lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Spätantike Kirchen

 

sakralarchitektur

 

Spätantike Kirchen

 

Mittelalterliche Baukunst beginnt mit der Spätblüte der Antike. Einiges hat selbst die Germanenstürme überlebt. Der Spätantike verdanken wir die Hagia Sophia in Istanbul mit dem größten Innenbau der gesamten Epoche. Byzantinische Baumeister entwickelten in dieser Zeit die Kreuzkuppelkirchen. Ich stand vor 20 Jahren Jahren zum ersten Mal vor den prächtigen Mosaiken in Ravenna, die 1500 Jahre lang dem Verfall getrotzt und mich tief beeindruckt haben...

 

 

 

 

Grabmal der Galla Placidia, Ravenna

Grabmal der Galla Placidia in Italien

Der gut erhaltene schlichte Zentralbau ist seit über 1500 Jahren so gut wie unverändert. Im Inneren weihevolle Dämmerung und die Pracht des Mosaikschmucks der seinen Höhepunkt in der Kuppel mit dem blau-goldenen Sternenhimmel hat. Der Erhalt der Mosaike über eineinhalb Jahrtausende ist ein kleines Wunder, das auch mittelalterlicher Denkmalpflege zu danken ist. weiter >>


Grabmal Theoderichs des Großen, Ravenna

Grabmal Theoderichs des Großen in Italien

 

Der Bau, errichtet aus Großquadern in perfekter Steinbearbeitung und anspruchsvoller mörtelloser Steinsetzung, erinnert an den größten Ostgotenkönig und das Sterben von Reich und Volk nach seinem Tod. Eine der größten Ingenieurleistungen der Spätantike, der 300 Tonnen schwere Dachmonolith aus Istrien, sollte den König nach dem Tode hüten, doch religiöse Intoleranz ließ Leichnam und Sarkophag verschwinden. weiter >>


San Vitale, Ravenna

San Vitale in Italien

 Am größten Zentralbau Ravennas, nach byzantinischen Vorbildern errichtet, orientierten sich mehr als 200 Jahre später die Baumeister der Pfalzkapelle Karls des Großen. Die Pracht der Ausstattung ist kaum zu übertreffen: Säulen, Kapitelle, Marmorinkrustationen und Mosaike verstellen fast den Blick auf die Architektur. Anders als in Aachen sind die wertvollen und vielseitigen Mosaike auf wundersame Weise erhalten geblieben. Neben vielen christlichen Motiven fasziniert die älteste Darstellung des prunkvoll daherkommenden byzantinischen Kaiserpaares. weiter >>


San Apollinare Nuovo, Ravenna

San Apollinare in Italien

Neben beachtlichen Zentralbauten bietet uns die ravennatische Architektur auch sehenswerte Basiliken. Besonders San Apollinare Nuovo, Hofkirche des Gotenkönigs Theoderich, glänzt durch reichen Mosaikschmuck, der nicht nur Augenweide ist, sondern auch Zeugnis für das Bedürfnis der Sieger, Erinnerungen an den Besiegten gründlich zu tilgen. weiter >>


Santa Sabina, Rom

Verlangt es den Rombesucher nach einer Auszeit von Lärm und Gedränge, sollte er hinauf zum Aventin-Hügel fliehen. Hier hört er den Wind in den Palmen und inmitten von Parks und Gärten erwartet ihn die frühchristliche Kirche Santa Sabina. Der schlichte Ziegelbau aus der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts bietet Bemerkenswertes. weiter >>

 

 

 

 

Spätantike Kirchen (Fortsetzung)

...In einer Serie über mittelalterliche Architektur darf die Zeit der späten Antike, die gleichzeitig die des frühen Christentums ist, nicht fehlen. Diese Epoche, etwa zwischen 400 und 600, ist Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter.

 

Mit dem Toleranzedikt Kaiser Konstantins (313) begann die christliche Kirchenarchitektur. Unter Kaiser Theodosius d. Gr. (379-95) erreichte sie eine erste Blütezeit.

 

Bald nach der Teilung des römischen Reiches (395) übernahm der östliche Reichsteil mit der Hauptstadt Konstantinopel von Rom die Führung in der Baukunst. Höhepunkt war die (zweite) Hagia Sophia, die in der unvorstellbar kurzen Bauzeit von 5 Jahren erstand (ab 532).

 

Byzantinische Baukunst strahlte in alle Reichsteile aus, bis nach Armenien und sogar nach Nordafrika. Auch in der Bauplastik war Byzanz führend. Vor allem Säulen waren in Italien begehrt. Und obwohl Italien von 476–526 von Germanen beherrscht wurde, entstanden auch dort vom östlichen Reichsteil beeinflußte Großbauten.

