lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

ZUM sCHMUNZELN

Die Strichliste

 

Moritz ist ein gewitzter 6-Jähriger. Trotzdem glaubt er noch an den Weihnachtsmann.

 

Täglich kommt er für ein Stündchen vorbei. Die Nachbarin verwöhnt ihn. Der Hausherr hebt gelegentlich eine Braue, wenn auf das Wurstbrot eine Melone folgt und dann noch Platz für ein Eis ist.

 

Moritz, schlank aber kräftig, ist kein Kind für Plauderstündchen oder fürs Vorlesen. Er ist sportlich, macht am liebsten Unsinn im Garten.

 

Das bringt im Winter Probleme. Wenn er im Wohnzimmer die neuesten Breakdance-Übungen hingelegt, 15 Kniebeugen absolviert hat, die Treppen einige Male rauf und runter gestürmt ist, sucht die Energie neue Möglichkeiten. Brillen, Schlüssel und das Telefon haben es ihm angetan. Verstecken ist streng verboten. Doch manchmal ist er nicht zu bremsen, auch wenn der Hausherr die Stimme hebt.

 

Eines Tages – wieder ist eine rote Linie überschritten – kommen Papier und Bleistift zum Einsatz.

 

„Moritz, so geht das nicht. Wir machen jetzt eine Strichliste.“

 

„Was ist eine Strichliste?“ Das Kind ist wissbegierig.

 

„Immer wenn du nicht brav bist, mache ich einen Strich.“

 

Es arbeitet hinter der Kinderstirn.

 

„Warum?“

 

Das Wort steht ganz oben im Vokabelschatz.

 

„Weihnachten steht vor der Tür, und der Weihnachtsmann möchte doch wissen, welches Kind Geschenke verdient. Wenn er dann fragt – (tiefe Stimme, Moritz lauscht gebannt) „Na und der Moritz, war der immer brav?“

 

Dann muss ich sagen, „Meist ja, aber manchmal auch nicht. Ich habe hier eine Liste mit 7 Strichen, einen für jeden Streich. Dann wird der Weihnachtsmann nachdenken.“

 

Moritz schweigt und wendet sich themafremden Tätigkeiten zu. Der Nachbar wundert sich.

 

Nach 10 Minuten hat das Kind die Gedankenarbeit beendet, boxt dem Teilzeiterzieher kameradschaftlich in die Seite. „Können wir das mit der Strichliste nicht lassen?“

 

Na ja, Nachbarn sind keine Unmenschen. „Gucken wir mal“ hört Moritz. Das Damoklesschwert bleibt.

 

Dem Nachbarn lässt das Thema keine Ruhe. Eine Freundin, Pädagogin mit zwei Staatsexamen, weiß Rat: "Versuchs doch mal umgekehrt. Keine Bestrafung, sondern Belohnung. Mit einer Pluspunktliste sozusagen.“

 

Gesagt, getan. Moritz wird das System erklärt. Ein Pluspunkt für jede gute Tat. Bei einem Streich wird ein Punkt gestrichen.

 

Das Kind guckt skeptisch, versteht aber.

 

Zwei Tage später. Die neue Liste liegt auf dem Tisch – mit 5 Pluspunkten. Moritz ist wenig interessiert. Dann verschwindet ruckzuck die Lesebrille. Aha, denkt der Hausherr, dies ist der Moment.

 

„Moritz, guck mal. Du hast 5 Pluspunkte, aber weil du die Brille versteckt hast, streiche ich einen durch. Zack. Jetzt sind es nur noch vier. Und wenn du so weiter machst, werden bald alle verschwunden sein.“

 

Die Liste bleibt nebst Bleistift auf dem Tisch liegen. Man wendet sich anderen Tätigkeiten zu. Aber nach einer Weile sieht die Hausfrau das Kind still den Stift nehmen und einen Ersatzpunkt malen.

 

Die ‚Erzieher‘ geben sich geschlagen. Die Listen verschwindet sang- und klanglos. Man muss wissen, wann man verloren hat.

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