lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Vorromanisch

 

vorromanisch

Reisebericht

Auf den Spuren der asturischen Baukunst

 

3. bis 6. Mai 2011

 

Ich lasse den schweren Messingtürklopfer fallen. Der Lärm hätte Schlafende geweckt.

 

San Pedro de Nora – wohl 9. Jh

 

Eine mäßig freundliche Dame öffnet, und ich sage mein eingeübtes Sprüchlein in der Landessprache auf. Es ergießt sich über mich eine Kaskade spanischer Wörter, der ich entnehme, daß die Hüterin des Schlüssels zur Kirche S. Pedro de Nora im Urlaub ist. „Dos semanas“ wird nachgeschoben, und höre ich nicht einen Hauch von Schadenfreude? Ob das alles stimmt? Kirche und Haus stehen auf demselben Grundstück.

 

Wie immer, die Botschaft ist auch so enttäuschend genug, wie ich an den Mienen meiner Mitreisenden ablese. Christine und Konstantin habe ich überreden können, mich auf einer „Expedition“ in die asturische Bergwelt zu begleiten, obwohl präromanische Kirchen  - Asturische-Vorromanik  - nicht zu ihren bevorzugten Interessen gehören. Aber anschließend winkt für sie noch das Naturschutzgebiet der Picos de Europa.

 

Wenn schon nicht innen, dann aber voller Einsatz außen

 

Nun stehen wir hier auf einer besonnten Wiese vor diesem ehrwürdigen Bau, der knapp 1200 Jahre auf dem Buckel hat. Es ist absolut ruhig. Der Verkehrslärm der A 63, von der wir kommen, ist nicht zu hören. Die Vögel zwitschern, das nahe Flüsschen Nora plätschert. Eine Idylle fraglos, auch ohne Schlüssel.

 

Aber das ist schon die zweite Enttäuschung an diesem sonnigen Morgen. Nach gut einstündiger Fahrt von Oviedo aus nach Nordwest, zunächst auf der A 63, dann auf der AS 236 durch schöne Berglandschaft standen wir gegen 9.30 auf einer anderen idyllischen Wiese in einem Weiler namens Santianes vor einer noch älteren Kirche im gleichen Stil (Santianes de Pravía) und warteten auf die im Internet verkündigte Öffnung um 10.00.

 

Auf dem Weg nach Santianes
 

Kein Mensch zu sehen. Bald wurde es auch still, als der schwarze Haushund nebenan nach einer Weile seine Stimmbänder schonte. Doch dann Bewegung auf der Straße. Den Berg hinauf tuckerte ein Gefährt in Blau, eine nie gesehene Mischform aus Mini-Trecker und Mini-Laster. Vorn war knapp Platz für Bauer und Bäuerin. Der Saum ihres Sonntagstaates flatterte im Fahrtwind.

 

Als der Termin endlich heran rückte, erinnerten wir uns daß dies halt Spanien ist und gaben nochmals 20 Minuten zu. Außen war alles Interessante schon fotografiert.

 

Santianes de Pravía – (2. Hälfte 8. Jh.)
 

Vergebliche Hoffnung. Also auf nach Pravía, etwas südlich, zur Touristeninformation. Im mittelgroßen Städtchen, auch schon mal Hauptstadt des Königreiches Asturiens gewesen, suchten wir das „Oficina de Turismo“ und fanden es schließlich, wie oft erlebt gut versteckt, inmitten von Einbahnstraßen.

 

Die Stimmung wurde nicht besser, auch nicht, als wir schließlich, nun lange nach der angekündigten Öffnungszeit, vor verschlossener Tür standen. Kurz, die Damen und Herren hatten einige Tage Urlaub genommen, wie Konstantin in einer kleinen Notiz entdeckte. Hätte man das nicht auf der Tafel mit den Öffnungszeichen an der Kirche erwähnen können? Typisch deutsche Frage.

 

Wo bleibt der Schlüssel? (frühes 21. Jh.)
 

Also auf nach San Pedro de Nora, auf dem Wege nach Oviedo. Wir haben 8 Kirchen im Visier, in zwei Tagen. Ein mutiges Programm. Doch sollte es immer so laufen wie heute morgen, würden wir viel Zeit zum Sidra-Trinken haben.

 

Konferenz auf der Wiese vor San Pedro. Wir könnten kurz vor dem Beginn der Siesta in Oviedo sein. Meine Sorge ist, daß sich an dem viel besprochenen ehemaligen Sommerpalast und späteren Kirche Santa María del Naranco, die Touristenbusse drängeln, vielleicht aber nicht so kurz vor Schließung? Also fahren wir.

 

Und da liegt das Gebäude, so oft auf Fotos bewundert, oberhalb von Oviedo an der Flanke des Monte Naranco. Die gelegentlich durch einen Wolkenschleier hervorkommende Sonne läßt den hellen Sandstein leuchten. Und - keine Touristenbusse, keine Menschenmassen. Eigentlich unfair, bin ich doch auch schon Teil einer Touristenladung gewesen. Egal, ein Werkstein gewaltiger Größe rollt von meinem Herzen.

 

Santa Maria del Naranco – 9. Jh.

 

Ich habe erstmal keinen Blick für die wundervolle Bauplastik. Während Christine und Konstantin zu Außenaufnahmen ausschwärmen, stehe ich hoffnungsvoll vor einem Tisch, hinter dem eine Dame mit schon durchweichtem Taschentuch immer wieder ihr Nasensekret wegwischt. Kein Wunder bei ihrem verliesartigen feuchten Arbeitsplatz, immerhin passend zur „location“.

 

Ich bin der einzige Kunde. Aber man telefoniert. Ich verstehe kein Wort, sehe aber, das wird dauern. Das Gesprächsklima ist instabil. Einmal denke ich, jetzt hat sie der Partner richtig geärgert und sie schmeißt den Hörer hin. Dann schmust man wieder, aber bald darauf wieder lautstarke Verärgerung. Der Zyklus wiederholt sich einige Male. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, wage mal diskret auf die Uhr zu schauen, aber nicht, mich zu räuspern. Diese Ungewißheit. Wird sie mir nach dem Auflegen mit Hinweis auf die Siesta die Tür weisen?

 

Santa Maria del Naranco – 9. Jh.

 

Nein! Sie verkauft mir 3 Karten mit dem Hinweis, daß es eine Führung in spanischer Sprache gibt. Auch egal. Ich liebe diese Frau.

 

Ich rufe meine Begleiter und dann dürfen wir endlich ins Allerheiligste. Beim Anblick werden mir die Augen feucht. Immerhin habe ich jahrelang auf diesen Augenblick gewartet. Die Bauplastik ist für die Epoche wirklich überwältigend, auch für den, der schon Fotos und viele andere Bauten gesehen hat.

 

Wir konnten in der hohen Halle des Sommerpalastes des Königs Ramiro I. nach Herzenslust fotografieren und auch im flacheren Erdgeschoß. In einem weiteren Dokument werde ich versuchen, diesem Bau gerecht zu werden.

 

Erleichterung! Der erste Erfolg. Also auf nach San Miguel de Lillo, der Palastkapelle des obigen Königs, gleich um die Ecke. Sieht auf den Fotos immer sehr schön aus im Abendlicht.

 

Doch der Schutzheilige der Romanik Fans läßt uns nicht übermütig werden. Der ganze Bau ist mit Kunststoffplanen verhängt, ein Jammer. Wir unterdrücken abermalige Enttäuschung und trösten uns mit der Erkenntnis, daß es ohne Restaurierung keine asturische Baukunst mehr gäbe.

 

Inzwischen knurrt der Magen. Auf der anderen Seite des Berges finden wir ein Ausflugslokal mit Terrasse und Blick auf Oviedo. Das Studium der Speisekarte ist schwierig bis unmöglich. Man hätte sich zu Hause um das Vokabular kümmern sollen. Aber „jamon“ und „queso“ kennen wir. Da macht man nichts falsch.