 

Auf der Basis antiker Vorbilder wurde eine Vielfalt von Bauformen entwickelt. Die Längsbauten, teilweise mit fünf Schiffen, waren Abbilder römischer Basiliken. Es entstanden schon zu theodosanischer Zeit Bauten mit kleeblattförmigen Chören, deren Einfluß bis tief ins Mittelalter reichte. (Vier Beispiele allein in Köln: Andreas, Aposteln, Groß St. Martin, Maria im Kapitol.)

 

Baptisterien und Mausoleen wurden oft als Zentralbauten errichtet, wie das Grabmal des Gotenkönigs Theoderich. Weder mit Taufe noch Bestattung hatte San Vitale in Ravenna zu tun, ein anderer wichtiger Zentralbau. Er basiert auf Vorbildern in Konstantinopel (Hagio Sergios und Bakchos) ohne sie zu kopieren und wirkte seinerseits hinein ins Mittelalter. Die Pfalzkapelle in Aachen orientierte sich an San Vitale, fügte Eigenes hinzu und ist ihrerseits Vorbild für ottonische und romanische Bauten, wie in Essen und Ottmarsheim.

 

Die letzte Entwicklung frühchristlicher Baukunst waren die Kirchen in Kreuzform. Als Beispiel diene das Mausoleum der Galla Placidia. San Marco in Venedig steht für die berühmten Kreuzkuppelkirchen.

 

An vielen Orten im Osten und Süden des ehemaligen römischen Reiches sind Bauten dieser Stilepoche erhalten. Ich habe Ravenna und Rom besucht. Besonders in den ravennatischen Kirchen sind bedeutende Werke der Mosaikkunst zu finden, die der Architektur der Spätantike einen besonderen Stempel aufdrückt.

 

 




SPÄTANTIKE

Santa Sabina, Rom

Verlangt es den Rombesucher nach einer Auszeit von Lärm und Gedränge, sollte er hinauf zum Aventin-Hügel fliehen. Hier hört er den Wind in den Palmen, und inmitten von Parks und Gärten erwartet ihn die frühchristliche Kirche Santa Sabina. Der schlichte Ziegelbau aus der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts bietet Bemerkenswertes.

 Ich wurde auf die Kirche aufmerksam durch die Holztüren aus Nußbaumholz aus der Mitte des 11. Jh. in St. Maria im Kapitol in Köln. Gräbt man etwas in der Literatur, taucht Santa Sabina auf mit ihrer noch 600 Jahre älteren Zedernholztür. Darüber unten mehr.

 

Santa Sabina auf dem Aventin (Wikipedia)

 

Geschichte

In der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts war der Aventin viel belebter. Hier hausten dicht gedrängt vor allem Nichtbegüterte. Vielleicht der großen Gemeinde wegen baute der offensichtlich reiche dalmatinische Priester Petrus von Illyrien eine große 3-schiffige Basilika ohne Querschiff mit einer Gesamtlänge von 63 m. Sie ist die älteste Kirche auf dem Hügel und eine der wichtigsten Basiliken ihrer Zeit.

 

 Innenansicht

 

Im 13. Jahrhundert schenkte Papst Honorius III. die Kirche dem Dominikanerorden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde immer wieder restauriert, zuletzt um 1935.

 

Architektur

Durch die außergewöhnlich großen Fenster der Obergaden fällt viel Licht in das Mittelschiff, das 2 x 12 kannelierte Säulen mit korinthischen Kapitellen von den schmalen Seitenschiffen abgrenzen. Im Gegensatz zu vielen anderen Bauten sind die Spolien einheitlich, aus einem römischen heidnischen Tempel des 2. Jahrhunderts geborgen. Das Ergebnis sind selten schönen Arkaden. Der schlichte Raum beeindruckt durch Licht und Weite.

 

Bei vielen ähnlichen Kirchen sind die Fenster in späteren Jahrhunderten verkleinert worden. Man glaubte, daß Dunkelheit der Meditation und Andacht besser diene, bis dann das Lichtbedürfnis der Gotik diesen Trend wieder umkehrte.

 

Architekturgeschichtlich ist interessant, daß dies eine der frühesten Kirchen ist, deren Säulen mit den Rundbögen des Mittelalters und nicht mit den Architraven der Antike verbunden sind, eine Andeutung der kommenden vertikalen Ausrichtung der Wände.

 

Der Bau erinnert mich an die um 500 errichtete Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna, ebenfalls ein Backsteinbau mit weitem Mittelschiff. Auch dort sind 2 x 12 Säulen - aus Konstantinopel - durch Bogen verbunden. In der rund 60 Jahre älteren Kirche auf dem Aventin ist aber der großflächige Mosaikschmuck über den Arkaden verloren gegangen.

 

Ausstattung

In unseren Landen sind beklagenswert wenige Lettner und Chorschranken des Mittelalters erhalten. Deshalb der Hinweis auf die des 9. Jahrhunderts hier, die im vorigen Jahrhundert sorgfältig aus Trümmern zusammengesetzt wurden.

