lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Kurzbiografien

Kurzbiografie

König Alfonso III. (Der Große) von Asturien

In der Bergeinsamkeit Asturiens begannen im Jahr 722 Versprengte des von den Mauren geschlagenen westgotischen Heeres und eine Handvoll Krieger eines kernigen Bergvolkes ein Unternehmen, das knapp 800 Jahre später mit dem Sieg der christlichen Reiche auf der iberischen Halbinsel endete – die Reconquista.

 

Pelayo/Pelgius, der Sieger von Covadonga (Foto: Inge Hermann, Siegburg)

 

Dieser Sieg bei Covadonga, nur ein Scharmützel nach Ansicht der Historiker, bescherte dem gotischen Anführer Pelagius, den Ruhm eines spanischen Nationalhelden.

 

Alfonso III. ist der Elfte in einer langen Reihe asturischer Könige.

 

Warum beschäftige ich mich mit ihm? Zum einen hat er in der Tat Bedeutendes geschaffen und sich den Beinamen „El Magno“ verdient. Und mit seinem Tod endete nach etwa 150 Jahren das eigentliche asturische Königreich. Nach der Verlegung der Hauptstadt nach León übernahm das Reich bald diesen Namen.

 

Familie und Jugend

Der Vater, Ordono I. (850-66), hatte mit seiner Frau Munia 5 Söhne. Leodegundis, die einzige Tochter, könnte später Königin in Pamplona gewesen sein. Alfonso fiel als dem Ältesten die Thronfolge zu. Persönliches über ihn und seine Brüder ist  kaum bekannt. Die Quellen sind in dieser Hinsicht unergiebig.

 

Denkmal Alfonsos III. auf der Plaza de Oriente in Madrid (Foto: Wikipedia)

 

Der Kronprinz wuchs mit seiner Familie in Oviedo auf, das bei seiner Geburt seit 38 Jahren Hauptstadt war. Ursprung der Stadt war das Kloster San Vicente, vom dritten König Fruela I. (757-68) gegründet.

 

Nach unseren Maßstäben war Oviedo eine Kleinstadt. Unter Berücksichtigung von Bevölkerungszahlen anderer Städte um diese Zeit (z.B. werden für León im 11. Jh. 7000 Einwohner geschätzt), dürften während des Regimes Alfonsos III. deutlich weniger als 5000 Menschen in der Hauptstadt gelebt haben.

 

Schon Alfonso II. (791-842) hatte sich wegen der Wikinger-Überfälle gesorgt und soll Oviedo befestigt haben. 844 gab es einen Überfall bei Coruna, den Ramiro I. (842-50), der Großvater unseres Helden, zurückschlug.

 

Wappen von Oviedo (Wikipedia)

 

Das alte Oviedo hatte einen Durchmesser von vielleicht 400 m, wenn ich Carlos Sánchez-Montana richtig interpretiere und gruppierte sich um Palast und kirchliche Gebäude auf einem Hügel.

Die präromanische Basilika San Salvador, von Fruela I. im 8. Jh. errichtet, war die Vorgängerin der heutigen Kathedrale. Gleich daneben residierte die Königsfamilie in einem Palast, den Alfonso II. erbaut hatte. Von ihm ist nur die angebaute Cámera Santa, heute in die Kathedrale integriert, erhalten. Wahrscheinlich diente sie auch als Palastkapelle. Der König war oft abwesend, um das Reich zu sichern und auszudehnen. So ließ er das etwa 90 km südlich von Oviedo gelegene León besiedeln und befestigten.

 Man darf sich vorstellen, daß Erzieher und Vater den künftigen König gelegentlich in die Cámera Santa, Schatzkammer von Reich und Kirche, geführt haben, vielleicht als Unterrichtshilfe zu Geschichte und Religion. Im Kerzenlicht der Michaelskapelle konnte er Domschatz und Reliquien bestaunen. Es muß ihn beeindruckt haben.

 

Kathedrale San Salvador, Oviedo, Spätmittelalter

 

Nahe der Basilika beteten die Mönche im Kloster San Vicente, heute Archäologisches Museum. Zur Palastanlage gehörte auch San Tirso, erbaut unter Alfonso II. Von ihr ist nur die Ostfassade erhalten. 

 

Beim Versuch, den nicht erhaltenen Stadtpalast vor unseren Augen erstehen zu lassen, dürfen wir uns nicht an den Bauten am Naranco-Berg (Asturische Vorromanik) nordwestlich der Stadt orientieren. Sie sind der Höhepunkt asturischer vorromanischer Architektur und Skulptur mit eigenständigem Stil, deutlich überlegen den Bauten, die etwa 50 Jahre zuvor Steinmetzwerkstätten unter Alfonso II. errichtet hatten. Dort wurden lediglich römische Vorlagen kopiert und Spolien aus Südspanien eingesetzt.

 

San Isidoro León - 10-12 Jh

 

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die prächtige Kavalkade vorzustellen, die im Sommer zum Naranco-Palast ritt, die edlen Berber- und Araberpferde der Leibwache mit Schwertern, Lanzen und Schilden ein starker Kontrast zu den kräftigen und robusten Gebirgsponys der Gegend, den Asturcones, die Diener und Gepäck trugen. Dem jungen Alfonso, nicht verwöhnt von prächtigen Bauten, wird die von Ramiro I. geschaffene Anlage gefallen haben. Das Kernstück, heute Santa Maria del Naranco, diente als Sommerpalast nur der Repräsentation. Wohnungen und Bäder, leider nicht erhalten, luden zu längerem Aufenthalt ein.

 

Panteón de los reyes, León

 

Zum Leben in den Mauern Oviedos, wohl eher ärmlich verglichen mit reichen maurischen Städten im Süden, erlaube ich der Phantasie trotzdem die Vorstellung regen Verkehrs mit Ochsenkarren, Lasttieren, Reitern, Fußgängern, mit entsprechendem Lärm und Gestank. Der Prinz wird Adligen, Benediktiner-Mönchen, Handwerkern, Bauern, Viehhirten, Jägern, Kriegern und wahrscheinlich Berbern begegnet sein, letztere häufig als Sklaven. Sklaverei war damals sowohl im Emirat von Córdoba als auch im christlichen Königreich die Regel.

 

Ostfassade El Tirso, Oviedo,  Dreierarkade mit Alfiz-Rahmen

 

„Küchenlatein“ wird an sein Ohr gedrungen sein und die Sprache des Volkes, Asturisch, Grundlage des noch heute gebräuchlichen Dialektes, manchmal Bable genannt. Westgotisch hörte er, wenn überhaupt, bei Gesprächen des hohen Adels und Latein vom Klerus. Man kann nicht ausschließen, daß die mit Arabern und Berbern in Berührung kommenden Asturier auch deren Sprachen kannten und benutzten.

 

König und Krieger

 Mit etwa 18 Jahren, nach dem Tod seines Vaters, fiel Alfonso die Königswürde zu. Der König hatte ihn schon 2 Jahre vorher nominiert. Das war nicht selbstverständlich, denn ursprünglich waren die Könige gewählt worden. Doch noch saß er nicht auf dem Thron.

 

Sommerpalast Ramiros I., heute Santa Maria del Naranco

 

Das Königshaus hatte enge Verbindungen nach Galizien, dem westlichen Reichsteil. Es war als erstes großes Gebiet um 740 unter Alfonso I., (739-757) den Mauren während eines Aufstandes der dort stationierten Berbertruppen entrissen worden. Alfonsos Großvater war Statthalter gewesen, ebenso wie sein Vater. Hatte das Einfluß auf die Rebellion ein Jahr nach Ordoños Tod? Es war ein galizischer Graf, Froila Vermudez, der nach der Nachricht vom Tode des Königs nach Oviedo ritt und sich selbst zum Herrscher proklamieren ließ. Alfonso soll nicht in der Stadt gewesen sein. 

 

Ausblick vom Sommerpalast

 

Möglich, daß um diese Zeit, mehr als 100 Jahre nach der Eingliederung Galiziens, sich der mächtig gewordene Adel als berechtigt ansah, das Land zu regieren. Ein anderes Motiv wäre eine zu harte Hand der Statthalter aus der Königsdynastie. Jedenfalls mußte Alfonso III. nach Osten, nach Kastilien fliehen. Sein Onkel, Halbbruder des Vaters, Rodrigo, Graf von Kastilien, nahm ihn auf und zog mit seinen Vasallen nach Oviedo. Der Usurpator wurde besiegt und hingerichtet.

 

Keltisches Rundhaus in Congosto an der Grenze von Asturien/Galizien

 

Alfonso wurde 867 gekrönt und mußte sofort eine baskische Rebellion im Osten niederschlagen. Wie so oft bei Thronwechseln, suchten Unzufriedenen ihre Chance. Etwa drei Jahre später heiratete der König Jimena, von der einige Forscher vermuten, sie sei eine baskische Prinzessin gewesen. Wie auch immer, die Ärmste gebar neun Kinder, darunter sechs Söhne. Sollte die Zahl der Kinder Maßstab sein, war die Ehe glücklich. Die Dynastie war gesichert, doch familiäre Probleme blieben nicht aus. Der zweitälteste Bruder Froila versuchte einen Aufstand. Der Rebell floh nach Kastilien, wurde gefaßt. Nun zeigte Alfonso, daß er auch Aufständische aus der eigenen Familie hart zu bestrafen gewillt war und ließ ihn blenden. Etwa 20 Jahre später wieder Galizien. Ein 7-jähriger Aufstand des mächtigen Herzogs Vitiza (888 bis 895), gefährdete Krone und die Einheit des Reiches. Der königstreue Graf Hermenegildo Gutiérrez besiegte den Aufständigen und führte ihn in Ketten zum König. Der  Getreue wurde mit Amt und Vermögen des Rebellen belohnt. Dessen Schicksal ist nicht bekannt aber mühelos zu erraten. Die Güter der Aufständischen stiftete Alfonso oft Kirchen und Klöstern, z.B. Santiago de Compostella und Sahagún. Auch ohne die Aufstände hätte er sich schweren Aufgaben gegenüber gesehen. Sein Vater hatte ein gut geordnetes, wenn auch im Vergleich zum Emirat armes Reich hinterlassen, jedoch mit einem erweiterten und gesicherten Staatsgebiet. Die leidlich befestigte Südgrenze verlief entlang einer Linie Tuy – Astorga – León und Amaya. Die südlichen Landesteile waren dichter besiedelt.

