lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Vorkarolingische Kirchen

 

sakralarchitektur

 

Vorkarolingische Kirchen

 

Zwischen antiker und karolingischer Baukunst sind Kirchenbauten der Merowinger, Westgoten, Angelsachsen und Langobarden erhalten. Unabhängig voneinander und regional unterschiedlich entstand tastend diese Architektur im Steinbau unerfahrener germanischer Baumeister. Und doch: Zögernd entsteht hier Neues, von dem wir manches, wie Skulpturenelemente und Zellenquerbau in späteren Kunstepochen wieder finden...

 

 

 

Einige der bescheidenen Bauten habe ich kennen gelernt:

Santa Maria, Quintanilla de las Vinas (Burgos)

Santa Maria, Quintanilla de las Vinas in Spanien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer erinnert sich noch der Kunst der Westgoten, deren Reich 711 unter dem Ansturm islamischer Heere aus Nordafrika zusammenbrach? Es sind interessante Architekturbeispiele erhalten, zum Beispiel die einsame Klosterkirche Santa Maria de las Vinas in der Provinz Burgos, mörtellos gefugt aus sauber behauenen Quadern, geschmückt mit altertümlich anmutenden Reliefs. weiter >>


St. Laurence, Bradford-on-Avon

St. Laurence, Bradford-on-Avon in Großbritannien

 

"Angelsächsische Kirchen? Habe ich nicht gesehen", sagt mancher Englandfahrer. Das überrascht nicht. Die normannischen Eroberer haben 1066 die bescheidenen Bauten der Besiegten dem Erdboden gleich gemacht. Der Zahn der Zeit tat ein übriges. St. Laurence ist eine der wenigen erhaltenen Bauten. weiter >>


Die Merowingischen Krypten von Jouarre

Jouarre

 

Was oder wo ist Jouarre? Sie wissen es nicht? Keine Bildungslücke, es sei denn, Sie sind Experte auf dem Gebiet frühfränkischer Kunst, von der wenig erhalten ist. Das Dorf in der Champagne aber beherbergt die ältesten merowingische Krypten. weiter >>

 

 

 

 

 

Vorkarolingische Kirchen (Fortsetzung)

...Nach dem letzten Aufblühen der Spätantike zerbricht im Westen des ehemaligen römischen Reiches endgültig die alte Ordnung. Trotz Vernichtung des Ostgoten- und Wandalenreiches durch den oströmischen Kaisers Justinian I. wird Byzanz nach dessen Tod (565) aus den meisten eroberten Gebieten im ehemaligen weströmischen Reich von Germanen (in Nordafrika von Arabern – ab 1. Hälfte 7. Jh.) wieder verdrängt.

 

Wie auf anderen Gebieten gibt es einen tiefen qualitativen und künstlerischen Abfall auch in der Architektur. Die alten Kenntnisse und Fähigkeiten gehen zum großen Teil verloren. Die neuen Herren bauen in der Regel in Holz. Die vielen nach den Quellen beeindruckenden Holzbauten, von denen norwegische Stabkirchen - älteste erhaltene aus dem 11. Jh. - eine Vorstellung geben, sind fast alle untergegangen.

 

Es werden einige Jahrhunderte vergehen bis in der karolingischen Renaissance, zunächst beschränkt auf das Frankenreich und noch auf antiken Grundlagen, der Wiederaufstieg der Architektur beginnt, der dann nach weiteren Jahrhunderten - über die Romanik - in den gotischen Kathedralen gipfelt.

 

Obwohl es allein im Frankenreich in der hier betrachteten Zeit über tausend Sakralbauten gegeben haben soll, sind nur wenige Steinbauten erhalten, z.B. aus merowingischer Zeit die Krypten von Jouarre, die Basilika St. Pierre in Vienne und das Baptisterium in Poitiers, ein Zentralbau.

 

Die Langobarden, auf altem römischen Boden Nachfolger der Ostgoten, führen spätantikes Bauen mit eigenen Elementen fort. Davon zeugen gegen Ende ihrer Herrschaft beachtliche Kunstwerke, z.B. in Cividale und anderen langobardischen Zentren.