 

Chorschranken und Bodenmosaik
 
 
Chorschranken, Detail
 
 
Chorschranken, Detail

 

Beim Verlassen des Raumes verabschiedet den Besucher unterhalb der vier Fenster eine große Weiheinschrift, die auf den Erbauer hinweist. Die Frauenfiguren rechts und links symbolisieren Juden bzw. Heiden, die zum Christentum gefunden haben.

 

Weiheinschrift Sabina

 

Im Vorraum dann die berühmte Zedernholztür, schlecht zu erkennen und ohne Ausrüstung schwierig zu fotografieren. Sie bestand ursprünglich aus 28 Paneelen. 18 sind erhalten.

 

Ich habe versucht, einige halbwegs ordentliche Fotos zu machen und war beim Betrachten zu Hause von der Aussagekraft der Darstellungen und vom Erhaltungszustand nach mehr als 1500 Jahren beeindruckt. Wie so oft mutet es an wie ein Wunder, daß diese Werte erhalten blieben.

 

In der linken oberen Ecke wird auf einem Paneel eine Kreuzigungsszene gezeigt (nicht abgebildet), nach Barral i Altet eine der frühesten Darstellungen dieser Art.

 

Sabina Tür
 
 
Israeliten mit der Feuersäule, Ägypter ertrinken im roten Meer, Aaron mit Schlangen
 
 
Elijas Himmelfahrt Elischa fängt Mantel
 
 
Bedeutung unsicher

 

Auf der Piazza dei Cavalieri di Malta erleichtert uns ein Blick durch das Schlüsselloch im Gartentor des Malteserordens den Abschied.

 

Palastgartens des Malteser-Orden: Die Kuppel des Petersdoms
 
 

UNESCO WELTKULTURERBE

 

 

Literatur

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997 – S. 55ff

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, 1985 – S.65

Bussagli, Marco (Hrsg), Rom - Kunst und Architektur, Magnus Edizioni SpA, Udine, 1999, Tandem-Verlag GmbH, Sonderausgabe, 2004/2007 – S 207ff

Filitz, Herman, Das Mittelalter I, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990 – S. 167

Kraus, Theodor, Das römische Weltreich, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990 – S. 137 und S. 175
 

 

Netz

Sascha Hendel: Santa Sabina, Rom

http://deu.archinform.net/ Holly Hayes: Ancient door of Santa Sabina
http://www.sacred-destinations.com/

 

Eigene Beobachtungen

 




SPÄTANTIKE

Das Grabmal der Galla Placidia, Ravenna

Der gut erhaltene schlichte Zentralbau ist seit über 1500 Jahren so gut wie unverändert. Im Inneren weihevolle Dämmerung und die Pracht des Mosaikschmucks, der seinen Höhepunkt in der Kuppel mit dem blau-goldenen Sternenhimmel hat. Der Erhalt der Mosaike über eineinhalb Jahrtausende ist ein kleines Wunder, das auch mittelalterlicher Denkmalpflege zu danken ist.

 

Grabmal der Galla Placidia in Italien
Backsteinbau in Kreuzform mit Blendarkaden.

 

Beim Besuch und bei nachträglicher Wertung liegen Vergleiche mit dem Grabmal Theoderichs, das 70 bis 90 Jahre später (um 520) entstand, sehr nahe. Hier schlichter traditioneller Backsteinbau, dort anspruchsvoller Quaderbau. Hier im Inneren prächtiger Mosaikschmuck, dort nüchterne Schmucklosigkeit.

 

In keinem der beiden Bauwerke ruhen die Leichname der Namensgeber. Galla Placidia starb 450 in Rom. Die Historiker sind so gut wie sicher, daß sie dort ruht, obwohl das Mausoleum für sie und ihre Angehörigen in Ravenna errichtet wurde. Barral i Altet sieht in diesem Bau ursprünglich eine Kapelle.

 

Mein Interesse an diesem Unesco-Welterbe nahe der berühmten Kirche S. Vitale gründet auf dem Mosaikschmuck, wohl der älteste in Ravenna erhaltene, und der Lebensgeschichte der Galla Placidia, ereignisreich wie wenige in jener an interessanten Biographien nicht armen Zeit.

 

Architektur
 
Aber auch baugeschichtlich ist das Grabmal wichtig wegen der gemeinsamen Verwendung von Kuppel und Gewölben. Beide waren schon vor der Zeitenwende bekannt, doch es war die Kombination, die zu den berühmten Kreuzkuppelkirchen in Konstantinopel und anderen Regionen im Osten führte. Die Entscheidung darüber, ob es sich in Ravenna um ein Vorbild dieses Architekturtyps handelt, wie, Koch meint, oder schon um das frühe Beispiel einer Kreuzkuppelkirche, nach Grodecki/Wagner, mögen die Experten treffen.

 

Die Herkunft von Mausoleen mit kreuzförmigem Grundriß sieht u.a. Bandmann in Kleinasien. Er verweist bei den auf sie zurückgehenden christlichen Grabkirchen auch auf die Symbolik dieses Schemas. Es ist möglich, daß das hier besprochene Bauwerk, wie auch andere, über Ravenna, - "Einfalltor" für byzantinische Kunst im Westen - weitere Verbreitung fand.