 

Während gekocht wird, haben wir die Möglichkeit, das merkwürdige Zeremoniell des Sidra-Ausschenkens zu beobachten. Der Kellner nimmt die Flasche in die hoch gestreckte Rechte. Das Glas in der Linken ist tief unten. Dann gießt er, den Blick konzentriert nicht etwas auf das Glas sondern auf die Flasche gerichtet. Künstler treffen und schwenken das Glas noch sacht hin und her. Dieser war keiner, und wir verstehen, warum der Boden mit Sägemehl bestreut ist.

 

Essen - die Küche ist deftig, reichlich und gut. Ein bißchen Siesta, entspanntes Schwatzen, Diskussion, Entscheidung. Wir fahren nach Nordosten zu einem Ort mit dem schöne Namen Villaviciosa. In der Nähe gibt es 2 asturische Kirchen, eine Klosterkirche und eine Pfarrkirche.

 

Also hieven wir uns satt ins Auto. Christine fährt wieder. Oviedo ist von Autobahnen umgeben und durchzogen. Das macht die Stadt nicht hübscher, erleichtert aber das Vorwärtskommen.

 

Hórreo – Vorratsspeicher

 

Wir nehmen die A 64 Richtung Nordost. Villaviciosa liegt fast an der Küste. Die Pfarrkirche sollen wir in einem Weiler namens Priesca finden. Wir lassen die Stadt rechts liegen und verlassen nach etwa 10 km die Autobahn, um uns auf Straßen, die wir als solche 3. Ordnung einordnen, dem Ziel zu nähern. Es wird wohltuend ruhig, ländlich. Schöne Hügellandschaft mit viel Wald. Neben Bäumen der gemäßigten Zone sind auch mediterrane Gewächse anzutreffen. Eukalyptus ist in unseren Breiten durchaus ungewöhnlich.

 

Und immer wieder die alten Vorratsspeicher, Hórreos, auf vier oder sechs sich nach oben verjüngenden Pfeilern. Es gibt noch Tausende, in vielen Formen, mal geschlossen, dann mit Stäben versehen, manchmal mit Umgang. Vor allem wohl für die Lagerung von Mais. Zwischen den Spitzen der Pfeiler und dem eigentlichen Bauwerk verhindern große Steinplatten Nagern den Zugang.

 

Christine und Konstantin

 

Ein schmaler Weg, hügelan. Abbildungen von Muscheln am Wegrand zeigen daß dies der Camino de la Costa, einer der Pilgerwege nach Compostella ist.

 

Und da liegt sie schon rechts, die alte Dame, San Salvador de Priesca, (10. Jh.,) komplett mit Pilgerin (21. Jh.), die fleißig fotografiert und sich dann auf den mühsamen aber vielleicht heilbringenden Weg nach Westen macht.

 

Der Esel vom Dienst

 

Und wieder Stille. Der melodische Ton einer Glocke, ausnahmsweise am Hals eines Esels, unterstreicht die Stimmung. Keine Menschenseele. Die wenigen Häuser abweisend. Ich kann mich nicht recht entschließen, auf Verdacht zu klingeln und fotografiere erstmal.

 

Christine hat gottlob weniger Hemmungen und erscheint kurz mit einem blondstruppigen Burschen, dessen holländischen Akzent man selbst aus dem Spanischen heraushört. Er zeigt auf ein Haus, Christine schellt und erscheint bald mit einer älteren Frau, die einen Schlüssel schwenkt. Ich beschließe, auch sie zu lieben.

 

Pfarrkirche San Salvador de Priesca – Anfg. 10. Jh.

 

Sie ist aber auch sehr nett, ich kann ein bißchen französisch mit ihr plaudern. Sie erklärt  daß noch Gottesdienst in dieser Kirche gehalten wird. Dann setzt sie sich still in eine Ecke und läßt uns fotografieren und schauen, solange wir wollen, ja, auch fotografieren, ohne Blitz natürlich, trotz der Wandmalereien, die hier weniger gut erhalten sind als die in San Julián de los Prados, wie wir am nächsten Tag sehen.

 

Der jüngste Bau der asturischen Präromanik wirkt innen größer als erwartet. Ein weiteres befriedigendes Erlebnis. Die erste Kirche von innen. Eine Glückssträhne? Ich schöpfe wieder Hoffnung.

 

Innen nach Ost

 

Es steht noch ein Bauwerk auf dem Programm heute. Nicht weit von hier gibt es eine Klosterkirche aus der gleichen Periode, auf dem Gelände des Zisterzienserklosters Santa Maria de Valdediós. Wir wissen nicht, ob wir sie sehen können. Im Internet ist von Restaurierung die Rede.

 

Es geht zurück auf der Autobahn 64, bis wir abbiegen können und auf schon vertrauten schmalen Wegen das Ziel erreichen, nicht weit von der Landstraße AS 267 entfernt.

 

San Salvador de Valdediós –(Ende 9. Jh.)

 

Ja, es wurde professionell restauriert. Ein großes Schild verkündet das Ende der Arbeiten und die Kosten (knapp Euro 400.000.)

 

Die ehemalige Klosterkirche steht auf einem großen Wiesengelände, aufwendig eingezäunt, mit verschlossenem Gittertor. Weiter hinten die großen Gebäude des Klosters und auch die neue Kirche.

 

Ein Aushang verkündet, daß wir die letzte Führung verpaßt haben. Ich zucke die Schultern, milde gestimmt von den vorherigen Erfolgen. Immerhin können wir von außen gute Fotos durch das Gitter machen.

 

Werner und Konstantin

 

Aber die Jugend! Christine marschiert zu den Mönchen, holt wahrscheinlich ihr bezauberndes Lächeln hervor und wird belohnt mit einem jungen Mann in Zivilkleidung - und mit Schlüssel. Er spricht ein wenig Englisch, läßt uns auf die Wiese und in die Kirche. Doch, wie ich vermutet hatte – nach der teueren Restaurierung – Fotografierverbot. Es gilt, gut erhaltene alte Wandmalereien zu schonen. Ich erkläre, daß wir eigens aus Köln (wo ist das?) kommen, nur wegen der asturischen Baukunst. Der Junge ist unsicher aber nicht umzustimmen. Schade. Doch der Bau ist auch so ein Erlebnis.

 

Und so beenden wir den Arbeitstag unter dem Strich mit der Zensur 3 plus für „Erreichen der Vorgaben“, geben aber je eine 1 für „Stimmung“, „Wetter“, „Landschaft“.

 

Zurück in Oviedo dann hinauf zur Altstadt mit der spätgotischen Kathedrale. Neben ihr der Rest einer weiteren präromanischen Kirche, El Tirso.

 

Kathedrale von Oviedo – Spätgotik
 
 
El Tirso, Frühromanik, Teil der Ostfassade
 
 
Oviedo, Altstadtgasse

 

Die Altstadt lädt zum Bummeln ein. Viele Kneipen und Restaurants, in denen gut und vor allem reichlich gegessen und getrunken wird.

 

Es ist nicht schwer, ein Gutes zu finden, mit Müll vor einer langen Theke, wie es sich gehört in Spanien. Traumhaft zarte Baby-Calamaris begießen wir mit einem Weißwein des Marques de Cárceres.

 

Am nächsten Tag Strategiebesprechung beim Frühstück. Nur 2 Kirchen auf dem Zettel.

 

San Julián de los Prados; Oviedo – erste Hälfte 9. Jh

 

Konstantin fragt besorgt, ob ich einen Plan B habe. Habe ich. Zwar „nur“ eine romanische Kirche in Teverga, einem Weiler südöstlich von Oviedo, dafür aber in einem Naturschutzgebiet, in dessen Inneren es noch eine Braunbären-Population gibt. Die Benediktiner Klosterkirche stammt aus dem 11. Jh., asturische Romanik halt. Lassen wir es gelten.

 

Die Karte zeigt uns, daß wir von dort durch eine Landschaft mit wenigen Straßen und noch weniger menschlichen Siedlungen zu Santa Christina de Lena kommen, südlich von Oviedo. Es ist die letzte, präromanische Kirche im Programm.

