lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Ottonische Kirchen

 

romanisch

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)

 

Drei illustre Namen verbinden sich mit dieser Kirche. Ihr Bau sollte Karl den Großen ehren. Der wichtigste deutsche Papst des Mittelalters weihte sie. Und aus der Familie des Stifters ging das Geschlecht der Habsburger hervor, deren berühmtester Sproß 500 Jahre später die Sonne in seinem Reich nicht untergehen sah.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Anordnung von links:
Turm, Oktogon mit Umgang, Kapelle der Äbtissin Ursula, Sakristei (mit Pultdach), Rechteckchor mit Walmdach (2-geschossig), Kapelle der Stiftsdamen (gotisch)

 

Ihre prachtvollen Vorgängerbauten wurden vor rund 500 bzw. 250 Jahren in den Residenzen Ravenna und Aachen errichtet, den Hauptstädten großer Reiche. Ich spreche von San Vitale und der Pfalzkapelle Karls des Großen.

 

Die hier vorgestellte Kirche ist schlicht im Vergleich und steht in der Mitte einer kleinen Gemeinde im Süden des Elsaß. Aber - sie ist die einzige erhaltene Kopie der Pfalzkapelle Aachen und bildet so den Abschluß einer Kette einzigartiger Zentralbauten in der abendländischen Sakral-Architektur.

 

 

Geschichtliche Hintergründe

Die Pfalzkapelle Karls des Großen wurde noch Jahrhunderte nach ihrer Vollendung als die schönste aller Kirchen angesehen. Warum hatte sie, wie auch von Fachleuten zu vernehmen ist, nur diesen einzigen Nachfolgebau? Die Annahme ist falsch. Die anderen Bauten sind untergegangen.

 

Wie zum Beispiel eine Kapelle mit achteckigem Hauptraum und sechzehnseitigem Umgang, die unter der Kirche St. Donatus in Brügge archäologisch nachgewiesen wurde (Bauzeit: Um 900)

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Westturm mit Satteldach, Teil des Oktogons mit Zeltdach. Umgang mit Pultdach

 

Mathias Untermann zeigt auf, daß Beschreibungen und Grabungsfunde auf Nachfolgebauten in Köln-Deutz und Lüttich (um 1000) schließen lassen. Um 1020/30, der Gründungszeit unserer Kirche, entstanden in Nimwegen und Goslar Zentralbauten nach dem Vorbild der Pfalzkapelle Karls.

 

Die berühmte 2-geschossige Säulenstellung im Inneren findet sich auch in Basiliken, wie in der Westapsis des Essener Münsters und im Westbaus von Maria im Kapitol, Köln. Beide wurden ebenfalls in frühsalischer Zeit begonnen. Daneben gibt es der Pfalzkapelle ähnliche Doppelkirchen, denen aber diese typische Säulenanordnung fehlt.

 

Die Gründe für die Nachbauten finden wir nicht nur in der viel beachteten Architektur, sondern auch in der Jahrhunderte lang herrschenden Karlsverehrung, die mit der 1165 vom Stauferkaiser Friedrich Barbarossa veranlaßten Heiligsprechung nicht endete.

 

Sie war besonders ausgeprägt unter den Saliern (1024 – 1125). Es fällt auf, daß kurz nach dem Beginn der Dynastie mit Konrad II. innerhalb von 10 Jahren drei Nachfolgebauten der Aachener Kapelle entstanden.

 

 

Stiftung und Weihe

Ab 1020/1030 ließ Graf Rudolf I. von Altenburg die Kirche auf eigenem Grund in Ottmarsheim bauen, als Mittelpunkt eines von ihm gestifteten Benediktinerinnen-Klosters.

 

Wir wissen nicht, wann der Stifter geboren wurde. Er entstammt einem der großen Geschlechter des Rheingebietes und des Aargaues, das Ahnherr der Habsburger war. Er war kinderlos. Nach seinem Tod 1053 führte ein Neffe das Geschlecht weiter, der sich als erster "Habsburger" nannte - nach der Habichtsburg im Aargau.

 

Kein Geringerer als Papst Leo IX. weihte die Abteikirche im Jahre 1049, kurz nach seiner Wahl in Worms. Historikern gilt er als der bedeutendste deutsche Papst des Mittelalters, obwohl ihm nur knapp 5 Jahre Zeit für seine Reformen blieben. Ebenfalls aus einflußreichem elsässischen Adel kommend war er mit der Salier-Dynastie verwandt und schon mit 24 Jahren Bischof von Toul.

 

Seine Verbindung zum Stifter der Ottmarsheimer Abtei muß eng gewesen sein, denn Graf Rudolf war einer der Anführer des päpstlichen Heeres in der Schlacht von Civitate in Süditalien, die für die Päpstlichen verheerend endete. Leo IX. geriet in die Gefangenschaft der Normannen und starb im folgenden Jahr nach seiner Freilassung. Rudolf fiel. Ob seine sterblichen überreste in Ottmarsheim bestattet wurden, ist ungewiß.

 

 

Geschichte der Abtei

Zunächst ging es aufwärts. Schon 1063, 10 Jahre nach des Stifters Tod, bestätigte der salische Kaiser Heinrich IV. Rechte und Besitz der Abtei.

 

Rund 200 Jahre später, im Kleinkrieg zwischen den Habsburgern und Bischof Heinrich von Basel – aus dem Geschlecht der Neuenburger – ließ der Kirchenmann die Abtei niederbrennen. Das gleiche Schicksal bereiteten ihr die Basler in den Jahren 1445/46 und die Berner 1468.

 

Abgesehen von diesen Katastrophen sollte sich auch die eigentlich bevorzugte Lage an der großen Verbindungsstraße zwischen Straßburg und Basel verhängnisvoll auswirken. Königlicher Besuch war häufig, und die Abtei war verpflichtet, Herrscher und Troß zu verpflegen. Das ruinierte die Benediktinerinnen, die damit das Schicksal anderer Klöster teilten.

 

Später war die Abtei Adelsstift bis zur Säkularisierung 1790. Nur die Kirche entging dem Abriß.

 

 

Baugeschichte der Kirche

Natürlich begegnet uns der heute fast 1000 Jahre alte Bau nicht im Originalzustand. Aber es ist sehr viel ursprüngliche Bausubstanz erhalten, wenn auch im Laufe der Jahrhunderte immer wieder restauriert wurde.

 

Die wichtigsten baulichen Veränderungen waren die Aufstockung der Vorhalle zum Turm im Westen etwa 200 Jahre nach Baubeginn und die Erneuerung der Kuppel Ende des 17. Jh.. Die Fenster im Umgang wurden erst im 19. Jh. eingebrochen. Ein Dachstuhlbrand erforderte weitere Reparaturen im Jahre 1991.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Wuchtiges Untergeschoß, darüber Säulen-"Vorhang", Fresken

 

Bis auf den turmartigen 2-geschossigen Chor im Osten wurden alle anderen Anbauten am Ende des Mittelalters oder in der frühen Neuzeit errichtet.

 

Im Inneren wurden die Fresken aus dem 14./15. Jh. im Jahre 1445 durch Brand zerstört. Die bald darauf ersetzten Wandmalereien verschwanden gottlob unter Putz und wurden erst im 19. Jh. wieder entdeckt.

 

 

Die Architektur

Die Abteikirche hat mit 20 m Kuppelhöhe, 20 m Durchmesser des äußeren Achtecks und 10 m des Kernraumes schöne Proportionen. Auch sonst ist der Bau keine sklavische Kopie. Es ist reizvoll, Vergleiche anzustellen, zunächst einmal beim Außenbau.

 

Dem Aachener Faltdach aus dem 17. Jh. steht in Ottmarsheim ein zeitgemäßes oktogonales Zeltdach gegenüber, wie es sich die Forscher auch für den Ursprungsbau in Aachen vorstellen.

 

Der zweigeschossige Umgang ist 8-seitig (wie in San Vitale) anstelle des 16-seitigen in Aachen. Ein Turm mit Satteldach ersetzt in Ottmarsheim das Aachener Westwerk. Und hier gibt es ihn noch, den ursprünglichen rechteckigen tonnengewölbten Ostchor. Er mußte in Aachen der – zugegeben - schöneren gotischen Halle weichen.