 

Der gut erhaltene Zentralbau war früher mit der Kirche S. Croce verbunden. Er ist nach mehr als 1500 Jahren nahezu unverändert. Das Baumaterial "Backstein" zeigt hier, wie bei noch älteren römischen Bauten, seine große Beständigkeit gegenüber dem Zahn der Zeit. Allerdings stimmen auch hier die Proportionen für den heutigen Betrachter nicht mehr, weil der Bau um ca. 1.5 m in den sumpfigen Boden Ravennas eingesunken ist (aus verteidigungstechnischen Gründen verlegte Kaiser Honorius Anfang des fünften Jahrhunderts die Hauptstadt Westroms nach Ravenna).

 

Grabmal der Galla Placidia in Italien
Sternenhimmel

 

Die Ausführung ist typisch für die ravennatische Architektur jener Zeit. Über den Satteldächern der 4 niedrigen Arme des griechischen Kreuzes erhebt sich in der Mitte ein quadratischer gedrungener "Turm" mit Pyramidendach und 4 Fensteröffnungen. Er beherbergt die Hängekuppel und läßt an die Vierungstürme romanischer Kirchen denken. In Traufenhöhe ziehen sich Gesimse um den Bau.

 

Die Außenwände der Arme sind, wie beim Grabmal Theoderichs, durch Blendarkaden aufgelockert, einige mit schlitzförmigen Fensteröffnungen. Im Inneren weihevolle Dämmerung und die Pracht des Mosaikschmucks über dem hohen Marmorsockel. Christliche Symbolik ist reich vertreten.

 

Mosaike 

Grabmal der Galla Placidia in Italien
Der gute Hirte

 

Im Mittelpunkt die Kuppel - die kein Tageslicht erhält - mit blau-goldenem Sternenhimmel, dem Kreuz und den Symbolen der 4 Evangelisten. Es fehlen nicht der gute Hirte, Symbol der Geborgenheit, und die vom Wasser des Glaubens und des Ewigen Lebens trinkenden Hirsche und Tauben. Der Künstler zeigt uns die (nur 8) Apostel und den Hl. Laurentius mit seinem Marterwerkzeug, dem glühenden Rost.

 

Bei der Einordnung dieser Mosaike gehen die meisten Experten, wie Brenk, von weströmischen und ravennatischen und noch nicht von byzantinischen Traditionen aus..

 

Beim nachdenklichen Verlassen des kleinen Bauwerkes stimmt man denen zu, die den Erhalt des gesamten Mosaikschmuckes über mehr als 1500 Jahre hinweg für ein kleines Wunder halten. Allerdings hat nach Braunfels auch der Mensch im Mittelalter tatkräftig mitgeholfen. Schon im 13. Jh. gab es in Ravenna Verordnungen zur Denkmalspflege, wohl die ältesten im Europa.

 

UNESCO-WELTERBE

 

Literatur:

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger,Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

 

Braunfels, Wolfgang, Kleine Italienische Kunstgeschichte, Dumont Buchverlag, Köln 1984,

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in Propyläen Kunstgeschichte,
Propyläen-Verlag Frankfurt, 1990

 

Barral i Altet, Frühes Mittelalter, von der Spätantike bis zum Jahr 1000, Hrsg. Henri Stierlin, Benedikt Taschen Verlag, Köln, 1997

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde Sakralbau, Bertelsmann Lexikon-Verlag GmbH, Gütersloh, 1993

 

Kraus, Theodor, Das römische Weltreich, in Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Mehling, Franz N., Hrsg., Knaurs Kulturführer Italien, Verlag Droemer Th.  Knaur Nachfolger, München, 1998, Lizenzausgabe

 

Palol de, Pedro/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

 

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag München

 

 

 

Eigene Beobachtungen

 




SPÄTANTIKE

 

Das Grabmal Theoderichs des Großen, Ravenna

 

Der Bau, errichtet aus Großquadern in perfekter Steinbearbeitung und anspruchsvoller mörtelloser Steinsetzung, erinnert an den bedeutendsten Ostgotenkönig und das Sterben von Reich und Volk nach seinem Tod. Eine der größten Ingenieurleistungen der Spätantike, der um 300 Tonnen schwere Dachmonolith aus Istrien, sollte den König nach dem Tode hüten, doch religiöse Intoleranz ließ Leichnam und Sarkophag verschwinden.

 

Grabmal Grabmal Theoderich
Zweigeschossiger Zentralbau, mörtellos gefügt, Dachmonolith.

 

Wenn man sich in Ravenna sattgesehen hat an der Pracht der Mosaike in äußerlich recht schlichten Backsteinbauten des 5. und 6. Jahrhunderts, verblüfft vor und in Theoderichs letzter Ruhestätte der große Unterschied in Bauausführung und Ausschmückung.

