stiegemann, Christoph/Wemhoff, Mathias, Verlag Philipp von Zabern, Mainz
 
Musset, Lucien, Romanische Normandie (West) (Basse-Normandie), Echter Verlag, Würzburg (französische Ausgabe 1975
 
Oursel, Raymond, Romanisches Burgund, Zodiaque Echter Verlag, Würzburg 1981
 
Pintarelli, Silvia Spada, Fresken in Südtirol, Hirma Verlag GmbH, München, 1997
 
Spicker-Beck, Monika/Keller, Theo, Klosterinsel Reichenau, Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart, 2001
 
 
Netz
 
 
 
Verschiedene Wikipedia-Dateien
 
 
Vorträge
 
Wolff, Arnold, Der mittelalterliche Kirchenbau in England, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2000
 
Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003
 
Wolff, Arnold, Gotische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2004
 
 
Wolff, Arnold, Die Gotischen Kathedralen, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2010
 

 

 




Sakralarchitektur: Einzelthemen

Himmelszelte aus Holz und Stein:
Mittelalterliche Gewölbe - Teil 3

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Kreuzrippengewölbe

Die Entwicklung in der Wölbungstechnik blieb nicht stehen.

 

Etwa 400 Jahre hatten mittelalterliche Baumeister gebraucht, bis sie die Tonnenwölbung der Mittelschiffe durch Kreuzgratgewölbe ablösen konnten.

 

Nach nur wenigen Jahrzehnten kam der nächste Schritt, die Weiterentwicklung zum Kreuzrippengewölbe. Die Grate wurden durch Rippen ersetzt. Druck und Schub konzentrierten sich auf Pfeiler und Säulen, die Wand wurde entlastet und später als Stütze überflüssig.

 

Das war ein entscheidender Schritt hin zum gotischen Bauen, wichtiger noch als der zum Kreuzgratgewölbe. Zunächst aber setzten die Baumeister die neuen Gewölbe in der Hochromanik ein.

 

Die ersten Kreuzrippengewölbe

Doch welche Meister durften sich mit dem Ruhm schmücken, das neue Gewölbe als erste eingesetzt zu haben, normannische oder englische?

 

Das scheint strittig.

 

Der Zeitrahmen in Caen (oft werden Saint-Étienne, das Männerkloster und la Trinité, das Frauenkloster, in einem Atemzug genannt) reicht von 1120-1140.

 

Die von mir gefundenen Datierungsunterschiede für Durham sind größer und reichen von 1096 (Wolff) bis 1133. (http://www.durhamcathedral.co.uk).

 

Es gibt noch andere Differenzen. Einige Experten sprechen von "falschen" Rippengewölben in der Normandie, während niemand die "Echtheit" des Gewölbes in Durham bezweifelt.

 

Saint-Étienne, Caen (F)
 
Mittelschiff, Kreuzrippengewölbe, 1130-40
 
 
 
Kathedrale von Durham (GB)
 
 Mittelschiff, Kreuzrippengewölbe, nach 1110 (Bild: Wikipedia)

 

 

Zwei Aussagen aber gehen ins Detail und scheinen mir bemerkenswert.

 

Lucien Musset, ein Spezialist für normannische Kunst, setzt in "Romanische Normandie" für das Gewölbe in St. Étienne "1130-1140" an, für das der Klosterkirche von La Trinité "um 1130". Nach ihm hat nur Letztere ein "falsches" Gewölbe.

 

Für Durham lasse ich einen englischen Autor sprechen, Alex Clifton Taylor, in "The Cathedrals of England". Er gilt als einer der bedeutendsten Experten für englischen Kirchenbau. Nach ihm ist das Rippengewölbe im Querhaus um 1100 das erste hohe Gewölbe dieser Art in Europa, ehe anschließend das Mittelschiff gewölbt wurde. Damit würde Durham die Krone gebühren.

