lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Gotik

 

GOTIK

Dom St. Mauritius und St. Katharina in Magdeburg

 

Ernst und altersgrau begrenzt der erste gotische Großbau Deutschlands den riesigen Magdeburger Domplatz im Süden, ein Kontrast zum hellen Barockensemble des Landtages auf der gegenüber liegenden Seite. Der Dom soll, wie schon sein Vorgänger, an die erste Kaiserdynastie des Reiches erinnern, die Ottonen.

 

Heiratsurkunde Theophanus und Ottos II.

 

 

Die Dynastie der Ottonen

hat ihre Wurzeln in der Familie der sächsischen Stammesherzöge, der Liudolfinger. Nach dem Tod des Franken Konrads I., wurde 919 der sächsische Herzog als Heinrich I. König des Ostfrankenreiches.

Sein Sohn folgte ihm nach als König und Kaiser Otto I., der nach der die Ungarn vernichtenden Schlacht (955) auf dem Lechfeld den Beinahmen „Der Große“ erhielt. Sein Sohn folgte ihm als Otto II. Aus dessen Ehe (972) mit Theophanu aus byzantinischem Hochadel ging Kaiser Otto III. hervor, ebenfalls deutscher König und Kaiser des Römischen Reiches.

 

Sarkophag Ottos des Großen

 

Nach seinem frühen Tod ging 1002 die Herrschaft an eine Nebenlinie über. Herzog Heinrich IV. von Bayern, Urenkel Heinrichs I., wurde König und 1014 Kaiser. Nach seinem Ableben (1024) wurde die Ottonische Herrschaft nach 105 Jahren abgelöst durch die Dynastie der Salier.

 

Spätgotische Doppelturmfront

 

Bedeutung des Domes

Schon 7 Jahre vor der Kaiserkrönung Ottos I. hatte 955 in Magdeburg der Umbau einer Klosterkirche zu einem Kaiserdom begonnen, der 1207 nach etwa 250 Jahren einem Stadtbrand zum Opfer fiel.

 

Diese Dome sind nach Symbolik und Bedeutung in einer Reihe zu sehen mit der Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen und dem romanischen Salier-Dom in Speyer. Alle sind auch Grablegen.

 

Die Herrschaft der sächsischen Ottonen war im Erzbistum Magdeburg, gegründet 968 von Otto I., auch zu Beginn des 13. Jh. nicht vergessen. So beschloss Erzbischof Albrecht II. nach der Vernichtung des ottonischen Domes sofort einen Neubau. Der Grundstein wurde 1209 gelegt. Der spätere König und Kaiser Lothar, sozusagen Verwandter aus sächsischem Hochadel, versprach Förderung.

 

Der neue Dom sollte keine Kopie des alten werden, gleichzeitig aber Größe und Bedeutung der ottonischen Dynastie und ihres großen Kaisers, Otto I., bewahren.

 

Es entstand eine imponierende dreischiffige Basilika von 120 m Länge, mit zweizonigem Aufriss, einem wenig herausragenden Querhaus, einem Kapellenchor mit Umgang und einer Doppelturmfront. Der Dom ist evangelische Bischofskirche.

 

Bau- und Architekturgeschichte

Ob die Bauherren ahnten, wie schwierig der Weg werden würde? Sußmann zählt elf Bauabschnitte, ehe 1520 die Doppelturmfront im Westen vollendet war. Damit endeten die Bauarbeiten nach mehr als 300 Jahren im Ausgang des Mittelalters, im Vergleich keine lange Bauzeit. Der Dom in Köln und das Ulmer Münster wurden erst im 19. Jh. vollendet.

 

Zu den finanziellen und technischen Problemen gesellten sich Stil- und Architekturfragen.

 

Der Erzbischof hatte in Frankreich studiert und war mit dem neuen Kathedralstil, den noch niemand „gotisch“ nannte, in Berührung gekommen. So dürfte er die Arbeiten an der 1163 begonnene Kathedrale Notre Dame in Paris gesehen und vielleicht studiert haben.

 

Jedenfalls, der neue Stil sollte es sein. Man kann den Magdeburger Dom als den ersten gotischen Großbau in Deutschland bezeichnen, oder, vielleicht korrekter, den ersten als gotischen Großbau geplanten.

 

Denn erst 39 Jahre nach dem Baubeginn wurde der Grundstein zum Kölner Dom gelegt, ein durchgehend hochgotisches Bauwerk. Dazwischen lagen bedeutende gotische Bauten, wie die Liebfrauenkirche in Trier (1230) und die Elisabethkirche in Marburg (1235).

 

Als ich mich dem Dom vor 15 Jahren zum ersten Mal näherte, hatte ich die Bilder gotischer Kathedralen Frankreichs im Kopf und stutzte. Da fehlte etwas. Es war das offene Strebewerk, so typisch für die Kathedralgotik und eigentlich unerlässlich für große gotische Bauten. Ursprünglich eine technische Hilfskonstruktion, hatte es sich durch künstlerische Gestaltung und häufige Verwendung zu einem unverwechselbaren Stilmerkmal der Gotik entwickelt.

 

In Magdeburg genügten Strebepfeiler. Die Wände des Domes sind ungewöhnlich mächtig und wurden oben durch unsichtbare schwere Querwände stabilisiert.

 

Der Chor

 

Der Chor

Mich erwartete eine weitere Überraschung im Osten. Wohl haben Umgangschor und Kapellenkranz einen gotischen Grundriss. Aber das Untergeschoss mit seinen 5 Kapellen, an dem bis etwa 1220 gebaut wurde, macht einen eher festungsartigen Eindruck, die Fenster stufenweise in das massige Sandstein-Quadermauerwerk eingeschnitten. Oberhalb spitzbogiger Fenster, überrascht unter der Traufe der Kapellen ein Rundbogenfries, ein typischer romanischer Bauschmuck.

 

Ich sehe drei mögliche Gründe für die Stilabweichung: Entweder hat der Erzbischof das neue Bauen nicht richtig verstanden, oder er hat seine Kenntnisse den Bauleuten nicht vermitteln können. Die für mich wahrscheinlichste Erklärung jedoch: Die sächsischen Bauhütten waren mangels Erfahrung zur Umsetzung der “sonderbaren“ neuen Ideen nicht in der Lage.

Ich fand den Chorumgang mit dem Grabmal Edithas, einer englischen Prinzessin und des großen Ottos erster Gemahlin, überraschend hell. Kräftige Spitzbögen teilen die Joche mit Kreuzgratgewölben. Die sie tragenden Säulen überraschen mit künstlerisch hochwertigen spätromanischen und Blattwerk-Kapitellen.

 

Figürliches Kapitell

 

Über dem Kapellengeschoss der berühmte Bischofsgang, die Chorempore. Daran hatten Werkleute gearbeitet, die Erfahrung im neuen Stil mitbrachten. Es waren Zisterzienser, die zuvor frühe Gotik in Maulbronn und anderen Klöstern ihres Ordens verwirklicht hatten.

 

Die Handschrift ist deutlich zu erkennen, obwohl das wulstige Kreuzrippengewölbe noch schwerfällig daher kommt. Die Fenster sind größer als im unteren Geschoss. Auffällig sind Säulen mit Schaftringen (Wirteln), nicht häufig in mittelalterlicher Sakralarchitektur Deutschlands.

 

Die Obergadenzone mit sehr großen Fenstern, gekrönt von einer Galerie, ist hochgotisch. Um 1250 war der Chor komplett und konnte genutzt werden.

 

Für den Laien sind die östlichen Bauelemente nicht leicht zu definieren. Steht man zu nah, übersieht man die „Stümpfe“ der geplanten Osttürme, die wie eingezwängt, zwischen Chor und Querhaus stehen, aber immerhin in 4 Geschossen bis zur Höhe der Chorgalerie empor gewachsen sind. Die Entscheidung, sie nicht zu vollenden ist eine der vielen Planänderungen während der gesamten Bauzeit.

 

Nordfassade

 

Nord- und Westfassade

Ich entschloss mich, den Umgang außen fortzusetzen und die Schätze des Paradieses später zu würdigen. Der Weg nach Westen wird begleitet vom kühlen Plätschern der Brunnen auf dem großen Domplatz.