 

Fotografierverbot innen erhöht Motivation

 

Fast vergessen wir, daß da noch die Iglesia de San Julián de los Prados ist, in Oviedo selbst. Wir vertrauen uns dem Navi an und genießen eine knapp einstündige Tour durch Oviedos östliche Industriegebiete und Kleingärten. Zu spät realisieren wir, das „Prados“ die Wiesen meint und nur angibt, daß die Kirche damals außerhalb der Mauern der Hauptstadt erbaut wurde.

 

Diese wohl größte erhaltene Kirche asturischer Baukunst, liegt in einem schönen Park, gleich neben der Autobahn A6, und hier ist er auch, der Touristenbus. Aber die Skandinavier stören nicht, sitzen brav in den Kirchenbänken und lauschen der Reiseführerin, während wir uns umsehen. Wegen der noch gut erhaltenen Wandmalereien darf auch hier nicht fotografiert werden. Sehr beeindruckend, aber man stumpft ein wenig ab, und die Gedanken sind auch schon bei Santa Christina de Lena.

 

Es ist noch früh am Tag. Wir beschließen zu den Braunbären aufzubrechen, genauer zu San Pedro de Teverga, in dem Weiler La Plaza.

 

Auf dem Weg nach Teverga

 

Die Karte zeigt schon, daß es einsam werden wird und reizvoll. Die grüne Markierung neben der AS 228 hat volle Berechtigung. Auf weiten Strecken verläuft sie, kurvenreich aber gut ausgebaut, neben dem Rio Trubia. Manchmal begleitet ein Wanderweg Fluß und Straße. Wenig Verkehr, je weiter wir nach Süden kommen. Oft verläuft die Strecke in einer Schlucht oder im Tunnel. Dann wieder weitet sich der Blick auf almähnliche Wiesen aus denen nackte Felsen emporwachsen.

 

Die Fahrt dauert. Wir müssen die Straße verlassen und in einem der kleinen Dörfer fragen.

 

Schließlich sind wir da. Hätten wir sie nicht gesucht, wären wir an der romanischen Kirche vorbeigefahren. Der Turm ist neuzeitlich, und die direkt an der Straße liegende Südseite ist wenig auffällig. Die guten Skulpturen an der Traufe entdeckt man erst bei genauem Hinsehen.

 

San Pedro de Teverga (2. Hälfte 11. Jh.)
 
 
dito

 

Aber zunächst lassen wir uns von der Umgebung verzaubern. Die Sonne scheint und wieder diese Stille. Dies ist ein Platz, an dem man Urlaub machen möchte.

 

La Plaza
 
 
dito

 

Beim Fotografieren der Südwand der Stiftskirche treffe ich auf eine Dame, die sich am Eingang zu schaffen macht. Eingedenk unserer bisherigen Erfolge bei solchen Kirchenhüterinnen, versuche ich es auch hier. Und es klappt. 10 Minuten haben wir Zeit.

 

Und die brauchen wir auch für das 3-schiffige Langhaus, die Skulpturen und einen 2-geschossigen Innenhof/Kreuzgang – aus Holz, der allerdings aus dem 17. Jh.

 

Kollegiats-Stiftskirche San Pedro de Teverga, - Innenansicht
 
 
dito

 

Das hat sich gelohnt. Macht Erfolg hungrig? Jedenfalls knurrt der Magen. Was hat die arme Christine gemacht, während wir mittelalterliches Bauen erkundeten? Einen kleinen Spaziergang und dabei ein Gartenrestaurant gefunden. Traumhaft. Wir sind die einzigen Gäste.

 

Speisen im Restaurant La Chabola
 
 
dito

 

Hier stimmt alles, bis auf unsere mangelnde Kenntnis der Landessprache, mit der wir schließlich wieder bei „jamon iberico“, Rauchfleisch, Weißbrot und Rotwein landen, ein Genuß bei der Umgebung, dem Wetter und der Begleitung.

 

Wir hätten stundenlang sitzenbleiben mögen, aber da war noch die längere Fahrt zu Santa Christina de Lena, der letzten Kirche im Programm.

 

Wir müssen ein Stück zurück auf der AS 228, ehe wir nach Südost auf die AS 229 bzw. 230 abbiegen. Auch diese Strecke wird auf der Karte durchgehend als landschaftlich schön bezeichnet und wieder haben die Kartographen Recht. Nachdem wir einen lang gestreckten Stausee (Embalse de Valdemurio) passiert haben, beeindrucken uns rechts die Berge der Sierra de Sobia, links die der Sierra de Aramó.

 

Die Straße ist noch einsamer als die AS 228. Genuß ohne Konkurrenz auf der Straße.

 

Nichts „Böses“ ahnend, rundet Christine eine Kurve und da - eine Kirche. Steht nicht auf dem Zettel. Aber ehe mich Komplexe befallen wegen mangelhafter Vorbereitung, sehe ich, das ist „nur“ Romanik. Allerdings „Romanik, wie es sich gehört“, wie es einer meiner Lehrer formulieren würde.

 

Der Bau, San Pedro de Arrojo, ist aus der 1. Hälfte des 13. Jh., vor kurzem tadellos restauriert.
Die Kirche ist einschiffig, mit runder Apsis, die beginnt, in den Boden einzusinken. Wir können nicht hinein, aber allein der Bauschmuck außen ist beachtenswert, vor allem der des Portals und die Skulpturen – Gesichter und Masken – unter der Traufe der Apsis.

 

San Pedro de Arrojo – 1. Hälfte 13. Jh.
 
 
dito

Wir würdigen und fotografieren entsprechend, aber Santa Christina wartet.

 

Bald windet sich die tadellos ausgebaute Straße in engen Kurven hinauf bis auf etwa 1300 m. Die Aussicht ist bei diesem Wetter traumhaft. Bei einem gut ausgebauten Aussichtspunkt halten wir. Tief unten liegt ein Dorf, dessen Namen wir nicht kennen.

 

Blick auf ein Dort, dessen Namen wir nicht kennen
 
 
Paßhöhe auf dem Weg zu Santa Christina de Lena

 

Wir reißen uns los. Es geht noch höher hinauf bis zu einer Paßhöhe.

 

Dann, bergab auf weiterhin kurvenreicher Straße, ist es nicht mehr weit bis Pola de Lena. Der Verkehr nimmt zu. Wir müssen auf die A 66, wenige Kilometer nach Süden, und dann liegt die ehemalige Einsiedelei links, einsam auf einem grünen Hügel, inmitten von Wald und Wiesen.

 

Wir umkreisen den Hügel und finden einen schmalen Feldweg, der hinauf führt. Christine nimmt ihn mutig unter die Räder, während ich überlege, wie wir einen abgerissenen Schallkämpfer der Versicherung schmackhaft machen können.

 

Und da bietet sich Auge und Ohr Bukolisches. Angepflockte Ziegenmütter lassen ihre Glöckchen erklingen. Der Nachwuchs tobt frei herum, unbeeindruckt von dem alten Gemäuer, auf dessen Sockel sie Kletterübungen machen. Abseits herzt sich ein Menschen-Pärchen im Gras. Ringsum schöne Aussicht auf Wald und Berge.

 

Santa Christina de Lena
 
 
dito

 

Aber der Schlüssel fehlt. Laut Internet soll er in einer knappen halben Stunde kommen.

 

Die Zeit wird uns nicht lang, zumal die Sonne scheint. Die Zicklein unterhalten uns mit munteren Scheinkämpfen. Wir fotografieren die Kirche von außen, sitzen im Gras, bewundern die Landschaft, in der nur die nahe Autobahn stört.

 

Dann kommt pünktlich der Schlüssel in den Händen einer blonden mittelalterlichen Bäuerin. Durchaus ansehnlich die Herrin der Ziegen. Ihr kalbsgroßer langhaariger Hund läßt sich auf den kühlen Kirchenboden platschen.

 

Es gibt keine Probleme. Wir können bleiben und fotografieren solange wir wollen, dürfen nur den erhöhten Chor nicht betreten.

 

Santa Christina de Lena - Chorschranke
 
 
Santa Christina de Lena
 

Wir finden viele Ornamente aus der Naranco-Kirche wieder.