 

Wenn diese Daten stimmen, wären vom ersten Kreuzgratgewölbe in Speyer (ab 1080) bis zum ersten Kreuzrippengewölbe in Durham 30/40 Jahre vergangen, eine sehr kurze Zeit für mittelalterliche Verhältnisse. Andererseits – es lag nahe, die Grate durch Rippen zu ersetzen.

 

St. Marien in Barth (D)
 
 Backsteingotik, Kreuzrippengewölbe von oben. Ein eher seltener Anblick für den Kirchenbesucher

 

Die Bedeutung des neuen Gewölbes ist kaum zu überschätzen. Gotisches Bauen wäre ohne Kreuzrippengewölbe und Spitzbogen nicht möglich gewesen. Erst durch den Skelettbau konnten die Meister Wände durch riesige Fenster ersetzen und der Sehnsucht nach mehr Licht entgegenkommen.

 

Weiterentwicklung des Kreuzrippengewölbes

Während der späten Gotik übernahmen die Rippen mehr und mehr Schmuckfunktionen. Ihre Profile veränderten sich, aber auch Anzahl und Anordnung. Die Verwandtschaft der wuchtigen Bandrippen der frühen Gewölbe mit den Netz-, Stern-, Schling-, und Fächergewölben der Spätgotik ist kaum noch zu erkennen. Spätgotische Baumeister verfügten über viel Phantasie. Die Entwicklung ging bis zu sich überstabenden Rippen und letztlich zu hängenden Schlußsteinen. (Ab 13. Jh.)

 

Kloster Maulbronn (D)
 
 Gewölbe des Vorratskellers, Bandrippen, 13. Jh.
 
 
 
Saint Pierre, Caen (F)
 
 Hängegewölbe, spätgotisch, frühes 16. Jh.
 
 
 
Kloster Maubronn (D)
 
 Parlatorium, Netzgewölbe, spätgotisch, frühes 14. Jh.
 
 
 
Schlosskirche Wittenberg (D)
 
Netzgewölbe, mit hängendem Schlußstein,
Rippen mit Birnstabprofil, neugotisch nach alten Vorlagen.
(Foto: Pfr. Martin Kutzschbach, Siegburg)
 
 
 
Kloster Bebenhausen (D),
 
Schleifsterngewölbe im Brunnenhaus, spätgotisch, spätes 15. Jh.
 
 

Die Gewölbe der Backsteingotik im deutschen Raum waren bescheidener, und folgten dezenter dem Zeitgeist, oft mit schlichter Farbfassung.

 

Schweriner Dom (D) 
 
Backsteingotik, Sterngewölbe, 14. Jh.
 
 
 
St. Marien, Stralsund (D)
 
 Backsteingotik, 4-teiliges Kreuzrippengewölbe, 15. Jh.
 
 

Schlußsteine, oft plastisch gestaltet, symbolisieren Christus. Ihnen galt die besondere Aufmerksamkeit der Künstler. Ich zeige einige wenige aus reicher Vielfalt.

 

In England häuften sie sich an manchen Gewölben, wie in Winchester, der Kathedrale mit dem längsten einheitlich gewölbten Mittelschiff Englands. In der deutschen Sondergotik verloren sie ihre Bedeutung.

 

St. Nikolai, Stralsund (D)
 
 Backsteingotik, 14. Jh.
 
 
 
Kathedrale von Winchester (GB)
 
 Mittelschiff, Perpendicular, 15. Jh.
 
 
 
St. Lorenz, Nürnberg (D)
 
 Schlußstein Vorhalle
 
 
 
St. Lorenz, Nürnberg (D)
 
 

Bei aller Bewunderung für das Können der kontinentalen Meister, es waren Steinmetze von der Insel, die uns die schönsten Kleinodien schenkten: Fächergewölbe und Kapitelhäuser.

 

Beide blieben auf England beschränkt. Das Fächergewölbe erschien zuerst im Kreuzgang von Gloucester in der Mitte des 14. Jh. und verbreitete sich rasch.