 

Die Nordfront ist eine Schaufassade. Der Bau ist in der Hochgotik angekommen.

 

Westportal

 

Beeindruckend die Abfolge der je 10 dreibahnigen Arkaden- und Obergadenfenster. Je zwei Fenster beleuchten eines der 5 Joche. Die beiden verbindenden Giebel tragen identischen Bauschmuck. Wie auch am Chor fallen die häufigen und skurrilen Wasserspeier auf.

 

Einige Schritte noch, und ich schaue hinauf zu den zwei Türmen der Westfassade und dem Verbindungsbau, letzterer im Gegensatz zu den etwa 100 m hohen Türmen mit reicher Ornamentierung. Sie tragen jedoch offene Oktogone und Steinhelme.

 

Langschiff nach Ost

 

Blickfang ist das prächtige Gewändeportal, bewacht von Kaiser Otto I. auf dem Mittelpfeiler und dem Hl. Mauritius über ihm, im mit Maßwerk und Krabben geschmückten Wimperg vor Schleiermaßwerk.

 

Das Westportal wird nur in der Osternacht und bei Einführung eines neuen Bischofs geöffnet. Sonst betreten die Besucher den Dom durch eine kleine Tür im nördlichen Seitenschiff.

 

Im Inneren

Das Langhaus überrascht mit Weite und Helle. Ich habe den Eindruck, dass seit meinem letzten Besuch gelungen restauriert wurde. Auch wirkt der Dom „aufgeräumter“.

Nachbildung des Heiligen Grabes

 

Zwischen den großen spitzbogigen Arkadenöffnungen streben an vorgelegten Lisenen schlanke Halb- und Dreiviertelsäulen nach oben, markieren die Joche und tragen die Last der Gurtbogen. Die die Joche teilenden Halbsäulen im Obergaden sitzen in der Achse der Arkaden-Spitzbogen auf der Mauer auf.

 

Otto I. und Editha (?)

 

Durch die Teilung der Joche entstanden in 32 m Höhe zwischen den Gurtbögen zwei schmale 4-teilige Rippengewölbe.

 

Der Blick geht nach Osten. Über dem Bischofsgang flutet durch drei große Fenster Licht in den Chor. Auf dem Weg dahin halte ich an vor der Rotunde des Heiligen Grabes (um 1250) und dem berühmten Paar darin, das über Jahrhunderte hinweg als Darstellung Kaiser Ottos. I. und Edithas galt. Diese Deutung ist in der Forschung heute umstritten.

 

Weiter im Osten der spätgotische Lettner mit Lesekanzel. Im Bildersturm der Reformationszeit und auch durch Änderung der Liturgie wurden viele Lettner, die Laien und Klerus während des Gottesdienstes trennten, zerstört. Umso wertvoller sind die Erhaltenen, wie der Spätgotische (Mitte des 15. Jh.) hier.

 

Lettner

 

Ich trete durch eine der beiden Pforten in einen Raum, der frühmittelalterlichen, ja antiken Geist atmet.

 

Insbesondere die roten Porphyrsäulen, von Otto I. aus Ravenna beschafft, lassen an das Kaisertum Karls des Großen und seine Pfalzkapelle denken.

 

Der Sarkophag Ottos des Großen, ebenso aus dem alten Dom gerettet wie die antiken Säulenschäfte, die die großen Statuen von Aposteln und Heiligen aufnehmen, das alles verleiht dem Hohen Chor Würde und Bedeutung.

 

Der Hohe Chor

 

Hier zwei Beispiele aus der Galerie der Apostel und Heiligen, die ihre Richter unter ihren Füßen demütigen.

 

Hl. Mauritius, hl. Innocentius
 
Torso Hl. Mauritius

 

Die beiden heiliggesprochenen Märtyrer waren Anführer bzw. Mitglied der Thebäischen Legion. Um 300 wurden sie hingerichtet, weil sie vom Christentum nicht lassen wollten.

 

Mauritius wurde von Otto I. zum wichtigsten Patron des Reiches erhoben. Von ihm ist im südlichen Chor noch ein Torso erhalten (um 1240), der als ältestes Bildnis eines Schwarzafrikaners in der Nachantike gilt. Die Skulptur wurde erst in der 1. Hälfte des 19. Jh. bei Restaurierungsarbeiten gefunden.

 

Paradies

Ehe ich den Dom verlasse, erinnere ich mich des Paradieses vor der Nordfassade des Querhauses, einer Vorhalle aus der Mitte des 14. Jh.

 

Sie beherbergt den berühmtesten Skulpturen-Zyklus des Domes mit Statuen der Klugen und Törichten Jungfrauen aus der Zeit um 1250. Das Gleichnis aus dem Neuen Testament ist im Mittelalter oft dargestellt worden.

 

Kluge Jungfrauen
 
Törichte Jungfrauen

 

Geese lobt die Darstellung als äußerst innovativ und von hoher Expressivität. Quast und Jerratsch nennen den Schöpfer einen der großartigsten Bildhauer des Mitttelalters. Und in der Tat sind die Statuen in Gestik und Mimik sehr lebendig.

 

Im Tympanon werden Tod und Himmelfahrt Mariens dargestellt.

 

Auch abgesehen vom Superlativ als erster gotischer Großbau in Deutschland, hat der Dom in Magdeburg viel zu bieten. Die helle Weite des Innenraumes und die vielen Kunstwerke versöhnen mit dem etwas strengen Außenbau. Ein Besuch lohnt sich.

 

 

Literatur

Behringer, Charlotte/Merlin, Peter/Norton/Natasha/Sondermann, Elga, Kathedralen, Hundert Wunderwerke des Abendlandes, I.P. Verlagsgesellschaft International Publishing GmbH München, 1991, für Nebel-Verlag

 

Binding Günther, Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998

 

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

 

Czaya, Eberhard, Die Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt, DuMont Buchverlag, Köln, 1998

 

Eisold, Norbert, Lautsch, Edeltraut, Sachsen-Anhalt, Kunst-Reiseführer DuMont, 4. Auflage, 2005, DuMont Reiseverlag, Ostfildern

 

Erlande-Brandenburg, Alain (aus dem Französischen übersetzt), The Holy Roman Empire, in: Gothic Art, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, New York, 1989

 

Geese, Uwe, Skulptur der Gotik in Frankreich, Italien, Deutschland und England, in: Gotik – Die Kunst der Gotik, Architektur, Skulptur, Malerei, Toman, Rolf, (Hrsg), Könemann Verlagsgesellschaft mbH.; Köln, 1998

 

Gross, Werner/ Kobler, Friedrich, Deutsche Architektur, in: Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter II, Die Kunst des Hohen Mittelalters, Hrsg. Simson, Otto von, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Hucker, Bernd Ulrich, Der Imperiale Monumentalstil in Deutschland 1206-1218: Kaiser Otto IV., der Magdeburger Domneubau und die Zisterziensergotik, in: Aufbruch in die Gotik, Band I, Puhle, Matthias, (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009

 

Klein, Bruno, Beginn und Ausformung der gotischen Architektur in Frankreich und seinen Nachbarländern, in: Gotik – Die Kunst der Gotik, Architektur, Skulptur, Malerei, Toman, Rolf, (Hrsg), Könemann Verlagsgesellschaft mbH.; Köln, 1998

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Laule, Ulrike, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg – Sonderausgabe

 

Nier, Klaus, Die Skulpturen des Magdeburger Domes in: Aufbruch in die Gotik, Band I, Puhle, Matthias, (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009

 

Quast, Giselher/Jerratsch, Jürgen, Der Dom zu Magdeburg, Deutscher Kunstverlag GmbH, Berlin, München, 2014, 3. Auflage

 

Simson, von Otto/Kurmann, Peter, Französische Architektur in: Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter II, Das Hohe Mittelalter, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Sußmann, Michael, Zu den Bauphasen und der Bautechnik des Magdeburger Domes, (1207-1520), in: Aufbruch in die Gotik, Band I, Puhle, Matthias (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009.