 

Das war ein würdiger Abschluß unserer Besichtigungen. Entsprechend gut ist die Stimmung.

 

Auf der Rückfahrt nach Oviedo beschließen wir, die Tour wieder in der Altstadt ausklingen zu lassen. Christine und Konstantin freuen sich auf die Picos de Europa. Ich tröste mich mit der Aussicht auf zarte Baby-Calamares und einen guten Tropfen vom Marques de Cárceres.

 

 

 
 




 

sakralarchitektur

Vorromanische Kirchen

 

Nach und neben germanisch beeinflußten Sakralbauten ist Raum für faszinierende regionale Zwischenstile in der Spätphase des Frühmittelalters. Sie läuten de Epoche der europaweit aufblühenden Romanik ein...

 

 

 

 

 

San Miguel de Escalada

Die Invasion der Mauren überrollte vor 200 Jahren ihre Vorfahren in Córdoba. Jetzt flüchten die Nachkommen aus der Weltstadt nach Norden ins christliche Asturien, wo sie in menschenleerer Einöde ein architektonisches Kleinod im Stil ihrer ehemaligen Herren bauen. weiter >>


Asturische Vorromanik

Von der Welt wenig beachtet träumt in den Bergen Nordspaniens eine Architektur, die ebenso alt ist wie die karolingische. Diese Baukunst schuf eine Dynastie, die früher gegründet wurde und länger Bestand hatte als das Reich Karls des Großen. weiter >>


Bartholomäus-Kapelle, Paderborn

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Reisebericht Asturien

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Ich mußte sie sehen. Hier ist mein Bericht. weiter >>


 

 

 

 

 

 

Vorromanische Kirchen (Fortsetzung)

...Es gibt unterschiedliche Auffassungen über die Einteilung der mittelalterlichen Stilepochen.

 

In meinem System, angelehnt an Wilfried Koch, differenziere ich bei den vor der Romanik entstandenen Baustilen noch einmal, während Andere unter dem Begriff "Vorromanik" alle Stile verstehen, die zeitlich der Romanik vorausgehen - von der Spätantike bis zur Ottonik.

 

Das erscheint mit zu pauschal und wird der komplizierten Entwicklung nicht gerecht.

 

So finden Sie in diesem Kapitel Stile, die in den vorhergehenden nicht besprochen wurden, aber noch nicht der Romanik angehören. Wichtigstes Beispiel ist die asturische Präromanik.

 

Vorromanische Stile gibt es auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Kroatien.

 

Auch eine mozarabische Kirche habe ich aufgenommen. Dieser Stil, von den spanischen Kunsthistorikern heute meist unter dem sperrigen Begriff "Architektur der Wiederbesiedelung" abgelegt, paßt rein zeitlich in dieses Schema.

 

 

Wilfried Koch, Baustilkunde, Sakralbau, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh, 1993

 

 




 

vorromanisch

Asturische Vorromanik

 

Von der Welt wenig beachtet träumt in den Bergen Nordspaniens eine Architektur, die ebenso alt ist wie die karolingische. Diese Baukunst schuf eine Dynastie, die früher gegründet wurde und länger Bestand hatte als das Reich Karls des Großen.

 

Geschichtliches 

Um die Architektur zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte angesagt ohne deren Kenntnis sich viele künstlerische Strömungen ohnehin nicht erschließen.

„Schuld“ sind die islamische Expansion und Tariq ibn Ziyad, der 711 mit einem Heer aus Berbern und Arabern die Straße von Gibraltar überquerte und nach der Schlacht am Rio Guadalete das seit etwa 300 Jahren bestehende Westgotenreich mit der Hauptstadt Toledo vernichtete. Dynastische Streitigkeiten der dünnen westgotischen Oberschicht erleichterten den Invasoren die Eroberung.

Westgotische Herrschaft blieb eine Weile im Osten (Roussillon und Katalonien) bestehen, aber es waren die Berge des Nordens in denen Reste des geschlagenen Heeres unter westgotischen Adligen den Widerstand organisierten. Schon 718 wurde Pelagius Führer des ersten christlichen Ministaates auf der vom Islam beherrschten iberischen Halbinsel.

Unter seinen Nachfolgern entwickelte sich erfolgreich das Königreich Asturien, das seine westgotischen Wurzeln nicht vergaß und lange das wichtigste der christlichen Herrschaftsgebiete blieb. Das erste siegreiche Gefecht 722 bei Covadonga wird von den Spaniern als Beginn der Reconquista gesehen, die bis 1492 andauern sollte.

Tüchtige Herrscher sicherten den Staat und bauten ihn weiter aus, wie

 

  •  Alfonso I. (739-57), der Katholische – vertrieb die Berber aus Galizien     
     
     
  • Alfonso II. (791-842) – Der Keusche, gründete Oviedo, schuf ein Verteidigungssystem südlich des Kantabrischen Gebirges, kämpfte gegen die Mauren. Die Kunde vom Jakobsgrab kam auf. Es entstanden Steinmetzwerkstätten und Ziegelproduktion    
     
     
  • Ramiro I. (842-50) Blüte asturischer Baukunst. Errichtete am Berg Naranco in Oviedo die Kirche San Miguel de Lillo sowie einen Sommerpalast, später zur Kirche Santa Maria geweiht, wehrte Wikinger und Mauren ab.    
     
     
  • Ordono I. (850-66) wehrte Wikinger ab, setzte Expansion im Süden und Wiederbesiedlung fort    
     
     
  • Alfons III. (866-910) Der Große (Alfonso III.) berief sich bei seinen Siegen auf die Hilfe des Apostels Jacobus – war kurz davor, das Emirat von Córdoba zu besiegen. Große Gebietsgewinne. Befestigte Duero-Linie, Schuf neue Hauptstadt León.   

 
 

Einige waren Kunstförderer (Goldschmiedearbeiten) und veranlaßten die Errichtung wichtiger Bauten.

 

Die asturische Vorromanik

So entstand ab der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts die asturische Baukunst, deren ältestes erhaltenes Beispiel die Kirche San Juan Evangelista de Santianes ist, das jüngste San Salvador de Priesca, Anfang des 10. Jahrhunderts geweiht.

Ich war kürzlich in der Region und habe die meisten Bauten besichtigen und fotografieren können.

 

 San Juan Evangelista de Santianes (2. Hälfte 8. Jh)
 
Pfeilerbasilika, 3 Schiffe, Rundbogenarkaden, Querhaus, halbrunde Apsis ergraben (Ausnahme in asturischer Frühromanik), kaum Bauskulptur, im Laufe der Jahrhunderte stark verändert.
 
 
San Salvador de Priesca (Weihe 921)

Dreischiffige Pfeilerbasilika,Empore im Westen, Wandmalereien, als Pfarrkirche genutzt

Zwischen diesen Kirchen liegen rund 150 Jahre und doch zählen die Kunsthistoriker sie zum gleichen Baustil.

 

San Pedro de Nora
 
Pfeilerbasilika, 3 Schiffe, 4 Joche, Rundbogenarkaden aus Backsteinen, kein Querhaus, 20. Jh. restauriert
 
 
San Julián de los Padros
 
Pfeilerbasilika, Rundbogenarkaden in Backstein, Querhaus mit je einer Vorhalle, Wandmalereien

WELTKULTURERBE

 

San Miguel de Liño (Weihe 848),  unter Ramiro I. erbaut. Nur noch Westteil erhalten (Vorhalle mit Empore und Nebenräumen plus 1 Joch des Langhauses). Wegen Restaurierung total unzugänglich. Kein Foto.

Weltkulturerbe

 

Santa Maria del Naranco (Mitte 9. Jh.)

Unter Ramiro I. erbaut, ursprünglich Sommerpalast, dann geweiht, einschiffiges Obergeschoss mit Gurttonne, abgeleitet von germanischen Königshallen, Untergeschoss mit Gurttonne, reicher Bauschmuck, prächtigstes Beispiel asturischer Frühromanik.