 

 

Kathedrale von Gloucester (GB)
 
 Kreuzgang, Fächergewölbe, Perpendicular, Mitte 14. Jh.
 
 
 
Kathedrale von Bath (GB)
 
Fächergewölbe, 19. Jh., nach mittelalterlichem Vorbild
 

 

Die oktogonalen Kapitelhäuser mit Gewölben, die sich auf nur eine Säule stützen, sind ein weiterer Höhepunkt beim Besuch gotischer Kathedralen in England.

 

Der schönste Kapitelsaal soll sich in Wells befinden, während der in York mit 18 Metern Durchmesser der größte ist.

 

 

Kathedrale von Wells (GB)

Kapitelsaal, 104 Rippen,reifes Decorated, Anfg. 14. Jh.

 

Damit beende ich den Streifzug durch die Welt der Gewölbe. Die Reihe endet mit einem Blick auf die >Kuppeln, einer Sonderform der Gewölbe.

 

Änderung: 02.2015

 




Sakralarchitektur Einzelthemen

Mittelalterliche Gewölbe - Teil 2

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Kreuzgewölbe/Kreuzgratgewölbe

"Das Kreuzgewölbe bildet sich bei der Durchdringung von zwei senkrecht zueinander stehenden Tonnen von gleicher Höhe".

 

So definiert Binding diesen Gewölbetyp. Uns Laien genüge, daß er statisch günstiger als dieTonne ist und Ende des 11. Jahrhunderts erstmals die Wölbung breiter Mittelschiffe ermöglichte. 

 

Nach Wolff kannten es schon die Römer, die aber Mörtelguß verwendeten.

 

Im Mittelalter war das Kreuzgratgewölbe zunächst auf kleine Räume beschränkt. Ein frühes Beispiel ist die Santa Comba de Bande (Spanien) aus dem 7. Jahrhundert, deren Gewölbe aus Backstein gemauert ist.

 

In der Regel waren Gratgewölbe anspruchsvolleren Bauten vorbehalten. So wurde etwa zeitgleich zur schlichten Stollenkrypta unter der Einhard-Basilika das Kreuzgewölbe des Untergeschosses des Westwerkes in Corvey erbaut (ab 873). Die Ostkrypta der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode folgte rund 100 Jahre später.

 

Westwerk Kloster Corvey
 
Kreuzgratgewölbe, karolingisch, 9. Jh.
 
 
 
Stiftskirche St. Cyriakus, Gernrode (D)
 
Ostkrypta, Kreuzgratgewölbe, ottonisch

 

Kreuzgratgewölbe finden sich in der Romanik neben den Tonnengewölben, auf die die Baumeister noch bis ins 12. Jahrhundert zurückgriffen. Vor allem die Zisterzienser bauten sie in ihren frühen Kirchen ein.

 

Kathedrale von Compostella (E)
 
 Seitenschiff mit Gratgewölben und Gurten, um 1100

 

Ab Mitte des 11. Jahrhunderts wurden Kreuzgratgewölbe auch für Seitenschiffe eingesetzt. Für die Wölbung der Mittelschiffe reichten die Fertigkeiten noch nicht aus.

 

Dieses Problem wurde ab 1080 gelöst. Der Um- und Weiterbau des Domes zu Speyer brachte den Durchbruch und damit einen Höhepunkt deutschen Kirchenbaues. Im Mittelschiff mit einer Breite von 13,9 m und einer Höhe von 33 wurde die hölzerne Flachdecke durch ein Kreuzgratgewölbe aus Stein ersetzt.

 

Das geschah etwa zeitgleich mit den Quertonnen in St. Philibert, die ein Schiff überspannten, das nur etwa halb so breit war.

 

Man fragt sich, woher kamen in Speyer die plötzlichen Fertigkeiten?  Conrad denkt wegen der starken kuppelartigen Busung des Gewölbes über eine mögliche Verbindung zu byzantinischen Bauleuten nach.