 

Obwohl ich mich vorher informiert und das ~16 m hohe Grabmal auf Fotos gesehen hatte, war ich doch vor Ort beeindruckt vom Majestätischen des Bauwerks und seiner gleichzeitigen Schlichtheit. Der Quaderbau hebt sich optisch positiv ab von der eher alltäglichen Backstein-Architektur. Andererseits ist interessant, daß das Baumaterial "Backstein" die Stürme der Zeit ebenso gut überstanden hat, wie der Naturstein.

 

Man hat den Bau sorgfältig freigelegt, denn der Boden des Erdgeschosses befindet sich heute – nach rund 1500 Jahren – ca. 2 m unter der Erdoberfläche. Innen gibt es keine Verbindung zwischen den beiden Stockwerken. Der heutige äußere Zugang zum Obergeschoß stammt aus der Neuzeit.

 

Im Inneren wäre man ohne Vorwarnung enttäuscht. Das Mausoleum des großen Mannes ist so gut wie schmucklos. Welch ein Kontrast zu der prachtvollen Ausstattung der Kirchen Ravennas. Warum diese Kargheit? Auch wenn man den Goten selbst den künstlerischen Umgang mit Mosaiksteinchen nicht zutraut, es standen, wie andere Bauten der Zeit beweisen, genügend Künstler zur Verfügung.

 

Geschichte und Baugeschichte

Zunächst jedoch beschäftigen der kunsthistorische und geschichtliche Hintergrund, der das große Interesse an diesem Bau in erster Linie begründet. Über Einzelfragen dieses Themenkreises wurde und wird diskutiert und spekuliert, weil die Quellen so spärlich sind.

 

Wie kam es zu diesem Bauwerk, dem eine kunsthistorische Sonderstellung zugeschrieben wird? Die Gründe liegen wohl in der Biographie des Theoderich und seiner Selbsteinschätzung als Herrscher Italiens (wenn auch unter formaler byzantinischer Oberherrschaft) oder gar als Nachfolger der römischen Imperatoren. Einige Autoren meinen, Konstantin der Große habe als Vorbild Pate gestanden.

 

Das Grabmal jedenfalls unterstreicht Theoderichs Anspruch in vielen Aspekten. Der zweigeschossige Zentralbau, die Wahl von weit hergeholtem Naturstein, die perfekte Bearbeitung der Großquader, (die an die Sorgfalt der Westgoten und Zisterzienser erinnert), die seltene und anspruchsvolle mörtellose Steinsetzung, der gewaltige Dachmonolith – Botschaften an die Nachwelt: Hier ruht ein Großer!

 

Diskutiert wird die Frage, ob Theoderich sein Grabmal von Grund auf geplant und errichtet hat, oder ob er einen im Ansatz vorhandenen Bau nur vollendete. Es gibt nur wenige Abweichler von der Mehrheitsmeinung, daß Ersteres der Fall war. Bei Würdigung der Persönlichkeit des Königs, seiner politischen Ambitionen und seiner Lebensgeschichte bin ich sicher, daß er mit weniger nicht zufrieden sein konnte.

 

Wenig umstritten ist das Entstehungsjahr, das allgemein mit "um 520" angegeben wird. Nur Xavier Barral i. Altet spricht vom Ende des 5. Jh.. Möglich, daß dann mit dem Bau begonnen wurde und er erst 6 Jahre vor dem Tode Theoderichs in heutiger Form vollendet war.

 

Grabmal Grabmal Theoderich
Germanischer Zangenfries.

 

Nehmen wir also an, der König habe diesen Bau, der inmitten eines gotischen Gräberfeldes steht, ersonnen und geplant, bleibt doch die Frage nach den Baumeistern? Die Ostgoten konnten nicht in Stein bauen als sie nach Italien kamen. Ihr Beitrag zur Kunst dieser Zeit war vor allem Metallschmuck. Konnten selbst Begabte unter ihnen in relativ kurzer Zeit die Fähigkeiten erlernen, einen Bau solcher Qualität zu errichten?

 

Wohl kaum. So gehen denn die Fachleute allgemein von "römischen" Bauleuten aus. Viele sehen ihre Herkunft im christlichen Osten, z.B. in Syrien. Von dort sind 2-geschossige Grabbauten bekannt, und man findet gewisse Übereinstimmungen in der Steinbearbeitung. Aber wegen stilistischer Unterschiede der beiden Geschosse wollen andere Experten das Werk zweier Baumeister erkennen und sehen das Obergeschoß nicht unbedingt in römischer Tradition – dann doch gotisch oder nordisch-germanisch?

 

Fragen über Fragen also. Damit geht es weiter beim Bauwerk selbst.

 

Die Herkunft der Kalkstein-Quader und des Decksteins ist geklärt. Sie kommen aus Istrien.