 

Dorfstraße westlich von Astorga (Provinz León)

 

Seit rund 100 Jahren verlief südlich der Landesgrenze ein breiter Streifen schützenden Niemandslandes, schwach besiedelt, in dem sich christliche und islamische Truppen regelmäßig Scharmützel lieferten und plünderten. Diese Gebiete begann Alfonso später zu besiedeln, ein Zeichen zunehmender Stärke. Er ließ oder holte Mozaraber ins Land, Christen, die unter dem Islam lebten, und von dort für sein im Vergleich unterentwickeltes Land nützliche Fertigkeiten mitbrachten (>> San Miguel de Escalada). Die gezielte Einwanderungspolitik soll im 8. und 9. Jh. erfolgreich gewesen sein. Schon früher kamen geflohene Westgoten zurück. Alles in allem mußte Alfonso die Politik seiner Vorgänger fortsetzen: Landausbau und Besiedlung, Verteidigung des Staatgebietes, und, wo immer möglich, Kampf gegen das Emirat von Córdoba. Bisher war Asturien hier allein aktiv. Die kleineren christlichen Grafschaften in den Pyrenäen waren dazu nicht willens oder in der Lage. Um 876 eroberte er Porto und den Norden des späteren Portugal. Diese Gebiete, schon besser entwickelt als Asturien, baute er weiter aus und besiedelte sie. Spätestens 880 gehörte ein Drittel Portugals zu seinem Reich. 881 fühlte sich Alfonso stark genug, auch weil es dort wieder Unruhen gab, tief in das Emirat einzudringen und zu plündern. Hatte er auch die Besetzung von Al Andalus im Sinn? Wahrscheinlich erkannte er, daß die Kräfte dafür nicht ausreichten. Britannica 2001 meint allerdings, das Emirat sei kurz vor dem Zusammenbruch gewesen. Jedenfalls soll er 2 oder 3 Jahre später einen sechsjährigen Waffenstillstand mit Emir Muhammad I. geschlossen haben, der erhebliche Landgewinne brachte und wohl auch (Tribut)Zahlungen in Form von Gold-Dinaren und Silber-Dirhemen, dringend benötigt, weil das Königreich selbst keine Münzen schlug. Gleichzeitig baute er rund um Burgos Kastelle, auf die der Name des später größten christlichen Königreichs in Spanien, Kastilien, zurückgeht. Ein Erfolg reihte sich an den anderen. Ob Emir Abdullah um 900 Alfonsos Oberherrschaft über ganz Spanien anerkannte ist unsicher. Sollte es stimmen, könnte es zusammen hängen mit mehreren erfolgreichen Feldzügen der Christen gegen des Emirs größten Gegner, Umar ibn Hafsun. Am Ende seiner Regierungszeit wird die Südgrenze entlang des Duero und den Tälern von Mondego, von Simanca über Zamora bis Coimbra verlaufen. Wen wundert es da, daß man Alfonso den Beinahmen „El Magno“ gab und er sich wohl selbst den Kaisertitel zulegte, den er aber auf die iberische Halbinsel beschränkt sehen wollte. Alfonsos politische und militärische Fähigkeiten sollen nicht bestritten werden. Aber seine Erfolge wurden erleichtert durch ein Emirat, das unter unfähigen oder brutalen Herrschern ebenso litt, wie unter einer Reihe von schweren Aufständen. Alfonso III. konnte, trotz aller internen Widerstände 44 Jahre herrschen und in dieser Zeit eine Politik aus einem Guß verfolgen.

 

Palast der Könige von Navarra in Estella, 12. Jh.

 

Verbündete und Gegner

Viel Auswahl hatte Alfonso III. bei Ersteren nicht. Eigentlich war da nur die Region Pamplona an seiner Nordgrenze, überwiegend wohl christlich und mehrheitlich von Basken bewohnt. In der 1. Hälfte des 9. Jh. entstand dort das Königreich Pamplona bzw. Navarra unter Königen der Arista-Familie

 

Die Nachrichten über das 9. Jh. sind spärlich und widersprüchlich. Neben Asturien verfolgte der muslimische Clan der Banu Qasi in der Region Interessen mit wechselndem Erfolg. Die führende Familie war zeitweise mit Ordono I. verbündet. Es gab immer wieder Kämpfe des Clans, auch gegen das Emirat. Der Erbe der baskischen Dynastie, Fortún, soll 860 für 20 Jahre in Córdoba inhaftiert gewesen sein. Vielleicht erklärt das Fehlen der Führung einen möglichen Aufstand seiner Untertanen bei Alfonsos Krönung. Der wichtigste Kontrahent war natürlich das Emirat von Córdoba, das während der Regierungszeit Alfonsos III. politisch schwach war.

 

Puenta La Reina, Navarra – 11. Jh.

 

Es ist lohnend, sich das islamische Spanien etwas näher anzuschauen. Das war beileibe kein monolithischer Block wie man bei oberflächlicher Betrachtung glauben möchte. Die Bevölkerung war heterogen.

 

Da gab es die arabische Oberschicht der Adligen, reichen Grundbesitzer, der Theologen. Sie sah herab auf die Berberbevölkerung, deren Vorfahren erst im 8. Jh. in Nordafrika zum Islam bekehrt worden waren. Als Söldner hatten sie einen großen Anteil an der Eroberung gehabt. Zum Dank hatte man ihnen weniger wertvollen Teile des Landes zur Besiedlung zugewiesen, so auch im Norden, wo sie bei der Rückeroberung durch Asturier vertrieben, getötet oder versklavt wurden.

 

Tor der Moschee von Córdoba (8.-11. Jh.)

 

Neben diesen Muslimen regierte der Emir über Mozaraber, Christen, die das System im Prinzip begrüßten und die große Masse der zum Islam übergetretenen einheimischen Bevölkerung, die Muladies/Muwallads. Zum Zeitpunkt der Krönung Alfonsos III. regierte Muhammad I. (bis 886), der mit einer Reihe schwerer Aufstände zu kämpfen hatte. Zum Beispiel der von 875, als sich Ibn Marwan, aus galizischer Familie und zeitweise mit Alfonso verbündet, auflehnte. Der Emir mußte dem Rebellen wiederholt politische Zugeständnisse machen. Noch gefährlicher war der Aufstand Umar ibn Hafsuns (um 880), von dem Historiker annehmen, er sei westgotischer Herkunft gewesen. Der Rebell beherrschte, unterstützt von Mozarabern und Berbern, mehrere Provinzen. Obwohl 891 geschlagen, konnte erst einer der Nachfahren des Emirs im 10. Jh. dieses Problem lösen.

 

Christo de la Luz, Toledo – ehemalige Moschee, 10. Jh.

 

Alles in allem hinterließ Muhammad I. seinen Nachfolgern Al-Mundhir (886-88) und Abdallah (886-912) einen schwachen Staat. Al-Mundhir hatte seinem Vater als Feldherr mit wechselndem Erfolg gedient. Er starb zwei Jahre nach Regierungsantritt, möglicherweise ermordet durch seinen Bruder Abdallah, der seinen Widersacher, Alfonso III. um 2 Jahre überlebte. Abdallah war ein besonders grausamer Herrscher, der beim geringsten Verdacht der Illoyalität auch die Familie dezimierte. Alle 11 Söhne sollen vor ihm gestorben sein, oft auf seinen Befehl hin ermordet. Unter seinem Regime gingen die Aufstände, vor allem der Muladis und Mozaraber, weiter. Aber auch separatistische Bewegungen durch Umayyaden-Familien bedrohten das Regime. Gefährlich waren die schon erwähnten Banu Qasi, eine muladische Dynastie, wohl zurückgehend auf einen zum Islam übergetretenen westgotischen Grafen. Sie kontrollierte das Ebro-Tal und hatte schon seinen Vorgängern große Schwierigkeiten gemacht. Schließlich rebellierte der Sohn des Emirs, Muhammad, und konnte erst nach langen Kämpfen besiegt werden. Zeitweise beherrschte Abdallah nur noch Córdoba und die unmittelbare Umgebung. Er fing sich aber, vielleicht auch, weil Alfonso III. seinem größten Gegner, Umar ibn Hafsun einige Niederlagen beibrachte.

 

Thron und Kirche

Der Anteil westgotischen Blutes in den Adern der späteren asturischen Könige stand wohl in krassem Gegensatz zu ihren Ansprüchen, Erben des westgotischen Reiches zu sein. Gleichwohl, schon unter Alfonso II. begann der Neo-Gotismus, wie die Historiker sagen, also die Rückbesinnung auf das Westgotenreich und die Übernahme von Riten und Gebräuchen. Die asturische Kirche hatte sich damals vom unter maurischer Herrschaft stehenden Erzbistum Toledo getrennt und eine eigene, westgotischer Tradition verpflichtete, Organisation geschaffen. Oviedo wurde Sitz eines unabhängigen Bistums. Alfonso III. förderte diese Tendenz, auch unter dem Einfluß zugewanderter mozarabischer Kleriker. Das westgotische Erbe wurde Teil der asturischen Identität. So fühlten sich die asturischen Könige legitimiert zur Rückeroberung. Der Kaisertitel, falls ihn Alfonso III. denn getragen haben sollte, wäre ein deutliches Signal gewesen. Es half das Grab in Santiago de Compostella, in dem angeblich die Gebeine des Apostels Jakobus des Älteren ruhten, zu schmücken. Schon Alfonso II. hatte ihm ein kleines Gotteshaus gebaut. Unter Alfonso III. wurde Jacobus zum Nationalheiligen, Santiago de Compostella zur Pilgerstätte. Noch kamen keine Scharen von Anbetern aus dem Ausland, aber von ersten asturischen Pilgern um die Mitte des 10. Jh. wird berichtet.