 

In England überstand eine Anzahl angelsächsischer Kirchen den Zahn der Zeit und die Vernichtung durch die normannischen Eroberer (ab 1066). Von den westgotischen und ihnen folgenden asturischen Bauten sind beachtliche Beispiele erhalten.

 

Im Süden der iberischen Halbinsel zeigen nach dem Untergang des westgotischen Reiches (711) Baumeister aus einem völlig anderen Kulturkreis, dem Islam, ihr Können.

 

 

 




 VORKAROLINGISCH

 Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos)

Wer erinnert sich noch der Kunst der Westgoten, deren Reich 711 unter dem Ansturm islamischer Heere aus Nordafrika zusammenbrach? Es sind interessante Architekturbeispiele erhalten, zum Beispiel die einsame Klosterkirche Santa Maria de las Vinas in der Provinz Burgos, mörtellos gefugt aus sauber behauenen Quadern, geschmückt mit altertümlich anmutenden Reliefs.

 Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in SpanienApsis und Querhausreste.

 

Dies ist eine der späten westgotischen Kirchen. Ich sah sie auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Sie zählt mit San Pedro de la Nave und San Juan de Baños zu den bekanntesten ihrer Zeit. Leider sind nur noch die flache Apsis, die Vierung und die beiden inneren Raumteile des Querhauses erhalten.

 

Der Bau

Beim Anblick der Apsis fallen neben den Zierfriesen, die unten besprochen werden, drei motivlos aus der Wand ragende Quader auf, ein merkwürdiger Bau-"Schmuck". Mich erinnerte er an die Balkenköpfe von Fachwerkbauten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, die ich in meiner Heimat Lippe täglich vor Augen hatte. Zitiert der Baumeister hier die Holzbautechnik, die den Westgoten und anderen Germanen ursprünglich als einzige vertraut war?

 

Durch Ausgrabungen kennen wir den ursprünglichen Grundriß der 3-schiffigen nicht geosteten Kirche (mit Vorhalle), die eine Gesamtlänge von 20.9 m und eine Breite von 10.3 m hatte. Das Mittelschiff war breiter als ein Seitenschiff, deren jedes – merkwürdig - in 3 kleine Räume unterteilt war, ebenso wie die Vorhalle, die die gleiche Breite wie das Langhaus hatte. Das ursprünglich weit vorspringende Querschiff hatte die gleiche Länge wie das Langhaus.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Relief-Friese...

 

Es soll sich ursprünglich um eine Klosterkirche gehandelt haben. Das würde andere Vermutungen stützen, die besagen, daß Einzelräume iden Seitenschiffen bzw. beiderseits der Vierung dem Aufenthalt von in strenger Klausur lebenden Mönchen dienten, die so den Gottesdienst in Mittelschiff, Vierung und Apsis beobachten konnten. Die Aufteilung erinnert an einen Zellenquerbau, dessen Nebenräume auch isoliert waren. Bandmann zitiert Dreizellenanlagen und führt sie auf antike Vorbilder zurück.

 

Nach Untermann soll das Sanctuarium mit einer Pendentifkuppel überwölbt gewesen sein.

 

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
...an der Apsis.

 

Wie bei allen westgotischen Bauten wurden große sauber behauene Quader, hier aus Sand- und Kalkstein, mörtellos aufgeschichtet, eine Technik, die sonst im Abendland nur beim Grabmal des Ostgoten-Königs Theoderich nachweisbar ist, der von 511 bis 525 auch König der Westgoten war.

 

Die schlitzförmigen Öffnungen in den Quadermauern sind ein typisches Merkmal westgotischer Bauten. Ähnliches finden wir jedoch auch in St. Laurence in England.

 

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Hufeisenförmiger Triumpfbogen.

 

Nach den meisten Autoren ist der Bau um 700, also kurz vor der Eroberung des Westgotenreiches durch die Mauren errichtet worden. Sicher bezeugt ist eine Restaurierung im Jahre 879 , also zur Zeit der Könige von Asturien, die sich als Nachfolger der Westgoten verstanden.