 

Aber schon die Frage, ob der Sarkopharg im Unter- oder Obergeschoß gestanden hat, ist umstritten. Die Porphyrwanne im Obergeschoß wurde erst Anfang des 20. Jh. aufgestellt. Als die Byzantiner Ravenna 540 eroberten, entfernten Sie Sarg und Leiche des Theoderich, der als Arianer in ihren Augen Häretiker war. Der Leichnam blieb verschwunden.

 

Architekturdetails

Das untere Geschoß ist außen zehnseitig und ca. 6.5 m hoch. Zwischen den Eckpfeilern setzen über horizontalen Gesimsen wuchtige Rundbögen an. Die hohen Arkaden führen zu 9 tiefen Blendnischen, die die Schwere des Baus optisch auflockern. Zutritt zum Innenraum gewährt das Portal an der Westseite dessen Rahmen profiliert ist. Der Raum erhält nur schwaches Tageslicht durch schmale Schlitze.

 

Das obere Geschoß ist im Grundriß ebenfalls zehnseitig, aber kleiner im Durchmesser. Das ermöglicht einen etwa 1,3 m breiten Umgang. Nach der 7. Quaderschicht beginnen mit einem vorspringenden runden Band kreisförmige Segmente. Über dem vorspringenden Band befinden sich kleine Fenster. Darüber sehen wir den berühmten Zangenfries, der germanischer Schmuckkunst entlehnt sein soll. Die meisten Autoren halten ihn für einmalig, abgesehen von einem ähnlichen Ornament auf einer in Ravenna gefundenen Rüstung, die verloren ist. Albrecht Haupt jedoch zeigt in einem alten Werk von 1909 Beispiele von Zangenornamenten auf nordischen Spangen. Noch wichtiger erscheint mir sein Hinweis auf die vollständig untergegangenen Holzbauten der Ostgoten und die Möglichkeit der Übernahme dieses Ornamentes von dort. Wir kennen ein solches Vorgehen auch in anderem Zusammenhang, z. B. bei der Übernahme des Beschlagwerks aus dem Holzbau in den Steinbau im 16./17. Jahrhundert.

 

Grabmal Grabmal Theoderich
Detail Dachpartie mit Zangenfries und "Henkeln".

 

Auf einem Abschlußgesims ruht der Dach-Monolith. Er soll bei ca. 10.6 m Durchmesser und über 3 m Höhe um die 300 Tonnen wiegen, das größte erhaltene Monolithdach des Altertums. Über die Bedeutung der Kuppel gibt es wieder viele Spekulationen. Einige sehen die Kuppel der Hagia Sophia in Konstantinopel als Vorbild. Andere denken, daß sich der König von den Megalith-Gräbern oder gar von den Zelten seiner Vorfahren inspirieren ließ.

 

Die 12 mit Löchern versehenen Elemente am Rande des Decksteins wurden aus dem gleichen Block gehauen wie die Kuppel selbst. Sie tragen auf der Vorderseite die Namen von Evangelisten und Aposteln. Diese "Henkel" haben die Phantasie der Forscher abermals angeregt. Es fällt leicht, bei der Zahl 12 an die Apostel zu denken. Daraus schließen einige Autoren der germanische König habe sich, wie Konstantin d. Gr., als Nachfolger Christi betrachtet und verweisen auf das Grabmal dieses Kaisers, das ebenfalls die 12 Apostel zitiert. Auch an die Zacken einer Krone wird gedacht oder, ganz banal, an Transport-Hilfen. Ich meine, das eine schließt das andere nicht aus. Befestigungselemente brauchte man. Warum das Praktische nicht mit dem Mystischen verbinden und derer 12 wählen?

 

Wenn alle anderen Aspekte unbeachtet blieben – schon die außergewöhnliche Leistung bei Transport und Montage des kolossalen Decksteins verdient größte Bewunderung bei Berücksichtigung der damaligen technischen Möglichkeiten. Allerdings wird aus dem römischen Reich vom Transport (über See) von noch schwereren Obelisken berichtet.

 

Man weiß bis heute nicht, wie die Kuppel montiert wurde. Eine schräge Rampe ist die nächstliegende Erklärung.

 

So gibt uns der schlichte Bau vergleichsweise mehr Rätsel auf als manche große und von der Bauausführung her komplizierte gotische Kathedrale.

 

Der riesige Deckstein jedenfalls sollte das Grab des Königs materiell und symbolisch schützen. Das katholische Byzanz zeigte der Welt, daß das eine Illusion war. Immerhin können wir auch heute noch, nach fast 1500 Jahren, das Weltkulturerbe als Monument bewundern und uns seines Erbauers erinnern.