 

Dom zu Speyer (D)
 
 Mittelschiff mit Gratgewölben und Gurtbogen, Ende 11. Jh.
 
 
Sainte-Marie-Madeleine, Vézelay (F)
 
 Mittelschiff mit Gratgewölben und Gurtbogen, 1. Hälfte 12. Jh.

 

Am Ende dieses Kapitels stelle ich mir, vielleicht gemeinsam mit manchem Leser, die Frage: Wo sind Pracht und Schönheit bei obigen Gewölben heute? Wo ist die Farbigkeit?

 

Zum einen zeige ich nur einen sehr kleinen Ausschnitt. Davon abgesehen ist es schwierig, eine eindeutige Antwort zu finden. Nach meinem Stand des Wissens war die Ausmalung der Kirchen bis hin zur Romanik "ein Muß", von den Zisterzienserkirchen natürlich abgesehen. Ähnlich sieht es Kiesow.

 

Fraglich ist, ob Gewölbemalereien vom gleichen Rang waren wie Wandmalereien. Ich stelle mir vor, daß nicht jedes Dorf seinen Michelangelo hatte und mancher Gewölbeschmuck aus finanziellen oder technischen Problem nicht realisiert wurde.

 

Sicher sind aber dem Zahn der Zeit die meisten Werke zum Opfer gefallen. Putz fiel herunter oder wurde abgeschlagen, die Farben verblichen. Trotzdem gibt es frühe erhaltene Beispiele, wie in den karolingischen Kirchlein des Oberen Vinschgaues und in Oberzell auf der Reichenau. Gerettete Malereien werden bis zum 13. Jahrhundert häufiger. Vieles kam unter mehrfachen Tüncheschichten hervor.

 

In der Gotik mußten dann die großen Wandflächen den farbigen Fenstern weichen. Die Monumentalmalerei fand keinen Platz mehr. In den Gewölben aber sorgten phantasievolle Rippenanordnung, prächtige Schlußsteine und dezente Malerei für neue Pracht.

 

Das will ich in der nächsten Folge "Kreuzrippengewöbe"vorstellen.

 
 




  Sakralarchitektur Einzelthemen

Mittelalterliche Gewölbe - Teil 1

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Erinnerungen an das Bauen in Stein blieben nach Abzug der Römer im Norden erhalten, und so finden sich heute vereinzelt frühe Steinbauten vom 4. bis 7. Jh.. Meist reichte das Können nur für kleine Gebäude oder für den Weiterbau römischer Anlagen, wie bei der Taufkapelle St. Jean in Poitiers, die im Kern aus dem 4. Jahrhundert stammt. Weitergebaut wurde nach rund 200 Jahren.

 

Die späteren karolingischen Großbauten aber verlangten nach Spezialisten aus dem Süden. In Byzanz, im byzantinischen Süden Italiens und in Norditalien hatten sich die Fertigkeiten des Steinbaus erhalten. Nach zunächst vereinzeltem Auftreten sind diese Comaciner und Byzantiner seit dem 11. Jh. in größerem Umfang nachgewiesen.

 

Santa Maria del Naranco (E),
 
Untergeschoß, mit Gurtbogen, Mitte 9. Jh.

 

Die Weiterentwicklung der Gewölbe von der schon in Ägypten bekannten Tonne, über das Kreuzgratgewölbe zum Kreuzgrippengewölbe war bestimmt von statischen Erfordernissen, Prestigedenken und dem Bedürfnis nach Dekoration.

 

Tonnengewölbe

Sie haben ein zähes Leben in der Architekturgeschichte gehabt. Von den Römern übernommen, verloren sie erst im 12. Jahrhundert nach der Entwicklung des Kreuzgratgewölbes an Bedeutung. In der deutschen Gotik tauchen Tonnen mit Stichkappen gelegentlich noch auf.