 

Der Bauschmuck

Das eigentlich Interessante an diesem  eher bescheidenen Bau sind der äußere Bauschmuck und die Plastiken im Inneren.

 

Die Apsis ist geschmückt mit 3 Friesen, unterbrochen durch je eine Quaderreihe. Nur die unteren laufen um das Gebäude herum bis hin zu den erhaltenen Armen des Querschiffes. Diese Flachreliefs zeigen Medaillons mit Rankenwerk, Tieren, geometrischen Mustern und Monogrammen. Fachleute halten sie für einzigartig im Abendland.

 

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Einzelplastik.

 

Über die Herkunft der Motive herrscht keine völlige Einigkeit unter den Forschern. Fast alle verweisen auf spätantike, byzantinische oder orientalische Vorbilder. Zwei Autoren sehen Analogien zu westgotischer Goldschmiedekunst.

 

Im Inneren finden wir dann andere bemerkenswerte Flachreliefs mit figürlichen Szenen. Sollte es ein geschlossenes Bildprogramm gegeben haben, ist es nur unvollständig vorhanden, vor allem in Gestalt des großen hufeisenförmigen Triumpfbogens. Am Bogen selbst wiederholen sich mehr oder weniger die Medaillons des Außenschmucks.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Einzelplastik.

 

Die Kämpfersteine und einige Einzelplastiken zeigen Szenen, die für Christus und andere Figuren zwischen Engeln sowie für die Personifizierung von Sonne und Mond gehalten werden.

 

Die Flachreliefs faszinierten mich besonders, erinnerten sie mich doch an Bauplastik an den Kirchen von Saint-Genis-des-Fontaines und Saint-André-de-Sorède im Roussillon, die ich einige Jahre zuvor gesehen hatte. Die Figuren dort stehen unter Hufeisenbögen und sind ebenfalls nur flach eingekerbt. Die Ähnlichkeiten der westgotischen Reliefs mit jenen Plastiken ist überraschend.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Fries Saint-Genis-des-Fontaines.

 

Nun weiß die Forschung durch eine Inschrift, daß der Bauschmuck im Roussillon um 1019/1020 entstanden ist. Woher die Ähnlichkeit nach rund 300 Jahren? Stand die Entwicklung der Skulptur in dieser Zeit still? Da darf der Streit um den Zeitpunkt der Entstehung der Reliefs von Santa Maria nicht vergessen werden. Ein Teil der Autoren betrachtet sie als typisch westgotisch, andere sehen karolingische Einflüsse. Wäre das Letztere richtig, würde sich die Zeitdifferenz deutlich verringern.

 

Einige Fachleute sehen die westgotischen Plastiken als Vorläufer der Romanik. Vorbilder bzw. weitere Ähnlichkeiten finden sich in lombardischen Arbeiten z.B. am sogenannten "Pemmo-Altar" in Cividale, der um 740 entstand. Auch in diesem Flachrelief halten mit Kreuzen geschmückte Engel mit zu großen Händen in ähnlicher Haltung eine Mandorla. Andere Forscher verweisen gar auf irische Handschriften.

 

So ist in der Kunst, auch damals,  alles mit allem verbunden, und es ist erstaunlich zu sehen, wie weit Ideen und Anregungen zumindest in Europa wanderten. Trotz der für uns kaum vorstellbaren Beschwernisse des Reisens waren einige Stände, wie Kleriker, Adel, Kaufleute und Pilger im Mittelalter viel unterwegs.

 

Literatur:

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Stierlin, Heinri (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

Barral i Altet, Xavier, Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Duby, Georges/Daval, Jean-Luc (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999

Barral i Altet, Xavier (Hrsg.), Die Geschichte der spanischen Kunst, Könemann-Verlagsgesellschaft, Köln, 1997, Originalausgabe bei Lunwerg Editores S.A., Barcelona, 1996

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in: Propyläen Kunstgeschichte,
Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt, 1985

Durliat, Marcel, Romanisches Roussillon, Echter Verlag, Würzburg, 1988

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

Ripoll López, Gisela, Arquitectura visigótica, Informacion y Revistas S.A, Madrid