 

Die Aachener Lisenen am Tambour fehlen. Ihn schmücken hier unauffällige Rundbogenfriese. Der Schachbrettfries unter der Dachtraufe des Mittelbaus stammt aus dem 19. Jahrhundert.

 

Auch im Inneren zeigen sich deutliche Unterschiede.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
OTTMARSHEIM - Typische doppelgeschossige Säulenstellung, 3-teilige Säulenarkaden mit Basen und Würfelkapitellen
 
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
AACHEN - Antike Säulen (Spolien, korinthische Kapitelle, Marmorverkleidung)

 

Vor allem - es fehlt in Ottmarsheim die antike Pracht, die auch ganz unpassend wäre. Die Marmorsäulen aus Ravenna mit korinthischen Kapitellen wichen monolithischen Säulen aus rotem Sandstein mit Würfelkapitellen. Es fehlen die Marmorverkleidungen, die aufwendigen Bronzegitter und die prachtvollen Mosaike. Ihren Platz nahmen die teilweise erhaltenen Wandmalereien ein.

 

Auch die Dimensionen sind andere. Der Durchmesser der Pfalzkapelle ist etwa um ein Drittel größer.

 

Hier wie in Aachen ist die Empore höher als der Unterbau. Beide Kirchen schließen mit einem Klostergewölbe ab. Der untere Umgang hat durch Dreiecke verbundene Kreuzgratgewölbe mit Gurtbögen. Leider konnte ich bei meinem Besuch den oberen Umgang nicht betreten. Er soll durch ansteigende Quertonnen gewölbt sein.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)Unterer Umgang. Kreuzgratgewölbe mit Gurtbogen
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Kuppel, Klostergewölbe mit Fenstern im Tambour

 

Da ich leider keinen Zugang zu den oberen Fresken hatte, mußte ich von unten fotografieren. Es sind die unterschiedlichsten Themen dargestellt, z.B. ein gesichtsloser Erzengel Gabriel, der die Sünde niederstreckt.

 

Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Wandmalerei oberer Umgang: Erzengel Gabriel
 
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Kreuzgratgewölbe Chorumgang: Stifterfamilie rechts
 
 
Abteikirche St. Peter und Paul in Ottmarsheim (Elsaß)
Chorgewölbe - Petrus auf dem Thron

 

Alles in allem – die Kirche in Ottmarsheim ist eine späte aber würdige Nachfolgerin ihrer großen Vorgängerbauten.

 

 

Literatur
 
Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin 1994
 
Erkens, Franz-Reiner, Konrad II., Herrschaft und Reich des ersten Salierkaisers, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 1998
 
Kaiser, Wolfgang, Romanische Architektur in Deutschland, in: Romanik, Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996
 
Koch,Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
Nahm, Peter M., Elsaß/Vogesen. Baedeker Reiseführer, Karl Baedeker GmbH, Ostfildern, 4. Auflage, 2000
Untermann, Mathias, Karolingische Architektur als Vorbild, in: Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Beiträge zum Katalog der Ausstellung,1999, Stiegemann, Christoph/Wemhoff, Mathias (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz. 1999
 
Winterfeld, von, Dethard, Romanik am Rhein, Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, 2001
 
 
Vortrag
 
Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003
 
 
Netz
 
Ottmarsheim
 
Die Welt der Habsburger
 
 
 
Eigene Beobachtungen




 

sakralarchitektur

Ottonische Kirchen

 

In dieser mir besonders am Herzen liegenden Epoche entstanden im Herrschaftsgebiet der sächsischen Kaiser wunderbare Bauten, die auch durch ihre Ausstattung erstaunen. In einer politischen und künstlerischeren Aufbruchstimmung wurden entscheidende Neuerungen geschaffen, wie das gebundene System oder die ausgeschiedene Vierung, ohne die man sich romanische Basiliken und gotische Kathedralen nicht vorstellen kann...

 

 

 

 

Stiftskirche Sankt Cyriakus, Gernrode

Stiftskirche Sankt Cyriakus, Gernrode

 

Die berechtigte Sorge eines mittelalterlichen Schlagetots um sein Seelenheil bescherte uns eines der schönsten Beispiele ottonischer Architektur. Sankt Cyriakus ist in vieler Hinsicht ein Bau der Superlative, den der Laie im Harzstädtchen nicht erwartet. Die reiche Ausstattung der Emporenbasilika mit Arkaden, Kapitellen und einem Heiligen Grab kontrastiert mit den dunklen, weihevollen Krypten. weiter >>


Sankt Pantaleon, Köln

St. Pantaleon, Köln

 

Im monumentalen Westbau zwischen alten Bäumen ruht seit über tausend Jahren eine jung gestorbene deutsche Kaiserin, deren Wiege in Byzanz stand. Hier in Sankt Pantaleon zu Köln wartet Theophanu im weißen Marmorsarkophag auf Auferstehung und Jüngstes Gericht. weiter >>


St. Michael, Hildesheim

 

Man sieht es dem mächtigen, so ganz irdischen Bau nicht an, aber Engel spielen eine große Rolle in Konzeption und Architektur. Nicht nur der Anführer der Himmlischen Heerscharen breitet als Patron seine mächtigen Flügel aus, auch Seraphim, Cherubim und ihre Helfer werden hier zitiert - in einer Architektur, die ihresgleichen sucht. weiter >>

 

 

 

 

Ottonische Kirchen (Fortsetzung)

...Bei dem Versuch, über ottonische Architektur zu schreiben, stockt der Laie schon bei der Frage, ob der Begriff "Ottonik" wirklich eine Stilepoche mittelalterlicher Sakralarchitektur deutlich abgrenzt, oder ob diese der karolingischen Architektur folgende Entwicklung noch der Vorromanik oder schon der Frühromanik zuzurechnen ist.

 

Was sagen also die Experten? Die Antworten sind – eigentlich erwartet – unterschiedlich.

 

Ich will das nicht vertiefen, sondern habe mich entschlossen, die "Ottonik" separat abzuhandeln. Sie ist eine klar definierte Form des Übergangs zwischen karolingischer Architektur und Romanik, die sich regional, mit Ausnahmen, auf den unmittelbaren Herrschaftsbereich der sächsischen Könige und Kaiser beschränkt - den Norden des ehemaligen ostfränkischen Reiches. Darüber hinaus hat sie eine Vielzahl schon in karolingischer Zeit vorhandener Stilelemente zu großartiger Einheit auf hohem Niveau zusammengefasst und durch Weiterentwicklungen ergänzt.

 

Die zeitlichen Grenzen sind nicht genau definiert. Es erscheint mir zu einfach, die Epoche 919 mit dem ersten sächsischen König, Heinrich I., beginnen zu lassen. Die Dynastie begann inmitten der "dunklen hundert Jahre", die ab etwa 860 mit den Wikinger- und Ungarnüberfällen begannen. Der Dynastie-Gründer legte mit Befestigungen, Heeresreform und ersten militärischen Erfolgen die entscheidenden Grundlagen für den Sieg seines Sohnes Otto I. über die Ungarn 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg. Damit war die Geißel der Ungarnüberfälle, die Mittel-, Süd- und Westeuropa verwüstet hatten, unwiderruflich beendet. Erst jetzt hatten Kaiser, Adel und Klerus Geld und Kraft für große Kirchenbauten und die Entwicklung eines neuen Architekturstiles. Hier zeigt sich einmal mehr, wie sehr Geschichte und große Kunst mit einander verwoben sind.

 

So denke ich, dass man den Anfang dieses Stils auf die Mitte des 10. Jh. festlegen sollte. Das deckt sich mit dem Beginn des ersten Großbaues dieser Epoche, des romanischen Doms zu Magdeburg (955).

 

Nach dem Tode des letzten Kaisers aus sächsischem Geschlecht, Heinrichs II. (1024), klingt die Ottonik aus und geht im Deutschen Reich in die Romanik der Salierzeit über.

 

Beispiele einer so klar umgrenzten Gruppe von Kirchenbauten in anderen Ländern sind aus der besprochenen Zeit nicht erhalten.

Die asturische Präromanik endete Anfang des 10. Jahrhunderts.