 

Sainte-André-de-Sorède, Pyrénées-Orientales (F),
 
Mittelschiff, Rundtonne und Gurtbogen
 
 
Schon im 9. und 10. Jahrhundert erinnerten sich asturische Baumeister des Tonnengewölbes und setzten es in den Weltkulturerbe-Bauten bei Oviedo ein. Interessant ist, daß die Tonnen in Santa María del Naranco und San Miguel de Lillo (beide Mitte 9. Jh.) schon durch Gurtbogen gegliedert waren, die gelegentlich als Merkmal der Romanik bezeichnet werden.
 

Quer zur Längsachse angebracht, verstärken Gurtbogen das Gewölbe, gliedern durch ihre Stützen auch die Wand und unterteilen das Schiff in Joche - ein Schritt nach vorn in der Architekturgeschichte.

 

Die Baumeister setzten Tonnen, oft unsichtbar, auch in Seitenschiffen oder Umgängen zur Abstützung des Hauptgewölbes ein, so in der karolingischen Pfalzkapelle Aachen und in der romanischen Zisterzienser Abteikirche von Fontenay. Das Hauptschiff wird dort von einer Spitztonne überwölbt.

 

Aber die Tonnen hatten ein Problem. Wegen des hohen Eigengewichts und starken seitlichen Schubs konnten keine breiten Räume gewölbt werden, und so konzentrierte sich in karolingischer Zeit ihr Einsatz auf kleine Kirchen, Krypten und Seitenschiffe.

 

Einhardbasilika, Michelstadt-Steinbach (D)
 
Tonnengewölbte Stollenkrypta, ohne Gurtbogen, karolingisch, um 825
 

Auch in der Stilepoche der Ottonik war das Tonnengewölbe präsent, überall dort wo Holz nicht erwünscht und keine große Weite zu überbrücken war.

 

St. Wiperti, Quedlinburg, (D),

Krypta, Tonne mit Gurtbogen und Stützenwechsel, ottonisch, um 1000 

 

  Saint-Michel-de-Cuxa, Pyrénees Orientales (F)

Krypta, Ringtonne, premier art roman méridional, um 1000

 

Später entwickelte sich für größere Gebäude aus der allgemein üblichen Rundtonne die Spitztonne, deren Schub nun nicht nur seitlich auf die Mauern, sondern auch nach unten geführt wurde - ein Schritt in Richtung Gotik.

 

Sainte Marie, Coustouges, Pyrénees Orientales (F)
 
Mittelschiff mit Spitztonne, 1. Hälfte 12. Jh.

 

Auch die Romanik konnte auf Tonnengewölbe nicht verzichten. Hier setzten sich endgültig Gurtbogen durch.

Neue Ideen wurden geboren. So im burgundischen Tournus, wo ein kreativer Baumeister in Saint Philibert Quertonnen über Schwibbögen zur Überwölbung eines Mittelschiffes von etwa 7 m Breite einsetzte, weil die Längstonne der Aufgabe nicht gewachsen war. Das war ein genial einfacher Versuch, um vor dem Aufkommen der Kreuzgratgewölbe für breite Schiffe (erstmals im Dom zu Speyer) eine Lösung zu finden. Die Experten rätseln noch heute darüber, warum dies ein Einzelfall blieb.

 

Saint Philibert, Tournus (F)
 
Quertonnen des Mittelschiffs, ab 1070 (Foto Dr. Herbert Krahé, Siegburg).

 

Wenn zwei einander gegenüber liegende Tonnen quer auf das Hauptgewölbe treffen und es anschneiden, entstehen Stichkappen, in die häufig Fenster eingesetzt werden.

 

Klosterkirche Abdinghof, Paderborn (D)
 
Krypta mit Stichkappen, 1023 geweiht

 

Damit sind wir auf dem Wege zum Kreuzgratgewölbe in der nächsten Folge.