Untermann, Mathias, Architektur im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006

 

Eigene Beobachtungen

 
 
Siehe auch:
 
 

http://www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorromanisch/asturische-vorromanik

 

http://www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorromanisch/reisebericht-asturien

 




 VORKAROLINGISCH

 St. Laurence, Bradford-on-Avon

 "Angelsächsische Kirchen? Habe ich nicht gesehen", sagt mancher Englandfahrer. Das überrascht nicht. Die normannischen Eroberer haben 1066 die bescheidenen Bauten der Besiegten dem Erdboden gleich gemacht. Der Zahn der Zeit tat ein übriges. St. Laurence ist eine der wenigen erhaltenen Bauten.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Nördliche Seitenkapelle

 

Es ist nicht sicher, ob das Kirchlein vom Baudatum her in diese Rubrik gehört. Die Angaben der Autoren schwanken zwischen dem 7. und dem 11. Jahrhundert. Kompetente und ausführliche Texte sagen schlicht, daß das Datum der Grundsteinlegung unbekannt ist. Ich habe den Bau hier aufgenommen, weil er ein gutes Beispiel für angelsächsische Kirchenarchitektur und auch frei von karolingischen Einflüssen ist. Eher erinnert das eine oder andere Element an westgotische Kirchen, z. B. die kleinen Fenster (schräg in die Mauer eingeschnitten), die zellenartigen Nebenräume.

 

Es sind die Blendbögen (eigentlich romanischer Bauschmuck) an den oberen Außenmauern der Kapelle, die einige Experten auf ein Baudatum im 10./11. Jh. tippen lassen. Das würde der Entstehung in früher sächsischer Zeit widersprechen, es sei denn, der obere Teil wäre erst später entstanden oder der Bauschmuck dann hinzugefügt worden.

 

Es hätte nicht viel gefehlt und das Kirchlein, von verschiedenen Familien zum "cottage" umgebaut und auch als Schule genutzt, wäre nicht entdeckt worden. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. kam ein aufmerksamer Geistlicher auf die Fährte.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Langhaus und Chor. - Strebepfeiler: Neuzeit

 

Die meisten Autoren meinen, daß der Bau in einem Zug und nach einem Gesamtplan errichtet wurde und stützen sich auf Abmessungen und Außenornamente. Von inneren Umbauten abgesehen ist er auch kaum verändert worden. Ein lokaler Bericht führt als möglichen Grund frühe Profanierung an.

 

Neben dem erhaltenen nördlichen flankierte ursprünglich ein weiterer südlicher Anbau das schmale und hohe Schiff. Der Giebelansatz ist noch gut zu erkennen. Das Ganze ergab eine Kreuzform. Graham Hutten sieht solche Annexe als frühes Zeugnis englischer Vorliebe für Seiteneingänge. Die Satteldächer der Anbauten enden unter der Traufe des Schiffes. Die Strebepfeiler sind aus dem 19. Jh..

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Triumpfbogen. Teilweise 19. Jh.

 

Die Länge des Rechteckchors (~ 4 m) entspricht genau seiner Höhe, was auf präzise Planung hindeutet.

 

Der Chor zeigt eine typische Eigenart englischen Kirchenbaues: Den "platten" Abschluß. Während die Chöre der kontinentalen Kirchen fast immer halbrund oder polygonal schließen, blieb England im Prinzip beim Rechteckchor, auch in der Zeit der Normannen, die aus Nordfrankreich die runde Form kannten. Für den Rechteckabschluß werden von Autoren unterschiedliche Gründe genannt. Sächsischer Kirchenbau ist stark vom Holzbau beeinflußt. Die meisten Kirchen waren wohl aus Holz. Hier machte nach Smith/Hutton eine Rundung Schwierigkeiten. Das ergibt nur Sinn, wenn die Kirchen im Blockhausstil erichtet waren. Bei senkrecht stehenden Pfosten sind Rundungen kein Problem, wie norwegische Stabkirchen zeigen. (Der gleiche Autor führt auch keltische Vorbilder an oder gar, im Zusammenhang mit den großen Chorfenstern in gotischer Zeit, eine Art heidnischer Lichtmystik.)  Haupt, wie zu erwarten, denkt an germanische Vorbilder.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Engel mit verhüllten Händen.