 

UNESCO-WELTERBE

 

 

Literatur:

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger,Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

 

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag Frankfurt, 1990

 

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

 

Gaddoni, Wanda, Das Mausoleum des Theoderich, Fontana 1987

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Großmann, G. Ulrich, Der Fachwerkbau, DuMont-Verlag Köln, 1986/87

 

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Reprint der Originalausgabe von 1909

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Mehling, Franz N., (Hrgs), Knaurs Kulturführer Italien, Verlag Droemer Th. Knaur Nachfolger, München, 1998, Lizenzausgabe

 

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

 

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag München

 

 

Eigene Beobachtungen

 




 

Spätantike

San Vitale, Ravenna

Am größten Zentralbau Ravennas, nach byzantinischen Vorbildern errichtet, orientierten sich mehr als 200 Jahre später die Baumeister der Pfalzkapelle Karls des Großen. Die Pracht der Ausstattung ist kaum zu übertreffen: Säulen, Kapitelle, Marmorinkrustationen und Mosaike verstellen fast den Blick auf die Architektur. Anders als in Aachen sind die wertvollen und vielseitigen Mosaike auf wundersame Weise erhalten geblieben. Neben vielen christlichen Motiven fasziniert die älteste Darstellung des prunkvoll daherkommenden byzantinischen Kaiserpaares.

 

San Vitale
Oktogonaler Backstein-Zentralbau, Stützbogen, Lisenen, Rundbogenfenster.

 

Immer wieder gibt es in der Geschichte christlicher Sakralbauten einige, die eine Schlüsselstellung einnehmen, sei es, daß sie einen Wendepunkt markieren, großen Einfluß auf Nachfolgebauten haben oder einen Höhepunkt der jeweiligen Architektur darstellen. Hier seien nur genannt das Weltkulturerbe St. Michael, Hildesheim für die ottonische Baukunst und St.-Denis in Paris für die Gotik.

 

San Vitale hat eine ähnliche Bedeutung. Nicht nur sind praktisch alle Autoren darin einig, daß der Bau allein oder gemeinsam mit anderen Vorbild für die Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen war. Viele schreiben diesem Zentralbau in Ravenna großen Einfluß auf Romanik und Gotik insgesamt zu.

 

Wir besprechen hier den letzten Zentralbau in Ravenna, (Baubeginn 525/526) und den größten, dessen Dimensionen das imposante Grabmal Theoderichs des Großen (gest. 526) in den Schatten stellen.

 

Geschichte und Vorbilder

 

San Vitale
Innenraum von San Vitale. (Foto: Wikipedia)

 

Die Baugeschichte ist ziemlich einfach. Begonnen wurde noch während der Gotenherrschaft. Gelegentliche Überlegungen, der Bau sei als Hofkirche der damaligen gotischen Regentin Amalasuntha, der Tochter Theoderichs des Großen, geplant gewesen, finden in der Literatur kaum Widerhall. Über den Baufortschritt im Jahre 540, als Ravenna von byzantinischen Truppen erobert wurde, ist nichts bekannt. Geweiht wurde die Kirche 547, kurz vor dem Ende des Ostgotenreiches in Italien (553).

 

Der Bau soll die damals ungeheure Summe von 26.000 Gold-Solidi verschlungen haben. Finanziert wurde er durch den undurchsichtigen Mäzen Julianus Argentarius.

 

Über die Themen "Erbauer" und "Vorbilder" streiten die Kunsthistoriker in diesem Fall kaum. Östliche Bauten oder solche aus Konstantinopel waren Vorbilder, die Erbauer heimische Meister.

 

Der Bau

Wie die meisten ravennatischen Kirchenbauten ist S. Vitale aus Backstein errichtet, außen relativ schmucklos mit Lisenen und Rundbogenfenstern. Die Geschosse sind durch ein Gesims getrennt, ein doppelter Sägezahnfries, unterbrochen von den Lisenen, betont die Traufe.

 

San Vitale
Gewaltige Strebepfeiler, im Hintergrund Apsiden.

 

Für mich sehr überraschend waren die mächtigen Strebebögen, die man eigentlich den rund 600/700 Jahre später erbauten gotischen Kathedralen als typisch zuordnet. Manche Autoren sprechen gar von einer Erfindung des 12. Jh. Entweder habe ich hier Neues gelernt, oder diese Bögen sind später zur Abstützung der Gewölbe und der Kuppel hinzugefügt worden. Darauf könnten die in der Form unterschiedlichen Backsteine hindeuten. Für den eigentlichen Bau wurden schmale Steine in römischer Tradition verwendet. Die Strebebögen wurden hingegen ganz oder teilweise mit dickeren Formaten gemauert. Wie auch immer, sie verleihen dem ohnehin beeindruckenden Bau zusätzliche Wucht.

 

In der Mitte des oktogonalen Baukörpers der beiden unteren Geschosse erhebt sich in schöner Symmetrie ein ebensolcher Tambour mit 8 großen Fenstern, der eine baugeschichtlich interessante Kuppel von 16 m Durchmesser aus leichten Tonröhren trägt. Der im Osten angebaute Chor mit polygonaler Apsis vermag den Eindruck eines gut proportionierten Zentralbaus nicht zu schmälern. Außerhalb des Achtecks steht die wieder errichtete Vorhalle.