 

Kathedrale  Santiago de Compostella, ab 11. Jh., Mischstil –Barock-Fassade 18. Jh.

 

Der König führte seine Siege auf Jacobus zurück, der dem Heer auf einem Schimmel voran ritt. Später trug der Apostel den Beinamen „Matamoros“ (Maurentöter). Seine Bedeutung war so groß, daß Santiago de Compostella im Rang höher stand als ein Erzbistum. Auf  die Motivation der Christen zur Reconquista hatte die Jacobus-Verehrung großen Einfluß.

  

Förderer der Künste

Trotz der Mühen, die Politik und Kriege ihm auferlegten, hatte der König auch andere Interessen. Offensichtlich war er historisch interessiert. Er ließ die nach ihm benannte Chronik (Crónica de Alfonso III) schreiben, wenn er nicht gar selbst daran mitgearbeitet hat, wie viele Historiker glauben. Sie ist die wohl wichtigste Quelle für die Geschichte dieser Epoche. Während seiner Herrschaft wurden die Kirchen San Salvador de Priesca und San Salvador de Valdediós gebaut, neben der er einen Palast errichtet haben soll. Santiago de Compostella hat ihn sehr beschäftigt. Er legte dort ein Bauprogramm auf und immer wieder liest man von Stiftungen. Bei der Weihe der neuen Kirche durch Bischof Sisnandus war selbst anwesend.

 

Siegeskreuz (Wikipedia)

 

Das Ende

Fast alle Informationen gehen vom Sterbejahr 910 aus. Über das Schicksal seines Reiches bzw. die Gründe für die Reichstrennung wird meist nicht gesprochen. Wenn aber doch, wird nur neutral über die Aufteilung des Reiches unter seine drei Söhne berichtet. Watts jedoch deutet Aufstände an, in dessen Verlauf der König vom ältesten Sohn García, der in León sein Nachfolger wurde, zu Abdankung und Reichsteilung gezwungen worden sei. Hinweise darauf finden sich auch bei Pierer und in anderen Dokumenten. Ich teile diese Ansicht. Kaum vorstellbar, daß ein Monarch, der über 4 Jahrzehnte für Sicherung und Ausdehnung des Reiches erfolgreich kämpfte, es angesichts eines immer noch mächtigen Gegners freiwillig durch Teilung schwächte. Durch den frühen Tod zweier Brüder kamen die Reichsteile jedoch bald unter dem zweitältesten Sohn, Ordono II. wieder zusammen.

 

Literatur

Caucci von Saucken, Paolo, (Hrsg.) Santiago de Compostella, Pilgerwege, Weltbild-Verlag GmbH., Augsburg 1998 – aus dem Spanischen, S. 28, S. 39, S. 61ff

Collins, Roger, The Basques, Basil Blackwell, Ltd., Oxford, UK, 1986, S. 115ff

Crespi, Gabriele, Die Araber in Europa, Belser Verlag, Stuttgart/Zürich, Sonderausgabe 1992, S. 57f, 92f

Gabrieli, Francesco, Bedeutung des Islam für das westliche Europa, in: Mohammed und Karl der Große, Belser Verlag, Stuttgart/Zürich, Sonderausgabe 1993, S.183ff

Koch, H.W., Illustrierte Geschichte der Kriegszüge im Mittelalter, Bechtermünz Verlag, Deutsche Erstausgabe für Weltbild Verlag GmbH, Augsburg, 1998, S. 40

Mathew, Donald, Atlas of Medieval Europe, Equinox (Oxford) Ltd., Oxford, 1983,

Ploetz, der Grosse, Daten Enzyklopädie der Weltgeschichte, Verlag Herder Freiburg, Sonderausgabe für Zweitausendeins, 32. Auflage,

Untermann, Mathias: Architektur im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006, S. 83f, 124ff

Williams, Mark, The Story of Spain, Lookout Publications, 1990, S. 50ff

 

Internet

Bonnaz, Yves, Chroniques Asturiennes,
de.wikipedia.org/wiki/Pelayo

Payne, Stanley G.The Early Christian Principalities and the Expansion of Asturias-León, in: A History pf Spain and Portugal, (The Library of Iberian Resources online)
http://libro.uca.edu/payne1/spainport1.htm

Watts, Henry Edward, The Christian Recovery of Spain, in: Medieval History
http://www.third-millennium-library Weinrich, Isabel, Überlegungen zur spanischen Geschichtskonstruktion am Beispiel der Chronik .Alfons III..
http://books.google.de/books?id=GpnMGPlVg-cC&pg=PA11&lpg=PA11&dq=Asturien+Armee&source Asturias & León, Kings in: Medieval Lands
http://fmg.ac/Projects/MedLands/ASTURIAS,%20LEON.htm Pierer's Universal Lexikon, Spanien
http://de.academic.ru/dic.nsf/pierer/58256/Spanien Alfonso III. El Magno
http://galeon.com/medievo000/alfonsoIII_magno.htm
Kingdom of Asturias (9th - 10th cent.)
http://www.medievaltimes.info/medieval-europe-9th-to-13th-century/kingdom-of-asturias.html El lugar de Oviedo hasta el siglo VIII
http://terraeantiqvae.com/profile/CarlosSanchezMontana Verschiedene Wikipedia-Dokumente

 

Lexika

Oviedo, Encyclopaedia Britannica, 2001, Deluxe Edition, CD, Britannica Co. Uk
The Christian states, 711-1035, ebd. (from: Spain, history of)

Alfonso III., ebd.
Navarre, ebd.
Galicia, ebd.
The independent emirate ebd. (from: Spain, history of)

 




KurzBiografie

Markgraf Gero und die Ottonische Ostexpansion

Er gehörte zu einer den sächsischen Liudolfingern eng verbundenen Familie und wuchs hinein in die frühe Phase ihrer Herrschaft als deutsche Könige und Kaiser. Er stand zunächst im Schatten von Vater und Bruder. Nach deren Tod aber wurde Gero Markgraf an der Slawengrenze und erfreute sich der Gunst Kaiser Ottos I., die er durch Loyalität und brutale Unterdrückung der ostelbischen Slawen vergalt. Wie oft in solchen Lebensläufen führte die Sorge um das eigene Seelenheil zu bedeutenden Stiftungen – in Gernrode zu besichtigen.

Um der wegen spärlicher Quellen blassen Gestalt des Gero näher zu kommen, müssen wir auch einen Blick auf die damalige Ostexpansion, die Verbindung seiner Sippe zum Herrschergeschlecht und die politische Situation der frühen ottonischen Herrschaft werfen.

 

Der erste Sachsenkönig - Heinrich I.

Der aus meiner Sicht oft unterschätzte Sachsenherzog Heinrich wurde 919 nur von Sachsen und Franken zum König gewählt. Sein Vorgänger Konrad I. hatte ihn auf dem Totenlager designiert, an einer Wunde sterbend, die er im Kampf gegen den Herzog von Baiern empfangen hatte.

Das wirft ein Schlaglicht auf die chaotischen Zustände im untergegangenen ostfränkischen Reich, das zu einen des Franken Konrads Kräfte nicht ausgereicht hatten.

Heinrich I. hatte zwei Herkulesaufgaben. Er mußte die ihn ablehnenden mächtigen Stammesherzöge der Baiern und Schwaben einbinden. Arnulf von Baiern hatte sich gar nach Konrads Tod zum König ausrufen lassen. Dann mußte er die ständigen Ungarneinfälle unterbinden. Die schwierigen Aufgaben der Sicherung der Ostgrenze und der Eingliederung Lothringens erschienen im Vergleich einfacher.

Seine kluge Weigerung, Krönung und Salbung durch den Erzbischof von Mainz zu akzeptieren, war ein wichtiger erster Schritt. Diese Entscheidung kann im Lichte damaligen Denkens nicht hoch genug eingeschätzt werden, lief er doch Gefahr, in den Augen seiner Untertanen das Königsheil zu verlieren, das allein Erfolg garantieren konnte. Das schätzte Heinrich als das kleinere Übel ein, gegenüber dem Signal an die konkurrierenden Herzöge daß er zwar Erster, aber unter Gleichen sein wolle. Es bedurfte noch einiger demonstrativer Heerzüge und kluger Verhandlungen. Doch nach einigen Jahren hatte er Baiern und Schwaben auf seine Seite gebracht.

Das Ungarnproblem war schwieriger zu lösen. Schon vor der Eroberung des Karpathen-Beckens unter Arpád waren Massen der anspruchslosen Reiter auf kleinen flinken Pferden raubend und mordend in den Westen eingefallen. Es gab wenige Burgen. Nur große Klöster und die alten Römerstädte waren befestigt. Die Ungarn versuchten gar nicht erst, sie zu erobern. Das Land war schutzlos.

 

GeroSlawenburg Groß-Raden (9./10. Jh.). Nach archäologischen Befunden wiederaufgebaut. Hier der Eingang zur Vorburg...