 

In Frankreich entwickelten sich regionale Stile, u.a. in Burgund, im Roussillon und in der Normandie, dort wegweisend für die romanische Architektur Englands nach der normannischen Eroberung. Auf der iberischen Halbinsel blühten im Süden islamische Baukunst und der Mischstil der Mozaraber, im christlich beherrschten Norden gab es französische Einflüsse. Italienische Architektur dieser Epoche war im Süden von islamischer und normannischer Architektur, im Osten von byzantinischen Formen beeinflusst.

 

Die ottonische Architektur schöpft aus den Leistungen der vorhergehenden karolingischen. Sie übernimmt Doppelchor, Westwerk (>Corvey) und Krypta und entwickelt sie weiter.

 

Daneben gibt es in geringerem Umfang byzantinische Einflüsse vor allem durch die Heirat Ottos II. mit Theophanu.

 

Aber die Ottonik schafft auch wegweisend Eigenes. Der Innenraum wird von Emporen belebt, ebenso vom Stützenwechsel, bei dem sich in den Arkaden der Basiliken Säulen und Pfeiler ablösen. Dem genialen Bischof Bernward von Hildesheim verdanken wir die Weiterentwicklung des Würfel-Kapitells.

 

Die wichtigste Neuerung ist aus meiner Sicht die Entwicklung der Vierung. Die Grundrisse aller Bauglieder der Kirchen entsprechen nun in der Regel dem Maß des Vierungs-Quadrats. Alle Joche des Mittelschiffes und die der Querhäuser haben dieses Maß, ebenso das Chorquadrat. Die Breite der Seitenschiffe entspricht der Hälfte des Grundrißbausteins. Die Kunsthistoriker bezeichnen das strenge Schema als "gebundenes System". Es ist wegweisend und vorherrschend für die romanischen Basiliken in Europa. Bögen gleicher Höhe und Breite zwischen verstärkten Pfeilern unterstreichen die Bedeutung der Vierung. Sie hebt sich nun als "ausgeschiedene" Vierung deutlich von den umgebenden Baukörpern ab. St. Michael in Hildesheim ist dafür das älteste Beispiel.

 

Auch aus dieser Epoche sind viele Bauten untergegangen, wie der schon erwähnte Magdeburger Dom, der Vorgänger des heutigen gotischen. Aber Bemerkenswertes ist geblieben, z.B. St. Cyriakus in Gernrode, der älteste erhaltene Bau (ab ~960) und St. Michael in Hildesheim, (1010-1031) den Koch den Prototy einer ottonischen Basilika nennt. Hier ist alles zu sehen, was ottonische Kirchen sehenswert macht.

 

Die Wölbung wurde noch nicht weiter entwickelt. Die Baumeister begnügten sich weiterhin mit der Einwölbung kleinerer Räume, wie Krypten und Seitenschiffe mit Ausnahme der Bartholomäus-Kapelle.

 

Auch die Bauplastik spielte in der Ottonik keine große Rolle.

 

Nicht vorbeigehen dürfen wir an den Bronzegüssen. In Hildesheim begegnen wir mit Bernwardsäule und den in einem Stück gegossenen bronzenen Türflügeln unübertroffenen Meisterwerken.

 

 




 

Ottonisch

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode

 

Die berechtigte Sorge eines mittelalterlichen Schlagetots um sein Seelenheil bescherte uns eines der schönsten Beispiele ottonischer Architektur. Sankt Cyriakus ist in vieler Hinsicht ein Bau der Superlative, den der Laie im Harzstädtchen nicht erwartet. Die reiche Ausstattung der Emporenbasilika mit Arkaden, Kapitellen und einem Heiligen Grab kontrastiert mit den dunklen, weihevollen Krypten.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
St. Cyriakus von Ost

 

Wenn ein Besucher den Ort Gernrode gen Westen verlässt, erblickt er ein altes Gotteshaus, das auf den ersten Blick nicht verrät, daß es für Kunsthistoriker ein Bau der Superlative ist.

 

Bedeutung und Geschichte

Aber in der Tat, die Kirche eines Kanonissenstiftes, vom Markgrafen Gero ab etwa 960 erbaut, ist der älteste erhaltene Sakralbau ottonischer Architektur. Er beherbergt – neben der in Meiningen (Thüringen) – die älteste Hallenkrypta nördlich der Alpen, es ist die einzige erhaltene ottonische Kirche mit Langhaus-Emporen und das früheste Beispiel dieses Typs in Mitteleuropa. Damit nicht genug ist der Bau eines der ältesten Beispiele einer Kirche mit ausgeschiedener Vierung und wohl das erste mit Stützenwechsel, der so typisch für die ottonische Architektur ist.

 

Einen "Makel" allerdings hat der Bau: Er ist in der Längsachse geknickt. Im Gegensatz zu Walter Wulf, der den Langhausbau in den 70er Jahren des 10. Jahrhunderts vermutet, geht ein späteres Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Unversität Göttingen in einem Begleittext zu einer Ausstellung davon aus, daß nach Fertigstellung der Ostteile zunächst das Westwerk gebaut wurde und das Langhaus zum Schluß. Die Gründe für den Achsenknick, sind unbekannt. Dieses Schicksal teilt Gernrode mit einigen anderen mittelalterlichen Kirchenbauten. In Göttingen werden Vermutungen zitiert, es könne an der Stelle des geplanten Langhauses eine Kapelle gestanden haben, deren Abriß eine langfristige Störung der Gottesdienste bedeutet hätte. Ich kann mich dem nicht anschließen. Die Abweichung beträgt nur 2 m, und, wichtiger, die Ostteile der Kirche, also deren liturgisches Zentrum, waren wohl fertiggestellt.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Geros Sarkophag

 

Gero war seit 937 Herrscher der Ostmark. Er war ein Vertrauter Kaiser Ottos I. und reich mit Landbesitz gesegnet. Er schenkte dem Stift unter der ersten Äbtissin Hathui, seiner Schwiegertochter, als finanzielle Grundlage eine Handvoll Dörfer. Er schuf damit eine Grablege für sich und seine Familie und sicherte sein Seelenheil. In seiner Blütezeit besaß das Stift etwa 11.000 Hektar Land und die entsprechende Anzahl von Hörigen. Es stieg zum Reichsstift auf.

 

Der Gründer starb 965, nachdem er 2 Jahre zuvor aus Rom eine Arm-Reliquie des Hl. Cyriakus mitgebracht hatte. Die Fachleute sind ziemlich sicher, daß die Ostteile der Kirche fertig waren und Gero dort bestattet werden konnte. Sein Sarkophag, im Jahre 1519 geschaffen, steht in der Vierung vor dem Aufgang zum Ostchor.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Apsis und Querhaus von Ost

 

Architektur

Aus dem Ort kommend erblickt man zunächst die altersgrauen Mauern von Ostapsis und Querschiff, die ältesten Teile der Kirche.

 

Bis auf die Öffnung zur Krypta ist die schlichte Apsis vor dem Chorhaus fensterlos. über den Nebenapsiden lassen rechts und links pyramidenförmig angeordnete Dreiergruppen von Rundbogenfenstern Licht in die Querhausarme. Sie wiederholen sich an den Stirnwänden. Einige der Querhausfenster wurden erst im 19. Jahrhundert angebracht.

 

An der weniger interessanten Nordseite mit dem von 2 kleinen Löwen bewachten Eingangsportal vorbei gehend trifft der Besucher auf den wohl schönsten Teil des Außenbaues, das Westwerk aus hellem Muschelkalkstein. Allerdings steht man vor einer Baugruppe des 12. Jahrhunderts. Damals entschloß sich eine Äbtissin, die Kirche zu einer doppelchörigen Anlage umzugestalten.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Westchor und Treppentürme von Nord-West

 

Der quadratische Original-Mittelturm wurde durch den heutigen schmalen Quergiebelbau mit 3 gekuppelten Zwillingsfenstern über einer großen Apsis ersetzt. Sie erhält Licht durch eine Dreiergruppe von Rundbogenfenstern, deren Anordnung im Gegensatz zu denen an den Ostteilen steht. Zufall oder Absicht? Die Blendarkaden unter der Traufe sind aus dem 19. Jahrhundert.