 

Der Bau zeigt außen deutliche Spuren der Jahrhunderte in Form von Verwitterung und Luftverschmutzung, die dazu verleiten, die sorgfältig zugehauenen Quadern zu übersehen. Sie sind ziemlich selten bei Kirchen aus sächsischer Zeit, erinnern eher an westgotische Bauten. Die Quader wurden in einem nahen Steinbruch gewonnen.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Altar

 

Innen ist wegen der notwendigen Umbauten manches neu. Der Chor ist durch einen sehr engen hohen Triumpfbogen vom Schiff her zugänglich.

 

St. Laurence, Bradford-on-Avon
Sächsisches Steinkreuz.

 

Noch beeinflußt vom Raumeindruck in den kurz vorher besuchten Kathedralen in Gloucester und Worchester, fühlte ich mich innen zunächst eingeengt. Sicher war die Kirche, von vielen als Kapelle bezeichnet, nicht für Massenbesuch vorgesehen. Aber die hier, wie überall im Lande, sehr engagierten Gemeindemitglieder hatten die kargen Räume mit Blumen geschmückt. Die Enge war bald vergessen.

 

Sonst sind 2 skulptierte Engel in der Wand der einzige Schmuck im Inneren. Die Engel werden auf die Mitte des 10. Jahrhunderts datiert. Vorlagen finden sich in der angelsächsischen Buchmalerei.

 

Der Altar wurde aus Steinen zusammengesetzt, die bei der Entdeckung des Gebäudes aufgefunden wurden.

 

Über dem Altar befinden sich die Reste eines sächsischen Steinkreuzes.

 

 

Literatur

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.) Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Reprint der Originalausgabe von 1909

Smith, Edwin/Hutton, Graham/Cook, Olive, English Parish Churches, Thames & Hudson, London, 1976, -

Various, A Short Account of the Saxon Church of St. Laurence, The Print Consultancy (Corsham) Ltd, Corsham

 

Netz

Early British Kingdoms

www.earlybritishkingdoms.com

Britannia, British History Travel
www.britannia.com Wiltshire Council, Wiltshire Community History

www.history.wiltshire.gov.uk

 

Eigene Beobachtungen

Ergänzung zu: "Platter" Chorabschluß 2011

 




 VORKAROLINGISCH

Die Merowingischen Krypten von Jouarre

Was oder wo ist Jouarre? Sie wissen es nicht? Keine Bildungslücke, es sei denn, Sie sind Experte auf dem Gebiet frühfränkischer Kunst, von der wenig erhalten ist. Das Dorf in der Champagne aber beherbergt die ältesten merowingische Krypten.

 

In den kleinen charmanten Ort, südlich der E 50, eine Autostunde von Paris entfernt, mit einer Benediktiner-Abtei, einem romanischen Turm und einer Pfarrkirche aus dem 16. Jh. würden sich nicht viele Besucher verirren, gäbe es nicht ein unscheinbares, halb in der Erde versunkenes Gebäude, das die Krypten birgt.

 

Über den eigentlichen Bau werden Sie im folgenden Text wenig finden. Datierung und Einordnung des erhaltenen Mauerwerks ist wegen vieler baulicher Änderungen und Grabungen im Laufe der Jahrhunderte für einen Laien nicht nachvollziehbar. Auch wird das Thema konträr diskutiert.

 

Geschichtliches

Die Franken unter dem Königsgeschlecht der Merowinger waren das einzige germanische Königreich, das die Wirren der Völkerwanderung nicht nur unbeschadet überstanden, sondern sein Siedlungsgebiet enorm ausgedehnt hat. Sie trieben die Westgoten über die Pyrenäen, vernichteten die Reiche der germanischen Thüringer und Burgunder und legten den Grundstein für das Reich Karls des Großen.