 

Schwerfällige Ritterheere stellten sich ihnen entgegen, waren aber der für sie neuen Taktik (Große Beweglichkeit, tödlicher Pfeilbeschuß aus vollem Galopp) nicht gewachsen, wie das Beispiel der katastrophalen Niederlage der Baiern 907 bei Preßburg zeigte. Die Ungarn vernichteten unter anderem 919 das Reichskloster Herford und 923/924 die noch kleine Siedlung Magdeburg an einer Elbefurt, später ein Zentrum ottonischer Herrschaft. Gelegentliche kleinere Erfolge der Angegriffenen änderten nichts an der Gesamtlage.

Doch welche Verbindung gab es zwischen dem Ungarnproblem und der ottonischen Ostexpansion?

 

Gero ...hier der Steg durch den See zur Hauptburg...
 
 
 
Die Slawen

Im Elbe-Saale-Raum siedelten in Gebieten, die die Ostgermanen im Zuge der Völkerwanderung seit etwa dem 7. Jahrhundert verlassen hatten, "heidnische". Slawenstämme, Barbaren also aus Sicht der Sachsen. Die Wichtigsten waren die Abodriten (Obodriten), etwa im heutigen nördlichen Mecklenburg, die Wilzen (Liutizen) südlich von ihnen und die Heveller mit ihrer Hauptburg Brennaburg (heute Brandenburg). Die östlichen Nachbarn der Thüringer waren vor allem Sorben und Daleminzier.

Die Bauern hausten in kleinen Dörfern, verstreuten Einzelgehöften. Die Fürsten bewohnten Burgen, im Flachland Wallburgen mit Holz-Erde-Befestigung, in die in Notzeiten auch die Bevölkerung des Umlandes floh.

 

Gero...und hier der Eingang zur Hauptburg.

 

Zwischen den nun christlichen germanischen Sachsen und Thüringern westlich von Elbe und Saale und heidnischen Slawenstämmen hatte es die üblichen gegenseitigen kleineren und größeren Überfälle gegeben, wohl ähnlich denen im 8. Jahrhundert an der Grenze zwischen christlichen Franken und damals noch heidnischen Sachsen unweit des Rheins. Jetzt fanden sich die ehemaligen Barbaren in der Führungsrolle eines christlichen Reiches wieder, das begann, ebenso aggressiv nach Osten zu drängen wie früher die Franken. Geschichte wiederholt sich gelegentlich.

 

Die Ungarn

Nun die Ungarn. Schon um 906 hatten die Daleminzier sie gegen die Sachsen zu Hilfe gerufen. Gemeinsam furteten sie die Grenzflüsse, gemeinsam zerstörten sie Magdeburg.

GeroSlawischer Grabstein (in der Dorfkirche Altenkirchen auf Rügen).

 

Heinrich mußte verhindern, daß die Ungarn die Slawengebiete als Versorgungsbasis und Aufmarschgebiet nutzten.

924, bei einem erneuten großen Ungarneinfall, war das Glück ihm hold. Er nahm einen ranghohen Fürsten aus dem Hause Arpád gefangen. Und wieder tat der König Unkonventionelles. Er ließ den Gefangenen frei, und anstatt das übliche reichliche Lösegeld zu kassieren, vereinbarte er einen langjährigen Waffenstillstand, auch für die übrigen Herzogtümer, und – kaum zu glauben – jährliche Tributzahlungen. Sie belasteten das Reich schwer, aber Heinrich hatte sich erkauft was er am dringendsten brauchte – Zeit.

Frei von der Belastung jährlicher Einfälle nutzte er sie zur Befestigung von Siedlungen, Pfalzen, Klöstern, Versammlungsplätzen und zum Burgenbau. Neue Wege ging er auch im Wormser Burgenerlaß von 926. Anstelle der üblichen Erdwälle und Holzpalisaden schrieb er die damals seltenen und aufwendigen Ringmauern vor und sagte im Detail, wie die "Festen Plätze" zu bemannen und zu unterhalten seien.

Er vergrößerte seine Reiterei und paßte sie der ungarischen Gefechtstaktik an.

 

Slawenkriege

Nach diesen Vorbereitungen begann der König 928-932 Kriegszüge ins Slawenland, die eine andere Qualität hatten als gelegentliche Grenzscharmützel. Die Eroberung der Brennaburg und der Hauptburg Jana der Daleminzier 928/29 in einem einzigen Feldzug waren beeindruckende Erfolge, die durch gelegentliche Hinrichtung der Burgherren und ihrer Gefolgschaft, das Eintreiben von Tributen und Geiselnahmen gesichert wurden.

Heinrich kämpfte im Winter. Das war ebenso ungewöhnlich wie einfallsreich. So half ihm eine dicke Eisschicht, die inmitten von Sümpfen und Seen gelegene Brennaburg zu nehmen. Im Land der Daleminzier gründete er 929 ein befestigtes Militärlager, die spätere Burg Meißen, lange der wichtigste Stützpunkt in den südlichen Slawengebieten.

Aber in die Berichte über Krieg und Vernichtung haben die Chronisten auch Menschliches eingeschoben. Der Königssohn und Erbe Otto verliebte sich in eine als Geisel genommene Fürstentochter aus der Brennaburg und wurde 929, 17-jährig, Vater eines Sohnes, den man auf den Namen Wilhelm taufte. Er wurde 954 Erzbischof von Mainz und einer der bedeutendsten Helfer seines Vaters. Seine Mutter verschwand, wahrscheinlich im Kloster, jedenfalls aber im Dunkel der Geschichte.

 

GeroDenkmal Karls d. Gr. in Kirche Müstair (CH)

 

Die Slawen gaben nicht auf. Noch 929 erhoben sich die Redarier, die südlich von Usedom siedelten. Andere Stämme, wie Wilzen und Abodriten, schlossen sich ihnen an. Sie drangen in sächsische Gebiete ein. Bei der Slawenburg Lenzen an der Elbe trafen die Heere aufeinander. Hier schon bewährte sich der Umbau der sächsischen Streitmacht. Vor allem gepanzerte schwere Reiterei schlug das vorwiegend aus Fußtruppen bestehende vereinte Slawen-Heer vernichtend. Der König war nicht dabei. Der Ruhm gebührte den Grafen Bernhard und Thietmar. Er könnte der Vater unseres "Helden" gewesen sein.

Und so ging es Schlag auf Schlag. 931 zogen die Sachsen gegen die Abodriten und besiegten sie. Ein heidnischer Fürst, wahrscheinlich Nakon, dessen Nachfahren sich mehrheitlich zum Christentum bekannten, soll getauft worden sein.

932 zog der König selbst in die Lausitz, eroberte die wichtigste Burg, Liubusa und trieb Tribute ein.

Kam dem Sachsenkönig in den Sinn, daß er bei der Unterdrückung der Slawen die gleichen brutalen Maßnahmen anwandte wie der christliche Franke Karl der Große beim Kampf gegen seine eigenen damals heidnischen Vorfahren? Denken wir nur an die Massenexekution der Sachsen 782 in Verden an der Aller. Jedoch, des Lesens und Schreibens unkundig, wußte Heinrich vielleicht nicht einmal davon. Und sächsische Kleriker und Chronisten lobten ja die Franken, weil sie ihren Altvorderen das Licht des Christentums gebracht hatten.

Aber anders als Karl und später Heinrichs Erben, Otto I. ging es dem König nicht in erster Linie um Bekehrung. Er wollte Anerkennung seiner Oberherrschaft und Tribute. In die innere Politik der unterworfenen Stämme scheint er sich wenig eingemischt zu haben. Auch hier zeigte er politische Klugheit.

Historiker haben darüber spekuliert, ob Heinrich mit den häufigen Slawenfeldzügen auch die Ergebnisse der neuen Heeres-Organisation erproben wollte. Sollte das der Plan gewesen sein, hatte er sich bewährt.

 

Lektion für die Ungarn

Wichtiger war die Tatsache, daß schon 932 die Daleminzier den Ungarn ihre Unterstützung verweigerten. Sie hatten die Lektion verstanden.

Jetzt mußte sich zeigen, ob Heinrichs Strategie sich weiterhin bewährte. Als eine hochrangige ungarische Abordnung die jährlichen Tribute abholen wollte, ließ er ihr angeblich den stinkenden Kadaver eines Hundes vor die Füße werfen – die schlimmste Beleidigung bei östlichen Reitervölkern.

Die Ungarn brauchten keine zusätzliche Einladung. Im folgenden Jahr erschien ein großes Heer in Sachsen. Heinrich, an der Spitze eines Aufgebotes aller Herzogtümer - ein Zeichen für die Einheit des Reiches - schlug es in zwei Schlachten, die letzte an der Saale.

 

GeroStiftskirche St. Servatius, Quedlinburg (geweiht 1129)

 

Trotz dieses Sieges zogen die Sachsen auch in den Folgejahren gen Osten, z.B. 934 gegen die Ukranen in der Uckermark. Es war wohl zu verlockend, mit slawischen Tributen die durch Burgenbau und Rüstung leeren Kassen zu füllen.

Des 61-jährigen Königs Tod im Jahre 936 gab den Slawen nur eine kurze Atempause.

Unspektakulär wie der Anfang war auch das Ende. König Heinrich I., der ungekrönte und ungesalbte Begründer der ersten deutschen Kaiserdynastie wurde in seiner bescheidenen Pfalzkapelle in Quedlinburg bestattet, die auf dem Burgberg unter der heutigen Stiftskirche lag.

 

GeroEhemalige Pfalzkapelle (um 800), jetzt Dom zu Aachen (Modell).

 

Der erste Sachsenkaiser - Otto I.

Wenige Wochen später ließ sich der Sachse Otto in der vom fränkischen Sachsenbezwinger erbauten Pfalzkapelle zu Aachen, auf Karls des Großen Thron sitzend, krönen und salben. Die Stammesherzöge bedienten den 24-Jährigen beim prunkvollen Krönungsmahl. Welch ein Unterschied zur Situation seines Vaters 17 Jahre zuvor!