 

Die beiden Treppentürme sind wohl aufgestockt worden und überragen nun den Mittelbau. Im Vergleich zum sonst eher schlichten Bauschmuck sind sie reich dekoriert. über den hohen Lisenen in den Untergeschossen, die sich an der Ostapsis wieder finden, winden sich manschettenförmig Blendarkaden, die sich durch einen Rundbogenfries am südlichen und einen Giebelfries am nördlichen Turm unterscheiden. Diese Dreieck-Ornamente, die Vorbilder im damals vorherrschenden Holzbau haben könnten, fand ich auch an der karolingischen Halle von Lorsch.

 

Der Westbau wurde im 19. und 20. Jahrhundert restauriert und nochmals verändert.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Rest Kreuzgang und Langhaus von Süden

 

Einige Schritte weiter, und es überrascht der Anblick der Südwand des Langhauses. Hier türmen sich imponierend die Geschosse übereinander. Diesen Eindruck bewirkt der 2-stöckige Nordflügel des spätromanischen Kreuzgangs, der als einziger der 4 Flügel erhalten ist. Er wurde um 1170 errichtet, und im 19. Jahrhundert vollständig erneuert, jedoch unter Verwendung von Original-Baumaterial des 12. Jahrhunderts. Der reiche spätromanische Bauschmuck verdient Aufmerksamkeit und Bewunderung.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Nordflügel Kreuzgang

 

Aber erst im Inneren der Kirche erschließt sich die wahre Bedeutung des Baus mit durch hohe Bögen ausgeschiedener Vierung, den zierlichen Arkaden der Emporen und dem Wechsel zwischen Säulen und Pfeilern in den Erdgeschoß-Arkaden. Damit führte der Schöpfer des Originalbaus im Abendland ein neues Stilelement ein, von Kunsthistorikern als Stützenwechsel bezeichnet. Die Säulen tragen prächtig ornamentierte antik anmutende Kapitelle.

 

Die Langhaus-Emporen darüber gliedern sich in 2 x 6 Arkaden, durch kleine Säulen getrennt. Jeweils 2 werden durch Blendbogen überfangen. Je eine Arkadengruppe oben entspricht einer unteren Doppelarkade und wird durch einen Mittelpfeiler in der Achse des unteren getrennt.

 

Der Großteil der mir zugänglichen Literatur erwähnt die Funktion der Langhaus-Emporen nicht. Wolfgang Braunfels jedoch meint, daß die Äbtissin mit einigen hochadligen Damen auf der Westempore saß, den Altar, das Grab des Gründers und die auf den Langhausemporen sitzenden Stiftsdamen im Blick, die ihrerseits, jeweils gegenüber, auf die schöne Architektur der Mittelschiffwände blickten. Der Kirchenraum sollte von den Emporen aus erlebt werden. Braunfels hält sie für das Wichtigste des Baues - als Aufenthaltsort der für die Seele des Gründers betenden Kanonissen. Nur davon ausgehend könne die Bedeutung des Baues jenseits architekturhistorischer Betrachtungen erschlossen werden.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Südwand: Arkaden, Empore, Obergaden
 
 
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Blick in die Ostapsis
 
 
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in GernrodeSüdwand: Emporenarkade

 

Die 7 kleinen Rundbogen-Fenster im Obergaden nehmen keinen Bezug auf die Achsen einer oder beider Arkaden. Das hatte, rund 200 Jahre früher, der Baumeister der schlichten karolingischen Einhardsbasilika in Michelstadt besser gekonnt.

 

Die helle Farbe betont die Leichtigkeit der Architektur der elegant gegliederten Mittelschiffwände. Zur Gründerzeit waren sie wahrscheinlich bemalt.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Westkrypta

 

Farbe erhält der Innenraum heute durch die Wandmalerei in den Apsiden. Der Bildschmuck in der Ostapsis wurde im 19. Jahrhundert nach alten Befunden geschaffen. Auch die Wandmalerei in der Westapsis ist neu. Die aus gleicher Zeit stammende mit Propheten und Königen bemalte Balkendecke erinnert mich an die mittelalterliche Holzdecke in Sankt Michael in Hildesheim, auf der allerdings der Stammbau Jesu dargestellt ist.

 

Zwei weitere Gebäudeteile sollte man auf alle Fälle besuchen: die Krypten.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Ostkrypta

 

Die altertümliche Ostkrypta ist der älteste Teil des Baues. Vier Pfeiler, die östlichen sind Monolithe, tragen das nicht ganz durchgestaltete Tonnengewölbe des niedrigen 3-schiffigen Raumes. 3 Fensternischen sind tief eingeschnitten. Das äußere Halbrund der Apsis wird innen nicht wiederholt. Auch wer viele Krypten besucht hat, kann sich dem mystischen Eindruck dieses Ortes nicht entziehen.

 

Die Westkrypta, etwa 150 Jahre später entstanden, atmet einen anderen Geist, den der Hochromanik. Auch sie ist eine, nun voll ausgebildete, 3-schiffige Hallenkrypta. Das Kreuzgratgewölbe ruht auf schlanken Säulen, meist mit Würfelkapitellen. Der Raum ist höher und wirkt leichter. Würde man den beiden Krypten in Gernrode noch eine gotische gegenüberstellen, hätte man einen großen Bogen mittelalterlicher Kryptenstile gespannt (>Krypten).

 

 

Ausstattung

Anfang des 17. Jahrhunderts erlitt das Stift durch die Reformation das Schicksal aller deutschen Klöster. Es wurde aufgelöst, und die täglichen Stundengebete für das Seelenheil der Gründerfamilie verstummten. Das reiche Inventar ging im Bildersturm unter.

 

Wenig hat sich erhalten. Der wuchtige Taufstein vor dem Eingang zur Westkrypta, der um 1150 entstand, wurde im 19. Jahrhundert aus Alsleben an der Saale geholt, einem früher zum Stift gehörenden Dorf. An den Außenwänden sind in Rundbogennischen Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Taufe vor Eingang Westkrypta
 
 
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Taufe
 
 
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Taufe

 

Eine gerettete Kostbarkeit ist die Nachbildung des Heiligen Grabes in den südlichen Langhaus-Arkaden. Es wurde um 1080 geschaffen und mit wertvollen Stuckreliefs geschmückt. Ostern versammelten sich die Kanonissen hier zu einer Feier der Auferstehung. Bei meinem Besuch war die Kammer leider nicht zugänglich, und so musste ich mich mit der Betrachtung der äußeren Reliefs begnügen.

 

Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Heiliges Grab
 
 
Die Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode
Heiliges Grab: Detail

 

Wer meine Bewunderung für diesen eindrucksvollen und vielfach interessanten Bau teilt, sollte sich auf den Weg nach Hildesheim machen, um den Höhepunkt ottonischer Architektur zu erleben, die ehemalige Klosterkirche Sankt Michael.

 

 

Literatur:

 

Barral i Altet., Xavier, Romanik, Städte, Klöster und Kathedralen, Stierlin, Henri (Hrsg.),

Taschens Weltarchitektur, Benedikt Taschen Verlag GmbH, Köln, 1998

 

Braunfels, Wolfgang, Die Kunst im Heiligen Römischen Reich, Band II und IV, Verlag C.H. Beck, München, 1980

 

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

 

Czaya, Eberhard, Die Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt, DuMont Buchverlag, Köln

 

Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Grodecki Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.), Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Reprint der Originalausgabe von 1909

 

Jacobsen, Werner/Lobbedey, Uwe/Winterfeld, Dethard von, Ottonische Baukunst, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

 

Kaiser, Wolfgang, Romanische Architektur in Deutschland, in: Romanik, Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996

 

Kiesow, Gottfried, Kulturgeschichte sehen lernen, Band 2, 1. Auflage, Verlag MONUMENTE Publikationen, Bonn 2001

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Pischel, Gina, Große Kunstgeschichte der Welt, Südwestverlag GMBH & Co. KG, München, 1980

 

Voigtländer, Klaus, Die Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode, DKV Kunstführer Nr. 404/2, Deutscher Kunstverlag München/Berlin, 7. Auflage

 

Wulf, Walter, Romanik in der Königslandschaft Sachsen, Zodiaque Echter Verlag, Würzburg, 1996

 

 

 

Netz

SchleierHaft?, Mittelalterliches Leben im Frauenstift Gernrode

www.stift-gernrode.uni-goettingen.de

 

Die Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode

www.stiftskirche-gernrode.de

 

Eigene Beobachtungen

 

 

 




Ottonisch

Sankt Pantaleon, Köln

 

Im monumentalen Westbau zwischen alten Bäumen ruht seit über tausend Jahren eine jung gestorbene deutsche Kaiserin, deren Wiege in Byzanz stand. Hier in Sankt Pantaleon zu Köln wartet Theophanu im weißen Marmorsarkophag auf Auferstehung und Jüngstes Gericht.