 

Ende des 5. Jh. hatte der heidnische Chlodwig alle anderen fränkischen Teilstämme unterworfen und war zum Glauben seiner gallo-romanischen Untertanen übergetreten. Die katholische Taufe war ein wichtiger Schritt für dauerhaften Erfolg.

 

Sein Tod (511) bedeutete Aufteilung des Reiches nach germanischem Recht unter 4 Söhne. Es blieb geteilt bis zur Krönung Chlothars I. von Soissons (558).

 

Das System der Machtteilung - mit gelegentlichen Gesamtherrschern - setzte sich erfolgreich fort bis zu Chlothar II. (613-629) und seinem Sohn Dagobert (629-639), dem letzten Herrscher des Gesamtstaates. Bis dahin war viel merowingisches Blut geflossen. Im Bett friedlich sterbende Thronprätendenten waren die Ausnahme.

 

Dann retteten die karolingischen Hausmeier das wankende Reich.

 

Schon davor sorgten Klöster für kulturellen Fortschritt. Zu Beginn des 7. Jh. soll es über 200 gegeben haben, viele geprägt durch den von Hof und Adel geförderten Hl. Columban von Luxeuil, einen irischen Wandermönch.

 

Das Kloster

So gründeten um 635/40 Nachkommen des Großgrundbesitzers Autharius in Jouarre ein Männer- und ein Frauenkloster, dessen erste Äbtissin Theodechilde war.

 

Es entstand eine Kirchenfamilie, bestehend aus einer Begräbniskirche, einer Klosterkirche und einem Gotteshaus für die Gemeinde. Die Letzteren sind mit neueren Bauten erhalten. Die Begräbniskirche ist untergegangen.

 

Jouarre
Außenbau der Krypten von Südwest

 

Die Krypten

Geblieben ist die Krypta Saint-Paul als Mausoleum der Gründerfamilie. Mit der des Bischofs Ébrégesile ist sie vereint unter einem Überbau wohl aus dem 17. Jh., der sich von Süd nach Nord erstreckt.

Der Besucher betritt den Bau von der Westseite.

Der Raum rechts vom Eingang ist der östliche Teil des Langhauses einer untergegangenen romanischen Kirche. Zwei der grünen Porphyr-Säulen tragen merowingische Marmorkapitelle. Hier ruhten die Gebeine des Bischofs Ébrégisile von Meaux, ehe sie im 17. Jh. in einen Schrein überführt wurden.

Die Gewölbe sind aus der Zeit der Romanik. Wahrscheinlich waren beide Räume ursprünglich flach gedeckt. 

Die auch dreischiffige Krypta Saint-Paul zur Linken ist die bei weitem interessantere.

 

JouarreBlick nach Nord in die Krypta Saint-Paul

 
 
Jouarre
Blick nach Süd in die Krypta Saint-Ébrégesile

 

Die Schiffe werden von 6 Säulen markiert. Sie sind, bis auf die mittlere auf der Ostseite, römische Spolien. Die Kapitelle wurden in einer Werkstatt in den Pyrenäen aus weißem Marmor gemeißelt.

 

Jouarre
Krypta Saint-Paul, Kompositkapitell, Kannelierte Säule: Nachbildung
19. Jh.
 
 
JouarreKrypta Saint-Paul, Kapitell korinthischer Ordnung auf römischer Säule

 

Die Kapitelle

Die Kapitelle sind angesichts der in der Literatur häufiger zu findenden skeptischen Bemerkungen zu merowingischer Skulpturen (Carl Pause) von überraschender Qualität.

 

Sind sie wirklich merowingisch? Xavier Barralt i Altet spricht im "Frühen Mittelalter" von teilweiser Wiederverwendung und Kopien nach antiken Vorlagen. In "Skulptur" läßt er die Frage offen, bringt aber Wanderarbeiter als Steinmetze in die Debatte ein. Das wird unterstützt von Georges Briche, der den Stil der christlichen Lombardei wieder erkennt.

 

Untermann schließlich berichtet von Skepsis der Experten hinsichtlich der Datierung "7. Jahrhundert" und der generellen Vermutungen, daß als "merowingisch" bezeichnete Marmorkapitelle schon vor dem Jahre 500 in Steinbrüchen der Pyrenäen gefertigt wurden, Nachbildungen aber aus dem 8. Jh. sein könnten.