 

Eigene Beobachtungen




 

Gotik

Kathedrale von Wells

 

Inmitten großer Rasenflächen bezeugt The Cathedral Church of St Andrew den Willen englischer Baumeister der in Frankreich gewachsenen Gotik mit Ideenreichtum und virtuosem Können ein eigenes Gepräge zu geben. Sie bieten dem Besucher einige ihrer charakteristischen Entwicklungen, wie Chapter House, Lady Chapel und - einmalig in der Architekturgeschichte - die berühmten Scherenbögen.

 

Mancher Leser mag sich fragen, warum Wells? Begann gotisches Bauen in England nicht mit der Katedrale von Canterbury?

 

Canterbury ist kein einheitlich gotischer Bau, obwohl mit dieser Kathedrale oft der Beginn gotischen Bauens in England verbunden wird.

 

Wells
Blick von Süd-Ost (Foto: Wikipedia/User Rodw)

 

Unabhängig davon gibt es bedeutende Stimmen, die in Wells, eher als in Canterbury, die frühe englische Auffassung von Gotik perfekt verwirklicht sehen.

 

In der Tat haben sich in England, beginnend mit Wells, "eigene" Gotikstile entwickelt, die in wichtigen Bereichen von der Quelle, der Kathedralgotik Frankreichs, abweichen.

 

Auf der Insel fehlt das unbedingte Streben nach oben. Hingegen sind einige englische Kathedralen die längsten Kirchengebäude der Welt, auch dadurch begründet, daß viele von ihnen Klosterkirchen waren. Neben der Masse der Laien im westlichen Langhaus wollte der Klerus viel Platz für das Gebet im Osten. Anders als in Frankreich waren die einzelnen Bereiche  durch meist nicht erhaltene Schranken und Lettner abgetrennt. In Wells baut sich im Westen die breite Schirmfassade als Gegengewicht zur ungewöhnlichen Länge auf.

 

Französische Gotik wurde nie als Ganzes übernommen. Viele Baumeister besannen sich auf anglo-normannischen Traditionen, lag doch beim Bau der ersten Kathedralen die Eroberung des Landes durch Wilhelm, Herzog der Normandie, nur rund 100 Jahre zurück.

 

Andererseits war England bei Baubeginn in Wells noch Teil des Angevinischen Reiches. Die wenig positiven Erfahrungen mit der Vorherrschaft des französischen Reichsteils mögen ein Grund für das Streben nach eigenen Akzenten sein. (>> Übersicht 12. Jh.)

 

Geschichte und Baugeschichte

Ein Gotteshaus existierte in Wells schon um 700, wahrscheinlich ein kleiner angelsächsischer Bau, ähnlich dem in St. Laurence, Bradford-on-Avon. Aus dem Stift wurde um 900 ein Bischofssitz, der 1088 nach Bath verlegt wurde. Der andauernde Streit zwischen den beiden Städten wurde im 13. Jh. durch den neuen Titel "Bischof von Bath und Wells" entschärft.

 

Begonnen wurde mit dem Bau der gotischen Kathedrale um 1180. Querhäuser, Ostjoche und Nordportal stammen aus der ersten Bauphase, die um 1230 endete. Die erste Weihe wurde 1239 gefeiert.

 

Wells
Von NO - Nördliches Querhaus und Vierungsturm)

 

Der Bau ersetzte eine romanisch/normannischen Kirche (1136-66). Der äußerst ungewöhnliche und verschwenderische Abriß eines so jungen Bauwerks hatte wohl politische Hintergründe: Mit der gotischen Kathedrale verschafften sich die lokalen Kleriker einen Vorsprung im Streit mit den Glaubensbrüdern in Bath.

 

Architektur

Die Kirche ist eine 3-schiffige Pfeilerbasilika mit 3-zonigem Aufriß und 2 Querhäusern.

 

Im Osten der Vierung schließen sich Chor mit Retro-Chor und "Lady Chapel" an. Das oktogonale Kapitelhaus liegt nördlich des eigentlichen Kirchengebäudes.

 

Der mächtige Vierungsturm wurde im im 14. und 15. Jh. gebaut, im "perpendicular style" der englischen Spätgotik.

 

Fassade

Im Westen steht der Besucher staunend vor der mächtigen Fassade mit einem reichen Figurenprogramm. Ab 1230 wurde daran gearbeitet. 176 lebensgroße Statuen, 49 biblische Szenen und 30 Engelsbüsten standen in den Nischen, alle farbig. Welch einen überwältigenden Eindruck muß das auf schlichte und des Lesens unkundige Gottesdienstbesucher gemacht haben. Etwa 100 Bildwerke sind erhalten.

 

Ein solches Skulpturenprogramm ist in England ungewöhnlich, für Doreen Yarwood die große Ausnahme.

 

Die Schirmfassade wird von 2 Türmen gerahmt, die auf beiden Seiten über die Außenwände der Seitenschiffe hinausragen. Der Südwestturm war Ende des 14. Jh. fertiggestellt, sein Gegenstück in der 1. Hälfte de 15. Jh., beide im "perpendicular style".

 

Wells
Von NO - Nördliches Querhaus und Vierungsturm)
 
Wells
Von NO - Nördliches Querhaus und Vierungsturm)

 

Auch bei der Fassade sind die Unterschiede zur französischen Gotik nicht zu übersehen. Erlande-Brandenburg sieht in ihr das genaue Gegenteil zur französischen Architektur. So fehlen die gewaltigen, reich skulptierten Gewändeportale. Unscheinbare Eingangsöffnungen drohen unterzugehen. Die Fassade ist stark horizontal gegliedert.

 

Wells
Scherenbögen (Foto: Wikipedia)

 

Langhaus

Der erste Blick des im Mittelschiff nach Osten schauenden Besuchers wird von einem der 3 Scherenbögen aus dem 14. Jh. gefangen. Die beiden anderen trennen die Vierung vom südlichen und nördlichen Querhaus.

 

Dieses Konstruktionselement, raffiniert mit dem Gewölbe verbunden, ist eine gelungene und einmalige Kombination von Statik und Ästhetik. Der einsturzgefährdete Vierungsturm wurde nicht, wie üblich, durch Verstärkung der Pfeiler gerettet, sondern durch mit ihren Spitzen aufeinander treffende Spitzbogen.

 

Einige Puristen unter den Experten teilen die Begeisterung nicht. Clifton-Taylor meint, man solle die Bogen einfach wegdenken.

 

Beim zweiten Blick fällt das für eine gotische Kathedrale niedrige Gewölbe auf. Die Dienste setzen auf Konsolen in den Zwickeln des Blendtriforiums an. Ihre Kapitellzone liegt oberhalb des von den Doppelsäulen durchbrochenen Gesimses. Dem 4-teiligen Gewölbe fehlen die Schlußsteine. Die Gurtbogen zwischen den 10 Jochen sind kaum als solche zu erkennen.

 

Wells
Kapitelle

 

Die wuchtigen Stützen der Arkaden wirken elegant, weil der kräftige Kern durch eine Vielzahl von schlanken Säulen verdeckt wird. Obergaden und Arkaden haben etwa die gleiche Höhe.

 

Die Kapitelle, auch der Querhäuser, sind anspruchsvoll geschmückt mit Darstellungen von Hartlaub (stiff leaves), aber auch mit schönen Darstellungen aus dem Alltagsleben Hier beklagt ein Mann seinen Zahnschmerz.

 

Das Blendtriforium dazwischen, von schlichten Gesimsen abgegrenzt, schmückt sich weder mit Basen noch Kapitellen und trägt mit immer wiederholten einheitlichen Formen zur Betonung der Horizontalen bei.

 

Oberhalb des Triforiums verläuft ein Gang, über dem durch je 2 Fenster pro Joch Licht einfällt.

 

Wie die Fassade ist dieser Teil der Kirche reinstes "Early English".

 

Ostteile

Hier wurde teilweise in späteren gotischen Stilen gebaut, wie zum Beispiel im "Decorated".

 

Südlich und nördlich der Vierung schließen sich die Flügel des 3-schiffigen Querhauses an.