 

San Vitale
Das Lamm Gottes.

 Innen steht man dann, mehr noch als im Grabmal der Galla Placidia, sprachlos vor der Pracht der Säulen, Mosaike und Marmorinkrustationen, und es dauert eine Weile, ehe man die eigentlichen Architekturelemente wahrnimmt. Sehr hohe Rundbogen, die den Blick auf beide Geschosse der Umgänge und auf den Chor freigeben, ruhen auf 8 Pfeilern rund um den aufragenden Innenraum, der mit der Kuppel abschließt. Die Arkaden der Umgänge bestehen aus je 3 Rundbögen auf 2 prächtigen Marmorsäulen. Diese Arkatur ist zwischen den 8 Pfeilern im Grundriß nach außen gewölbt, so daß sie jeweils in Umgang und Empore hineinragt und die mächtigen Pfeiler um so mehr betonen.

 

Die Ausstattung

Die von den Motiven her vielseitigen Mosaike bedecken die Wände und die Gewölbe der Apsis und des Vorraums (Presbyterium). Es seien nur die Wichtigsten besprochen.

 

San Vitale
Opfer von Abel und Melchisedech.

 

In der Kuppel des Presbyteriums stützen 4 Engel in den Zwickeln die Himmelsscheibe mit dem Christuslamm, das wie der Schlußstein eines Gewölbes wirkt. Das Lamm mit Nimbus, aber hier ohne Fahne des Sieges, soll nach 200 Jahren Verfolgung den Triumpf des Christentums darstellen. Es gilt als ältestes und wichtigstes Christussymbol. Die die Engel umgebenden Pfauen symbolisieren hier wohl die Unsterblichkeit, die Tauben können als Symbol für die Hoffnung auf das ewige Leben gedeutet werden.

 

In den Bogenfeldern über den Arkaden des gleichen Raumes werden alttestamentarische Opferszenen dargestellt.

 

San Vitale
Detail der Apsis-Kalotte. Der Weltenherrscher.

 

Dann fängt die Apsis unseren Blick und bietet uns die schönsten Mosaike, christliche und profane. In der Kalotte thront vor Goldgrund der Weltenherrscher auf dem Globus, begleitet von 2 Engeln. Den Abschluß der Gruppe bilden der Gründer des Baus, B. Ecclesius (mit Kirchenmodell) und auf der anderen Seite der Hl. Vitale. Eine Blumenwiese schließt das Bild nach unten ab. Wie auch in der Kuppel des Vorraumes spart der Künstler nicht mit Ranken und vielfältigen farbenprächtigen Ornamenten. An Phantasie hat es dem aus Ravenna stammenden Künstler nicht gefehlt.

 

Und dann, an den Seitenwänden des Raumes, in gelassener Würde der berühmte Auftritt des Kaisers Justinians (Ks. 527-65), Bezwingers der Vandalen und Ostgoten. Er trägt eine goldene Schale und ist begleitet von Bewaffneten und Klerikern, angeführt vom Erzbischof Maximilian, der die Kirche weihte.

 

San Vitale
Byzantinisches Kapitell.

 

Ihm gegenüber seine Gemahlin Theodora, von Hofdamen umgeben. Die Gewänder erzählen von der Kleiderpracht am byzantinischen Hofe. Kaiser und Kaiserin tragen den Nimbus, Symbol dafür, daß sie sich - im Gegensatz zu den späteren Kaisern des Abendlandes - nicht nur als weltliche Herrscher sahen.

 

Es sollen die ältesten und künstlerisch wertvollsten Darstellung des Kaiserpaares sein, wahrscheinlich nach Vorlagen aus Byzanz. Justinian, der übrigens nie in Ravenna war, präsentierte sich der Stadt auf diese Weise als Herrscher und Befreier vom Joch der ketzerischen (arianischen) Ostgoten.

 

Das Innere von San Vitale bietet noch viele Kunstwerke, manche aus jüngeren Epochen. Ich möchte nur die wunderbaren Kapitelle hervorheben, die allerdings mitsamt der Säulen aus Konstantinopel importiert wurden. Sie sind Meisterwerke der Steinmetzkunst.

 

San Vitale, ein Gesamtkunstwerk, ist ein Muß beim Besuch Ravennas.

 

UNESCO-WELTERBE

 

 

 

Literatur:

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger,Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

 

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

 

Barral i Altet, Xavier, Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Georges Duby/Jean-Luc Daval (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag Frankfurt, 1990

 

Braunfels, Wolfgang, Kleine Italienische Kunstgeschichte, Dumont Buchverlag, Köln, 1984

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Kraus, Theodor, Das römische Weltreich, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990

Mehling, Franz N. (Hrsg), Knaurs Kulturführer Italien, Droemer Th. Knaur Nachf., München, Lizenzausgabe 1998

 

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

 

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag München

 

 

Eigene Beobachtungen

 




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