WELTKULTURERBE

 

Santa Christina de Lena (um 850)
 
Einschiffig mit 2 Nebenräumen und Vorhalle, Hochchor mit nur einer Kapelle, Emporen im Westen, westgotische Chorschranke
 

WELTKULTURERBE

 
 
San Salvador de Valdediós, Weihe 893
 
3-schiffige Basilika, hohes, schmales Mittelschiff mit Tonne, westliche Vorhalle mit Obergeschoss, erstmals wieder mozarabische Handwerker und islamischer Einfluss im Norden Asturiens (Hufeisenbogen, Fenster)

 

Nicht besucht habe ich die unter Alfons II. gebaute Cámera Santa, die in die Kathedrale von Oviedo integriert ist. Sie ist zweigeschossig, enthält wertvolle Schmuckstücke und auch Reliquien. Sowohl die Krypta als auch die obere Michaelskapelle sind mit Tonnen gewölbt, wobei nur das untere Gewölbe aus der Erbauungszeit stammt.

WELTKULTURERBE.

 

Die insgesamt etwa zehn in und um Oviedo erhaltenen Bauwerke haben viele gemeinsame Merkmale. Aber sie lassen auch Entwicklungslinien erkennen, beginnend mit tastenden Anfängen in Santianes, über deutliche Bezüge zu westgotischem Bauen, der Entwicklung eigener Stilmerkmale bis hin zur Übernahme karolingischer Elemente.

 

 

Der westgotische Einfluß

Prä-Romanische asturische Kirchen haben mit wenigen Ausnahmen (Santa Christina de Lena und Santa Maria del Naranco) basikalen Grundriß mit 3 Schiffen. Dieser klassische römische Bautypus wurde von den Westgoten übernommen. In der Regel folgt im Osten ein 3-teiliger Chor.

Auch die gelegentlich anzutreffenden Querhäuser finden sich in westgotischer Baukunst.

 

San Pedro de Nora, Drillingsfenster zur cámera oculta. Mit Rundbogen aus Backstein.

Dann ist da der seltsame Brauch, über dem Chor einen unzugänglichen Raum (cámera oculta) zu bauen, der bei den asturischen Kirchen nur eine Verbindung nach außen durch Zwillings- oder Drillingsfenster hat. Diese verborgene Kammer gab es vorher in westgotischen Bauten aber auch in mozarabischen. Der Sinn ist nicht erforscht, sagen die meisten Experten, doch gibt Barral i Altet in „Frühes Mittelalter“ einen Hinweis, der zum Nachdenken anregen sollte: Eremiten in extremer Klausur könnten hier gehaust haben, inmitten des normalen Klosterlebens. Eine ähnliche Vermutung gibt es hinsichtlich der Zellen in Santa Maria, Quintanilla de las Viñas. Wäre das so, könnte man einen Bogen spannen von den Wüsten-Eremiten des 4. Jh., über irische Einsiedler-Mönche des 5./6. Jh., diese cámaras ocultas bis zu den Kartäusern ab 11. Jh.. Gewagt, aber möglich.

 

Santa Maria del Naranco, Gurtgewölbe, oberer Saal.

 

Die Westgoten kannten und verwendeten Tonnengewölbe schon um 600. Sie wurden, oft als Gurttonnen, auch in asturischen Bauten eingesetzt.

Der in westgotischen Kirchen häufig verwendete Hufeisenbogen kommt in asturischen Bauten selten vor, obwohl dieser oft als arabische Erfindung betrachtete Bogen von den Westgoten schon vor 550, also weit vor der arabischen Invasion eingesetzt wurde. In Valdediós erscheint er erstmals wieder mit Alfiz-Rahmen. Untermann meint, daß mozarabische Steinmetze hier tätig waren.

Die schon aus der Antike bekannten Transennen (Fensterplatten) wurden übernommen und als Fensterverkleidungen und Chorschranken eingesetzt.

 

San Salvador de Priesca, Transenne als Fensterplatte in der Ostfassade, von innen
 
 
San Salvador de Valdediós, Hufeisenbogen mit Alfiz-Rahmen

Korinthisierende Kapitelle, die schon westgotische Kirchen schmückten, sind in fast allen asturischen Bauten anzutreffen, mehr oder weniger stilisiert.

 

San Salvador de Priesca, Korinthisierende Kapitelle
 
 
Santa Maria del Narancom, Kapitell auf gewunden kannellierter Säule, Tauband

 

Westgotische Kirchen und auch die asturischen trugen nur Glockenstühle (Der Turm neben San Pedro de Nora ist 20. Jh.)

Und schließlich führten die Asturier die Verwendung von Chorschranken fort. Viele sind verschwunden oder in den Museen. In Santa Christina de Lena ist eine teilweise westgotische Abschrankung vor Ort geblieben.

 

Santa Christina de Lena, Abschrankung mit 3 Rundbögen auf Säulen

 

Eigene Stilmerkmale

Zunächst fällt auf, daß die asturischen Bauleute den anspruchsvollen mörtellosen Großquaderbau der Westgoten aufgegeben haben, wie ihn Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (~700) zeigt. Wenn auch später, z.B. beim Sommerpalast am Berg Naranco, die Steine viel sorgfältiger bearbeitet wurden als in San Julián de los Prados, so ist der Unterschied eklatant. Entweder waren die Fertigkeiten verloren gegangen oder die Asturier scheuten den Aufwand. Jedenfalls bauten sie mit mehr oder weniger großen Bruchsteinen im Mörtelbett.

 

Santa Maria (~700, westgotisch), Großquader, mörtellos
 
 
San Julián de los Padros (~810, asturisch), Bruchsteine im Mörtelbett

Im Osten der Kirchen gaben die Asturier die bei den Westgoten nicht seltenen halbrunden Apsiden auf und wählten einen geraden Abschluß für den Chor, wie wir ihn auch bei den angelsächsischen und normannischen Kirchen Englands finden.

 

San Salvador Valdediós, (~900), flacher Chorabschluß

Die zahlreichen Strebepfeiler sind oft der Ästhetik und nicht statischer Notwendigkeit geschuldet. Die Meister verwendeten sie zur Gliederung des Baukörpers, wie in Santa Christina de Lena.

 

Santa Christina de Lena(~850) – Strebepfeiler als dekoratives Element

Hervorstechend ist die häufige Verwendung von Backsteinen. Nach Untermann soll in der Mitte des 9. Jh. nicht nur eine neue Steinmetzwerkstatt, sondern auch eine Ziegelbrennerei gegründet worden sein. Mit dem Abzug der Römer war die Kunst des Ziegelbrennens wohl untergegangen, wie auch in Deutschland. Dort ließ der Biograf Karls des Großen Anfang des 9. Jh. für seine Einhard-Basilika in Michelstadt-Steinbach Ziegel, von allerdings schlechter Qualität, brennen.

In Verbindung mit dem Naturstein wirken die Steine als dekorative Elemente.

 

San Julián de los Padros, (Santullano), Entlastungsbogen aus Backstein
 
San Pedro de Nora, Backsteineinfassung Okulus im Giebel

 

Auffallend sind auch Friese aus Dachziegeln unterhalb der Traufe, die die Dachbedeckung mit Mönch und Nonne imitieren.

 

San Salvador de Priesca, Ziegelfries über Zwillingsfenster

Auf dem Höhepunkt der Stilepoche entsteht reicher Bauschmuck. Der ehemalige Sommerpalast des Königs Ramiro ist ein herausragendes Beispiel. Es fallen viele Medaillons auf und Tatzenkreuze, – die auch die Westgoten schon verwandten – Säulen, Säulenpaare und Säulengruppen mit gegenläufigen eingekerbten Windungen, doppelte Schmuckbänder und natürlich viele Kapitelle, teilweise mit Tauband.

 

Santa Maria del Naranco, Medaillon im Zwickel der Rundbogen
 
 
Santa Maria del Naranco, Figurenkapitell mit Taubändern auf kannelierten Säulen, zopfartig gewunden

Haupt weist unermüdlich auf Ähnlichkeiten des Steinbaus mit dem Holzbau hin, und glaubt zu seiner Zeit (Beginn des 20. Jh.) noch Rundbogenfriese an original erhaltenen Dachbalken in San Julián de los Padros, (Santullano) gefunden zu haben. Gesimse in San Salvador de Valdediós und Santa Maria del Naranco führt er auf Vorbilder des Holzbaus zurück, ebenso die Doppelsäulen am Portal von Santa Christina de Lena.