 

Wells
Chorsituation

 

Das Langhaus ist wenig länger als Chor und Retro-Chor. Der Letztere verbindet Chor mit Lady Chapel, dem östlichsten Bauelement. Diese Anfang des 14. Jh. angebaute Marienkapelle verdeckt die Tatsache, daß der eigentliche Chorabschluß gerade war.

 

Der Retro-Chor bildet mit einem nördlichen und südlichen Joch das kleine östliche Querhaus.

 

An der Nordseite des Chores führt die berühmte Treppe hinauf zum noch berühmteren Kapitelhaus.

 

Wells
Treppen zum Kapitelhaus
 
 
Wells
Gewölbe Kapitelhaus

 

Es wurde um 1300 in reifem "decorated style" vollendet.

 

Es ist überwältigend und eines der schönsten Englands. Der einzige schlanke Pfeiler ist mit 16 Diensten aus schwarzem Purbeck-Marmor geschmückt. Von ihm gehen 32 Rippen aus. Insgesamt thronten die Kleriker unter einem Himmel von 104 Rippen.

 

 

Literatur

Barral i Altet, Xavier,  Mittelalter, Gotik in England in: Skulptur, Daval, Jean-Luc (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999

 

Behringer, Charlotte, Merlin, Peter, Norton, Natasha, Sondermann, Elga, Kathedralen, Hundert Wunderwerke des Abendlandes, I.P. Verlagsgesellschaft International Publishing GmbH München, 1991, für Nebel-Verlag

 

Binding, Günther, Was ist Gotik?, Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2000

 

Boase, Thomas R.S., Englische Kunst, Architektur, in: Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter II, Das Hohe Mittelalter, Simson, Otto von, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 and 1986

 

Engel, Ute, Architektur der Gotik in England, in: Gotik; Architektur, Skulptur, Malerei, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann Verlagsgesellschaft mbH., Köln, 1998

 

Erlande-Brandenburg, Alain (aus dem Französischen übersetzt), Gothic Art, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, New York, 1989

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh, 1993

 

Laule, Ulrike, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg – Sonderausgabe

 

Yarwood, Doreen, The Architecture of Britain, Verlag B.T. Batsford, London, 1976

 

Sonstiges

Wolff, Arnold, Der mittelalterliche Kirchenbau in England, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2000

 

 

 Eigene Beobachtungen




Gotik

Kathedrale Notre Dame Laon

Hundert Meter hoch ragt der Kalksteinfelsen aus der Ebene der Picardie. Er trägt mit der Altstadt das größte Areal denkmalgeschützer Bauten Frankreichs und eine der schönsten frühgotischen Kathedralen, deren fünf Türme die alten Häuser überragen. Aus den beiden Westtürmen schauen 16 Ochsen ins Land.

 

Geschichtliches

Die Könige des Kapetinger-Geschlechts beherrschen in der 1. Hälfte des 12. Jh. nur etwa zehn Prozent des alten westfränkischen Reichsgebietes, können aber, von der Kirche gestützt, die Erblichkeit der Dynastie durchsetzen. Die Erzbischöfe in Reims krönen fast alle französischen Könige in ihrer Kathedrale.

 

Mehr Macht liegt in den Händen großer Vasallen, wie den Herzögen von Burgund und der Normandie. Nach der Eroberung Englands in 1066 durch Herzog Wilhelm II. der Normandie, einem Lehnsmann des französischen Königs Philipp I., hatte für Frankreich ein jahrhundertelanger Konflikt begonnen.

 

Der Bau der frühgotischen Kathedralen im 12. Jahrhundert fällt in eine Periode der Stärkung des Königtums und der Kommunen, aber auch, meist erfolgreicher kriegerischer Auseinandersetzungen des Königshauses mit den Vasallen. Die Grafschaft Vermandois und damit Laon fällt an die Kapetinger-Könige.

 

Blick auf Stadt und Kathedrale (Wikipedia, Pline)

 

Baugeschichte

In der Mitte des Jahrhunderts herrscht Aufbruchstimmung in der Krondomäne. Etwa gleichzeitig mit Laon werden in Sens, Senlis, Noyon und Paris Kathedralen gebaut.

 

Die Ermittlung präziser Baudaten ist in Laon besonders schwierig. Schriftliche Quellen fehlen. Die Aussagen in Literatur und Netz weichen oft weit voneinander ab. Der Baubeginn mit 1155/60 ist wenig umstritten, die Endweihe schon. Das Datum 1215 dürfte vorläufiges Bauende bedeuten, 1235/35 Gesamtweihe. Dazwischen müssen wir von mindestens zwei getrennten Bauabschnitten ausgehen. Etwa 1180 steht der Chor, mit traditionellem polygonalen Abschluß im Osten. Wahrscheinlich sind auch östliche Querhausteile fertig.

 

Dann stocken die Bauarbeiten. Noch vor 1200 erklingt wieder Baulärm. Querhaus und Langhaus werden errichtet und dann, in einer bis heute unerklärlichen Kehrtwende, fällt der Chor der Spitzhacke um Opfer. An seiner Stelle wächst ein neuer, längeren Chor empor mit – sehr überraschend – geradem Abschluß. In England ist das die Regel bei gotischen Kirchen und Teilen der romanischen/normannischen. Clifton-Taylor führt diese Form des Chorendes auf vor-normannische angelsächsische Bauten zurück.

 

Eine belastbare Erklärung für die Übernahme in Laon fehlt. Vielleicht hilft ein Blick auf die Chronologie. Die erste rein gotische Kathedrale in England (Canterbury, mit polygonalem Chor, war stark von Frankreich beinflußt) ist die von Wells. Sie hat einen flachen Chorabschluß und wurde in wichtigen Teilen zwischen 1180 und 1215 gebaut. In diese Zeit fällt in Laon der Neubau des Langchores mit geradem Abschluß. Da ist es nicht ausgeschlossen, daß die Anregung aus Wells kam.

 

Zurück zu Laon. Wohl erst nach Fertigstellung des neuen Chores wenden sich Baumeister und Handwerker der Fassade zu.

 

Architektur

Die Fassade mit ihren Türmen ist für die meisten Besucher das spektakulärste Element und die Visitenkarte der Kathedrale. Für den Interessierten bietet sie gute Vergleichsmöglichkeiten mit Fassaden anderer Kathedralen der Epoche.

 

laon 004 Fassade

Ziehen wir zum Vergleich die 50 – 60 Jahre ältere Fassade von >>St. Denis heran.

Auffällig ist das Verschwinden der in St. Denis massiven Strebepfeiler. Sie werden fast vollständig kaschiert. Als Gliederungselement fallen sie aus. Die immer noch auf der Tradition römische Triumphbogen basierenden 3 Portale sind in Laon imposant und höhlenartig eingeschnitten.

Anders als in der Hochgotik haben sich die Baumeister beider Kathedralen für Rundbogen bei Fenstern und Portalen entschieden. Spitzbogen werden in Laon angedeutet durch aufgesetzte Giebelchen auf den Portalen hinter denen sich Fenster verbergen.

Leider sind auch hier, wie in St. Denis, viele der Gewändeskulpturen der französischen Revolution zum Opfer gefallen.

Aus dem kleineren Rundfenster in St. Denis ist eine große Fensterrose geworden. Sie soll die erste in gotischen Kathedralen sein, ehe sie später sozusagen Standard wird. Im 19. Jh. muß sie erneuert werden, angepaßt an die Rose im Chor. Sie lastet schwer auf dem mittleren Portal und zwingt die Galerie zwischen den Türmen nach oben aus der Horizontalen. Die großen Fenster neben der Rose liegen in tiefen Gewänden.

Alles in allem ist die Gestaltung deutlich mutiger und offener als in St. Denis.

Und dann die Türme, wenn man sie so nennen will. Sie haben nichts von der Wehrhaftigkeit starker Mauern.

 

laon 006
 Türme von Südost
 
 
laon 008
 Ochsen

Einladend öffnen sie sich für Sonne und Wind, für das Spiel von Licht und Schatten. Mir kommt der Gedanke an die filigranen, durchbrochenen Turmhelme der Spätgotik. Hatte sich da jemand an Laon orientiert? In Bamberg und Naumburg jedenfalls sind die Westtürme deutliche Zitate.