 

Überarbeitung und Änderung 2011

   




 

Sakralarchitektur: Einzelthemen
 

Himmelszelte aus Holz und Stein:
Mittelalterliche Holzdecken und Dachstühle

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Als die Römer sich aus ihren Provinzen nördlich der Alpen zurückzogen, ging mit ihnen auch die Fähigkeit, in Stein zu bauen.

 

Holzbau

Zurück blieben die Germanen mit ihren beachtlichen Fertigkeiten im Holzbau. Der ist archäologisch schwer nachweisbar. Die wenigen erhaltenen norwegischen Stabkirchen sind letzte Zeugen dieser Baukunst in Holz. Älter ist nur St. Andrew in Greenstedt-juxta-Ongar (Essex), die neuerdings auf das 11. Jh. datiert wird.

 

Stabkirche Borgund (N), Mitte 12. Jh.
 
 
Stabkirche Borgund (N)

Schon Jahrhunderte vor diesen Kirchen wurden nördlich der Alpen Sakralbauten in Holz errichtet, wie Gedächtniskapellen und Klosterkirchen. Der Holzbau hielt sich zäh, obwohl das Teilen des Klerus nicht gefiel, der auf römische Traditionen verwies. Kirchen aus Holz galten als wenig imagefördernd. Trotzdem hat es nach Uwe Lobbedey noch um 1020 eine Holzkirche in Hamburg und um 1200 eine solche in Schwerin gegeben.

 

Im aufkommenden Steinbau setzte man germanische Dachstühle und Hängewerke ein. Sie konnten ohne Verwendung damals wertvoller Metallteile gefertigt werden und hatten den Vorteil, keinen seitlichen Schub auf die Mauern auszuüben. Einstürze aus statischen Gründen, wie bei Steingewölben, kamen nicht vor. Nach Günter Binding wurden offene Dachstühle in Italien bis ins 14. Jh. errichtet.

 

Einhard Basilika, Steinbach (D), offener Dachstuhl, 12. Jh.
 
 
Great Hall, Winchester (GB), Ende 14. Jh.

 

Eine herausragende Arbeit überdeckt die Vierung der Kathedrale von Ely, ein Meisterwerk des "Decorated Style", einmalig in der Gotik. Das Gewicht der Holzkonstruktion beträgt >400 Tonnen.

 

Kathedrale von Ely (GB).
Laterne und Sterngewölbe auf Hammergerüst.
Diese Holzkonstruktion ruht auf 8 Mauerpfeilern,
um 1340 beendet. Foto: Wikipedia
 
 
Klosterkirche St. Maria und Markus, Reichenau Mittelzell (D).
Dachstuhl in Form eines umgedrehten offenen Schiffes mit Kehlbalken,
1236, restauriert 1960.
Foto: Wikipedia

 

War der direkte Blick in den Dachstuhl nicht erwünscht, wurden reich geschmückte Flachdecken eingesetzt, auch in Steingebäuden bis ins 12. Jahrhundert. Die romanischen Decken sind bis auf zwei untergegangen.

Nur die in der Klosterkirche St. Michael, Hildesheim und die noch ältere in St. Martin in Zillis (Wallis) können wir noch bewundern.

In deutschen Bettelordenskirchen kamen schlichte Holzdecken noch in der Spätgotik vor.

 

Klosterkirche St. Michael, Hildesheim (D), 13. Jh., "Könige Israels"
 
 
Klosterkirche St. Martin in Zillis, (CH), Anfang 12. Jh. Foto: Wikipedia

 

Hierher gehören auch die wunderbaren Artesonado-Decken der islamischen und Mudéjar-Kunst Spaniens aus dem 11. bis 15. Jahrhundert.

 

San Juan de los Reyes, Toledo (E), Artesonado-Decke, Ende 15. Jh.