 

St. Pantaleon, Köln
Westwerk

 

Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche ist die älteste der 12 ottonisch/romanischen Kirchen einer Stadt, die, wegen der Vielzahl von Sakralbauten innerhalb ihrer Mauern das "Rom des Nordens" genannt wurde.

 

Wie so oft in Köln wurden die Vorgängerbauten außerhalb der römischen Stadtmauern über Ruinen errichtet. Noch heute liegt St. Pantaleon abseits des Großstadttrubels. Inmitten des parkähnlichen Bezirks ist klösterliche Abgeschiedenheit wohltuend spürbar.

 

St. Pantaleon, Köln
Fragment des ottonischen Kreuzgangs

 

Die Klausurgebäude aus der Gründerzeit sind verschwunden. Nur nordöstlich der Kirche finde ich nach einigem Suchen das ottonische Kreuzgang-Fragment, nach Binding der älteste Rest eines Kreuzgangs. Welche Geschichten könnten die mehr als tausend Jahre alten Säulen mit ihren Pilzkapitellen den Kleinen des 21. Jahrhunderts im Kindergarten hinter ihnen erzählen?

 

 

Politische Bedeutung

Ich habe die alt-sächsischen "Kernlande" mehrfach besucht, auch die ottonischen Kirchen in Gernrode, Quedlinburg und Hildesheim. Zusammen mit dem untergegangenen romanischen Dom in Magdeburg betonen diese imposanten Bauten die Bedeutung einer Region, die für mehr als 80 Jahre, bis zum Regierungsantritt Heinrichs II., das Herz des ottonischen Reiches war.

 

Ich frage mich, warum ein für die damalige Zeit so monumentaler Bau auch hier im Westen errichtet wurde. War er als Symbol gedacht? Köln lag damals im Herzogtum Lothringen, das auch vom Westfrankenreich sehr nachdrücklich beansprucht wurde. Noch 942 hatte Kaiser Otto I. den französischen König Ludwig IV. zum Verzicht gezwungen. 978-80 wurde um dieses Gebiet Krieg geführt.

 

Kaum gefragt, kommen die ottonischen Bauten in Essen in den Sinn, vor allem das Westwerk der Kirche des Damenstiftes (heute Münster). Adlige Stifte, oft von Mitgliedern des Herrscherhauses geleitet, waren wichtige Stützpunkte ottonischer Herrschaft, und auch Essen lag in oder an der Grenze von Lothringen.

 

Wäre es zu weit hergeholt, die kaiserliche Grablege St. Pantaleon, als Zeichen ottonischen Machtanspruchs hier an der Grenze zu sehen? Auch die Vollendung des Kölner Domes im 19. Jh. war u.a. ein politisches Signal gen Westen.

 

Jedenfalls war die Abtei St. Pantaleon dem Herrschergeschlecht eng verbunden. Gründer des Benediktiner Männerklosters – des ersten in Köln - und Bauherr war Brun, Erzbischof und Bruder Ottos I.. Und Brun war Herzog von Lothringen, ein Amt, in dem einige Vorgänger gescheitert waren.

 

Theophanu erweiterte die Kirche. Sie wurde von den Ottonen als Minderjährige vom byzantinischen Kaiserhof geholt, um aus politischen Gründen den jungen Otto II. zu heiraten. Mit ihm wurde sie zur Kaiserin gekrönt, gebar - neben drei Töchtern - den nächsten Herrscher, Otto III., rettete ihm die Krone und regierte für ihn zeitweilig das Reich. Er war 991 bei ihrer Bestattung in St. Pantaleon anwesend und beschenkte die Abtei. Otto III. selbst wurde dort 11 Jahre später auf seinem Weg zur Bestattung in Aachen aufgebahrt.

 

 

Der Bau und seine Geschichte

Der Kirchenpatron St. Pantaleon war im Norden Europas wenig bekannt, wurde aber in Köln schon vor der Ankunft Theophanus verehrt. Auch die Kaiserin hatte eine Vorliebe für den aus ihrem Kulturkreis stammenden antiken Heiler. Die hier besprochene Kirche und ihre Vorgängerbauten sind die ältesten nördlich der Alpen mit seinem Patrozinium.

 

Das Deutschland-Radio berichtete 2006 über neue Ausgrabungen. Nun weiß man von 3 älteren Kirchen an dieser Stelle, einem um 250 errichteten Saal (~14 x 5 m), einer in der gesamten Merowingerzeit (5. bis 8. Jh.) auch als Grablege genutzten Saalkirche von 35 m Länge und einer knapp 50 m langen karolingischen Kirche aus dem 8. Jh.. Hier stand also schon vor über 1750 Jahren ein christlicher Sakralbau.

 

Der genaue Zeitpunkt der Klostergründung ist umstritten, wird aber häufig mit "um 956" angenommen, also kurz nach Bruns Ernennung zum Erzbischof (953). Wenig später – es wird das Jahr 964 erwähnt – begann der Bau der neuen Kirche.

 

Obwohl größer als die alte, war sie nicht so imposant, wie die heute vor uns stehende und hatte noch kein Westwerk.

 

St. Pantaleon, Köln
Kapitelsaal und Nordflügel des niedrigen Querhauses (hinten)

 

Das wurde wohl kurz vor der Jahrtausendwende errichtet, jedenfalls aber nach Bruns Tod (965), der für die Kirche 300 Pfund, und für das Kloster 100 Pfund bereitgestellt hatte. (Für 100 Silberpfund konnte man ca. 200 Kühe kaufen) Die Investition sollte auch seinem Seelenheil dienen. Die Quellen berichten, daß bis zu 50 Mönche dafür beteten, ein erstaunlicher Aufwand für einen Mann, dessen Leben friedlicher und gesitteter verlaufen war als das vieler seiner adligen Zeitgenossen.

 

Theophanu, 976 zum ersten Male in Köln, trat als Mäzenatin in seine Fußstapfen. Das heutige Westwerk, durch Umbauten im Laufe der Jahrhunderte verändert, ist wohl unter ihrer Regie und mit ihren Mitteln erbaut worden.

 

St. Pantaleon, Köln
Reste des romanischen Kreuzgangs unter dem Kapitelsaal

 

Die heutige Basilika war bis zur Mitte des 12. Jh. Saalkirche mit zwei Annexbauten im Osten. Dann wurden gewölbte Seitenschiffe angebaut. Licht fällt durch 2-bahnige Maßwerkfenster im Süden und Rundbogenfenster im Norden. Die Maßwerkfenster des Mittelschiffes sind aus der Barockzeit. Die Satteldächer der Seitenschiffe wurden im 19. Jh. durch Pultdächer ersetzt.

 

Bei den Umbauten im 12. Jh. wurde der Kapitelsaal im Norden errichtet, der romanische Kreuzgang bis auf zwei Joche abgerissen.

 

Das viel beforschte Westwerk ist der interessanteste Gebäudeteil. Was wir heute sehen, ist eine Rekonstruktion von 1890-92 - teilweise nach alten Stichen – die dem Ursprungszustand recht nahe kommen soll. Unter Fachleuten ist dieses Thema umstritten.

 

St. Pantaleon, Köln
Sarkophag Bruns

 

Der Besucher steht vor einem massiven Mittelturm, dem im Süden, Westen und Norden je ein niedrigerer Flügel angebaut ist. In den Ecken zwischen Westanbau und Südanbau bzw. Nordanbau stehen zwei Treppentürme, die den mittleren Turm deutlich überragen.