Die Türme haben viele beeindruckt. Der bekannte Architekt dieser Zeit, Villard de Honnecourt, meint, er habe viele Länder gesehen, aber nirgends Türme erblickt wie diese. Conrad sieht im berühmten Skizzenbuch Andeutungen von Turmspitzen, die es wohl auch tatsächlich auf beiden Türmen gab und deren letzte 1793 abgebaut wurde.

Die Plastiken der 16 Ochsen – wüßte man es nicht besser, könnte man sie für Ziegen halten - tragen zum Spielerischen der Architektur bei. Es gibt einige Theorien zu dieser einzigartigen Skulpturen-Anordnung. Am besten gefällt mir die, nach der man den jahrzehntelang beim Transport der Steine zum hoch gelegenen Bauplatz außerordentlich hart arbeitenden Tieren ein Denkmal setzen wollte.

So ähnlich sieht man es in Bamberg. An den Westtürmen des Domes hat der Baumeister sich von den Tierplastiken in Laoninspirieren lassen. Die als „Domkühe“ bekannten Skulpturen sind am Turm, von unten nicht gut sichtbar, in Kopien erhalten. Auch sie gedacht als Symbol der Dankbarkeit.

Das hätte Franz von Assisis gefallen, der Anfang des 13. Jh., also etwa in der Zeit der letzten Bauphase in Laon, in seinem Sonnengesang indirekt auch die Tiere als Brüder bezeichnete.

Beim Gang um die Kathedrale begegnet der Besucher dem Strebewerk von Langhaus und Langchor. Der Begriff ist technisch richtig, aber hier „strebt“ wenig. Fast ängstlich suchen die mit Türmchen besetzten Strebepfeiler die Wand, der sie nur gebogene Stummel hinüber schicken. Doch offensichtlich erfüllen sie ihren Zweck. Von dem uns begeisternden Kranz fialenbestückter Pfeiler mit weiten Bogenschlägen, eine der wichtigsten Ausdrucksformen gotischer Kathedralen, sind sie noch weit entfernt.

 

Strebewerk 
 
 
Querhausfassade Süd
(Foto: Peter Kramer, Troisddorf)

Die Fassade des Südquerhauses ist vierzonig. Die beiden Portale deuten Spitzbogen an. Auch hier dominiert die Fensterrose unter einer Galerie. Die mächtigen Strebepfeiler sind nicht kaschiert.

Am Ende eines jeden Querhausarmes wächst gen Westen ein imposanter Turm in den Himmel; höher als der Vierungsturm und wahrscheinlich jünger als die Westtürme. Eine 3-geschossige polygonale Kapelle weist auf der anderen Seite zum Chor hin.

 

Von Südost, flacher Chorabschluß, Kapelle Südquerhaus, Flanken- und Vierungsturm

 

Der Innenraum erschließt sich am besten von der Vierung aus. Von oben fällt Licht aus der Laterne des 2-geschossigen, in der französischen Kathedralgotik seltenen Vierungsturmes. In den 4 Himmelsrichtungen erstrahlen Rosenfenster. Hier wird die Meinung vieler Fachleute bestätigt: Der Raum ist lichter als der in Notre Dame de Paris.

 

 Laterne des Vierungsturmes
 
laon 018
Vierungspfeiler

Wie in allen frühen französischen Kathedralen ist der Wandaufriß 4-zonig, mit einem Maßverhältnis von 5:3:1:3. Auf die dominierenden spitzbogigen Arkaden folgt eine hohe durchlichtete, gewölbte Empore mit Doppelarkade unter Überfangbogen. Das wenig vertiefte Triforium schmückt sich mit einer Drillingsarkade, die Obergadenfenster werden von Rundbogen gerahmt.

 

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Aufriß Mittelschiffwand

 

Schlichte Rundstützen tragen die Arkaden. Die nach oben strebenden schlanken Dienste, alternierend in Dreier- und Fünfergruppen, fußen auf den Kämpferplatten. Nur an den Vierungspfeilern erstrecken sich die Dienste vom Boden bis zur Decke, die Hochgotik vorwegnehmend.

Die Dienste werden von je fünf Schaftringen umfaßt, die im gleichen Abstand von einander plaziert sind. Jeweils zwei korrespondieren mit den Gesimsen von Empore und Triforium.

 

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Blick in den Chor
 
laon 024 Flacher Chorabschluß mit Rosenfenster

 

 

Literatur

Behringer, Charlotte/Merlin, Peter/Norton, Natascha/Sondermann, Elga, Kathedralen, Hundert Wunderwerke des Abendlandes, I.P.Verlagsgesellschaft International Publishing GmbH München, 1991, für Nebel-Verlag, - S. 39

Binding, Günther: Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998
S. 64, 105, 118

Binding, Günther, Was ist Gotik?, Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2000,
S. 2, 4, 96f., 107ff., 124ff., 152, 159, 163ff., 239f.,

Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 und 1986 – S. 23, 74

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998 – S. 105, 278

Erlande-Brandenburg, Alain (aus dem Französischen übersetzt), Gothic Art, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, New York, 1989 –S. 40f., 514f.,

Laule, Ulrike/Bednorz, Achim/ Borngässer, Barbara, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg –  S. 25

Mâle, Émile, Die Gotik – Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk, Belser Verlag Stuttgart, Zürich, 1994, 2. Auflage, Sonderausgabe ISBN 3-7630-2308-9 – S.76

Martin; Henry (Hrsg.), L’Art Gothique (La Grammaire de Styles), Flammarion, Paris, 1961, - S. 16

Simson von, Otto/Kurmann, Peter, Französische Architektur in: PROPYLÄEN KUNSTGESCHICHTE, Das Mittelalter II, Das Hohe Mittelalter, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990 – S. 61ff., 73f.

Toman, Rolf, Hrsg, Gotik – Architektur, Skulptur, Malerei, Könemann Verlagsgesellschaft mbH. Köln, 1998 – S. 42ff., 307f., 152, 159, 206

 

Netz

Cathedrale de Notre Dame  
http://fr.wikipedia.org/wiki/Cath%C3%A9drale_Notre-Dame_de_Laon

Andere Wikipedia-Seiten

 

Vorträge

Wolff, Arnold, Gotische Kunstlandschaften, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2004 Wolff, Arnold, Die gotischen Kathedralen, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln Januar/Februar 2010

 

Eigene Beobachtungen

 




 

GoTIK

Kathedrale von Saint-Denis, Paris

 

Geschichtliches

Während Saint-Denis, ein nördlicher Vorort, heute gelegentlich durch wenig erfreuliche Schlagzeilen von sich reden macht, war es im 12. Jh. ein befestigtes Städtchen, dem das Kloster, Grablege der französischen Könige seit dem 10. Jh., große Bedeutung verlieh.

 

Die Herrscher des seit diesem Zeitpunkt regierenden Kapetinger-Geschlechts stützten sich um 1100 im wesentlichen auf das kleine Gebiet der Île-de-France rund um Paris. Ohne großes politisches und militärisches Gewicht waren sie umgeben von mächtigen Nachbarn, teilweise unbotmäßigen Vasallen, wie dem Grafen der Champagne, dem Herzog von Burgund und dem Herzog der Normandie, der als König von England auch weite Teile im Westen und Süden Frankreichs beherrschte.

 

Unter Ludwig VI., dem Dicken (1108-1137) änderte sich die Situation. Er unterwarf die unbotmäßigen Vasallen, schaffte zusammen mit Suger, Abt von Saint Denis seit 1122, eine zentrale Verwaltung. Unter Ludwig VII. wurde das Königshaus weiter gestärkt, trotz seiner erfolglosen Teilnahme am 2. Kreuzzug.

 

Das Kloster geriet seit dem 19. Jh. vor allem durch seine Kirche in den Blickpunkt der Kunsthistoriker. Anfang des 12. Jh. ein karolingischer Bau, durch den Ehrgeiz des Abtes Suger umgebaut, gilt es heute vielen Autoren wegen des Chorumgangs und des Kapellenkranzes aus dem 12. Jh. als Geburtsort der Gotik - worauf allerdings auch die Kathedralen von Noyon und Senlis Anspruch erheben.