 

GeroPfalzkapelle Aachen - Oktogon.

 

Für die Dauer seiner Abwesenheit übertrug Otto I. dem Grafen Siegfried, Geros älterem Bruder, die ehrenvolle Aufgaben eines Legaten und Stellvertreters in Sachsen. Der Legat genoß hohes Ansehen und hatte Heinrich I. in den Slawenfeldzügen tatkräftig unterstützt. Er war auch Erzieher des jüngeren Heinrich, Ottos Bruder, gewesen. Graf Siegfried überlebte seinen alten König und wahrscheinlichen Schwager nur um ein Jahr.

 

Markgraf Gero - das Kreuz für die Slawen

Er und Gero waren Söhne des 932 verstorbenen Grafen Thietmar von Merseburg aus der Oberschicht des sächsischen Adels, auch er ein enger Vertrauter der Herzogs- und Königsfamilie. Thietmar hatte Heinrich I. erzogen.

Gero erscheint, obwohl schon Graf im Nordthüringgau, zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zu Vater und älterem Bruder recht unbedeutend. Mir bleibt unklar, ob und in welchem Umfang er einen Beitrag bei der Unterwerfung der Slawen unter Heinrich I. leistete.

Aber Otto I. machte ihn 937 zu Siegfrieds Nachfolger. Gero wurde Markgraf für Gebiete zwischen Elbe und Oder, eine hohe Ehre und ein lukratives Amt. Viele Jahre stand er hoch in des Königs Gunst, der gar Pate des ältesten Gero-Sohnes Siegfried wurde. Zusammen mit Hermann Billung, ein Jahr zuvor zum Markgrafen in den nördlichen Slawengebieten an der Niederelbe ernannt, wurde Gero die zentrale Figur der ottonischen Ostexpansion.

 

GeroGotischer Dom zu Magdeburg. Grundsteinlegung 1209.

 

Beide waren willige Werkzeuge der Politik Ottos I.. Im Gegensatz zu seinem Vater wollte der die Slawen systematisch christianisieren. Widerstand wurde rücksichtslos gebrochen. Nach Ottos Auffassung konnten Heiden nicht in sein christliches Reich aufgenommen werden. Und er wollte auch, im Gegensatz zu Heinrich I., direkte Kontrolle.

Stützpunkt für die Christianisierung wurde Magdeburg. Otto begann noch im Jahre seiner Krönung mit dem Wiederaufbau. Der Ort wurde bevorzugter königlicher Aufenthalt und wichtiger Handelsplatz. Auch Gero soll dort einen Hof besessen haben.

 

GeroIm Magdeburger Dom – Otto I. und Edgitha.

 

Als Kernzelle der Mission gründete Otto 937 in Magdeburg das Moritzkloster (Mauritius~). Es erhielt reiche Pfründe, vor allem in den Slawengebieten. Man könnte es auch so formulieren: Die Slawen finanzierten mit ihren Tributen die eigene unerwünschte Bekehrung.

Ehe Otto I. die Früchte im Osten ernten konnte, brachte ihm Geros Ernennung ernste Probleme. Er mußte den ersten der vielen Aufstände von Mitgliedern der eigenen Familie niederschlagen. Thankmar, sein Halbbruder, fühlte sich übergangen, verbündete sich 938 mit Herzog Eberhard von Franken und kam bei den Kämpfen tragisch ums Leben.

Doch am Erfolg gemessen hatte Otto mit der Wahl Geros richtig gehandelt. Fast 30 Jahre lang unterdrückte der Markgraf mit Tatkraft und Brutalität die Slawen. Dafür überhäufte ihn der König mit Ehrungen und Besitz, auch in den Slawengebieten.

Den Beginn seiner Amtszeit markierte Gero mit einem Paukenschlag. Er lud 30 slawische Führer zum Gastmahl und ließ sie ermorden, eine ungeheure Schändung des auch den Sachsen heiligen Gastrechtes. Falls er geglaubt haben sollte, damit der Schlange den Kopf abgeschlagen zu haben, hatte er sich geirrt. Den anschließenden gewaltigen Aufstand konnte er nur mit Mühe unterdrücken. Die Heveller machten die sächsische Besatzung der Brennaburg nieder, die aber schon 940 durch Verrat an die Sachsen zurückfiel.

Innenpolitisch gab es keine Ruhe. Ottos Bruder Heinrich, später als Herzog Begründer der bairischen Linie, verbündete sich 938 mit Teilen des sächsischen Adels mit dem Ziel, den König zu ermorden. Die Adligen opponierten auch gegen Gero. Er hatte ihnen in den Kämpfen gegen die Slawen viel abverlangt und im Vergleich wohl zu geringe Anteile an den Tributen zugestanden. Auch dieser Aufstand brach zusammen.

Irgendwann um diese Zeit fiel vorübergehend ein Schatten auf das Verhältnis des Herrschers zu Gero, der auf vielfältige Weise mit dem Adel Sachsens verbunden war.

948, die Situation in den Slawengebieten schien gefestigt, gründete Otto I. das Bistum Brandenburg und Gero das Bistum Havelberg. Die neuen Bistümer lebten von den Abgaben der unterworfenen Slawen. So zahlten die Ukranen dem Bistum Brandenburg den Zehnt.

Wir wissen nicht, ob Gero 13 Jahre nach seinem Amtsantritt und mit viel Blut an seinen Händen das Gewissen schlug oder ob die Angst vor dem Fegefeuer übermächtig wurde. Jedenfalls pilgerte er um 950 nach Rom und gründete nach seiner Rückkehr die Benediktiner-Abtei Frose bei Aschersleben auf eigenem Besitz.

Drei Jahre später wurde Ottos Herrschaft wieder einmal durch Rebellion aus dem engsten Familienkreis erschüttert. Gemeinsam mit Herzog Konrad dem Roten von Lothringen, seit 947 Ottos Schwiegersohn, empörte sich der 24-jährige Liudolf, Herzog von Schwaben, gegen den Vater. Der Sohn Edithas fürchtete nach dem Tod der Mutter (946) und der Wiederverheiratung Ottos (951) offensichtlich um sein Erbe.

Auch dieser Aufstand scheiterte. Sohn und Schwiegersohn unterwarfen sich, verloren ihre Herzogtümer, behielten aber ihr Leben. Gero kämpfte an des Königs Seite gegen die Rebellen.

Noch im gleichen Jahr mußte er sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmen. Mit Konrad, dem ehemaligen Herzog, dem er kurz zuvor auf dem Schlachtfeld gegenüber gestanden hatte, unterdrückte er die aufständischen Ukranen.

 

Sieg über die Ungarn

Doch es nahte schlimmeres Unheil. Die Ungarn hielten die Situation im Reich für günstig und fielen 955 mit einem großen Heer in Süddeutschland ein. Liudolf, der Niederlage und Verlust des Herzogtums nicht verwunden hatte, unterstützte sie, ein unglaublicher Vorgang, auch wenn man an die Vorgeschichte denkt. Doch der Königssohn war zur Zeit der erfolgreichen Ungarnschlachten seines Großvaters gerade 3 Jahre alt gewesen, und vielleicht überwog sein Groll die Lehren der Geschichte.

 

GeroKaiserdom zu Worms - Westchor, 1. Weihe: 1018, 12. Jh. Weiterbau.

 

In der berühmten großen Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg verloren viele deutsche Ritter das Leben. Konrad der Rote fiel als Führer des fränkischen Aufgebotes an der Seite des Königs. Der ehemalige Rebell wurde ehrenvoll im romanischen Kaiserdom zu Worms bestattet.

Für die Ungarn war die Niederlage verheerend. Sie mussten seßhaft werden. Etwa 20 Jahre später begann ihre Christianisierung.

Dieser Sieg begründete Ottos Ruhm, trug ihm den Beinamen "Der Große" und letztlich die Kaiserwürde ein. Ob ihm bewußt war, daß sein Vater in schwieriger Zeit den Grundstein für diesen Erfolg gelegt hatte?

Über eine Teilnahme Geros an der Schlacht wird nichts berichtet, doch man kann sich nicht vorstellen, daß er fehlte, es sei denn, er war an der Slawengrenze unabkömmlich.

 

Geros Stiftungen und letzte Schlachten

Bald nach der Lechfeldschlacht erhoben sich die vereinten Slawen. War die Aktion abgestimmt mit dem Ungarn-Einfall? Es kam unter Führung Ottos und Geros wieder zu einer großen Schlacht, diesmal an der Recknitz. Obwohl einige flüchtige sächsische Rebellen auf der Seite der Slawen kämpften, ging der Kampf aus wie immer: Die Slawen wurden geschlagen. Man kann sich vorstellen, daß die Hinrichtung zahlreicher Gefangener auf dem Schlachtfeld auf Ottos Zorn über den erneuten Aufstand zu ungünstiger Zeit zurückzuführen war.

Gero war jetzt, mit etwa 56 Jahren, für damalige Verhältnisse ein alter Mann, und es war für ihn an der Zeit, über seine Nachfolge nachzudenken. Wir wissen kaum etwas über seine Familie, kennen nicht einmal das Geburtsjahr seiner beiden Söhne. Mit ihnen war ihm kein Glück beschieden. Etwa 3 Jahre nach seinem erneuten Triumpf über die Slawen starb sein Jüngster, Gero, der wahrscheinlich für ein geistliches Amt vorgesehen war.

 

GeroStiftskirche St. Cyriakus, Gernrode (um 1000) - Westfassade.