 

In diesem Zusammenhang ist Dietrich Conrad und Klaus Mertens zu danken, die endlich einmal eine Lanze für die in der Regel wenig beachteten Zimmerleute brechen. Wir bewundern die offen vor unseren Blicken liegenden Werke der Maurer und Steinmetze. Die meist verborgenen oder nicht mehr vorhandenen Werke der Zimmerleute, wie Dachstühle, Lehrgerüste der Gewölbe und Baugerüste – alle für den Bau unverzichtbar - finden kaum Anerkennung. Darum hier einige Beispiele alter Zimmermannskunst.

 

Kirche St. Marien, Barth (Vorpommern – D). Dachstuhl, 20. Jh. saniert.
 
 
St.-Ols-Kirche, Rundkirche in Olsker, Bornholm (DK) - Dachstuhl auf Säule.

 

An der Marienkirche in Wismar haben Liebhaber ein primitives Baugerüst nach mittelalterlichen Vorbildern rekonstruiert. Die waagerechten Ausleger waren mit dem Bauwerk verbunden. Die Rüstlöcher im Mauerwerk, nicht nur hier, sind noch heute zu sehen.

 

Rekonstruiertes mittelalterliches, Baugerüst
vor dem Backsteinturm von St. Marien, Wismar (D)
 
 
Alter Hebekran, vor St. Marien, Wismar (D)

 

Das als Kran benutzte alte Tretrad hat einen Durchmesser von 7 m und wurde von mehreren Personen "bedient".

 

Lesen Sie hier die Fortsetzung: Tonnengewölbe.

 
 
 




GOTIK

Kathedrale von Saint-Denis

st denis paris 2 2

Während Saint-Denis, ein nördlicher Vorort, heute gelegentlich durch wenig erfreuliche Schlagzeilen von sich reden macht, war es im 12. Jh. ein befestigtes Städtchen, dem das Kloster, Grablege der französischen Könige seit dem 10. Jh., große Bedeutung verlieh. weiter >>

EINZELTHEMEN

Mittelalterliche Holzdecken und Dachstühle

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Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst. weiter >>

ROMANISCH

Der Dom zu Speyer

speyer4

Immer beseelte große Herrscher der Wunsch, sich in möglichst imposanten Bauten zu verewigen. Das war in der Antike so und endete nicht im Mittelalter. Karl der Große schuf in Aachen seine Pfalzkapelle, die ottonischen Kaiser Otto I. und Heinrich II. errichteten Dome in Magdeburg und Bamberg. Die Salier schufen innerhalb von einhundert Jahren – der Dauer der Dynastie – einen Bau der Superlative, der den Titel Weltkulturerbe mehr als verdient. weiter >>

KURZBIOGRAFIE

Einhard

einhard1

Der Sohn einer unbedeutenden mainfränkischen Adelsfamilie schaffte es über eine Klosterausbildung in den engsten Beraterkreis Karls des Großen aufzusteigen. Als einziger der Karlsberater faßte Einhard Fuß am Hof des Thronfolgers. Den Zerfall des fränkischen Reiches sah er voraus, aber seine mahnende Stimme war leise geworden. Sein Ruhm, vor allem als Historiker und Biograf, begleitete ihn in die Einsamkeit des Odenwaldes. weiter >>

ROMANISCH

Klosterkirche Jerichow

jerichow02

Aus den grünen Elbauen im nördlichen Sachsen-Anhalt steigen braun-rote Doppeltürme auf und weisen seit 800 Jahren den Weg zur Klosterkirche, dem frühesten Denkmal romanischer Backstein-Architektur. weiter >>

GOTIK

Kathedrale von Wells

wells09

Inmitten großer Rasenflächen bezeugt The Cathedral Church of St Andrew den Willen englischer Baumeister der in Frankreich gewachsenen Gotik mit Ideenreichtum und virtuosem Können ein eigenes Gepräge zu geben. Sie bieten dem Besucher einige ihrer charakteristischen Entwicklungen, wie Chapter House, Lady Chapel und - einmalig in der Architekturgeschichte - die berühmten Scherenbögen. weiter >>