 

Abweichungen vom Ursprungsbau gibt es beim westlichen Vorbau, der ursprünglich etwa doppelt so lang war. Die Blendbögen und Öffnungen im obersten Geschoß der Treppentürme sind nicht belegt. Im Giebel des Vorbaus war ein Okulus. Die interessante Gliederung der Treppentürme aus quadratischen, oktogonalen und runden Abschnitten ist hingegen verbürgt.

 

Im Pflaster vor dem Westwerk ist der Grundriß eines Zentralbaus markiert. Offensichtlich beabsichtigte Brun eine Kapelle zu errichten über deren Zweck nichts bekannt ist.

 

St. Pantaleon, Köln
Westfassade Detail

 

Baudekor außen

Zunächst fällt die Mehrfarbigkeit des Dekors auf und erinnert entfernt an die "Tor"-Halle in Lorsch.

 

St. Pantaleon, Köln
Rundbogen, durch schmale Ziegelbogen überfangen

 

Rot-brauner Sandstein teilt das Obergeschoß des Westvorbaus über der großen Portalöffnung in drei gleiche Flächen. In den Nischen darüber, ursprünglich wohl zahlreicher, befand sich Ende des 10. Jh. ein umfangreiches Skulpturen-Programm, das älteste und größte des damaligen Europa. Fragmente, darunter ein Christuskopf, sind erhalten und können bei Führungen besichtigt werden.

 

St. Pantaleon, Köln
Langhaus nach Ost

 

Zwischen flachen hellen Lisenen mit aufgesetzten dunklen Pilastern mit Basen und Kelchkapitellen finden sich zweifarbige Rundbogenfriese auf kleinen Konsolen, ein Dekor, der sich an anderen Teilen der Baugruppe wiederholt. Die Rundbogen werden durch schmale Ziegelbogen überfangen, deren Zwickel auf der Spitze stehende quadratische rote Steine schmücken.

 

St. Pantaleon, Köln
Westwerk

 

 

Das Innere

Man betritt das Langhaus heute von der Südseite. Bei der Restaurierung nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gewölbe des Mittelschiffs aus dem 16. Jh. entfernt. Die Flachdecke entspricht eher einem Bau des frühen Mittelalters.

 

Der spätgotische Lettner verdeckt den größten Teil des Barockaltars.

 

St. Pantaleon, Köln
Westwerk nach Nordwest

 

Der Raumeindruck aber wird bestimmt durch das Westwerk. Vom Langhaus aus gesehen öffnen sich hinter einem monumentalen zweifarbigen Bogen auf starken Sandstein-Pfeilern zwei Stockwerke. Über einem Portal im Erdgeschoß gewährt eine zweifarbige Dreierarkade mit Rundbögen auf wuchtigen Pfeilern Durchblick zum Westvorbau. Die Nord- und Südanbauten begnügen sich im Erd- und Obergeschoß mit zweifarbigen Doppelarkaden.

 

 

Mittelalterliche Ausstattung

 

St. Pantaleon, Köln
Lettner

 

Der wertvolle spätmittelalterliche Lettner (Anfang 16. Jh.) ist einer der letzten in Köln aus dieser Epoche. Neben der Mutter Gottes sind Albinus und Pantaleon dargestellt. Diverse Restaurierungsarbeiten führten zum Verlust der äußeren Teile.

 

St. Pantaleon, Köln
Maurinus-Schrein

 

Die prächtigen Schreine der Märtyrer Maurinus und Albinus sind vom Ende des 12. Jh. aus einer Werkstatt, die der Forschung noch unbekannt ist. Der des Maurinus ist der um wenige Jahre Ältere.

 

In der im Kapitelsaal untergebrachten Schatzkammer sind weitere Kleinode ausgestellt.

 

Ich habe St. Pantaleon einige Male besucht. Ein Weg lohnt immer. Schatzkammer, Krypta und Obergeschoß des Westwerks sind nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen.

  

 

 


 

 


Literatur
 
Adam, Ernst, Zur Baukunst im Rheinland, in: Rhein und Maas, Kunst und Kultur, 800-1400, Katalog der Ausstellung, Legner, Anton (Hrsg.) Schnütgen-Museum, Köln, Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln, 1972
 
Beuckers, Klaus Gereon/Cramer, Johannes/Imhof, Michael, Die Ottonen, Michael Imhof-Verlag, 2002
 

Binding, Günther, Ottonische Baukunst in Köln, in: Kaiserin Theophanu, Begegnung des Osten und Westens um die Wende des 1. Jahrtausends, Gedenkschrift des Kölner Schnütgen-Museums zum 1000. Todesjahr der Kaiserin, Euw, Anton von/Schreiner, Peter (Hrsg.), Band I, Schnütgen-Museum, Köln, S. 291

 
Borger, Hugo, Die Abbilder des Himmels, Band I, Greven-Verlag Köln, 1979
 
Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990,
 
Hoffmann, Godehard, Rheinische Romanik im 19. Jh., Denkmalpflege in der Preußischen Rheinprovinz, Bachem-Verlag, 1995
 
Koch,Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
Jacobsen, Werner/Lobbedey, Uwe/Winterfeld, Dethard von, Ottonische Baukunst, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)
 
Schäfke, Werner, Kölns Romanische Kirchen, Geschichte und Ausstattung, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag Köln, 1996
 

Untermann, Matthias, Handbuch der mittelalterlichen Architektur, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2009

 
Vones, Ludwig, Klöster und Stifte – Geistige und geistliche Erneuerung. Reform – Gedanke, in: Kaiserin Theophanu, Gedenkschrift des Kölner Schnütgen-Museums zum 1000. Todesjahr der Kaiserin, Euw, Anton von/Schreiner, Peter (Hrsg.), Band I, Druckerei Locher GmbH, Köln, 1991
 
Winterfeld, von, Dethard, Romanik am Rhein, Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, 2001
 
 
Netz
 
St. Pantaleon
http://www.romanische-kirchen-koeln.de/pantaleon.html
 
 
 
Sonstiges
 
Wolff,Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003
 
Diverse Führungen
 
Deutschland-Radio, 2006, Ausgrabungen in St. Pantaleon
 
 
 
Eigene Beobachtungen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ergänzung 2015 - Kreuzgang
 
Überarbeitung 2016
 

 

 

 




Ottonik

St. Michael, Hildesheim

 

Man sieht es dem mächtigen, so ganz irdischen Bau nicht an, aber Engel spielen eine große Rolle in Konzeption und Architektur. Nicht nur der Anführer der Himmlischen Heerscharen breitet als Patron seine mächtigen Flügel aus, auch Seraphim, Cherubim und ihre Helfer werden hier zitiert - in einer Architektur, die ihresgleichen sucht.

 

St. Michael, Hildesheim
St. Michael von SO

 

Stifter und Patrozinium

Viele Kirchen habe ich in den letzten 15 Jahren besucht auf meinem Weg durch die sakrale Baukunst des Mittelalters. Diese war eine der ersten, und nur wenige haben mich so beeindruckt.

 

Das Weltkulturerbe ist mit Erbauer und Stifter eng verbunden. Der hl. Bernward war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit, außergewöhnlich vielseitig, klug, im guten Sinne fromm. Und sein Name ist verknüpft mit großartigen Kunstwerken in Bronze und Edelmetall.

 

Der Sproß sächsischen Hochadels wurde an der Domschule von Hildesheim ausgebildet, mit 17 Jahren an den Hof Kaiser Ottos II. geholt, war Lehrer Ottos III., Künstler, Bauherr, Kriegsmann.

 

Mit 33 Jahren bestieg er in Hildesheim, einem der Zentren ottonischer Herrschaft, den Bischofsstuhl. Der Mariendom aus dem späten 9. Jahrhundert war seine Kathedrale.

 

Die wahren Motive für den Bau der bedeutenden Klosterkirche St. Michael werden im Dunklen bleiben. Aber seine Frömmigkeit und das Patrozinium geben Hinweise.

 

Die Michaelverehrung, schon bekannt im Reiche Karls des Großen, erreichte unter den Ottonen einen Höhepunkt: Otto I. besuchte das Heiligtum des Erzengels auf dem Monte Gargano in Apulien. Zwei weitere ottonische Kaiser, sein Enkel Otto III. und sein Großneffe Heinrich II. folgten seinem Beispiel.