 

Wenig später, um 960, gründete der Markgraf auf dem Gelände seiner Burg Geronisroth ein mit Gütern reich ausgestattetes Stift für adlige Damen und ließ den Bau einer Klosterkirche beginnen, an der wir uns noch heute erfreuen. War der Tod des jungen Geros der Anlaß? Das bisherige Männerkloster Frose wurde ebenfalls Damenstift und Gernrode unterstellt. Otto I .übernahm den Schutz der Stiftung und gewährte das Recht der freien Wahl von Vogt und Äbtissin.

Für die unmittelbar folgenden Jahre sind zahlreiche Informationen zu unserem Thema überliefert, deren zeitliche Abfolge nicht immer zu ermitteln ist.

Gesichert erscheint, daß 961, wohl nach längerer Krankheit, auch der älteste Gero-Sohn, Siegfried, starb, wie sein Bruder kinderlos. Damit stand fest, das Geschlecht würde nach des Alten Tod erlöschen, für den Markgrafen zweifellos ein schwerer Schlag. Ob ihn das Wissen um die Ernennung seines Neffen gleichen Namens 969 zum Erzbischof von Köln getröstet hätte?

Jedenfalls ließ er die 25-jährige Witwe Siegfrieds, Hathui, aus der Familie des Königs, zur Äbtissin weihen. Sie sollte es für über 50 Jahre bleiben und genoß, wie das so schön heißt, hochfürstliche Privilegien.

Aus heutiger Sicht möchte man meinen, daß Gero mit der Stiftung zweier reicher Klöster genug für sein Seelenheil und das seiner Familie getan hatte, zumal er nach nicht ganz sicheren Quellen auch Seelenmessen in St. Gallen lesen ließ.

Aber er machte sich noch einmal auf nach Rom, vielleicht als Pilger. Die Reise hatte jedoch, fast im Wortsinn, auch handfeste Ergebnisse. Er erwarb – wir wollen nicht fragen wie – eine Armreliquie des Hl. Cyriakus, eines frühchristlichen Märtyrers. Für die Stiftskirche erlangte er päpstlichen Schutz.

Unklar ist, wann er reiste. Einige Historiker sprechen von 961. In diesem Jahr zog auch Otto I. nach Italien und wurde im folgenden Jahr in Rom zum Kaiser gekrönt. Zog Gero mit ihm? Dann wäre er bei der Krönung dabei gewesen.

Andere Quellen sprechen von 963 für Geros Reise. Dann hätte er gleichwohl den Kaiser treffen können, der bis 965 in Italien blieb.

 

GeroGeros Sarkophag

 

Das Jahr 961 erscheint wahrscheinlicher, denn in 963 zog Gero wieder gen Osten und errang seinen letzten großen Erfolg. Er zwang den Polenherzog Mieszko I., erst seit 3 Jahren im Amt, unter die Oberherrschaft des Kaisers und machte ihn für alle Gebiete zwischen Warthe und Oder tributpflichtig.Im gleichen Jahr unterwarf er die Niederlausitz.

Zwei Jahre später nahm ihm der Tod das Schwert aus der Faust. Ein gewalttätiges, aus seiner Sicht aber erfolgreiches Leben war zu Ende. Sein Sarkophag steht in der Vierung seiner Stiftskirche Gernrode, in der nun jahrhunderte lang für sein Seelenheil und das der Seinen täglich gebetet wurde.

Wir wissen nicht, ob es geholfen hat. Sicher ist jedenfalls, daß die Androhung von Höllenqualen und Fegefeuer bei sündigem Lebenswandel die Zahl ähnlicher Gestalten in der Zukunft nicht verringerte, die Kirche aber immer reicher machte.

 

GeroGenealogie der Ottonen (auszugsweise).

 

Letztlich hatten alle irdischen Bemühungen und Untaten Geros keinen Bestand. 18 Jahre nach seinem Tode und 10 Jahre nach Hermann Billungs Ende fegte 983 ein gewaltiger Aufstand der so lange Unterdrückten die neuen Bistümer und die Fremdherrschaft östlich der Elbe hinweg. Magdeburg wurde zerstört. Hamburg brannte. Ottos Slawen-Politik war gescheitert.

Es sollten rund 150 Jahre vergehen, ehe nach einem letztlich mißlungenen "Kreuzzug" und teilweise friedlicher Zuwanderung durch deutsche Siedler das Christentum bei den Slawen wieder eine Chance hatte.

 

Literatur

Balázs, Györgyi/Szelényi, Károly, The Magyars, The Birth of a European Nation, Corvina Verlag, Budapest

Beuckers, Klaus Gereon/Cramer, Johannes/Imhof, Michael (Hrsg.), Die Ottonen, Michael Imhof-Verlag, 2002

Diwald, Hellmut, Heinrich I., Die Gründung des Deutschen Reiches, Gustav Lübbe-Verlag GmbH, Bergisch Gladbach, 1987

Lübke, Christian, Die Ausdehnung ottonischer Herrschaft über die slawische Bevölkerung zwischen Elbe/Saale und Oder, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

Padberg, von, Lutz E., Die Christianisierung Europas im Mittelalter, Philipp Reclam jr., Stuttgart, 1998

Ploetz, der Grosse, Verlag Herder Freiburg, Sonderausgabe für Zweitausendeins, Frankfurt a. Main, 32. Auflage

Pörtner, Rudolf, Das Römerreich der Deutschen, Econ Verlag, Düsseldorf, Wien, 1984

Putzger, F.W., Historischer Weltatlas, Velhagen & Klasing, Berlin, 1974

Salewsky, Dietmar, Otto I. und der sächsische Adel, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

Streich, Gerhard, Bistümer, Klöster, Stifte im ottonischen Sachsen, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)

 

Netz

www.genealogie-mittelalter.de/

SchleierHaft,  Mittelalterliches Leben im Frauenstift Gernrode

www.stift-gernrode.uni-goettingen.de




Kurzbiografie

Einhard

Der Sohn einer unbedeutenden mainfränkischen Adelsfamilie schaffte es über eine Klosterausbildung in den engsten Beraterkreis Karls des Großen aufzusteigen. Als einziger der Karlsberater faßte Einhard Fuß am Hof des Thronfolgers. Den Zerfall des fränkischen Reiches sah er voraus, aber seine mahnende Stimme war leise geworden. Sein Ruhm, vor allem als Historiker und Biograf, begleitete ihn in die Einsamkeit des Odenwaldes. In einem seiner Klöster starb der Freund zweier Kaiser etwa 70-jährig. Dem um acht Jahre jüngeren Ludwig dem Frommen, der ganz in der Nähe verschied, ging er um drei Monate voraus.

 

Aus dem Kreis der Berater des 814 verstorbenen Karls des Großen hebt sich Einhard dadurch hervor, daß er vom neuen Kaiser, Ludwig dem Frommen, als einziger weiterhin am Hofe geduldet wurde, wenn man vom Erzbischof von Köln, Hildebold, dem ersten Geistlichen des Reiches, absieht.

 

Das war weniger auf die aktuelle Zusammensetzung der Runde zurückzuführen – Alkuin (804) und Paulus Diaconus (799) waren verstorben - als auf seine Persönlichkeit und die Wertschätzung, die ihm Ludwig entgegenbrachte. Wahrscheinlich hatte sie ihren Grund nicht nur in der Tatsache, daß es wohl Einhard gewesen war, der 813 den einzigen überlebenden legitimen Sohn zum Mit-Kaiser vorschlug, ein eigentlich überflüssiger rein protokollarischer Vorgang. Viele Historiker halten Einhard nach Alkuins Weggang (796) in das berühmte Kloster Tours für den führenden Kopf der Runde.

 

Zeitgeschichte und Klosterleben

 

Einhard wurde um 770 geboren. Offensichtlich war er nicht als Erbe bestimmt, entweder weil jüngerer Sohn seiner mainfränkischen Adelsfamilie, oder weil seine Statur – er wird uns als klein, gar zwergenhaft beschrieben - ihm das Kriegerhandwerk nicht erlaubte.

 

Er wuchs hinein in die unruhige Zeit des Machtwechsels im fränkischen Reich. Nach dem Tod König Pippins des Jüngeren, 768, hatten nach fränkischem Rechtsbrauch seine beiden Söhne, der etwa 26-jährige Karl und sein jüngerer Bruder, Karlmann, getrennte Reiche übernommen. 3 Jahre später starb auch Karlmann, und sein Bruder, den man später "den Großen" nannte, wurde Herrscher des wiedervereinigten Frankenreiches. Das war schon damals ein Staat, der fast das gesamte heutige Frankreich und die Schweiz umfaßte und im Osten seine Fühler bis zur Elbe ausstreckte. Nördlich saßen die heidnischen Sachsen auf beiden Seiten der Elbe und die Friesen westlich von ihnen. Kaum 20 Jahre vor Einhards Geburt hatten Letztere ihre Ablehnung von Christianisierung und Fremdherrschaft durch die Ermordung des etwa 80-jährigen Missionars Bonifatius noch einmal drastisch bekundet.

 

Doch zunächst begann der Ernst des Lebens für den jungen Adligen mit einer Ausbildung im schon damals angesehenen und wohlhabendem Benediktiner-Kloster Fulda. Die Anfangsjahre könnten für den schwächlichen Jungen hart gewesen sein, denn die Schüler wurden in der Regel von Züchtigung und körperlicher Arbeit nicht verschont. Es ist nicht überliefert, wann Einhard in die Klosterschule kam, wahrscheinlich noch zur Zeit des erstem Abtes Sturmius, der 779 starb. Der Junge hat dann auch das große Ereignis 782 erlebt, als König Karl das Kloster erstmals besuchte, begrüßt vom neuen Abt Baugulf (779-802).