 

St.-Denis, Westbau
St.-Denis, Westbau

 

Baugeschichte

Sugers wollte die Klosterkirche aus dem 8. Jh. unbedingt erneuern und begründete das mit dem Andrang der Pilger, die sich an den Gräbern der frz. Könige drängten.

 

Um 1137 begann ein Baumeister mit Westbau und Narthex, der mit 2 Jochen die Verbindung zum karolingischen Langhaus herstellte. Schon 1140 stoppte Suger diese Arbeiten, obwohl die Baugruppe nach Meinung von Fachleuten noch nicht fertig war. Der Abt sorgte sich um die rechtzeitige Vollendung seines Lebenswerkes und begann Chor und Krypta zu bauen. In der Tat erlebte er den Umbau von Langhaus und Querhaus nicht, wohl aber die Vollendung des Chores, mit dessen Umbau er sehr wahrscheinlich nicht den Baumeister des Narthex betraute.

 

Der Grundstein für Krypta und Chor wurde 1140 gelegt. Nach einer Bauzeit von nur 3 Jahren und 3 Monaten wurden Altäre geweiht. Die Anwesenheit von König, Hochadel, 5 Erzbischhöfen, 14 Bischöfen unterstrich die Bedeutung der Zeremonie.

 

1151, nach Sugers Tod, stoppten die Bauarbeiten. Der Chor war wohl weitgehend fertig, einschließlich der teuren und prächtigen Verglasung, von der nur noch Reste original sind.

 

Erst 80 Jahre später begann der weitere Umbau der noch weitgehend karolingischen Kirche, nun im Stil der Hochgotik. Die neuen Meister nahmen gottlob Rücksicht auf den Chorumgangs aus dem 12. Jh., ungewöhnlich, wie man aus der Baugeschichte weiß.

 

Im 19. Jh. wird die Fassade mehr oder weniger geschickt restauriert.

 

 

Architektur: Frühgotik, 12. Jahrhundert

Fassade

 

Portalzone, um 1140 - restauriert
Portalzone, um 1140 - restauriert

 

Die Bilder des berühmten Chorumgangs aus dem 12. Jh. im Kopf, lief ich bei meinem kürzlichen Besuch Gefahr, der optisch wenig ansehnlichen West-Fassade nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken. Es wäre ein Fehler gewesen, glaubt man vielen Fachleuten. Also nahm ich mir Zeit.

 

Die Fassade ist 3-zonig, die einzelnen Elemente zwischen vier mächtigen Strebepfeilern zurückgesetzt. Sie schließen ab mit einem Zinnenkranz. Ein Rundfenster im Giebel betont das Zentrum.

 

Der Westbau ist verstümmelt. Der Nordturm, der einen der prachtvollsten Helme der Gotik getragen haben soll, wurde abgerissen.

 

„Das Jüngste Gericht“ Tympanon Mittelportal, vor 1140
„Das Jüngste Gericht“ Tympanon Mittelportal, vor 1140

 

Aber, in Fortsetzung normannischer Tradition, wurde Saint-Denis nach Otto von Simson zum Vorbild aller Doppelturmfassaden der französischen Gotik. Die drei Portale mit erstmals systematischer Anordnung von Statuen, Trumeau, Tympanon und Archivolten gelten auch nach Alain Erlande-Brandenburg als wegweisend. Der Autor urteilt, „that in its original state the west portal of Saint-Denis must have been one of the most splendid chapters in the history of Gothic sculpture“.

 

Revolution und Restaurierung sind 20 Gewändestatuen, Persönlichkeiten des Alten Testaments darstellend, zum Opfer gefallen. Barral i Altet hält sie für bahnbrechend bei der Entstehung gotischer Bauplastik. 

 

 

Narthex

Er enthält mehrere Räume in den Obergeschossen, die von zwei mächtigen Freipfeilern getragen werden. Viele schlanke Dienste, umstellen sie und suggerieren Leichtigkeit. Das unterschiedliche Niveau der Kapitelle beeinträchtigt das Bild.

 

Narthex-Pfeiler
Narthex-Pfeiler

 

Krypta

Seinen Bekanntheitsgrad verdankt die Kirche einem Bauteil auf der entgegengesetzten Seite, dem Chor im Osten, dem Beginn gotischen Bauens.

 

Zunächst ein kurzer Besuch der mächtigen Krypta, romanisch, mit Umgang und 7 radial angeordneten Kapellen. Beginnend mit dem Merowinger Dagobert I. (7. Jh.) wurden hier französische Könige bestattet.

 

Grablege der Bourbonen, Tonne mit Stichkappen
Grablege der Bourbonen, Tonne mit Stichkappen
 
Kapelle, Kreuzgratgewölbe
Kapelle, Kreuzgratgewölbe

 

Chorumgang

Nun endlich. Der eigentliche Grund meines Besuches: Der Chor des Abtes Suger, dem die Krypta ein solides Fundament ist. 

 

Falls der Bauherr vom Meister Licht verlangt haben sollte - er hat es bekommen, durch einen Kranz von 7 radial angeordneten Kapellen. Das Licht flutet durch die 2 großen Spitzbogenfenster jeder Kapelle und beleuchtet feierlich den doppelten Umgang. Da ist in der Tat Neues gegenüber den Chören der Romanik. Aus den Fensteröffnungen in der Wand sind Wände aus Glas geworden.

 

Getrennt sind die flachen Kapellen nur durch starke Stützen, deren schweres Mauerwerk durch drei eingestellte elegante Säulen kaschiert wird. Sie tragen die Rundrippen im Gewölbe auf der Kapellenseite und den Gutbogen.

 

Chorumgang nach Ost (links die Pfeiler  zum Binnenchor)
Chorumgang nach Ost (links die Pfeiler; zum Binnenchor)
 
 
Chorumgang mit Kapellen rechts (Links Pfeiler zum Binnenchor rechts 4 der inneren Säulen)
Chorumgang mit Kapellen rechts
(Links Pfeiler zum Binnenchor rechts 4 der inneren Säulen)

 

Schlanke Säulen stehen als Zentrum des Gewölbesystems im Halbrund zwischen Kapellen und Binnenchor. Sie markieren die Teilung des Umgangs und tragen die spitzbogigen Kreuzrippengewölbe. Der Raum wirkt wie eine elegant gegliederte einheitliche Halle.

 

Das werden auch die Baumeister so gesehen haben, die sich in den 30er Jahres des 13. Jh. daran machten, den immer noch stehenden Teil der karolingischen Kirche abzureißen und im „modernen“ Stil neu zu errichten. Langhaus, Querhaus und die oberen Geschosse des Chores wurden hochgotisch. Der Chorumgang des Suger blieb bis auf die Rundstützen zum Binnenchor erhalten.

 

mod12 Stütze mit eingestellten Diensten
Stütze mit eingestellten Diensten
 
 
08modAP Gewölbesystem mit 4-teiligem Kreuzrippengewölbe mit Stützen zum Binnenchor (13. Jh.) links. Rechts Mitttelsäule zwischen 2 Kapellen
Gewölbesystem mit 4-teiligem Kreuzrippengewölbe
mit Stützen zum Binnenchor (13. Jh.) links. Rechts Mitttelsäule
zwischen 2 Kapellen

 

 

Architektur: Hochgotik, 13. Jahrhundert

Chor, Langhaus, Querhaus

Streng genommen ist Saint-Denis heute ein hochgotischer Bau mit frühgotischen Elementen.

 

Auch ich, eigentlich nur wegen des Suger-Chores hierher gekommen, konnte mich dem Zauber der Hochgotik nicht entziehen. Besonders da die Sonne mitspielte, und durch die bemalten Glasfenster Farbspiele auf dem Mauerwerk inszenierte.

 

3zoniger hochgotischer Chor (13. Jh.)
3zoniger hochgotischer Chor (13. Jh.)
 
 
Nördliches Querhaus und Chor (13. Jh.)
Nördliches Querhaus und Chor (13. Jh.)
 
 
Fensterrose südliches Querhaus (13. Jh.)
Fensterrose südliches Querhaus (13. Jh.)
 