 

Santa Christina de Lena, Doppelsäule am Eingang

Maurischer Bauschmuck wird von der asturischen Dynastie in Oviedo weitgehend vermieden, verständlich bei der politischen und religiösen Gegnerschaft. So verwendete asturische Architektur dieser Epoche prinzipiell den Hufeisenbogen nicht mehr.

Anfang des 10. Jh. jedoch, wenn auch im Süden des Königreiches, entstanden wunderbare Kirchen im mozarabischen Stil, von christlichen Zuwanderern aus dem arabisch besetzten Gebiet erbaut, wie San Miguel de Escalada (León).

 

Ähnlichkeiten mit karolingischem und ottonischem Bauen

Auf karolingische Einflüsse weist u.a. Renate Wagner-Rieger hin. Bemerkenswert sind die Westemporen, z. B. in San Miguel de Lillo,  (Barral i Altet) Santa Christina de Lena, San Salvador de Valdediós und San Salvador de Priesca.

 

Santa Christina de Lena, Westempore

Im 9. Jahrhundert beginnt man in Asturien damit, Kirchen mit Wandmalereien zu schmücken, wie in San Julián de los Padros, San Salvador de Valdedíos und San Salvador de Priesca. In den beiden ersteren (vor allem Scheinarchitektur und geometrische Formen) war das Fotografieren verboten.

 

San Salvador de Priesca, Wandmalerei im Langhaus
 
 
San Salvador de Priesca, Wandmalerei in der Kapelle

Besonders die Wandmalerei in Santullano (9. Jh.) wird von Pere de Palol in „Geschichte der Spanischen Kunst“ hoch gelobt. Er bringt sie in Verbindung mit der Klosterkirche von St. Johann in Müstair (CH), deren karolingische Wandmalereien aus dem gleichen Jahrhundert sind. Ich habe auch Müstair besucht und finde, daß die asturischen Bilder, zweifellos ganz wichtige Werke der Epoche, den karolingischen in Müstair hinsichtlich Bildinhalt, Farbigkeit und Lebendigkeit unterlegen sind.

Mit der Ottonik gemeinsam haben die hier besprochenen Bauten die Begrenzung auf ein bestimmtes Gebiet und die enge Bindung an eine Dynastie.

Nach Pere de Palol hat sich über der Cámera Santa (Um 800) schon eine Michaelskapelle befunden. Ein Vorgänger ähnlicher Kapellen in Ottonik (Sankt Pantaleon) und Romanik?

Die kurze Reise hat mich darin bestärkt, daß die asturische Vorromanik, zusammen mit der Ottonik, ein wichtiger regionaler Baustil ist. Sie bereiteten, zusammen mit anderen, der Romanik den Weg, die sich über ganz Europa ausbreitete und ihrerseits regionale Formensprachen schuf.

 

 

Literatur

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994, (S. 65ff., 72f., 76f. und 199ff.)

Barral i Altet, Xavier: Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997 (S.100ff., S.194ff.)

Barral i Altet, Xavier: Präromanische und romanische Kunst, in: Die Geschichte der Spanischen Kunst, Xavier Barral i Altet (Hrsg.), Könemann Verlagsgesellschaft mbH., 1997 (S. 83 ff)

Barral i Altet, Xavier: Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Georges Duby/Jean-Luc Daval (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999 (S. 259)

Grodecki, Louis und Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst und ihre Wurzeln, Harald Busch und Bernd Lohse (Hrsg.), Umschauverlag Frankfurt am Main, 1967

Haupt, Albrecht: Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Holzminden Volker Hennig, Reprint der Originalausgabe von 1909

Pere de Palol: Die westgotische Welt, in: Die Geschichte der Spanischen Kunst, Xavier Barral i Altet (Hrsg.), Könemann Verlagsgesellschaft mbH., 1997 (S. 59 ff.)

Wagner-Rieger, Renate, Architektur, in: Das Mittelalter I, Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990 (S.173)

Untermann, Mathias: Architektur im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006 - (S. 27ff., 65ff., 83f. und S. 124ff.)

Grodecki, Louis und Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst und ihre Wurzeln, Harald Busch und Bernd Lohse (Hrsg.), Umschauverlag Frankfurt am Main, 1967

 

Lexika

History of the Christian States, 711-1035, Britannica 2001 Deluxe Edition, CD-Rom

 

Internet

Die vorromanische Kunst in Asturien - die architektonische Avantgarde der Epoche Offizielles Tourismus-Portal Asturiens Diverse Wikipedia-Dokumente

 

Vortrag

Beutler, Werner, Die religiösen Orden und ihre Bedeutung für die Geschichte Europas, VHS Siegburg, März 1996
 
 

 




 

Ottonisch

Die Bartholomäus-Kapelle, Paderborn

 

Wer heute in Paderborn an der Nordseite des Domes vorbeigeht, trifft auf einen bescheidenen Bruchsteinbau mit halbrunder Apsis: die Bartholomäuskapelle. Im Vergleich zum Dom ist sie unscheinbar. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß der kunsthistorisch weniger Interessierte – vielleicht noch voll der Eindrücke von Bischofskirche und rekonstruierter Königspfalz – dem Bauwerk keine Beachtung schenkt. Das wäre ein Versäumnis.

 

Ostseite mit Apsis - Bruchstein unverputzt

 

Die Bartholomäuskapelle, fällt neben dem Dom kaum auf. Doch, wie auch in Gernrode, häufen die Fachleute Superlativ auf Superlativ.

 

Sie sprechen von der ersten Hallenkirche Deutschlands, dem ersten vollständig gewölbten Kirchenbau und der einzigartigen Technik der Hängekuppeln nördlich der Alpen. "Griechische" Bauleute errichteten ihn, einzigartig in Nordeuropa zu dieser Zeit. A. Fuchs meint gar, die Kapelle habe die Aufmerksamkeit der Kunstforschung mehr erregt als der Dom.

 

Das alles ist richtig. Nur - was in der mir zur Verfügung stehenden älteren Literatur völlig fehlt, sind Hinweise zur Funktion. Warum dieser einmalige Bau in Paderborn? Warum die Bauhandwerker aus dem Süden?

 

 

Funktion und Geschichte

Man könnte versucht sein, die Kapelle mit Theophanu, der byzantinischen Gattin Kaiser Ottos II. in Verbindung zu bringen. Aber schon von der Zeitabfolge her ist das nicht wahrscheinlich. Die Kaiserin starb 991. Das Baujahr der Kapelle war 1017. Es müßten byzantinische Handwerker über Jahrzehnte hier tätig gewesen sein - wo sind die Spuren ihres Wirkens? Die Grablege der Theophanu in der Klosterkirche St. Panthaleon in Köln wurde, soweit mir bekannt, von einheimischen Kräften errichtet.

 

Blick nach Ost

 

Zu erklären ist der Bau nur aus der Lebensgeschichte des Bischofs Meinwerk, aus seiner Lage im Ensemble von Kapelle, Dom und Königspfalz, und aus einem mittelalterlichen Brauch, der Festkrönung.

 

In einem überzeugenden Aufsatz legt Matthias Wemhof diese Zusammenhänge dar.

 

Meinwerk war einer der bedeutendsten Kleriker aus spätottonischer und frühsalischer Zeit. Er diente Otto III. in der Hofkapelle, und er war Vertrauter sowohl des letzten ottonischen Kaisers, Heinrich II., als auch des ersten Salierkaisers, Konrad II.. Ersterer ernannte ihn 1009 zum Bischof von Paderborn. Ihn begleitete er 1014 nach Rom zur Kaiserkrönung ebenso wie Konrad II. zu dessen Krönung im Jahre 1027.