 

Krypta Michaelskirche Fulda, Anfang 9. Jh.
(Foto: Wikipedia/ User:PetrusSilesius/ CC BY 2.5)

 

Einhard war "externer" Schüler und nicht Mönch. Später, als er selbst Klöstern vorstand, wird er als "Laienabt" erwähnt. Im Gegensatz dazu trat um 790 der spätere Abt Fuldas, der berühmte Hrabanus Maurus als Novize ein. Der rund 10 Jahre Jüngere dürfte Einhard in Fulda noch kennengelernt haben.

 

Fulda war 744 vom Bajuwaren Sturmius, einem Schüler des Angelsachsen Bonifatius, gegründet worden an einer Stelle, die schon kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Sachsen und Franken gesehen hatte. Die ursprüngliche fränkische Siedlung war um 700 von Sachsen zerstört worden, und so wird berichtet, daß die Klostergründung am Fluß Fulda in der "Wildnis" geschah.

 

Die gesamte Grenze zwischen Franken und Sachsen war immer unruhig gewesen. Bald nach Karls Machtantritt und Einhards Geburt begann die 30-jährige blutige Unterwerfung der Sachsen, deren Ende Einhard an Karls Hof erlebte. Den Verfasser der Karls-Vita muß dieses Thema beschäftigt haben, denn er läßt noch nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst Ludwigs des Frommen eine Philippika gegen die treu- und ehrlosen Heiden los.

 

Zurück zu Fulda. Das Kloster war keine Einsiedelei. Bei Einhards Eintritt gab es schon regen Besuch von Pilgern, die am Grabe des 754 hier bestatteten Märtyrers Bonifatius beteten. Die Zahl der Mönche zu diesem Zeitpunkt ist nicht überliefert doch Einhard traf mit Sicherheit auf eine große Ordensgemeinschaft. Um 800 wird von 300 bis 400 Mönchen berichtet. Man kann sich vorstellen, daß der neue Schüler, von einem kleinen Landadelshof kommend, beeindruckt war.

 

Wir können davon ausgehen, daß er sich ein für die Zeit umfangreiches Wissen aneignete. Meist standen Lektüre der Bibel und Abschriften daraus am Beginn. Sein von späteren Lesern viel gerühmtes Latein hatte hier seine Ursprünge. Ob er auch Griechisch lernte, wissen wir nicht, aber sicher standen die 7 Freien Künste (u.a. Arithmetik, Geometrie) auf dem "Lehrplan". Letztere benötigte der spätere "Baumeister" Einhard für die wahrscheinlich von ihm errichteten Basiliken in Michelstadt und Seligenstadt.

 

Einhardsbasilika, Michelstadt

 

In Fulda wurde viel gebaut. Treibende Kraft war der Mönch und Baumeister Radgar, der 791 unter Abt Baugulf mit dem Neubau einer großen Klosterkirche begann. Dieser Radgar muß von einer regelrechten Bauwut besessen gewesen sein. Seine übertriebenen Anforderungen an die Mönche im Zusammenhang mit Baumaßnahmen und die damit zusammenhängende Vernachlässigung religiöser Pflichten führte zu einer Klosterrevolte und um 818 zu seiner Ablösung durch Ludwig den Frommen.

 

Diesen Baumeister muß Einhard in Fulda noch erlebt haben. Man berichtet, daß er von 788-791 dort als Klosterschreiber tätig war. Es ist wohl nicht zu abenteuerlich spekuliert, wenn wir in Radgar seinen Lehrmeister in Architekturfragen sehen. Auch der Abt Baugulf scheint auf Einhard aufmerksam geworden sein, denn er soll ihn um 790 zur weiteren Ausbildung an den "Hof" Karls geschickt haben, ein entscheidender Schritt.

 

Dort hatte der etwa 20-jährige das Glück, auf den berühmten Alkuin zu treffen, der seit etwa 10 Jahren das Haupt eines Gelehrtenkreises rund um Karl war. Der zu diesem Zeitpunkt etwa 60-Jährige wird übereinstimmend als großer Geist geschildert. Dem Freund und Lehrer des Königs wird von vielen Historikern die Initiative zu den als karolingische Renaissance bekannten Reformen zugeschrieben.

 

Pfalzkapelle Aachen

 

Eine Zwischenbemerkung: In den Geschichtsbüchern ist häufig von Karls "Hof" die Rede. Dazu müssen wir uns erinnern, daß auch der große Karolinger ein "Reisekönig" war. Historiker haben errechnet, daß er in seiner Regierungszeit – meist auf dem Pferderücken -eine Strecke zurücklegte, die ihn zweimal um den Erdball geführt hätte. Den Winter verbrachte er in verschiedenen Pfalzen, einige Male sogar im vom Krieg verwüsteten Sachsen. Erst ab etwa 794 überwinterte er fast jedes Jahr in Aachen, offensichtlich der heißen Quellen wegen und baute diese Pfalz zur wichtigsten Residenz aus. Ob Einhard am Bau der Pfalzkapelle mitgewirkt hat, wird übrigens diskutiert. Wenn also – insbesondere vor diesem Zeitpunkt - vom "Hof" die Rede ist, ist wohl weniger ein bestimmter Ort gemeint, als der Kreis der Höflinge, Berater, Geistlichen, Bediensteten, wo immer er sich befand.

 

An den Höfen Karls und Ludwigs

 

Jedenfalls wurde Einhard nun Alkuins Schüler an des Königs Hofschule u.a. in der Pfalz von Herstal. Wie lange er als "Schüler" galt, ist unklar. Irgendwann ab 794 aber war er Mitglied des Beraterkreises Karls. Der war durchaus nicht provinziell, sondern, u.a. mit dem Angelsachsen Alkuin und dem aus Spanien kommenden Westgoten Theodulf (von Orléans), "multikulturell" besetzt. Nach Alkuins Weggang nach Tours als Abt des berühmten Klosters dort, galt Einhard bald als sein Nachfolger.

 

 




Kurzbiografie

Theoderich der Große

 

Als kindliche Geisel in Byzanz empfängt der junge Barbarenprinz aus dem Geschlecht der Amaler  tiefe Eindrücke. Sie helfen ihm als Ostgotenkönig in den ständigen Auseinandersetzungen mit dem mächtigen Ostrom, das ihn schließlich beauftragt, Italien zu erobern. Mit einem Blutbad beginnen Regime und eine 30-jährige Friedenszeit. Erneute Hinrichtungen politischer Gegner kurz vor seinem Tod überschatten nochmals den Ruf eines Mannes, der als Dietrich von Bern Legende wurde.

 

 

Bei Theoderichs Geburt (453/55) als jüngster Sohn des ostgotischen Königs Thiudimir in Pannonien, im nördlichen Balkan, war der Stamm der Goten schon seit ~ 200 Jahren in Ost- und Westgoten geteilt.

 

Theoderich und Byzanz

Der katastrophale Einbruch der militärisch überlegenen Hunnen in gotische Gebiete lag knapp 100 Jahre zurück. Gut 50 Jahre zuvor war die Teilung des riesigen römischen Reiches in einen West- und einen Ostteil endgültig geworden (395). Die Niederlage Attilas auf den Katalaunischen Feldern (451) und sein Tod im Jahre 453 ist neueste Geschichte bei Theoderichs Geburt.

 

Der große Gegenspieler der Ostgoten ist nun das byzantinische Reich, d.h. Ostrom. Die Beziehungen sind unübersichtlich. Mal sind beide Parteien Verbündete, mal Gegner. Dabei versteht es Byzanz meist geschickt, Ostgoten und andere Völker, vor allem germanische, gegeneinander auszuspielen.

 

Nach einer dieser Auseinandersetzungen muß Theoderichs Vater seinen etwa 8-jährigen Sohn als Geisel nach Konstantinopel geben. Bei diesem Aufenthalt, den er sicher nicht im Kerker, sondern eher als Gast verbringt, erhält der junge Gote tiefe Einblicke in die byzantinische Kultur. Manche Autoren sprechen gar von einer "Ausbildung" dort.

 

Etwa 10 Jahre später kehrt Theoderich nach Pannonien zurück und setzt bald die Tradition seiner Vorfahren fort, insbesondere nach dem Tod seines Vaters (474) und seiner Wahl zum König. Auszeichnungen des neuen Kaisers Zenon halten ihn nicht davon ab, in byzantinische Gebiete einzufallen. Der Kaiser ist schließlich gezwungen, Frieden zu schließen und den Ostgoten größere Siedlungsgebiete zuzuweisen. Danach kämpft Theoderich für Byzanz gegen die Bulgaren, dann wieder gegen Byzanz.

 

Für den Hof dort sind diese Ostgoten eine ständige Gefahr. Man beschließt, sie loszuwerden und beauftragt Theoderich mit der Eroberung Italiens, das seit 476 von Odoaker beherrscht wird, den Byzanz selbst mit germanischen Truppen dorthin geschickt hatte. Er ist unbequem geworden, und so gedenkt man 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, hofft vielleicht auch darauf, daß beide Herrscher sich gegenseitig vernichten oder mindestens schwächen.

 

theoderich bio1
Mosaik aus S. Apollinare Nuevo, der ehemaligen Hofkirche Theoderichs in Ravenna.

 

Eroberung Italiens

Die Eroberung Italiens mit einem Heer von wohl 20.000 Kriegern gelingt Theoderich erst nach 4 Jahren wechselvoller Kämpfe, teils mit Hilfe von Westgoten und Rugiern. 493 wird dann Ravenna, die Hauptstadt Odoakers nach Friedensgesprächen besetzt. Beide Herrscher sollen gemeinsam regieren. Auf einem Gastmahl zu Ehren Odoakers aber erschlägt Theoderich seinen Feind, läßt dessen Anhänger in Italien durch seine Goten umbringen und ist nun unumschränkter Herrscher. Der Mord und vor allem die Verletzung der Gastfreundschaft werfen Schatten über seine späteren Erfolge.