 
Hochgotisches Langhaus nach Ost
Hochgotisches Langhaus nach Ost

 

Glas und Licht überall, in den Obergaden, den Fensterrosen des Querhauses und dem durchlichteten Triforium, das zwischen hohen Spitzbogen-Arkaden und großen Fenstern als einigendes Band Langhaus, Querhaus und Chor schmückt.

Im Gegensatz zu den meist 4-zonigen Aufrissen frühgotischer Kirchen, wurde hier 3-zonig gebaut. Dem Prinzip des Aufwärtsstrebens folgend, schießen die schlanken Dienste ohne Unterbrechung hoch hinauf bis zum Ansatz der vierteiligen Gewölbe.

 

 

 

Literatur

Barral i Altet, Xavier, Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Duby Georges; Daval, Jean-Luc (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999  - S. 352 ff

 

Binding, Günther, Was ist Gotik? Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2000 – S. 133ff., 170, 189ff.

 

Casselani, Roberto, Hrsg., Die Baukunst im Mittelalter, Patmos-Verlag GmbH & Co. Kg., Albatros-Verlag, Düsseldorf, 1995/2005

 

Conrad, Dietrich; Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998

 

Erlande-Brandenburg, Alain; Gothic Art, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, New York, 1989 (aus dem Französischen übersetzt). – S. 38ff., 507ff.

 

Kinder, Hermann; Hilgemann, Werner: dtv-Atlas Weltgeschichte,München, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 25. Auflage, April 2000

 

Koch, Wilfried: Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993 – S.146ff.

 

Laule, Ulrike: Architektur des Mittelalters, Rolf Toman (Hrsg.), Berlin, Feierabend-Verlag, 2004

 

Martin, Henry (Hrsg.), L’Art Gothique (La Grammaire de Styles), Flammarion, Paris, 1961

 

Putzger, F.W.: Historischer Weltatlas, Velhagen & Klasing, Berlin, 1974

 

Simson, Otto von; Kurmann, Peter in: Das Mittelalter II, Propyläen-Verlag, Berlin, - S. 55, 58, 72ff.

 

Toman, Rolf, Hrsg, Gotik – Architektur, Skulptur, Malerei, Könemann Verlagsgesellschaft mbH. Köln, 1998

 

Netz

Saint-Denis, une ville au Moyen Âge
http://www.saint-denis.culture.fr/fr/2_1_denis.htm

 

UC Press E-Books Collection
http://publishing.cdlib.org/

 

Diverse Wikipedia-Seiten

 

Sonstiges

Wolff, Arnold, Gotische Kunstlandschaften, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2004

 

Wolff, Arnold, Die gotischen Kathedralen, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln Januar/Februar 2010

 

 

Eigene Beobachtungen

 




 

sakralarchitektur

 

Gotische Kirchen

 

Die abfällige Bezeichnung italienischer Kunsthistoriker aus dem 16. Jh. wurde zum Inbegriff großer Baukunst, mit der das Mittelalter ausklang. Die Gotik löste die Romanik ab. Aus Bodenhaftung wurde Aufwärtsstreben, aus dämmrigem Geheimnis farbiges Licht, aus wuchtigen Mauern gläserne Wände...

 

 

 

 

 

 gotik start

 

 

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen dich, du hohes Mittelschiff.

Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

 

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,

in unsern Händen hängt der Hammer schwer,

bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,

die strahlend und als ob sie alles wüßte

von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

 

 

Dann ist ein Hallen von den vielen Hämmern

und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.

Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:

Und deine kommenden Konturen dämmern.

 

Gott, du bist groß.

 

Rainer Maria Rilke – Aus dem Stundenbuch

 

 

 

 

Gotische Kirchen (Teil 2))

 

Entstehung, Stil und Konstruktionsmerkmale

Die Abteikirche St. Denis, in einem Vorort von Paris, bzw. ihr Umbau etwa ab 1140, wird als der Ursprungsbau bezeichnet.

 

12jh frankreich1
Fensterrose Notre Dame de Paris

 

"Die Gotik war plötzlich da", liest man. Doch die wichtigsten Konstruktionselemente gotischen Bauens (Spitzbogen, Kreuzrippengewölbe und Strebewerk) waren bekannt und wurden individuell schon eingesetzt. (Decken und Gewölbe). Die Bemühungen um die Auflösung der Wand – ein wichtiges Ziel gotischer Baumeister - läßt schon die Romanik erkennen, zum Beispiel in den Klosterkirchen Wilhelm des Eroberers in Caen (2. Hälfte 11. Jh.). Es bedurfte anschließend nur eines genialen Baumeisters, die Konstruktionselemente zusammenzuführen.

 

Über den verfügte anscheinend Suger, einflußreicher Politiker und reicher Abt des Klosters Saint-Denis, Paris, das als Grablege der französischen Könige großes Prestige verlieh.

Die schriftlichen Aufzeichnungen Sugers über den Umbau der karolingischen Kirche sind erhalten. Er rühmt vor allem das Licht, Licht als Symbol des Göttlichen, als Verbindung zwischen himmlischer und irdischer Welt. Licht aber auch, um den Prunk der Ausstattung - gegen den sein Freund Bernhard von Clairvaux polemisierte - besser zur Geltung zu bringen...

 

 

 

 

 

 

St. Denis Paris

Stiftskirche Sankt Cyriakus, Gernrode

 

Während Saint-Denis, ein nördlicher Vorort, heute gelegentlich durch wenig erfreuliche Schlagzeilen von sich reden macht, war es im 12. Jh. ein befestigtes Städtchen, dem das Kloster, Grablege der französischen Könige seit dem 10. Jh., große Bedeutung verlieh. Die Herrscher des seit diesem Zeitpunkt regierenden Kapetinger-Geschlechts stützten sich um 1100 im wesentlichen auf das kleine Gebiet der Île-de-France rund um Paris.

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Notre Dame, Laon

laon 006

Hundert Meter hoch ragt der Kalksteinfelsen aus der Ebene der Picardie. Er trägt mit der Altstadt das größte Areal denkmalgeschützer Bauten Frankreichs und eine der schönsten frühgotischen Kathedralen, deren fünf Türme die alten Häuser überragen. Aus den beiden Westtürmen schauen 16 Ochsen ins Land.

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Kathedrale von Wells

 

Inmitten großer Rasenflächen bezeugt The Cathedral Church of St Andrew den Willen englischer Baumeister der in Frankreich gewachsenen Gotik mit Ideenreichtum und virtuosem Können ein eigenes Gepräge zu geben. Sie bieten dem Besucher einige ihrer charakteristischen Entwicklungen, wie Chapter House, Lady Chapel und - einmalig in der Architekturgeschichte - die berühmten Scherenbögen.

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Dom St. Mauritius und St. Katharina in Magdeburg

Ernst und altersgrau begrenzt der erste gotische Großbau Deutschlands den riesigen Magdeburger Domplatz im Süden, ein Kontrast zum hellen Barockensemble des Landtages auf der gegenüber liegenden Seite. Der Dom soll, wie schon sein Vorgänger, an die erste Kaiserdynastie des Reiches erinnern, die Ottonen.

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 Gotische Kirchen (Teil 3)

...Das Licht spielt in allen gotischen Kathedralen eine große Rolle. Riesige Fenster sind gefragt. Sie sind möglich durch den Einsatz von Kreuzrippenbogen, die den Seitenschub der Gewölbe punktuell auf die Wände bringen, was wiederum an diesen Stellen den Einsatz von Strebebogen über den Seitenschiffen verlangt. Sie geben den Druck weiter an um Schiff und Chor - mit Abstand zu den Mauern - herumgeführte Strebepfeiler.

 

Diese Strebewerke sind neben spitzbogigen hohen Gewölben, reich mit Statuen geschmückten Portalen und dem Maßwerk leicht erkennbarer typischer Bestandteil gotischen Kathedralen.

 

Suger konnte den Umbau der karolingischen Kirche nicht beenden, doch es war ein Startsignal. Innerhalb von 15 Jahren wurde in Nordfrankreich mit dem Bau von vier frühgotischen Kathedralen begonnen: Sens, Noyon, Senlis, Laon. Weitere, z.B. Notre Dame de Paris, folgten, ehe gotisches Bauen auf andere französische Regionen und auf andere Länder übergriff.