 

Michaelskapellen finden sich in den Westbauten vielen Kirchen. Der Anführer der Himmlischen Heerscharen war Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches, Kämpfer gegen das Böse, Dunkle aus dem Westen.

 

Bernward, ganz seiner Zeit verhaftet, könnte mit der Kirche seiner Michaelsverehrung ein Denkmal erbaut haben. Gleichzeitig ist es, beabsichtigt oder nicht, eine bleibende Erinnerung an seine Person.

 

 

Baugeschichte, Vorbilder

Die Baugeschichte gibt wenig Anlaß zu Diskussionen. Bernward legte 1010 den Grundstein für die Kirche des von ihm wohl 996 gegründeten Benediktinerklosters und weihte 1015 die Westkrypta, in der er 1022 bestattet wurde. Kurz vor seinem Tode weihte er den noch unfertigen Bau. Sein Nachfolger, Bischof Godehard, übrigens Namensgeber des Gotthard-Passes, weihte 1033 die vollendete Kirche.

 

Sie zerstörte um 1160 ein Brand. Etwa 40 Jahre später wurde die berühmte Holzdecke geschaffen und der Bau erneut geweiht. In den folgenden Jahrhunderten traf die Kirche manche Katastrophe. Im 19. Jahrhundert drohte der Abriß, doch es schien, als sei erst dem Bombenhagel des 2. Weltkrieges die endgültige Vernichtung gelungen. Aber noch in den Jahren vor der Währungsreform begann unter schwierigsten Umständen durch selbstlose Hildesheimer der Wiederaufbau, maßgeblich unterstützt durch Bernhard R. Armour, einen in New York lebende Juden! Schon 1950 konnten Langhaus und westliches Querhaus geweiht werden.

 

Bernward kannte mit Sicherheit viele berühmte Kirchen, auch jenseits des ottonischen Kernlandes. Die Forscher rätseln, welche er sich zum Vorbild nahm. Möglich wäre die untergegangene Kirche der bedeutenden ottonischen Pfalz in Memleben, eine Basilika mit je 2 Chören, Querhäusern und Krypten.

 

 

Architektur

Der Quaderbau liegt im Norden der Stadt auf einem kleinen Hügel, breit hingelagert. Hier paßt der Ausdruck "Gottesburg". Der Eindruck massiger Baukörper wird durch die schlanken Treppentürme mit Kegeldächern gemildert, deren zylindrische Obergeschosse auf polygonaler Basis ruhen. Die insgesamt sechs Türme erinnern an das Himmlische Jerusalem des Johannes-Evangeliums.

 

Die Architektur begeistert, auch die Fachleute. Braunfels spricht von vollkommener Einheit übernommener Motive und geistiger Kraft der Konzeption.

 

St. Michael, HildesheimWestchor und Krypta mit Umgang. Apsis spätromanisch, um 1240

 

Die beiden Querhäuser gaben dem Bauherrn Gelegenheit zu einer Neuerung. Nach Jacobsen sind die wuchtigen Türme über den beiden Vierungen die frühesten gesichert nachgewiesenen.

 

In der Hallenkrypta im Westen feiert nun die katholische Gemeinde ihren Gottesdienst. Krypta und Grab verleihen diesem Teil der Kirche, seit 1542 evanglisches Gotteshaus, besonderes Gewicht. Das Stiftergrab ist nach Bandmann wohl eine Nachahmung der Ruhestätte des hl. Martin von Tours.

 

Bei meinen bisherigen Besuchen war die Krypta von der Kirche her nicht zugänglich. Im Zuge der Restaurierung (2009) wurde der Zugang, wie im Mittelalter, wieder hergestellt.

 

Bauhistorisch interessant ist der zur Entstehungszeit ungewöhnliche Umgang der Krypta mit Strebepfeilern und Pultdach.

 

Weniger bedeutend war und ist der Ostchor, der im 17. Jahrhundert abgerissen und später erneuert wurde. Drei Apsiden markieren die Achsen der Langhausschiffe.

 

St. Michael, Hildesheim
Blick zur Ostvierung, mit gleich hohen Bögen "ausgeschieden".
Dahinter Ostchor mit Apside.

 

 

Innenraum

Der Besucher betritt die Kirche durch ein gotisches Südportal, durchquert das breite, niedrige Seitenschiff und befindet sich im 3-jochigen Hauptschiff an der westlichen Vierung. Mein erster Eindruck war Farbigkeit. Die rot-hell alternierende Bemalung von Vierungspfeilern, Arkaden, und Emporen der Querhäuser, die Chorschranke und die überwältigende Holzdecke ließen der Aufmerksamkeit zunächst keinen Raum für die Architektur.

 

Die alternierende Farbgebung erinnerte mich an die große Moschee in Córdoba, aber auch an christliche Kirchen, wie St. Pantaleon, Köln, den Dom zu Speyer und die Basilika von Vézelay. Nach Conrad war für die dunklen Partien ursprünglich roter Sandstein aus dem Hildesheimer Wald vorgesehen. Wegen mangelnder Festigkeit wurde er weitgehend durch eine Bemalung mit gebranntem Ocker ersetzt, was lange Zeit verborgen blieb.

 

St. Michael, HildesheimSüdliche Langhauswand. Sächsischer Stützenwechsel

 

Bei Kirchen mit Doppelchor muß der Besucher sich entscheiden, wohin er sich als erstes wendet. In St. Michael zieht mich die schlichte Ostseite an, vielleicht durch die Erfahrung mit der Mehrheit der Basiliken mit nur einem Chor, die man von West nach Ost durchschreitet.

 

In St. Michael gleitet der Blick die Arkaden entlang und erfreut sich an einer Neuerung: Beim so genannten sächsischen Stützenwechsel folgen 2 Säulen einem Pfeiler, anders als in der ebenfalls ottonischen Klosterkirche St. Cyriakus in Gernrode, in der Pfeiler und Säulen einander abwechseln. Die 12 Säulen erinnern an die Apostel. Aber in dieser Kirche ist weit mehr von der im Mittelalter wichtigen Zahlensymbolik versteckt, die schon vor 500 Jahren eine Rolle spielte, z.B. in San Apollinare Nuovo in Ravenna. Nach Braunfels ergibt, in Fuß ausgedrückt, die Gesamtbreite von Seitenschiff-Mittelschiff-Seitenschiff (20+30+20) die Zahl 70 und könnte auf die heilige Sieben hinweisen.

 

St. Michael, Hildesheim
Detail nördliche Langhauswand - Bernward-Kapitelle

 

St. Michael ist die früheste erhaltene Kirche mit Stützenwechsel und gebundenem System. Doch das Vierungsquadrat als Maß aller Dinge ist hier noch nicht konsequent durchgehalten. Die Breite der Seitenschiffe entspricht nicht der Hälfte dieses Quadrates, wie später üblich. Der Stützenwechsel spielt noch für weitere 100 Jahren eine Rolle, doch wird das gebundene System größere Bedeutung haben.

 

Wir sollten die Kapitelle nicht übergehen. Die berühmten Würfelkapitelle, einige sollen von Bernwards Hand stammen, schmückten ursprünglich alle Säulen. Nur die beiden östlichen im Norden des Langhauses sind erhalten. Es gab sie in einfacherer Form schon früher, wie in Lorsch oder Fulda. Bernward vollendete die Form und setzte Würfelkapitelle als erster konsequent ein. Auf den unvorbereiteten Betrachter wirken sie derb im Vergleich zu den reich ornamentierten Kapitellen aus dem 12. Jahrhundert. Aber sie sind ein Neuanfang gegenüber der Antike und von Bedeutung für die ottonische und salische Baukunst.

 

St. Michael, HildesheimNordflügel des Ostquerhauses mit Engelkapellen

 

Die Langhaus-Arkaden werden durch ein dunkel gefärbtes Gesims von der schmucklosen Wand mit Obergaden-Fenstern getrennt, die keinen Bezug zu den Achsen der Arkatur haben.

 

Weiter im Osten streift der Blick die hohen Bögen der "ausgeschiedenen" Vierung, deren tastender Ansatz in Gernrode hier vollendet wird. Die eingeschossige Ostapsis, ursprünglich zweigeschossig wie die Nebenapsiden, schließt den Chor ab.