 

Ich habe in Jouarre verstanden, daß die Kapitelle aus merowingischen Werkstätten in den Pyrenäen kamen. Das schließt nicht aus, daß dort zugereiste Spezialisten arbeiteten.

 

Die Gräber

Die interessantesten Schätze sind die Sarkophage bzw. Scheinsärge.

Links vom Eingang steht der Steinsarg des Agilbert. Der Bruder der Theodechilde war Bischof in Dorchester und in Paris, eine hochrangige Persönlichkeit also, wie die Qualität der Skulpturen bezeugt. Der Sarg, ein Monolith, ist der wichtigste neben dem Grab der Theodechilde.

 

Jouarre
Detail: Christus der Weltenherrscher inmitten der Auserwählten
 
 
 
Jouarre
Der Pantokrator mit dem Buch des Lebens und den Symbolen der Evangelisten

 

Dies sind ausgezeichnete Arbeiten, denen an der westgotischen Kirche Santa Maria, aus dem gleichen Jahrhundert weit überlegen. Die Reliefs sind viel prononcierter, die Ausdruckskraft beeindruckend. Die Auferstehungsszene soll eine der ältesten erhaltenen Darstellungen dieser Art sein.

 

Jouarre
Kenotaph der Theodechilde

 

Der Pantokrator inmitten der Evangelisten-Symbole ist eine häufige Darstellung im Mittelalter. Außergewöhnlich die Stellung beider Hände auf dem Buch des Lebens. Eine ist gewöhnlich zum Segensgestus erhoben. Nach der Archivarin des Klosters, Schwester Telchilde de Montessus, ist es die einzige bekannte Darstellung dieser Art im fränkischen Gallien. Man muß die Krypten verlassen, um diese Skulptur durch ein Fenster in der Westwand bewundern zu können.

 

Den kostbaren Scheinsarg der Theodechilde schmückt eine attraktive Dekoration, die Aneinanderreihung immer gleicher Muschelschalen, Symbole des den Menschen vor der Auferstehung umschließenden Grabes. Die umlaufende lateinische Inschrift hebt die Verdienste der ersten Äbtissin hervor. Das Kenotaph steht über dem eigentlichen Sarg.

 

Jouarre
Merowingische Mauer

 

In der Mehrzahl der übrigen Särge waren Angehörige der Gründerfamilien, teils Äbte und Äbtissinnen des Klosters, bestattet. Es würde hier den Rahmen sprengen, darauf einzugehen.

 

Eine Aussage zum Mauerwerk kann ich doch machen. Im Westen der Krypta Saint-Paul findet sich ein dem römischen "opus reticulatum" nachgeahmtes Mauerstück, das mir sehr bekannt erschien. Farbiger und reicher sah ich es an der karolingischen Königs-Halle Lorsch. Dort sind die Steine durchgehend farbig, in Jouarre ist wohl nur der Mörtel eingefärbt.

 

Gern danke ich abschließend dem Tourismusbüro in Jouarre für die Ausnahmeerlaubnis zum Fotografieren während einer Führung. Sie ermöglichte es mir, auch über diesen Bereich vorkarolingischer Kunst zu berichten.

 

Architektur- und Kunstinteressierte sollten, wenn ihr Weg sie in die Champagne führt, Jouarre nicht links liegen lassen. Die Führungen sind in französischer Sprache. Deutsche Texte liegen in den Krypten aus.