 

Südliche Längswand

 

Die erste Romreise ist vielleicht der Schlüssel zum Bauwerk. Zum einen äußert der schon zitierte A. Fuchs die glaubhaft scheinende Vermutung, daß Meinwerk bei dieser Gelegenheit durch eine Kapelle auf einer Tiberinsel, auch dem Hl. Bartholomäus geweiht, die Anregung zum Paderborner Bau erhalten haben könnte. Zum anderen wußte Meinwerk mit Sicherheit, daß das Können der byzantinisch geschulten Handwerker in Süditalien dem der heimischen Kräfte überlegen war und könnte bei dieser Gelegenheit die in der Vita Meinwerci eines unbekannten Mönchs aus dem Paderborner Abdinghofkloster erwähnten "griechischen" Bauleute" angeworben haben.

 

Bartholomäus-Kapelle auf der Tiberinsel in Rom, um 1000 – häufig umgebaut,Turm 12. Jh.

 

Zur Finanzierung seiner Baulust standen Meinwerk ein ansehnliches Familienvermögen sowie reiche Schenkungen seiner königlichen Freunde zur Verfügung.

 

Den "neuen" Dom, als Nachfolger des abgebrannten, hatte er 1015 geweiht. Er war Vorgänger des heutigen Baus und entsprechend schlichter, z.B. mit einer Holzdecke über dem Mittelschiff, das die hiesigen Baumeister noch nicht überwölben konnten. Im Vergleich muß den Zeitgenossen das Innere der Bartholomäus-Kapelle mit ihrer vollkommenen Steinwölbung noch mehr beeindruckt haben als uns.

 

Nördliche Längswand

 

Auch die heute rekonstruierte Pfalz gleich nebenan mit einem 45 m langen Festsaal war im Bau oder fertig. So waren die besten Voraussetzungen für Festkrönungen gegeben. Wie oft sie stattgefunden haben, ist unbekannt, aber die Kaiser Heinrich II. und Konrad II. waren 9 bzw. 7 mal in Paderborn.

 

Die Historiker sagen uns, dass es Festkrönungen vom 10. bis 12. Jahrhundert häufiger gegeben hat. Zur Darstellung des Königtums als sakraler Macht wurden die Herrscher, meist an hohen kirchlichen Feiertagen, in einer Kirche durch den ranghöchsten Bischof mit den Reichsinsignien geschmückt und von dort in feierlicher Prozession in ein anderes Gotteshaus zum Festgottesdienst geleitet. Anschließend fand in der Pfalz das Festmahl statt. In diesem Zusammenhang ist nicht auszuschließen, daß die Bartholomäuskapelle zeitweise auch Aufbewahrungsort für die Reichsinsignien war.

 

Architektur

Nach dieser etwas ausführlicheren Erklärung der Funktion, nun zur Architektur des Inneren. Rein technisch betrachtet ist der Bau eine vierjochige Hallenkirche mit 3 Schiffen, die älteste Hallenkirche Deutschlands, auch wenn das relativiert werden muß, denn die in unserem Raum "serienmäßig" frühestens im 13. Jahrhundert gebauten Kirchen dieses Stils standen in einer ganz anderen Tradition.

 

Kapitell

 

Obwohl ich, gut vorbereitet, Fotos gesehen hatte, blieb ich staunend stehen. Welch ein hoher festlicher Raum, absolut aus dem Rahmen dessen fallend was ich an Kirchenbauten des 11. Jahrhunderts bisher kannte. Keine Frage, die Schöpfer kamen nicht aus unseren Breiten. Man hat zwar auch in der byzantinischen Architektur kein direktes Vorbild des Ganzen gefunden, wohl aber Beispiele solcher Einwölbungen.

 

Das Mittelschiff ist breiter als die beiden Seitenschiffe. Die Kuppeln sind im mittleren Schiff querrechteckig und in den Seitenschiffen längsrechteckig. Einige Kunsthistoriker vermuten, daß die Auskleidung der Kuppeln mit Mosaiken geplant war. Ein Blick in ravennatische Kirchen (>San Vitale) zeigt uns, um wie vieles festlicher noch der Bau geworden wäre.

 

Sechs schlanke und hohe Säulen tragen die Hängekuppeln. Halbsäulen stützen das Gewölbe an den Wänden.

 

Kapitelle

 

 

Die Kapitelle sind für Raum und Zeit von ungewöhnlicher Schönheit und zeugen von großer Kunstfertigkeit.

 

Die Längswände sind mit Nischen gegliedert, in denen hoch oben die Rundbogenfenster sitzen. Nach Prof. Wolff wird hier sehr früh die Wand nicht mehr als abgrenzendes Element, sondern als Körper gesehen. Unsere Baumeister brauchten noch Jahrzehnte, ehe sie begannen die Wand aufzulösen, eine der Voraussetzungen für die Gotik.

 

Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, dieses Juwel mittelalterlicher Sakral-Architektur der Ottonik zuzuordnen, fehlen doch fast alle wichtigen Stilmerkmale. Aber es fällt zeitlich und räumlich in diese Epoche und byzantinischer Einfluß ist auch in anderen ottonischen Bauten erkennbar. So hat die Kapelle bei vielen Kunsthistorikern in der Ottonik ihre Heimat gefunden.

 

Literatur

Braunfels, Wolfgang, Die Kunst im Heiligen Römischen Reich, Band II und IV, Verlag C.H. Beck, München, 1980

Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

Fuchs, Aloys, Paderborn, Deutscher Kunstverlag, München, Berlin, 2. Auflage 1976

Hansmann, Wilfried, Kunsthistorischer Wanderführer „Westfalen“, Manfred Pawlack Verlagsgesellschaft mbH, Herrsching, 1966

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Jacobsen, Werner/Lobbedey, Uwe/Winterfeld, Dethard von, Ottonische Baukunst, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

Wemhoff, Matthias, Die Bartholomäuskapelle Paderborn, Bonifatius GmbH, Paderborn, 1997

 

Netz

 
Tutorium Historische Hilfswissenschaften www.phil.uni-passau.de/histhw/TutHiWi

 

Vorträge:

Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003

 




 

Vorromanik

San Miguel de Escalada (León)

 

Die Invasion der Mauren hatte vor 200 Jahren ihre Vorfahren in Córdoba überrollt. Jetzt flüchten sie aus der Weltstadt nach Norden ins christliche Asturien, wo sie in menschenleerer Einöde ein architektonisches Kleinod im Stil ihrer ehemaligen Herren bauen.

 

Mozarabische Säulenhalle und romanischer Turm

 

Um diesen Bau besser zu verstehen, machen wir eine Zeitreise in das Jahr 912.

 

In einer Ebene nahe León, Hauptstadt des Königreiches Asturien, stehen Abt Alfonso, seine Mönche und eine Handvoll Laien vor ihrer neuen Heimat, die ihnen König Alfonso-III. von Asturien zugewiesen hat.

 

Überwiegt Freude, weil sie alle Hindernisse und Gefahren des viele hundert Meilen langen Weges überwunden haben oder Enttäuschung ob der Ruinen des westgotischen Klosters, die sie vorfinden? Ich vermute ersteres, denn 12 Monate später wird die neue Klosterkirche geweiht. Entmutigte packen nicht so an.

 

Geschichtliche Zusammenhänge/Hintergründe

Was aber bewog die Mozaraber (Christen unter muslemischer Herrschaft) von Andalusien nach Norden zu ziehen, eine der größten Städte in Morgen- und Abendland mit der Einöde zu tauschen? Waren sie vertrieben worden oder freiwillig gekommen?

 

Die Geschichte des Emirats von Córdoba um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert beleuchtet die Situation.

 

In der Regel wurden Christen nicht verfolgt. Sie übten unter eigenen Bischöfen ihre Religion aus, beteten in eigenen Klöstern. Allerdings wurden sie hoch besteuert.

 

Aber Emir Abd Allah war alt. Er starb im Jahr 912. Das Land war seit langem im Aufruhr. Sein Enkel Abd-ar-Rachman III., der der größte Herrscher des muslimischen Spaniens werden sollte, folgte ihm auf den Thron. Bei einem Thronwechsel mußten Ungläubige zusätzliche Gefahren befürchten.