 

Nördlich und südlich der Ostvierung erfreuen die vielleicht schönsten Schöpfungen ottonischer Baukunst unsere Augen, die Arkaturen in den Querhausflügeln. Farbigkeit verstärkt die Wirkung der eleganten Architektur.

 

St. Michael, HildesheimChorschranken, Südseite. Engelsfiguren vor Querhausflügel

 

Für die gibt es einen mystischen, oder wir würden heute sagen, esoterischen Anlaß. Wer sich mit diesem Bau beschäftigt, stößt immer wieder auf den Begriff "Engelschöre", in der Regel ohne eine Erklärung. Gemeint sind die 8 Emporen in den 4 Querhausflügeln bzw. deren nicht erhaltene Kapellen als Symbol für die 9 Hierarchien (Chöre) der Engelwelt. Dionysius Areopagita, ein spätantiker Autor hat sie definiert. Die neunte Kapelle im Westchor ist dem Erzengel Michael geweiht.

 

St. Michael, HildesheimChorschranken, Südseite, Detail

 

Und - über zwei Bögen im Erdgeschoß bauen sich Emporen mit vier und sechs Bögen auf, was in einem Querhausflügel zu 9 Säulen führt.

 

Ich stelle mir Bernward nicht als knöchernen Dogmatiker vor. Die Lehre von den 9 Engelchören, für die meisten Menschen heute im Bereich der Esoterik, hat er als Mensch des Mittelalters ernst genommen. Nach Hella Krause-Zimmer hat er im Deckel seines Sarkophags neun Engelsköpfe eingemeißelt.

 

St. Michael, HildesheimChorschranken, Nordseite. Maria, Apostel und Bernward

 

Zurück am Ausgangspunkt stehen wir vor der nächsten Kostbarkeit, der Chorschranke aus Stuck am nördlichen Flügel des westlichen Querhauses. Die südliche Schranke ist leider untergegangen.

 

Chorschranken und Lettner, im Mittelalter selbstverständlich, trennten den Chorraum von den für Laien zugänglichen Bereichen. Bildersturm und Änderungen der Liturgie machten den meisten den Garaus. So sind die wenigen erhaltenen Exemplare besonders wertvoll, vor allem, wenn von so hoher Qualität wie diese vom Ende des 12. Jahrhunderts.

 

St. Michael, HildesheimWestchor, erhöht über der Krypta

 

Auf der Südseite sitzen Engel in den Zwickeln der Arkaden, in einem Fries tummeln sich Fabelwesen zwischen Pflanzenornamenten. Die Säulenschäfte dazwischen sind unterschiedlich gestaltet. Die nach dem Original rekonstrierte Farbigkeit harmonisiert mit der übrigen Ausmalung der Kirche.

 

St. Michael, HildesheimDetail – von unten (West): Sündenfall, Jessebaum, König David

 

Auf der Nordseite stehen unter Baldachinen 7 Figuren, etwa 1,25 m hoch. Maria mit dem Jesuskind finden wir in guter Gesellschaft: Petrus, Paulus und Benediktiner scharen sich um sie. Bernward zeigt uns das Modell seiner Kirche.

 

Schließlich der imposante Westchor mit dem Chorgestühl, erhöht über der Krypta. So war Bernward im Tode dem Gebet der Mönche nahe. Das Grab im Westen ist ungewöhnlich, wie so manches an dieser Kirche. Nach Rainer Thiesen zeigt es Bernward auf dem Weg zur Vollendung, beschützt vom Totenbegleiter Michael.

 

Die Schätze dieser Kirche werden von einem weiteren Kleinod behütet, die Monumentalmalerei der Holzdecke, die neben der Kirche in Dädesjö  (Schweden) einzig erhaltene nördlich der Alpen. Im Laufe des 11. Jahrhundert begann die Wölbung auch großer Räume. Holzdecken wurden überflüssig. Die existierenden fielen Bränden zum Opfer.

 

St. Michael, HildesheimKönige Israels

 

Weitblickende Hildesheimer bauten die 240 qm große Decke - sie soll aus 1300 Einzelbrettern bestehen - in den ersten Jahren des letzten Weltkrieges aus und retteten sie vor den Bomben. Daß sie uns noch ca. 800 Jahre nach ihrer Schöpfung erfreut, ist ein Wunder angesichts des fragilen Materials. Das östliche Deckenfeld (Christus als Weltenherrscher) ist im 19. Jh. erneuert worden.

 

Fußnote

Damit bin ich am Ende meines Besuches. Doch ein Nachtrag zu Ehren des genialen Künstlers Bernward sei mir erlaubt.

Viele Fachleute und Laien gingen davon aus, daß die berühmten Bronzetüren des Bernward ursprünglich für St. Michael gefertigt und von Bernwards Nachfolgern in den Dom gebracht wurden. Daß die jetzigen Restaurierungsarbeiten endgültig das Gegenteil beweisen, mischt für Bewunderer des Bernwardbaues ein wenig Trauer in die Freude über die aufwendige Restaurierung.

 

St. Michael, Hildesheim
Bernwardtür, Dom zu Hildesheim, Vertreibung aus dem Paradies
 
St. Michael, Hildesheim
Bernwardtür, Detail: Im Schweiße deines Angesichtes

Deshalb hier zwei anrührende Szenen der Türen mit der Bitte, diese einmaligen Kunstwerke Bernwards im Dom nicht zu vergessen.

 

UNESCO WELTERBE

 

Literatur

Bandmann, Günther, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994
 
 
Barral i. Altet, Xavier, Romane, Städte, Klöster und Kathedralen/Stierlin, Henri, Taschens Weltarchitektur, Benedikt Taschen Verlag GmbH, Köln, 1998
 
 
Braunfels, Wolfgang, Die Kunst im Heiligen Römischen Reich, Band II und IV, Verlag C.H. Beck, München 1980
 
 
Cardini, Franco, Zeitenwende, Europa und die Welt vor 1000 Jahren, Belser-Verlag, Stuttgart/Zürich, 1995
 
 
Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau in Mitteleurops, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998
 
 
Filitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen-Verlag, Berlin 1990
 
 
Grodecki, Louis, Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst, Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse, Bernhard (Hrsg.), Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967
 
 
Großmann G. Ulrich, Hannover/Südliches Niedersachen, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag, Köln, 1988
 
 
Jacobsen, Werner/Lobbedey, Uwe/Winterfeld, Dethard, von, Ottonische Baukunst in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg,  2001, Band I., Puhle, Mathias (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz
 
 
Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
 
Krause-Zimmer, Hella, Bernward von Hildesheim und der Impuls Mitteleuropas,  Verlag Freies Geistesleben, 1984
 
 
Mende Ursula, Die Bronzetüren des Mittelalters 800-1200, Hirmer-Verlag, München, 1994
 
 
Pischel, Gina, Große Kunstgeschichte der Welt, Südwestverlag GMBH & Co. KG, Münchem 1980, aus dem Italienischen
 
 
Schmidt, Heinrich/Magarethe, Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst, Verlag C.H. Beck, München, 1989
 
 
Streich, Gerhard, Bistümer, Klöster, Stifte im ottonischen Sachsen, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Puhle, Mathias, (Hrsg), Verlag Philipp von Zabern Mainz
 
 
Wulf, Walter, Romanik in der Königslandschaft Sachsen, Zodiac-Echter-Verlag, 1996
 
 
 
 
 
 

 

 

 Netz

Das Ökumenische Heiligenlexikon
http://www.heiligenlexikon.de/BiographienB/Bernward_von_Hildesheim.html

Der Heilige Erzengel Michael und seine Bedeutung für Deutschland
http://gargano22.info/pdf/michael_kurz.pd

Thies, Jürgen, Symbole der Romanik und das Böse,
Verlag und Galerie für Kunst und Kunsttherapie GmbH, Nürtingen
http://www.symbole-der-romanik-und-das-boese.de

UNESCO Welterbe Hildesheim
http://www.welterbe-hildesheim.de/

Diverse Wikipedia-Dokumente

 

Vorträge:

Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003

Thiesen, Rainer, Burg Gottes auf Erden, Romanik-Seminar, Thomas-Morus-Akademie, Bensberg, 2009

 




GOTIK

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