 

Ich stütze mich oben auf die eher konventionellen und konservativen Darstellungen in der den Laien interessierenden Literatur.

 

Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß nicht nur der Zeitpunkt der Entstehung der Gotik, sondern auch andere grundsätzliche Fragen von Wissenschaftlern seit über 200 Jahren kontrovers diskutiert werden. Es geht zum Beispiel sehr vereinfacht darum, ob gotische Architektur ein reines Ergebnis der technischen Entwicklung war oder ob und in welchem Umfang philosophisch/theologische Forderungen, z.B. eine Lichtmystik, mehr Einfluß hatten.

 

An der wissenschaftlichen Diskussion sollte sich der Laie nicht beteiligen. Aber eine Meinung darf er haben. Für mich liegt der Schwerpunkt auf der technischen Entwicklung, basierend auf dem Erfindergeist und dem Ideenreichtum der Baumeister. Fraglos ist aber die Zunahme geistiger Aktivität in der Zeit ab Mitte des 12. Jh. nicht ohne Einfluß geblieben. Bauherren und Meister waren Kinder ihrer Zeit.

 

Im Norden Frankreichs waren auch die unabdingbaren politischen und ökonomischen Voraussetzungen für die in jeder Hinsicht gewaltigen Werke günstig.

 

Über die Frage nach dem „Warum?“ der schnellen Expansion darf auch der Laie nachdenken: Nach einer gewaltigen Anstrengung und 40-jähriger Bauzeit war 1130 die dritte riesige Klosterkirche in Cluny (Burgund), die größte romanische Kirche ihrer Zeit, geweiht worden. Hatte sich damit in Frankreich romanisches Bauen erschöpft?

 

In einzelnen Bereichen gab die Theologie Einfluß ab. Mit dem Aufkommen der Scholastik verlagerte sich Wissenschaft von den Klöstern auf die Universitäten. Aus mönchischen Baumeistern wurden bürgerliche.

 

Das französische Königtum erstarkte und schuf Sicherheit. Neue landwirtschaftliche Methoden und eine Klimaänderung schufen Wohlstand. Die Städte im Königreich (Île-de-France) wuchsen und mit ihnen der Bedarf an Kirchen.

 

In vieler Hinsicht bedeutete der Beginn gotischen Bauens einen Bruch mit der Vergangenheit. Die Antike und ihre Formen waren fern.

 

Es änderte sich die Organisation der Bauhütten. Ab etwa 1180 wurden Quader im Winter in beheizten Räumen „vorgefertigt“ und in der warmen Jahreszeit verbaut. Ganzjähriges Bauen verlangte vorausschauende Planung und neues Denken.

 

Ausbreitung

Die Gotik zog von der Mitte des 12. Jh. bis zum Ende des 16. Jh. ihre Bahn durch europäische Baustellen, beginnend in Frankreich und sich schrittweise ausbreitend in fast ganz Europa.

 

Zunächst kam sie mit dem Bau der Kathedrale von Canterbury, ab 1175, nach England.

 

Die Kunsthistoriker unterscheiden zwischen Frühgotik, Hochgotik und Spätgotik.

 

Im Geburtsland Frankreich wird etwa 500 Jahre gotisch gebaut. Man teilt die Epochen ein in Gothique primitif (Mitte 12. Jh.), ~classique bzw. ~rayonnant und Gothique flamboyant.

 

Erstes Maßwerk schmückte die Kirchen etwa ab 1200.

 

Die Engländer sprechen von Early English (2. Hälfte 12. Jh.), Decorated und Perpendicular, mit dem in der Mitte des 16. Jh. gotisches Bauen endet. In der Neuzeit jedoch entstanden teilweise spektakuläre Bauten im neo-gotischen Stil.

 

In Deutschland wurden die letzten romanischen Großbauten noch in der 1. Hälfte des 13. Jh. errichtet. Obwohl erste gotische Bauten mit dem Dom von Magdeburg, der Elisabethkirche in Marburg und der Liebfrauenkirche in Trier vorher entstanden waren, etablierte sich die Gotik endgültig erst 1248 mit der Grundsteinlegung des hochgotischen Kölner Domes.

 

In Italien faßte die Gotik nie richtig Fuß.

 

Entwicklungen

Fast alle gotischen Großkirchen sind von ihrer architektonischen Grundform her drei- oder fünfschiffige Basiliken.

 

Das Querhaus verliert nach und nach an Bedeutung und entfällt teilweise ganz, insbesondere in der oft einschiffigen Bettelordensarchitektur, zum Beispiel der Franziskaner, ab Mitte des 13. Jh. Der Verpflichtung zur Enthaltsamkeit fielen auch die Türme zum Opfer und wurden durch Dachreiter ersetzt.

 

In Regionen, denen es an Naturstein mangelte, wurden gotische Kirchen aus Backsteinen gebaut. Es entstand mit beachtlichen Bauten die deutsche Backsteingotik.

 

Große Hallenkirchen kamen auf, die in der Regel kein Strebewerk benötigten.

 

Der Drang, dem Himmel immer näher zu kommen, führte zu gewaltigen Leistungen, aber auch zu Katastrophen.

 

Die Kathedrale in Beauvais stürzte mehrfach ein. Sie rühmt sich aber immer noch mit einer Höhe von 48,5 m im Chor des höchsten Gewölbes der Welt und übertrifft Köln um ca. 3 m. Mit etwas über 161 m stellt auch der Westturm des Ulmer Münsters den höchsten Kirchturm und verweist Köln, wenn auch nur mit 4 Metern, auf den zweiten Rang.

 




GOTIK

Kathedrale von Saint-Denis

st denis paris 2 2

Während Saint-Denis, ein nördlicher Vorort, heute gelegentlich durch wenig erfreuliche Schlagzeilen von sich reden macht, war es im 12. Jh. ein befestigtes Städtchen, dem das Kloster, Grablege der französischen Könige seit dem 10. Jh., große Bedeutung verlieh. weiter >>

EINZELTHEMEN

Mittelalterliche Holzdecken und Dachstühle

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Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst. weiter >>

ROMANISCH

Der Dom zu Speyer

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Immer beseelte große Herrscher der Wunsch, sich in möglichst imposanten Bauten zu verewigen. Das war in der Antike so und endete nicht im Mittelalter. Karl der Große schuf in Aachen seine Pfalzkapelle, die ottonischen Kaiser Otto I. und Heinrich II. errichteten Dome in Magdeburg und Bamberg. Die Salier schufen innerhalb von einhundert Jahren – der Dauer der Dynastie – einen Bau der Superlative, der den Titel Weltkulturerbe mehr als verdient. weiter >>

KURZBIOGRAFIE

Einhard

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Der Sohn einer unbedeutenden mainfränkischen Adelsfamilie schaffte es über eine Klosterausbildung in den engsten Beraterkreis Karls des Großen aufzusteigen. Als einziger der Karlsberater faßte Einhard Fuß am Hof des Thronfolgers. Den Zerfall des fränkischen Reiches sah er voraus, aber seine mahnende Stimme war leise geworden. Sein Ruhm, vor allem als Historiker und Biograf, begleitete ihn in die Einsamkeit des Odenwaldes. weiter >>

ROMANISCH

Klosterkirche Jerichow

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Aus den grünen Elbauen im nördlichen Sachsen-Anhalt steigen braun-rote Doppeltürme auf und weisen seit 800 Jahren den Weg zur Klosterkirche, dem frühesten Denkmal romanischer Backstein-Architektur. weiter >>

GOTIK

Kathedrale von Wells

wells09

Inmitten großer Rasenflächen bezeugt The Cathedral Church of St Andrew den Willen englischer Baumeister der in Frankreich gewachsenen Gotik mit Ideenreichtum und virtuosem Können ein eigenes Gepräge zu geben. Sie bieten dem Besucher einige ihrer charakteristischen Entwicklungen, wie Chapter House, Lady Chapel und - einmalig in der Architekturgeschichte - die berühmten Scherenbögen. weiter >>