 

 

Literatur:

Barral i Altet, Xavier: Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Georges Duby/Jean-Luc Daval (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999 – S. 255

Barral i Altet, Xavier: Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997 – S. 90ff

Brandt, Ulrike, Merowingische und westgotische Kapitelle, in: Kapitelle des Mittelalters, Uwe Lobbedey (Hrsg.), Münster, Scriptorium, 2004 – S. 22ff

Biedermann, Hans, Knaurs Lexikon der Symbole, München, Droemer/Knaur, 1989 - S. 296

Février, Paul-Albert, Gallien und Germanien, in: Propyläen Kunstgeschichte – Spätantike und frühes Christentum, von Beat Brenk (Hrsg.), Propyläen-Verlag - S. 292ff, 298

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Holzminden Volker Hennig, Reprint der Originalausgabe von 1909

Kinder, Hermann/Hilgemann, Werner, dtv-Atlas Weltgeschichte, München, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 25. Auflage, April 2000

Montessus, soeur Telchilde de: Jouarre et ses cryptes, St. Léger Vauban (F), Ateliers de la Pierre-qui-Vire,

Müller-Wille, Michael, Königtum und Adel im Spiegel der Grabfunde, in: Die Franken, Wegbereiter Europa , Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S.218

Pause, Carl, Stukkateur- und Steinmetzarbeiten, in: Die Franken, Wegbereiter Europas, Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S. 594f

Riché, Pierre, Kultur im merowingischen Gallien, in: Die Franken, Wegbereiter Europas, Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S.369f

Untermann, Mathias, Architektur im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006 – S. 73

Wood, Ian, Franken und Angelsachsen, in: Die Franken, Wegbereiter Europas, Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S. 343

 

Netz

Georges Briche: La présence des Celtes dans la Gaule mérovingienne et carolingienne

http://menarpalud.chez.com/sculpture.htm

Claude de Mecquenem, Les cryptes de Jouarre: un bilan archéologique provisoire (1840-20..)

http://medieval-europe-paris-2007.univ-paris1.fr/C.Demecquenem.pdf

 

Eigene Beobachtungen

 

 

 

 




GOTIK

Kathedrale von Saint-Denis

st denis paris 2 2

Während Saint-Denis, ein nördlicher Vorort, heute gelegentlich durch wenig erfreuliche Schlagzeilen von sich reden macht, war es im 12. Jh. ein befestigtes Städtchen, dem das Kloster, Grablege der französischen Könige seit dem 10. Jh., große Bedeutung verlieh. weiter >>

EINZELTHEMEN

Mittelalterliche Holzdecken und Dachstühle

decken5

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst. weiter >>

ROMANISCH

Der Dom zu Speyer

speyer4

Immer beseelte große Herrscher der Wunsch, sich in möglichst imposanten Bauten zu verewigen. Das war in der Antike so und endete nicht im Mittelalter. Karl der Große schuf in Aachen seine Pfalzkapelle, die ottonischen Kaiser Otto I. und Heinrich II. errichteten Dome in Magdeburg und Bamberg. Die Salier schufen innerhalb von einhundert Jahren – der Dauer der Dynastie – einen Bau der Superlative, der den Titel Weltkulturerbe mehr als verdient. weiter >>

KURZBIOGRAFIE

Einhard

einhard1

Der Sohn einer unbedeutenden mainfränkischen Adelsfamilie schaffte es über eine Klosterausbildung in den engsten Beraterkreis Karls des Großen aufzusteigen. Als einziger der Karlsberater faßte Einhard Fuß am Hof des Thronfolgers. Den Zerfall des fränkischen Reiches sah er voraus, aber seine mahnende Stimme war leise geworden. Sein Ruhm, vor allem als Historiker und Biograf, begleitete ihn in die Einsamkeit des Odenwaldes. weiter >>

ROMANISCH

Klosterkirche Jerichow

jerichow02

Aus den grünen Elbauen im nördlichen Sachsen-Anhalt steigen braun-rote Doppeltürme auf und weisen seit 800 Jahren den Weg zur Klosterkirche, dem frühesten Denkmal romanischer Backstein-Architektur. weiter >>

GOTIK

Kathedrale von Wells

wells09

Inmitten großer Rasenflächen bezeugt The Cathedral Church of St Andrew den Willen englischer Baumeister der in Frankreich gewachsenen Gotik mit Ideenreichtum und virtuosem Können ein eigenes Gepräge zu geben. Sie bieten dem Besucher einige ihrer charakteristischen Entwicklungen, wie Chapter House, Lady Chapel und - einmalig in der Architekturgeschichte - die berühmten Scherenbögen. weiter >>