 

Abd Allahs Gegenspieler war Alfonso III., der Große gewesen. Der trug seinen Beinamen auch wegen der Verdienste um die Wiederbesiedelung der zurück eroberten Gebiete. Hatte er seine Glaubensgenossen anwerben lassen? Das ist nicht auszuschließen. Das Emirat unter Abd Allah war schwach und der asturische König nahe daran, es zu besiegen. Der Enkel Abd Allahs würde um die Jahrhundertmitte die Situation ins Gegenteil verkehren.

 

Geschichte des Klosters

Jedenfalls bauen die Mönche ein neues Kloster und die für damalige Verhältnisse prächtige Säulenbasilika. Die Umsiedler bringen ihre Kenntnisse islamischer Architektur ein. So entsteht ein Bau, der in der Literatur vorwiegend als mozarabisch bezeichnet wird, eine Verschmelzung christlicher und islamischer Baukunst.

 

Blick von Süd – Arkaden der Vorhalle und Obergaden des Mittelschiffes

 

Schon im 11. Jahrhundert war das Kloster reich, besaß Bauernhöfe, gar ganze Dörfer.

 

Etwa 100 Jahre später wurden die Benediktiner-Mönche durch französische Chorherren ersetzt. Politik war im Spiel.

 

Im 14. Jh. schlug der Schwarze Tod zu. Das Kloster verarmte immer mehr und verlor seinen letzten Besitz in der Mitte des 19. Jh.. Zum Glück für uns Heutige, begann 50 Jahre später die Restaurierung. 1980 erhielt uns eine letzte Anstrengung das architektonische Juwel.

 

 

Die Architektur

 

Kapitelle der Vorhalle

 

1088 Jahre nach Abt Alfonso und seinen Getreuen stehe ich, weniger müde und nicht staubbedeckt, an gleicher Stelle. Aber ich blicke, im Gegensatz zu ihnen, nicht auf Ruinen, sondern auf einen Bau, der hier im Norden wie ein schöner Exot wirkt, auch im Vergleich mit den Bauten der asturischen Vorromanik in und um Oviedo. Asturische-Vorromanik

 

Giebel Mittelschiff im Westen mit Zahnfries und skulptierten Kragsteinen

 

Nur der klobige Turm und die Fructuoso-Kapelle des 12. Jahrhundert stören das Bild. Diese Bauten würden keine Architekturliebhaber hierher locken. In der Literatur werden sie kaum erwähnt und waren auch nicht zu besichtigen. Aus einiger Entfernung betrachtet, erscheint die über 200 Jahre ältere mozarabische Kirche als ein Anhängsel der Quaderbauten mit ihren schweren Strebepfeilern. Der Gegensatz könnte nicht größer sein, und die eleganten Arkaden der Außengalerie erscheinen noch filigraner.

 

Zwillingsfenster mit Hufeisenbogen, von rechteckigem Rahmen (alfiz) überfangen

 

Wir müssen uns Abt Alfonsos erste Kirche ohne diese Bauten und ohne die Säulenhalle vorstellen. Dann bleibt eine 3-schiffige ungewölbte Basilika, 20 m lang. und – ohne die Vorhalle - ~13 m breit.

 

Am östlichen Ende der drei Schiffe für die Laien erstreckt sich ein den Geistlichen vorbehaltenes angedeutetes Querschiff, an das sich drei im Mauerwerk eingelassene Apsiden mit hufeisenförmigem Grundriß anschließen. Sie sind durch Hufeisenbögen und Chorschranken vom Querhaus getrennt Die Morgensonne fällt durch ein kleines Fenster auf den Altar.

 

Über der Hauptapsis liegt eine cámera occulta, ein unzugänglicher Raum, wie schon üblich in westgotischer und präromanischer Architektur des Landes.

 

Das alles wäre nur ein Kirchlein für uns Heutige, die wir Bilder gewaltiger Dome und geräumiger Klosterkirchen im Kopf haben. Aber für die Menschen in dem verwüsteten Land war der Bau ein Zeichen der Hoffnung.

 

Arkade mit Hufeisenbogen zwischen Mittel- und Seitenschiff

 

Die die südlichen Eingänge schützende Vorhalle ist etwa 4 m breit. Symbolische 12 Hufeisenbogen auf schlanken Säulen tragen das Pultdach. Die Zahl 12 verwirrt den nachzählenden Betrachter zunächst, ehe er den östlichsten Bogen, halb vom Turm verdeckt, findet. Die Säulen tragen skulptierte Kapitelle im korinthischen Stil mit meist pflanzlichen Motiven.

 

Kunsthistoriker fanden heraus, daß die westlichen 7 Bogen die ältesten sind, wohl etwa 20 Jahre nach der Weihe errichtet, die restlichen einige Jahrzehnte später. Da ist es erstaunlich, daß die Einheitlichkeit gewahrt wurde.

 

Abgesehen von den Säulenarkaden ist der Außenbau schlicht, nur geschmückt von Zahnfriesen und Kragsteinen am Mittelschiff, sowie einem Zwillingsfenster an der Westmauer der Vorhalle mit rechteckigem Rahmen. (Alfiz)

 

Im Inneren überrascht helle Weite. Licht kommt vor allem aus den Obergadenfenstern des 10 m hohen Mittelschiffs, die nicht in der Achse der Bogen liegen. Der offene hölzerne Dachstuhl wurde im 14. oder 15. Jh. gezimmert. Hufeisenbogen auf schlanken Säulen, deren Kapitelle häufig Pflanzenmotive tragen, bestimmen das Bild. Je fünf Bogen auf jeder Seite bilden die Arkaden zwischen Mittelschiff und Seitenschiffen, drei größere trennen die Längsschiffe vom Querhaus. Keine schweren Pfeiler behindern den Blick. Die südliche Schwerelosigkeit erinnert mich an die rund 100 Jahre jüngere Bartholomäuskapelle in Paderborn.

 

Blick aus dem Querhaus durch Hufeisenarkade in Mittelschiff und nördliches Seitenschiff
 
 
Blick von West – 3 Hufeisenbogen zwischen Langschiff und Querschiff
 
Apside, Hufeisenbogen auf Säulen, kreuzgratgewölbt
 
Tympanon (Chorschranke in Zweitverwendung)

 

Insgesamt ist der Bau durch viele Einflüsse geprägt. Hufeisenbogen sind islamischer Kunst oder westgotischen Baumeistern geschuldet, die sie schon vor der Invasion der Mauren verwandten. Insgesamt sieht Untermann auch an der Bauskulptur eine deutliche Anlehnung an den maurischen Süden. Das Flechtwerk über der Tür läßt mich an germanische oder keltische Ornamentik denken. Der basilikale Grundriß ist römischen Ursprungs. Die Kapitelle gehen letzlich auf die griechische Antike zurück.

 

Alles in allem, ein Bau zwischen den Welten, der zum Nachdenken anregt.

 

Literatur

Barral i. Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter

Hrsg. Henri Stierlin, Benedikt Taschen Verlag, Köln

Barral i Altet, Xavier (Hrsg.): Die Geschichte der spanischen Kunst,

Könemann-Verlagsgesellschaft, Köln, 1997, Originalausgabe bei Lunwerg Editores S.A., Barcelona, 1996

Crespi, Gabriele: Die Araber in Europa, Belser-Verlag, Zürich, Sonderausgabe 1992

Filitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte,

Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

Höllhuber, Dietrich/Schäfke, Werner: Der spanische Jakobsweg, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag, 1999

Höllhuber, Dietrich/Schäfke, Werner: Der Pilgerweg nach Santiago, Edilesa, León, 2000, Vicente Pastor (Hrsg.)

Koch,Wilfried Baustil-Kunde Sakralbau,

Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh, 1993

Puente, Ricardo: La Iglesia mozárabe de San Miguel de Escalada, Editorial Albanega, c/San Lorenzo, 11, 24007, León

 

Netz

http://en.wikipedia.org/wiki/Monastery_of_San_Miguel_de_Escalada 

 




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