 

Nach diesem Blutbad errichtet der Ostgoten-Herrscher ein kluges und mildes Regime. Er gewährt als Arianer den Katholiken Religionsfreiheit, beläßt im Prinzip römische Verwaltung, Geldsystem und Gesetze, zeigt sich als Bauherr und Freund der Künste und der Wissenschaft. Seine Achtung vor römischer Kultur, mit der er als Kind intensiv in Berührung kam, ist unbestritten. Er beschert Italien eine rund 30-jährige Friedenszeit.

 

Die kleine Herrenschicht der Goten, nach Heather in "Empires and Barbarians" vielleicht 100.000 Menschen, lebt hauptsächlich auf dem Lande, zwischen Rom und Ravenna, an der Adriaküste und im Veneto. Sie bleibt nach Theoderichs Wunsch weitgehend abgeschottet. Mischehen sind zunächst verboten.

 

Nach Heather behielten viele römische Landbesitzer Status und Eigentum, so daß Probleme mit der eingesessenen Bevölkerung begrenzt waren.

 

Von Kaiser Anastasius schließlich mit Vorbehalten als Herrscher Italiens unter byzantinischer Oberhoheit anerkannt, versucht Theoderich, vor allem durch Heiratspolitik, ein umfassendes Bündnissystem germanischer Staaten (u.a. Franken, Westgoten, Vandalen) zu schaffen, das letztlich scheitert, obwohl er ab 511 auch König der in Spanien siedelnden Westgoten ist.

 

Gegenüber Byzanz spricht er von zwei Staaten und einem Reich und versteht es, seine Unabhängigkeit zu bewahren.

 

Wenige Jahre vor dem Tod des alten Königs erstarkt die byzanz-freundliche Opposition im Senat in Rom. Eine der führenden Geistesgrößen am Hof in Ravenna, der Philosoph Boethius, und sein Schwiegervater werden des Hochverrats angeklagt. Theoderich, in Sorge um den Fortbestand des Ostgoten-Staates, läßt sie und andere Senatoren hinrichten und verdunkelt damit seinen Ruf, wie am Anfang seiner Herrschaft.

 

Der Tod des über 70-jährigen im Jahre 526 läutet das Ende des Ostgotenreiches ein. 553 besiegt Byzanz nach jahrzehntelangen Kämpfen den letzten Ostgotenkönig Teja.

 

Theoderichs Andenken lebt weiter in der Sagengestalt des Dietrich von Bern und in seinem mächtigen Grabmal in Ravenna.

 

Literatur:

Heather, Peter, Empires and Barbarians, Migration, Development and the Birth of Europe, Pan Macmillan, London 2009

 

de Palol, Pedro/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser-Verlag Stuttgart - Bechtermünzverlag, 1999

 

Putzger, F.W., Historischer Weltatlas, Velhagen & Klasing, Berlin, 1974

 

Riehl, Hans, Die Völkerwanderung, W. Ludwig Verlag, München, 1988

 

Lexika

Theoderich der Große, Biographisch-Bibliographisches  Kirchenlexikon, Verlag Traugott Bautz, Band XI (1996)

http://www.bautz.de

 

The Ostrogothic Kingdom, Britannica 2001 Deluxe Edition, CD-Rom

The End of the Roman World, ebd.

 

Theoderich, Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich

Ostgoten, ebd.

Theoderic the Great, New Advent, Catholic Enzyklopaedia

 

Netz

 

http://www.newadvebt.org

 

 

 




Kurzbiografie

Galla Placidia

Wie wird eine hochgebildete weströmische Kaisertochter zur "Barbaren"-Königin? Wie danach Kaiserin in Westrom? Und wie gelingt ihr trotz Flucht ins Exil die Rückkehr als Augusta und erfolgreiche Regentin für ihren sechsjährigen Sohn, Valentinian III.? Dieses 62-jährige Leben sucht selbst in den turbulenten Zeiten der Spätantike seinesgleichen.

 

gallaplacidia
Grabmal der Galla Placidia

Diese bemerkenswerte Frau, 388 in Konstantinopel geboren, war die Tochter des römischen Ks. Theodosius I (d. Gr.), der letzte, sowohl Ost- als auch Westrom regierende Kaiser. Mit seinem Tod endete 395 der Zusammenhang des Reiches endgültig.

 

Die Kaiserin starb vor ihm, und so verließ die kleine Galla Placidia 6-jährig zusammen mit ihrem zehnjährigen Halbbruder Honorius Konstantinopel. Sie wurde zu ihrem Vater nach Mailand gebracht, der dort im Folgejahr auch unerwartet starb.

 

Zusammenbruch Roms - die Westgoten

Das Reich zerbrach. Der ältere Sohn Arcadius (18) erbte den Osten mit der Hauptstadt Konstantinopel, Honorius das Westreich, allerdings unter der Vormundschaft des mächtigen Heeresmeisters Stilicho. Die strenggläubige Galla Placidia wurde von dessen Frau Serena in Rom zusammen mit deren Töchtern erzogen.

 

Die Angriffe germanischer Völker brachten 402 den Westgoten-König Alarich vor die Tore der Honorius-Residenz Mailand, der fortan vom leichter zu verteidigenden Ravenna aus regierte.

 

Stilicho, vandalischer Abstammung, mit Konstantinopel, das gegen ihn intrigierte, ohnehin verfeindet, wurden die Niederlagen gegen die Westgoten auch am Hofe des Honorius vorgeworfen. Kurz vor Alarichs Belagerung Roms wurde er 408 als Verräter hingerichtet.

 

Der Haß, auch gegen die Familie Stilichos, muß groß gewesen sein. Hatte auch Galla Placidia darunter zu leiden? Jedenfalls wurde während der für die Römer entbehrungsreichen Belagerung auch Serena als angebliche Verbündete Alarichs hingerichtet. Eine Reihe von Autoren will wissen, daß die Kaisertochter die Verurteilung ihrer Pflegemutter mit betrieben habe. Über die Gründe wird allenfalls spekuliert.

 

Als die Westgoten 410 zum Entsetzen der "zivilisierten Welt" Rom eroberten und plünderten, war die 22-Jährige entweder schon Alarichs Gefangene oder sie wurde es bei der Eroberung.

 

Der Westgotenkönig nahm die wertvolle Geisel auf dem Rückzug mit. Doch er starb im gleichen Jahr. Nachfolger wurde sein Schwager Athaulf. Dann geschah das Überraschende: Die hochgebildete Tochter aus dem römischen Kaiserhaus heiratete vier Jahre später in Narbonne den König eines "Barbaren"-Volkes, wahrscheinlich nicht einmal gegen ihren Willen. Zu den zivilisatorischen Unterschieden kam der religiöse Gegensatz: Galla Placidia war streng katholisch, Athaulf, wie alle Goten, Arianer. Trotz allem - einige Quellen bezeugen, daß der König sich von seiner Gemahlin zugunsten römischer Politik beeinflussen ließ. Politische Auswirkungen hatte das kaum, denn Athaulf wurde nach nur 2-jähriger Ehe 416 ermordet.

 

Kaiserin und Regentin

Die 28-jährige Witwe, die zuvor schon ihren kleinen Sohn verloren hatte, wurde von den Goten an den Hof ihres Halbbruders Honorius zurückgeschickt, wahrscheinlich gegen politische und/oder wirtschaftliche Zugeständnisse.

Es ist nicht bekannt, wie die Witwe des Königs aus dem Volk der Rom-Plünderer am Hof in Ravenna aufgenommen wurde.

Jedenfalls vermählte Honorius sie 417 dem mächtigen Feldherrn Constantius, um diesen an sich zu binden. 2 Jahre später wurde ihr Sohn Valentinian geboren, und bald darauf ihr Gemahl als Constantius III. Mit-Kaiser im Westen. Die ehemalige Goten-Königin war nun Kaiserin in diesem Teil des römischen Reiches, ihr Sohn Thronfolger, da Honorius kinderlos blieb.

Doch das Leben hielt weitere überraschungen für die nun 33-Jährige bereit. 421 starb Constantius. Einige Autoren berichten, daß ihr Halbbruder ihr nachzustellen begann. Galla Placidia zog es vor, an den Hof Kaiser Theodosius’ II. nach Konstantinopel zu fliehen.

Das Exil währte nicht lange, denn schon 423 starb Honorius 39-jährig. Nach der Niederschlagung eines Aufstandes in Italien wurde 425 ihr 6-jähriger Sohn als Valentinian III. und Kaiser des Westens anerkannt. Seine Mutter übernahm für 12 Jahre die Regentschaft. Theodosius II. ernannte sie erneut zur Augusta. Sie war nun die mächtigste Person im westlichen Kaiserreich. Ob sie noch gelegentlich an ihren Aufenthalt bei den Goten dachte, die inzwischen als Verbündete Westroms in Südwest-Gallien siedelten?

Viele Historiker sind angesichts der großen Probleme im Westreich voll des Lobes über die Jahre ihrer Regentschaft und ihres späteren Einflusses auf den weniger begabten Sohn.

Sie starb 450, 62-jährig, in Rom. Es blieb ihr erspart, die Ermordung ihres Sohnes, 5 Jahre später, mitzuerleben.

476 endete dann mit der Eroberung Ravennas durch den Germanen Odoaker endgültig das römische Westreich.

In Ravenna hält ein nach Galla Placidia benanntes Grabmal mit wunderschönen Mosaiken die Erinnerung an sie wach.

 

 

 

Literatur

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Stierlin, Heinri (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

Braunfels, Wolfgang, Kleine Italienische Kunstgeschichte, Dumont Buchverlag, Köln 1984

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in: Propyläen Kunstgeschichte,
Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt, 1985

Grodecki Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.), Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Kraus, Theodor, Das römische Weltreich, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag, München

 

 

 

 

 




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